Gruß aus Dariba

von Zelda Scott



Rauchschwaden waberten durch die Korridore der Enterprise. Die Notleuchten tauchten alles in ein unwirkliches Zwielicht, trugen dazu bei, der ganzen Situation etwas Unwirkliches zu verleihen.

Kirk kämpfte sich Richtung Maschinenraum vor, wo der beißende Qualm immer dichter wurde. Auf seinem Weg sah er Crewmitglieder im Gang liegen. Es kostete ihn Überwindung, sie dort zu lassen, sich nicht um die Verletzten zu kümmern. Das medizinische Personal war verständigt, würde in wenigen Minuten eintreffen. So verdrängte Kirk das schale Gefühl in der Magengrube und betrat nur wenig später Scottys Reich. War der Eindruck auf dem Korridor schon schlimm gewesen – er war nichts gegen das, was ihn hier erwartete. Vereinzelt liefen Techniker umher, weit mehr allerdings lagen reglos auf dem Boden oder waren über einer Konsole zusammen gesunken. Kirk sah Lieutenant Masters, die etwas ramponiert aussah, aber das Heft in die Hand genommen hatte und Anweisungen ausspie. Als sie Kirk sah, kam die dunkelhäutige Frau auf ihn zu.

„Statusbericht“, verlangte Kirk ohne Einleitung.

„Eine Explosion hat die Kontrollen im Maschinenraum und im Hilfskontrollraum zerstört, Sir. Ursache unbekannt. Lebenserhaltung ist ausgefallen, wir laufen auf Notstrom. Zurzeit hängen wir antriebslos im All, weil wir auf keine Kontrollen zugreifen können. Kommunikation, Nahrungssynthetisierer, alles ist ausgefallen. Nur die Schwerkraft ist noch intakt.“ Sie hustete.

„Wie schlimm ist es?“

„Sehr schlimm, Sir. Der Antrieb und die Energieversorgung laufen im Prinzip zwar noch, allerdings haben wir ohne Kontrolleinheiten keinen Zugriff. Ich glaube nicht, dass wir das rechtzeitig reparieren können… Sir, Mr. Scott ist unter den Verletzten.“

Kirk schluckte. Scotty, der Zauberer, der Retter in der Not…

„Lieutenant, Sie haben bis auf weiteres das Kommando über den Maschinenraum. Die Lebenserhaltung hat absolute Priorität. Als nächstes müssen wir wissen, was die Explosion verursacht hat. Egal, wie schlimm es jetzt auch aussehen mag: Sie kriegen das rechtzeitig hin! Ich stelle Leute ab, die Ihnen helfen werden.“

Masters lächelte schwach und hustete.

„Sir, Sie wissen, dass uns 24 Stunden bleiben, bis der Notstrom versagt, oder?“

Kirk nickte und spürte seinerseits, wie der Qualm seine Stimmbänder reizte und ihm in den Augen brannte.

„Ich weiß, Lieutenant.“

„Sie wissen auch, dass die meisten unserer Leute tot oder verletzt sind?“

„Ja. Ich weigere mich aber, jetzt einfach aufzugeben und Sie sollten das auch nicht tun. Solange wir leben, gibt es Hoffnung.“

„Aye, Sir.“

„Gut. Bereiten Sie einen Bericht mit ausführlichen Schadensmeldungen vor. Ich werde sehen, dass Sie mehr Leute kriegen.“

Masters nickte und kehrte dann wortlos zu ihrer Arbeit zurück. Kirk sah sich gehetzt im Maschinenraum um. Das medizinische Team war endlich eingetroffen. Der Captain erkannte Chapel, die von einem Verletzten zum nächsten ging und sich ein Bild von den kritischen Fällen machte. Dann sah Kirk auch Dr. M’Benga, der seine Leute wie ein Virtuose dirigierte.

Wo ist Pille? dachte Kirk noch, als der dunkelhäutige Arzt ihn seinerseits entdeckte und auf ihn zuging. Der Captain kam ihm entgegen. Bevor er etwas sagen konnte, dirigierte das medizinische Personal drei Tragen an ihm vorbei. Etwas schnürte Kirk die Luft ab. Auf den Tragen lagen Scotty, Pille und Spock. Für eine Sekunde schien sich der Boden unter Kirks Füßen aufzutun. Nicht nur, dass sich mit diesen dreien seine engsten Freunde wohlmöglich in Lebensgefahr befanden, auch seine Chance, diese aberwitzige Situation in den Griff zu bekommen, war gerade dramatisch gesunken. Scotty und Spock, die zusammen jedes noch so knifflige technische Problem lösen konnten und McCoy, der die Personen an Bord gesund hielt und Geist und Körper gleichermaßen reparierte, zusammen waren sie ein unschlagbares Team. Kirk wusste, dass der Erfolg der Enterprise in erster Linie der Erfolg seiner Leute war. Ohne sie war er nichts.

Mit reiner Willensanstrengung löste er sich aus seiner Erstarrung und sorgte dafür, dass sich nichts von seinen Gedanken auf seinem Gesicht widerspiegelte.

„Sie leben, aber mehr kann ich noch nicht sagen“, meinte M’Benga, dem Kirks Blick dennoch keinesfalls entgangen war.

Kirk nickte abgehackt. Er wollte nichts mehr, als M’Benga zu folgen, sich zu vergewissern, dass es seinen Freunden gut ging. Aber das war unmöglich, die Enterprise stand an erster Stelle. Die Enterprise und ihre Crew. Kirk wusste, dass M’Benga ihn auf dem Laufenden halten würde. Er war ein brillanter Arzt, hatte einige Zeit auf Vulkan verbracht. Ihn zu einer Aussage zu drängen, half niemanden weiter. So sah Kirk noch einen kurzen Moment zu, wie die Tragen aus seinem Blickfeld verschwanden. Mit bewusster Willensanstrengung riss er sich los und besann sich auf seine Aufgabe.

 

******

 

Da auch die schiffsweite Kommunikation ausgefallen war, blieb Kirk nichts anderes übrig, als selbst die einzelnen Bereiche aufzusuchen. Die Entscheidung, wohin er zuerst gehen sollte, war schwierig. Kommunikation war wichtig, um endlich wieder eine Verständigung zu erhalten. Sicherheit war wichtig, denn bislang war völlig unklar, was passiert war. Die Krankenstation war wichtig, damit er wusste, wie viele seiner Leute noch einsatzfähig waren. Und wie viele die schon viel zu lange Liste derer ergänzen würden, die unter seinem Kommando gefallen waren… Dann gab es noch die wissenschaftliche Abteilung, die auch für alle Computer an Bord verantwortlich war. Ohne Computer waren sie aufgeschmissen, Computer waren also ebenfalls wichtig. Wichtig war auch die Telemetrie. Waren sie von außen angegriffen worden, was passierte vor dem Bug der Enterprise? Sie befanden sich nahe der Romulanischen Grenze. Viel zu nahe... Gedanklich sah der Captain die schematische Darstellung auf dem Brückenschirm vor sich, kurz bevor er die Brücke vor zwei Stunden nach dem Ende seiner Schicht verlassen hatte. War das wirklich erst vor zwei Stunden gewesen? Kirk war mitten auf dem Weg zu Scotty gewesen, um ein paar Ideen des Chefingenieurs zu diskutieren, natürlich nicht, ohne sich auf einen Schluck von Scottys Selbstgebrannten zu freuen. Aber bevor er dort angekommen war, hatte eine Erschütterung das Schiff gepackt und es wie ein Spielzeug geschüttelt. Gefühlt hatte es eine Ewigkeit gedauert, bis das Schwanken aufgehört hatte. Kirk hatte sich auf dem Boden liegend wieder gefunden, hatte festgestellt, dass er niemanden erreichen konnte und war daraufhin weiter Richtung Maschinenraum geeilt. Nun war er auf seinem eigenen Schiff von seiner Crew abgeschottet. Kirk hatte ein paar Fähnriche beauftragt, Kommunikatoren auszuteilen und bis dahin Nachrichten auf dem altmodischen Weg – nämlich zu Fuß - zu überbringen. Aber die Enterprise war ein großes Schiff, insbesondere dann, wenn es keine Turbolifts gab. Der Weg durch die Jeffries-Röhren war lang und er kostete Zeit.

Nach seinem Gespräch mit Lieutenant Masters hatte Kirk beschlossen, mit Lieutenant Rogers, dem Offizier vom Dienst, zu sprechen. Alles war wichtig, aber die Lebenserhaltung hatte absolute Priorität. Wenn sie nicht ersticken und erfrieren wollten, dann musste er dafür sorgen, dass Lieutenant Masters genug Leute hatte. Falls bis dahin ein paar Romulaner auftauchen würden, konnte er sich dann immer noch Sorgen darüber machen - wenn sie bis dahin noch lebten, hieß das.

 

******

 

Lieutenant Rogers war ein 53-Jähriger Offizier, der von keinem sonderlichen Ehrgeiz mehr getrieben war. Er war damit zufrieden, sich um Dienstpläne zu kümmern und Ansprechpartner für alle Belange der Crew zu sein. Kirk sah gedanklich Rogers’ Biografie vor sich, als er den Türsummer betätigte. Oder besser gesagt: Er wollte den Summer betätigen, aber nichts reagierte. Schließlich hämmerte der Captain gegen die Tür und wurde einmal mehr von einem Hustenanfall geschüttelt. Er hustete noch immer, als die Tür von innen manuell aufgeschoben wurde. Rogers sah zersaust aus, bleigraue Strähnen standen ihm nach allen Seiten ab, als er Kirk verwirrt anstarrte.

„Was…?“

„Sind Sie OK?“ fragte Kirk.

Rogers rieb sich den Kopf, so als müsse er über die Frage erstmal nachdenken.

„Ich…“

Kirk drückte den Mann mit sanfter Gewalt in sein Quartier. Die Tür blieb offen stehen, als Kirk Rogers auf einen Stuhl dirigierte.

„Ich bin gerade erst aufgewacht“, erklärte Rogers verwirrt und fügte mit einem anklagenden Blick auf seine Füße hinzu, „auf dem Fußboden!“ Sein Tonfall reizte Kirk fast zum Lachen, denn es klang beinahe so, als wolle Rogers den Fußboden persönlich zur Verantwortung ziehen. Kirk hustete erneut und setzte sein Gegenüber mit wenigen Worten ins Bild.

„Aber was…?“

Kirk winkte ab.

„Sie wissen jetzt genauso viel wie ich. Wir müssen dringend sehen, dass jeder, der kann, mithilft. Wir haben keinen Computer, wir wissen nicht, wer verletzt ist, daher müssen wir jetzt von Hand vorgehen.“

„Aber das sind 430 Leute!“

Kirk grinste schief.

„Ich weiß, wie groß meine Crew ist, Lieutenant. Lassen Sie uns anfangen.“

Zusammen stellten sie aus dem Gedächtnis eine Liste aller Crewmitglieder zusammen. Sie arbeiteten schweigend, während immer wieder Fähnriche hereinkamen, die von Kirk als Kuriere durch das Schiff gescheucht wurden. Endlich ließ sich auch Lieutenant Commander Giotto blicken. Der Sicherheitschef sah etwas mitgenommen aus, wirkte aber durchaus professionell. Er übergab Kirk als erstes einen Phaser, den dieser dankbar nickend annahm und zu seinem Kommunikator steckte.

„Bericht“, forderte Kirk ohne Einleitung.

„Ich fürchte, ich habe noch keinen, Sir. Ohne Kommunikation kann ich nur mit einem Bruchteil meiner Leute arbeiten. Bislang ist nur klar, dass es eine Reihe von Explosionen gegeben haben muss, sowohl im Maschinenraum als auch im Hilfskontrollraum, im Computerzentrum und praktisch an allen Schaltstellen, wo das Schiff verwundbar ist. Eine Intervention von außen kann praktisch ausgeschlossen werden.“

„Das heißt, wir haben einen Attentäter an Bord.“

Giotto nickte und fuhr fort:

„Wer immer es auch ist, hat erhebliche Fähigkeiten und wusste, was er oder sie tat. Meine Leute sind dabei, den Kreis der Verdächtigen einzugrenzen. Es muss jemand aus der Crew gewesen sein, Sir.“

Kirk wirkte erschüttert, nickte aber. Seine eigenen Überlegungen waren in einer ähnlichen Richtung verlaufen.

„Haben Sie die letzten Neuzugänge untersucht?“

„Natürlich“, bestätige Giotto. „Wir haben vor zwei Monaten acht neue Crewmitglieder an Bord genommen. Bislang erscheinen aber alle über jeden Zweifel erhaben zu sein.“ Giotto hielt inne, fuhr dann fort:

„Sir, wir tun, was wir können. Aber es wird einen Moment dauern.“

Kirk nickte. „Erstatten Sie mir stündlich Bericht oder dann, wenn Sie etwas herausgefunden haben. Wegtreten.“

Giotto nahm kurz Haltung an und verschwand.

Kirk verbrachte die nächsten vier Stunden zusammen mit Rogers, stellte Listen auf, dirigierte Leute und hetzte weitere Fähnriche als Kuriere durch das Schiff.

Der Bericht, den er aus dem Maschinenraum erhalten hatte, sah alles andere als erbaulich aus. Praktisch alle Konsolen waren zerschmolzen, so dass sie an die eigentlichen Bauteile nicht herankamen. Das Warptriebwerk selbst war ebenso wie der Impulsantrieb prinzipiell nicht beschädigt, nur die Kontrollen waren vernichtet. Fast so, als würde man vor einem gut gefüllten Kühlschrank verhungern, weil man ihn nicht aufbekommt, dachte Kirk und etwas verkrampfte sich in ihm, als er daran dachte, dass auch die Replikatoren nicht funktionierten. Das war ein Problem, das auch noch akut werden würde, gesetzt den Fall, sie konnten die Lebenserhaltung am Laufen halten. Sonst würden sie erstickt sein, bevor sie sich über so etwas Banales wie Hunger Sorgen zu machen brauchten. Zum Glück hatten sie zumindest Wasser und Kirk dankte dem Schutzheiligen aller Raumschiffkommandanten, dass die Schwerkraft bis jetzt nicht beeinträchtigt war. Offensichtlich hatte der Attentäter die Schwerkraftgeneratoren als nicht so wichtig eingeschätzt. Zumindest kamen keine weiteren Hiobsbotschaften hinzu, dachte Kirk bitter, bemüht, noch etwas Positives in der augenblicklichen Lage zu sehen.

 

******

 

Zusammen mit den Informationen aus der Krankenstation war inzwischen klar, wer tot oder verletzt war. Roger und Kirk hatten die, die nicht beeinträchtigt waren und keine anderen wichtigen Aufgaben zu versehen hatten, grob in drei Gruppen eingeteilt. Die erste Gruppe sollte die Krankenstation bei der Pflege der vielen Verletzten unterstützen. Praktisch jeder, der auch nur eine rudimentäre medizinische Ausbildung genossen hatte, war dazu abgestellt worden. Die zweite Gruppe war wesentlich kleiner und sollte Lieutenant Masters helfen. Im Normalfall verfügte die Enterprise über einen recht beachtlichen und vollkommen ausreichenden Stab an Ingenieuren und Technikern. Gerade hier aber hatte es die meisten Toten und Verletzten gegeben, weil viele der Explosionen in technischen Bereichen statt gefunden hatten. Kirk spürte das vertraute Verkrampfen in der Magengegend, als er an M’Bengas vorläufigen Bericht dachte. 23 Tote, 143 Verletzte, einige davon so schwer, dass niemand sagen konnte, ob sie leben oder sterben würden. Spock war von mehreren Bruchstücken getroffen worden, wovon mehrere innere Organe und die Lunge des Vulkaniers verletzt hatten. Zum Glück war er nicht in Lebensgefahr, befand sich in einer Heiltrance. McCoy hatte sich den Kopf angeschlagen und lag bewusstlos mit einer Gehirnerschütterung in seiner eigenen Krankenstation. Ob noch schwerere Konsequenzen zu befürchten waren, konnte erst die Zeit zeigen. Scotty hatte ebenfalls das Bewusstsein noch nicht wiedererlang. Er hatte sich ein Bein und mehrere Rippen gebrochen, ansonsten ging es ihm aber verhältnismäßig gut. Uhura gehörte zu den Leichtverletzten. Wenigstens ein Teil meiner Freunde ist außer Lebensgefahr, dachte Kirk, als er seine Gedanken wieder auf die Listen vor ihm konzentrierte. Die dritte Gruppe verfügte weder über medizinische noch technische Kenntnisse und war zu Aufräumarbeiten eingeteilt. Kirk hustete. Das Kratzen in seinem Hals war nicht weniger geworden, aber er hatte sich fast an den ständigen Hustenreiz gewöhnt.

„Das soll’s wohl gewesen sein, Captain“, meinte Rogers, als sie ihre Arbeit schließlich beendet hatten.

Kirk nickte.

„Sorgen Sie dafür, dass alle, die jetzt noch nichts von ihrem Glück wissen, Bescheid erhalten. Teilen Sie die Leute in drei Schichten ein und stellen Sie sicher, dass sich jeder daran hält. Es bringt keinem was, wenn alle reihenweise umfallen.“

„Aye, Sir. Äh… Darf ich fragen, wo Sie zu erreichen sind? Falls die Kommunikatoren auch noch ausfallen?“

„Das wollen wir nicht hoffen“, meinte Kirk, unfähig, den Sarkasmus in seiner Stimme zu unterdrücken. „Ich bin im Maschinenraum und sehe zu, wo ich am nützlichsten sein kann.“

Rogers nickte und überlegte, ob er Kirk darauf hinweisen sollte, dass er sich nach seiner eigenen Anweisung hin eigentlich in einer Ruheschicht befand. Kirk sah tatsächlich müde aus und als Offizier vom Dienst wusste Rogers natürlich, dass es für den Captain gerade mitten in der Nacht war. Aber Rogers war bereits lange genug an Bord um zu wissen, dass entsprechende Kommentare ebenso sinnlos wie unerwünscht waren, also sagte er nichts.

 

******

 

Lieutenant Masters hatte in den paar Stunden seit Beginn der Krise bereits wahre Wunder vollbracht. Schutt und heruntergefallene Elemente waren entsorgt worden, bei den meisten Konsolen fehlten die in sich verschmolzenen Abdeckungen. Kabel guckten hervor, überall wurde geschweißt, geschraubt und gebastelt. Der Maschinenraum strahlte ruhige Professionalität aus, von dem Terror von zuvor war nichts mehr zu fühlen.

„Wir sind noch nicht viel weiter, Sir“ meinte Masters, als sie Kirk entdeckte. Ihr Tonfall wies darauf hin, dass sie die Defizite in ihrem Fortschritt als persönliche Beleidigung empfand. Fast entschuldigend fügte sie hinzu:

„Wir haben einfach nicht genug Leute, Sir.“

„Sie haben Großartiges geleistet, Lieutenant. Und was Ihr Personal angeht: Lieutenant Rogers wird ihnen demnächst noch Leute schicken. Derweil müssen Sie mit mir vorlieb nehmen.“

„Sir?“ Sie klang verwirrt.

„Sie können frei über mich verfügen. Ich habe einen Kommunikator bei mir, um mit den anderen Bereichen in Verbindung zu bleiben. Solange das Schiff taub und blind im Raum hängt, gibt es nicht viel zu kommandieren. Sagen Sie mir, wo Ihnen zwei Hände fehlen.“

Masters wusste von Scotty, dass Kirk über ein beachtliches Geschick verfügte, für einen Raumschiffkommandanten jedenfalls. Dennoch erschien es ihr seltsam, ihrem vorgesetzten Offizier ein Reparaturset in die Hand zu drücken. Kirk sah sie belustigt an und ihr wurde klar, dass es vermutlich nicht allzu schwer war zu erraten, was sie gerade dachte.

„Äh…“, begann sie. Dann fuhr sie sicherer fort: „Dort, Sir. Die Sensoren fürs Hauptstromaggregat. Da hat bislang noch niemand dran gearbeitet.“

Kirk nickte und meinte mit einem jungenhaften Grinsen: „Wird gemacht, Sir.“

 

******

 

Zu Anfang reagierte die Crew des Maschinenraums etwas befangen, aber das legte sich bereits nach wenigen Minuten. Als klar wurde, dass Kirk wusste, was er tat, akzeptierten sie ihn als einen der ihrigen und die Zeit flog dahin. Kirk nahm regelmäßig Berichte von den anderen Sektionen entgegen. In der Krankenstation war ein weiteres Crewmitglied gestorben, alle anderen waren mittlerweile zumindest halbwegs stabilisiert. Giotto hatte die acht Crewmitglieder, die als letztes zur Enterprise gestoßen waren, isoliert und befragte sie. Der Geologe Karl Jäger, die Astrobiologin Dr. Ann Mulhall und der neue Archäologie und Anthropologie-Offizier Carolyn Palamas standen außer Frage. Sie dienten schon lange in Starfleet, waren Routiniers, deren Reputation allein sie vor jedem Verdacht befreite. Eigentlich. Von den fünf verbliebenen Neuzugängen waren drei Fähnriche frisch von der Akademie. Luis und Lincoln waren als Jahrgangsbeste immer nur positiv aufgefallen, hatten Verwandte in Starfleet und schieden als Verdächtige praktisch ebenfalls aus. Bei dem dritten verhielt es sich anders. Dieser Fähnrich Chekov war bestenfalls Durchschnitt und bislang hatte er im Waffenkontrollraum gearbeitet, der wie der Maschinenraum einem Anschlag zum Opfer gefallen war. Chekov hatte während seines kurzen Aufenthalts an Bord auch einige der anderen Tatorte durchlaufen, wusste also, worauf es ankam. Außerdem hatte er das Schiff einmal beinahe in die Luft gesprengt, als er erklärt hatte, ein Russe hätte den Warpantrieb erfunden, während er die fragile Mischung von Materie und Antimaterie aus der Balance gebracht hatte. Der Vorfall war nie aktenkundig geworden, da er Scotty mehr amüsiert als verängstigt hatte. Masters wusste allerdings darüber Bescheid und Giotto war darauf aufmerksam geworden. Er verhörte diesen Chekov gerade, während vier seiner Männer sich die beiden letzten Neuzugänge, Stevenson und Toriba vornahmen. Stevenson war gerade zum Lieutenant befördert geworden und kam von der Lexington. Bob Wesley hatte ihn offensichtlich nur ungern ziehen lassen, aber Stevenson hatte explizit um eine Versetzung auf die Enterprise gebeten. Was Lieutenant Toriba anging, so gehörte der Sicherheitswächter zu Giottos eigenen Leuten. Er kannte ihn noch nicht gut genug, um ihn von vornherein auszuschließen, aber er hielt es für unwahrscheinlich. Dieser Chekov erschien der wahrscheinlichste Kandidat zu sein. Kirk dachte über das Problem nach, während er die Abdeckung an der Konsole befestigte. Was mochte so einen jungen Mann dazu gebracht haben? Kirk wollte sich selbst einen Eindruck verschaffen und hatte Giotto Bescheid gegeben, dass er Chekov und auch die anderen sieben in einer Stunde persönlich sehen wollte.

Mit steifen Gliedern stand der Captain ungelenk auf. Durch die plötzliche Bewegung drehte sich der Raum. Kirk griff Halt suchend nach der Konsole, die er gerade in Stand gesetzt hatte. Er kämpfte noch darum, seine Sinne wieder unter seine Kontrolle zu bringen, als er einen festen Griff um seinen Oberarm spürte. Es war Masters, die ihn anlächelte.

„Sie sollten sich ausruhen, Captain.“

Kirk lächelte dünn und verkniff es sich, darauf zu antworten. Masters war ebenfalls die ganze Zeit über hier gewesen.

„Wie sieht es aus, Lieutenant?“

„Noch immer nicht gut. Die Luft wird schon schal und dass es kühler geworden ist, hat inzwischen wohl jeder bemerkt, aber die Reparaturen sind besser als erwartet voran gekommen. Ich schätze, dass wir die ersten Systeme in zwei Stunden wieder anwerfen können. Es wird knapp werden, aber ich glaube, wir schaffen es.“

Kirk nickte und fröstelte plötzlich.

„Gut gemacht! Scotty wäre stolz auf Sie. Informieren Sie mich bitte über alle Änderungen. Ich bin damit“, er deutete auf die Konsole hinter ihm, „fertig und werde etwas unterwegs sein. Wegtreten.“

Masters drehte sich um, während Kirk sich auf den langen Weg durch die Jeffries-Röhren Richtung Krankenstation machte. Der Weg fiel ihm alles andere als leicht. Das Brennen in Hals und Augen hatte nicht nachgelassen, dafür hatte sich das Gefühl von Schwindel eher noch verstärkt. Kopfschmerzen waren dazugekommen, ebenso wie eine bleierne Müdigkeit. Kirk wusste, wenn er es sich jetzt irgendwo bequem machte, würde er sich für die nächsten 48 Stunden nicht bewegen. Dafür gab es zu viel zu tun und er wollte unbedingt wissen, wie es seinen Freunden ging.

Er brauchte fast zwanzig Minuten, bis er die Krankenstation erreicht hatte. Nicht nur die eigentlichen Behandlungsräume waren hoffnungslos überbelegt, auch in den Korridoren drängten sich Verletzte und Helfer. Kirk sah in viele Gesichter und zwang sich, mit einem aufmunternden Lächeln durch die Reihen abzuschreiten. Er versuchte, sich mit so vielen Leuten wie möglich zu unterhalten, Trost zu spenden und zu verbergen, wie sehr ihm der Anblick zusetzte. Schließlich stolperte er fast über Dr. M’Benga. Der dunkelhäutige Arzt mit dem sonst so gewinnenden Lächeln wirkte ernst und erschöpft. Wortlos gingen beide Männer in eine Nische, die mit ein paar provisorischen Vorhängen ein Minimum an Privatsphäre gewährleistete.

„Wie sieht es aus?“ fragte Kirk.

„Nicht gut, aber auch nicht schlechter. Zum Glück ist niemand mehr gestorben, aber Janice Rand geht es sehr schlecht. Sie hat schwerste innere Verletzungen und wird, wenn sie es schafft, eine lange Rekonvaleszenzzeit benötigen. Ich werde empfehlen, dass sie das Schiff verlässt, um vollständig wiederhergestellt zu werden. Wir sind dafür einfach nicht ausgerüstet. Wir sind für all das hier nicht ausgerüstet!“ fügte der Arzt verbittert hinzu.

Kirk legte ihm eine Hand tröstend auf die Schulter.

„Ich weiß, wie frustrierend das ist, Luca. Aber wir werden es schaffen. Wir haben schon ganz andere Probleme gemeistert.“

Ein dünnes Lächeln antwortete ihm.

„Dr. McCoy geht es übrigens besser. Er ist vor einer halben Stunde kurz aufgewacht und hat sich erkundigt, ob wir ihn vergiften wollen. Seinem Tonfall nach zu urteilen ist er sein übliches charmantes Selbst.“

Kirk lächelte das erste wirklich herzliche Lächeln seit Beginn der Krise.

„Das sind gute Nachrichten. Wann ist er wieder auf den Beinen?“

„Das dauert noch. Ich habe ihn sediert, damit er nicht ständig aufstehen will. Er sagt zwar immer, dass Sie der schlimmste Patient auf dem Schiff sind, aber das gilt nur, solange der gute Doktor nicht selbst betroffen ist.“

Kirk verzog kurz das Gesicht, grinste aber wider Willen. M’Benga fuhr fort:

„Was Spock anbelangt, so ist sein Zustand unverändert. Er befindet sich in einer vulkanischen Heiltrance. Seine Verletzungen heilen mit enormer Geschwindigkeit, insbesondere in Anbetracht der Ausmaße, allerdings braucht das seine Zeit. Mr. Scott ist ebenfalls sediert, damit er nicht sofort in den Maschinenraum stürzt. Ich werde ihn in ein paar Stunden in sein Quartier entlassen, weil es hier einfach zu voll wird. Er ist jedoch ausdrücklich nicht dienstfähig.“

Kirk nickte.

„Sie leisten hier Großartiges, Luca. Kann ich die drei bitte kurz sehen? Und Uhura?“

„Natürlich. Uhura habe ich allerdings in ihre Kabine entlassen.“

Beide Männer verließen die provisorische Nische, der Arzt ging voran. Schon als Kirk hereingekommen war, waren M’Benga die Anzeichen von Rauchvergiftung nicht entgangen, die der Captain offenbarte. In einer normalen Situation hätte er darauf bestanden, Kirk sorgfältig zu untersuchen, aber ihre Lage war alles andere als normal. So beschränkte M’Benga sich darauf, Chapel kurz im vorbeigehen zu beauftragten, ihm eine Hypo mit Masiform D, eine starke Stimulanz, zu bringen. Die Schwester nickte kurz. Masiform war das Medikament gewesen, was sie in den letzten Stunden am häufigsten verabreicht hatten und ihre Vorräte wurden knapp. Mit kaputten Replikatoren hatten sie außerdem keine Chance, ihre Bestände zu ergänzen.

M’Benga hatte versucht, die verletzten Senioroffiziere so gut es ging zu separieren, dennoch waren McCoy, Scotty und Spock in einem Raum mit fünf weiteren Patienten untergebracht. Sie erreichten McCoys Bett zuerst. Kirk warf einen Blick auf die Anzeigen über der Liege und atmete erleichtert aus. Er war zwar kein Arzt, aber im Laufe seiner Reihe unfreiwilliger Aufenthalte in vergleichbaren Einrichtungen hatte er die eine oder andere Anzeige interpretieren gelernt. Pille wirkte in seinem Schlaf friedlich. Kirk drückte kurz die Hand seines Ersten Medo-Offiziers und ging dann weiter zum nächsten Bett. Spock lag bewegungslos und wie tot dar. Nur sein Wissen um die vulkanische Heiltrance sagte Kirk, dass sein Freund noch lebte. M’Benga hatte, vermutlich aus Platzgründen, darauf verzichtet, den Ersten Offizier auf einer regulären Liege unterzubringen, zu der auch die obligatorische Anzeigetafel gehörte. Bei Spock besaßen die angezeigten Werte bereits unter normalen Umständen nur geringe Aussagekraft, es sei denn, das ganze System wurde aufwändig rekalibriert. Seine normalen Werte entsprachen weder der menschlichen, noch der vulkanischen Norm und erforderten daher eine ganz individuelle Betrachtung.

Auch Scotty lag nicht auf einem regulären Bett der Krankenstation, vermutlich, weil er außer Lebensgefahr war und seine Verletzungen nicht unbedingt eine elektronische Überwachung erforderten. M’Benga hatte den Chefingenieur in einen künstlichen Schlaf versetzt, um die Genesung seines Patienten nicht zu gefährden. Hätte Scotty gewusst, wie es um seine geliebten Maschinen stand, wäre es unmöglich gewesen, ihn ohne Traktorstrahl in einem Bett zu halten. Kirk streifte noch kurz durch den Raum, blieb an jedem Bett kurz stehen. Als er an dem letzten angekommen war und sich verabschieden wollte, hielt M’Benga ihn am Arm zurück und wedelte mit einer Hypo kurz vor den Augen des Captains.

„Was ist das?“

„Etwas gegen Rauchvergiftung. Und da Sie den ärztlichen Rat nach Ruhe mit Sicherheit von sich weisen werden: ein Aufputschmittel.“

Kirks Züge entspannten sich etwas.

„Danke“, sagte er nur, während der Arzt das Mittel verabreichte.

Obwohl es einige Minuten dauern würde, bis sich die Wirkung voll entfaltete, fühlte sich Kirk bereits sehr viel besser, als er die Krankenstation verließ. Jetzt wollte er diesen Chekov doch einmal genauer unter die Lupe nehmen.

 

******

 

„Kosaken, das waren Kosaken!“ war das erste, was Kirk hörte, als er den Besprechungsraum erreichte. Trotz der ernsten Lage musste der Captain ein Schmunzeln unterdrücken, als er die Szene sah. Giotto und zwei seiner Leute standen über einem jungen Mann gebeugt, den es nur mit Mühe auf seinem Stuhl hielt und der ständig Verschwörungstheorien und rechtschaffenen Ärger von sich gab. Kirks zweite Reaktion bestand in einem Stirnrunzeln. Er erinnerte sich an den jungen Fähnrich, der erst seit Kurzem an Bord war. Seine Noten auf der Akademie waren eher durchschnittlich gewesen, aber Kirk hatte dennoch beschlossen, dem jungen Mann eine Chance zu geben. Der erste Eindruck von Fähnrich Chekov hatte ihn in seinem Urteil bestärkt und auch jetzt sagte ihm ein sechster Sinn, dass Chekov vielleicht unerfahren und überengagiert sein mochte, aber kein potentieller Attentäter. Andererseits war auf Giotto Verlass und die Sandfledermäuse auf Manark IV waren so lange harmlos, wie man ihnen nicht zu nahe kam.

Als die vier Männer die Anwesenheit des Captains bemerkten, sprangen praktisch alle auf. Während sich Giotto eher mit ruhiger Gelassenheit aufrichtete, nahmen die beiden Sicherheitswächter mit tief verwurzelter Professionalität Haltung an. Chekov dagegen schoss in die Höhe wie ein Schachtelkasper und warf dabei den Stuhl um, auf dem er eben noch gesessen hatte. Kirk spürte ein weiteres Schmunzeln, das sich auf seine Lippen stehlen wollte und schluckte es noch rechtzeitig hinunter.

„Rühren“, meinte er und die steife Haltung der Sicherheitswächter löste sich um zwei Nuancen. Giotto nickte ihm zu. „Captain.“

Kirk ging auf Chekov zu und besah sich den jungen Mann.

„Fähnrich Chekov?“

„Ja, Sir?“ Der Fähnrich versteifte sich noch mehr, obwohl Kirk das vorher nicht für möglich gehalten hätte. Sein Gesicht zeigte deutliche Anzeichen von Anspannung und trotz der gesunkenen Temperatur an Bord war seine Stirn von einem Schweißfilm überzogen.

„Was können Sie uns über die Vorfälle der letzten Stunden sagen?“

„Nichts, Sir.“

Kirk verkniff sich ein Seufzen. Das war ja noch schlimmer als Spock, der jedes Sprichwort wörtlich nahm. Der Gedanke an Spock brachte ihm die vielen Opfer in Erinnerung. Das hier war kein Spiel und dieser Chekov ein potentieller Attentäter.

„Mister Chekov, dann lassen Sie es mich etwas präziser formulieren. Lieutenant Commander Giotto hat eine Liste mit Verdächtigen erstellt, die für die Anschläge an Bord in Frage kommen. Anschläge, denen viele Menschen zum Opfer gefallen sind. Und Sie stehen auf dieser Liste ganz oben. Also: was haben Sie die letzten Stunden gemacht?“

„Ich bin unschuldig, Sir! Das sind Kosaken!“ Er warf Giotto und seinen Männern einen bösen Blick zu.

„Sie sind solange unschuldig, bis das Gegenteil bewiesen ist. Also helfen Sie uns, die Wahrheit herauszufinden!“

Chekov atmete tief durch, als wolle er sich von einer schweren Last befreien. Dann erzählte er:

„Ich habe heute zur zweiten Schicht meinen Dienst im Waffenkontrollraum angetreten. Der Tag war eher langwe… Ich meinte, es passierte nichts Außergewöhnliches.“

Kirk schaffte es diesmal nicht, sich den Anflug eines Grinsens zu verbeißen. Er erinnerte sich noch zu deutlich, wie lang eine Schicht im Waffenkontrollraum werden konnte, wenn die Konsolen aufgrund einer potentiell gefährlichen Situation zwar bemannt sein mussten, der Havariefall aber – zum Glück – nicht eintraf.

„Weiter“, befahl er.

„Nun, Sir, gegen 1500 verspürte ich ein Bedürfnis und, äh, naja, ich bin dann zur Toilette gegangen. Gerade, als ich zurück zu meinem Posten wollte, hat es eine Explosion gegeben und Rauch kam aus dem Kontrollraum. Das ist auch schon alles, Sir.“

Giotto schaltete sich ein.

„Das ist ein bisschen dünn, Fähnrich. Und es ist schon ein sehr großer Zufall, dass Sie ausgerechnet dann auf den Lokus müssen, wenn eine Reihe von schiffsweiten Explosionen die ganze Enterprise lahm legt.“

„Nun, noch sind wir nicht lahm gelegt“, berichtigte Kirk und fuhr fort:

„Wenn Sie es nicht waren, Mr. Chekov, dann seien Sie so gütig und erzählen Sie, wer sich noch im Waffenkontrollraum aufgehalten hat. Ich meine, jemand, der nicht auf dem Dienstplan gestanden hat und der nicht unter den Opfern ist.“

Chekov schüttelte den Kopf.

„Tut mir leid Sir, aber das ist alles, was ich Ihnen anbieten kann.“

Für einen Moment herrschte Stille. Dann sagte Kirk:

„Gut, Fähnrich, belassen wir es dabei. Vorerst. Da Sie nach wie vor verdächtig sind, stehen Sie in Ihrem Quartier unter Arrest. Mr. Giotto, Sie haben die Aussage protokolliert?“

Giotto bestätigte. „Sicher, Captain. Nach Fähnrich Chekovs Aussage war niemand im Kontrollraum, der da nicht hingehört hätte. Die, äh, Überreste werden zurzeit noch untersucht.“

Kirk dachte nach und meinte, etwas geistesabwesend, an Chekov gewandt: „Wegtreten.“

Chekov nickte und schlich auf den Ausgang zu. Er wirkte ein bisschen wie ein geprügelter Hund auf dem Weg zur Hinrichtung, fand Kirk. An der Tür, die wie alle anderen an Bord aufgrund des Energieausfalls permanent aufstand, drehte sich Chekov noch einmal um.

„Captain, Sir?“

„Ja?“

„Wenn meine Unschuld bewiesen ist – darf ich dann wieder zurück auf meinen Posten?“

„Sicher, Mr. Chekov. Sie sind zwar verdächtig, aber nicht verurteilt. Wenn wir den Schuldigen gefunden haben, werden alle anderen rehabilitiert und ich werde mich persönlich für die Unannehmlichkeiten entschuldigen.“

Chekov nickte nur und verließ den Raum, die beiden Sicherheitswächter dicht auf den Fersen. Nunmehr allein mit Giotto, meinte Kirk:

„Sind Sie sicher, was Chekov anbelangt? Mein Instinkt sagt mir, dass er sauber ist.“

„Er ist die einzig logische Wahl, Sir, und er hat kein Alibi. Kein hieb- und stichfestes, jedenfalls.“

„Mag sein. Ich will die anderen sehen. Vielleicht erfahren wir noch etwas.“

Kirk fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Seine Augen brannten stärker und er fror mittlerweile richtig.

„Wie Sie meinen“, erwiderte Giotto und sein Tonfall machte deutlich, dass er das im Prinzip für Zeitverschwendung hielt. Andererseits war Kirks Intuition schon fast berüchtigt und es schadete sicher nicht, auch die anderen einmal näher zu beleuchten.

„Als nächstes hätten wir da Karl Jäger, Geologe. 47 Jahre alt, seit 21 Jahre bei Starfleet, zuletzt stationiert auf Marnack IV. Er gehörte zu einem Forschungsteam, die Arbeiten wurden aber jüngst eingestellt. Vor ein paar Monaten lief sein Ehekontrakt aus und wurde nicht erneuert.“

„Seine Frau?“

„Gehörte auch zum Forschungsteam, ebenfalls Geologin.“

„Wo ist sie jetzt?“

„Auf der Erde, zur genaueren Qualifizierung der Ergebnisse von Marnack IV.“

„Verstehe. Dann wollen wir uns den Lieutenant einmal näher ansehen.“

Giotto nickte und gab über Kommunikator seinen Leuten Bescheid. Da natürlich auch die Zellen an Bord der Enterprise durch den Energieausfall nutzlos geworden waren, musste für jeden Verdächtigen eine Sicherheitsbewachung rund um die Uhr bereit stehen. Bislang hatte sich das als übertriebene Vorsichtsmaßnahme herausgestellt, denn alle waren ausnahmslos kooperativ gewesen.

Zwei Sicherheitswächter traten durch die Tür des Besprechungsraums, die wie in solchen Notfällen üblich nicht geschlossen wurde. Ein Mann mittleren Alters in der blauen Uniform der Wissenschaftsabteilung folgte ihnen. Er wirkte ruhig und besonnen und Kirk wusste instinktiv, dass er nicht der Richtige war.

Jäger nickte Kirk zu, als er den Raum betrat, während die Sicherheitswächter wie ihre beiden Kollegen zuvor stramm Haltung annahmen.

„Captain“, begrüßte Jäger seinen Vorgesetzten. Respekt sprach aus seinen Worten, aber keine Unterwürfigkeit. Vielmehr meinte Kirk, einen Mann vor sich zu sehen, der bereits viel erlebt hatte, zuviel für irgendwelche Floskeln und übertriebenen militärischen Schnickschnack.

Kirk deutete auf einen Stuhl und raunte Giottos Männern ein „Rühren“ zu, die danach immer noch fast genau so steif standen. Wenn all das hier vorbei war, musste er vielleicht mal ein paar Worte mit Giotto reden. Etikette war ja ganz schön und gut, aber er war doch kein Drillmeister! Kirk merkte, dass seine Gedanken abgeschweift waren und konzentrierte sich daher bewusst voll auf Giotto.

„Sie wissen, warum Sie hier sind und daher möchte ich keine Zeit mit einleitenden Worten verschwenden. Sie stehen auf unserer Liste mit Verdächtigen, was aber nicht heißt, dass wir Sie für schuldig halten. Bitte sagen Sie uns kurz, was Sie zum Zeitpunkt der Explosionen gemacht haben.“

„Ich war in meiner Kabine und habe gelesen. Und bevor Sie fragen: es gibt niemanden, der das bestätigen kann, ich habe kein Alibi.“

„Mmh. Wieso haben Sie sich nach dem Ende des Forschungseinsatzes auf Marnack IV auf die Enterprise versetzen lassen?“

Jäger lächelte schief. „Das können Sie sich sicher denken, Captain. Meine Frau und ich haben uns getrennt. Wir gehörten beide der Expedition an und sie wollte unbedingt weiter an dem Projekt beteiligt sein. Unser – Arbeitsklima – hat, nunja, etwas gelitten, wenn Sie verstehen. Es wäre nicht gut gewesen, wenn ich ebenfalls zur Erde zurückgekehrt wäre. Also habe ich das gemacht, was ich immer schon mal machen wollte: ich habe mich für den Dienst auf einem Raumschiff beworben. Als Geologe sind neue Welten natürlich besonders faszinierend, das war der Grund, warum ich zu Starfleet gegangen bin. Meiner Frau zuliebe habe ich dann darauf verzichtet zu reisen. Jetzt ist meine letzte Gelegenheit, doch noch den einen oder anderen meiner Träume umzusetzen.“

Kirk nickte und erinnerte sich an Giottos Akte und auch an die Erläuterungen zum Versetzungsgesuch. Meist wollten mehr Leute auf die Enterprise als Kirk Positionen zu vergeben hatte oder anders ausgedrückt: er konnte sich seine Crew praktisch handverlesen zusammenstellen. Jägers Erfahrung hatte ihn schon damals beeindruckt, mehr noch aber die offene Art, in der sein Versetzungsgesuch formuliert war. Sicher hätte Jäger in letzter Zeit große Veränderungen in seinem Leben erfahren, aber Kirk bezweifelte doch sehr, dass das ausreichte, um ihn als Attentäter zu qualifizieren.

„Vielen Dank, Lieutenant. Ich denke, das ist vorerst alles.“

Jäger stand auf, nickte Kirk zu und ließ sich dann wieder abführen.

„Wieso steht er auf ihrer Liste auf Platz zwei?“ wandte sich Kirk an Giotto.

„Er hat kein Alibi und sein bisheriges Leben liegt in Scherben.“

„So hat er auf mich aber nicht gewirkt.“

„Das kann täuschen, Sir. Vorsicht ist besser als Nachsicht.“

„Schön. Wen haben Sie als nächstes?“

„Alle anderen haben ein Alibi, es gibt keinen richtigen Platz drei. Mit Chekov und Jäger hatten wir kürzlich noch sechs weitere Neuzugänge, die…“

„Ja, ich weiß. Bitte geben Sie noch mal kurz eine Zusammenfassung.“

Giotto war zu gut in dem, was er machte, um sich seinen Unmut anmerken zu lassen.

Er sagte:

„Astrobiologin Dr. Ann Mulhall, hat auf der Erde studiert und seit Ende ihres Studiums in mehreren Starfleet-Projekten als Beraterin gearbeitet, bevor sie sich vor einem Jahr ganz der Flotte anschloss. Im letzten Jahr hat sie das Trainingsprogramm absolviert, die Enterprise ist somit ihr erster Posten. Während der Explosion war sie im Gemeinschaftsraum, wo Lieutenant Uhura gerade eine Vorstellung gegeben hat. Bei der Vorstellung waren übrigens auch Carolyn Palamas und Fähnrich Lincoln anwesend, mehrere Zeugen haben sie gesehen. Alle hielten sich seit mindestens zwei Stunden dort auf und haben den Raum nicht verlassen. Carolyn Palamas diente zuvor auf der Winston, einem kleinen Forschungsschiff, das außer Dienst gestellt wurde. Lincoln kommt frisch von der Akademie, ebenso wie Luis. Beide waren Jahrgangsbeste und sie durchlaufen zurzeit alle Abteilungen, bevor sie endgültig einen Posten zugewiesen bekommen. Luis war zum fraglichen Zeitpunkt im Maschinenraum und stand dort unter Beobachtung. Lieutenant Stevenson wurde gerade vorzeitig von Commodore Wesley befördert, weil er sich durch Tapferkeit auszeichnete. Er saß am Steuer der Lexington, als sie einen kleinen Zusammenstoß mit den Klingonen hatten, wobei…“

Kirk winkte ab. „Ich kenne die Geschichte. Was ist mit dem letzten – Toriba?“

Der Sicherheitschef verzog die Lippen zu einem schiefen Lächeln.

„Der? Der hat das Beste aller möglichen Alibis. Ich habe ihm gerade den Kopf gewaschen.“

Kirk grinste nun ebenfalls. „Damit sind wir also so weit wie am Anfang.“ Er strich sich müde mit der Hand über das Gesicht. „Sagen Sie, Lieutenant, ist es nicht denkbar, dass die Explosionen bereits seit längerer Zeit vorbereitet wurden, die Alibis also gar nicht zum Tragen kommen?“

„Möglich ist natürlich alles, Sir, aber extrem unwahrscheinlich. Zum einen ist die Enterprise ein gutes Schiff, um nicht zu sagen, das Beste, und meine Leute drehen nicht nur Däumchen, mit Verlaub, Sir. Über einen längeren Zeitraum etwas vorzubereiten MUSS auffallen. Außerdem wurden hier so viele Manipulationen durchgeführt, dass das Risiko der Entdeckung mit jeder Minute stark gestiegen ist. Wir haben daher den Zeitrahmen eingegrenzt und können sagen, dass die Sprengladungen frühestens zwei Stunden vorher deponiert worden sind, eher später. Die Ladungen waren mit einem Fernzünder versehen, ohne Zeitverzögerung. Es ist daher davon auszugehen, dass der Zündmechanismus genau dann betätigt wurde, als wir auch die Auswirkungen gespürt haben.“

„Verstehe. Was können Sie mir noch über den Zündmechanismus sagen? Können nicht auch mehrere Leute dahinter stecken?“

„Den Gedanken hatten wir natürlich auch schon. Es ist möglich, dass die Ladungen von mehreren versteckt wurden, aber gezündet wurden sie von nur einer Person. Die Ladungen selbst wurden von einem Experten angefertigt und das kann nicht an Bord passiert sein. Mr. Scotts Meinung dazu wäre von unschätzbarem Wert, aber was wir ohne ihn feststellen konnten, ist folgendes: zur Herstellung wurden Nanobots verwendet, die wir zwar auf der Enterprise fertigen können, aber nicht, ohne dass Mr. Spock das mitbekommen würde. Das dauert seine Zeit und geht nicht unbemerkt. Alle Ladungen sind entsprechend winzig, mit bloßem Auge kaum zu sehen und verwenden eine fast schon unendlich kleine Menge von Antimaterie, die ebenfalls nicht mal so einfach zu besorgen oder herzustellen ist. Der Fernzünder neutralisiert das Abschirmungsfeld und es kommt augenblicklich zur Explosion. Was wir bisher nicht klären konnten, ist, wie das unbemerkt an Bord gelangen konnten. Sie wissen ja, dass jeder Neuzugang noch im Transporterraum gescannt wird, da fällt jede noch so kleine Menge an Antimaterie unweigerlich auf. Die Personen-Transporterprotokolle bestätigen, dass alle der üblichen Prozedur unterzogen wurden und niemand hat etwas Verdächtiges an Bord gebracht.“

Kirk dachte nach. „Also müssen die Sprengsätze mit den anderen Vorräten an Bord gebeamt worden sein. Wie ich Sie kenne, haben Sie in dieser Richtung bereits recherchiert?“

„Sicher. Nur: die entsprechenden Protokolle sind nicht zugänglich.“

„Was?“

„Sie sind gelöscht worden.“

„Von wem?“

„Der Signatur nach zu urteilen: von Mr. Spock?“

„Unmöglich! – Computer? – Computer! Verdammt, ist das Ding immer noch kaputt?“

„Ich fürchte ja, Sir.“ Giotto reichte Kirk einen Trikorder. „Um das ganze zu präzisieren: Die bewussten Transporterprotokolle wurden von einem Programm mit Mr. Spocks Signatur gelöscht. Gründlich. Wir haben auch ein Programm gefunden, das wahrscheinlich die Zündungssequenz ausgelöst hat. Nur kommen wir nicht heran und ich fürchte, Sie ebenfalls nicht.“

Kirk sah sofort, was Giotto gemeint hatte. Egal, wie oft er seine persönliche Sicherheitsfreigabe auch eingab, die Daten waren und blieben gelöscht und unzugänglich. Wenn wirklich Spock dafür verantwortlich war, wunderte es Kirk nicht. Die Vorschrift verlangte, dass ein leitender wissenschaftlicher Offizier an Bord eines Sternenschiffs die Qualifikationsstufe A5 besaß. Spock war Computer-Experte der Stufe A7.

Welchen Grund aber sollte der Vulkanier haben, die Informationen zu kodieren? Kirk musste kurz an den bedauernswerten Captain Pike denken, der seit ein paar Monaten auf Talos IV zumindest den Anschein von Leben genießen konnte – und an Spocks Verrat zuvor. Obwohl Kirk rein rationell die Handlungen seines Freundes nachvollziehen konnte, hatte es doch wehgetan. Sehr. Auch jetzt noch wäre es dem Captain lieber gewesen, Spock hätte ihn eingeweiht, selbst wenn es Kirk die Karriere gekostet hätte. Hatte er hier etwas ähnliche getan? Kirk verdrängte die leisten Zweifel, wünschte mehr als zuvor, mit Spock reden zu können. Ein Schauer lief ihm über den Rücken und er unterdrückte gerade noch rechtzeitig eine äußere Reaktion. Der Captain setzte gerade dazu an, etwas zu sagen, als das ganze Schiff plötzlich zur Seite kippte. Die Notbeleuchtung flackerte, ging teilweise ganz aus und kehrte dann auf äußerst schwachem Niveau zurück.

Noch im Fallen griff Kirk nach seinem Kommunikator und betete darum, dass die Enterprise nicht angegriffen worden war. Sie befanden sich nicht weit von feindlichem Gebiet entfernt, aber eigentlich noch auf der sicheren Seite. Wie sicher, würden sie jetzt wohl herausfinden. Aber eines war wohl klar: die Enterprise hatte einem Angriff absolut nichts entgegenzusetzen.

„Kirk an Maschinenraum.“

Keine Reaktion.

„Kirk an Maschinenraum“, wiederholte der Captain etwas ungeduldiger.

Dann, endlich, die Stimme von Lieutenant Masters.

„Maschinenraum hier. Tut mir leid, Sir, das eben waren wir.“

Kirk stieß den Atem aus. Es war ihm gar nicht bewusst gewesen, dass er die Luft angehalten hatte.

„Erklären Sie.“

„Wir haben versucht, die Lebenserhaltung wieder an den Hauptstromkreis anzuschließen.“

Pause.

„Und? Lassen Sie sich nicht alles aus der Nase ziehen!“

„Nun, es hat offensichtlich nicht funktioniert. Unsere Notenergie reicht noch für drei Stunden, Sir. Danach wird es dunkel. Kalt wird es schon jetzt, wir haben alles, was nicht unbedingt notwendig ist, reduziert. Auch die Schwerkraft.“

Kirk bemerkte erst jetzt, dass er sich leichter fühlte, als er sich auf die Beine kämpfte, den Kommunikator in der rechten Hand.

„Drei Stunden sind eine lange Zeit, Lieutenant. Es ist zu früh, um die Flinte ins Korn zu werfen. Sie können einen Angriff von außen definitiv ausschließen?“

„Aye, Sir, können wir. Was das andere betrifft: Sir, ich bin nicht Mr. Scott. Ich tue, was ich kann, aber wir haben hier einfach zu wenig Leute und selbst mit voller Besetzung: ich glaube nicht, dass wir das schaffen, Sir.“

„Sie schaffen das, Lieutenant. Denken Sie nicht mal an die Alternative. Ich komme zu Ihnen runter. Stellen Sie mir bitte eine Liste mit den Dingen zusammen, die getan werden müssen, damit wir die Havarie verhindern können.“

„Aye Sir.“

„Gut. Kirk Ende.“

Er klappte seinen Kommunikator zu und wandte sich an Giotto, der inzwischen auch wieder stand.

„Sie haben es gehört. Bringen Sie mir alle restlichen Verdächtigen zusammen zum Maschinenraum.“

Kirk wartete nicht mal ab, dann war er schon aus der Tür.

 

******

 

„Sir, das geht nicht!“ drang M’Bengas Stimme aus dem Kommunikator.

„Es muss. Entweder das, oder Sie müssen sich in drei Stunden über nichts mehr Gedanken machen.“ Kirks Stimme war eindringlich und durch die Stille, die durch die Sprachverbindung schallte, konnte man den dunkelhäutigen Arzt förmlich denken hören.

Kirk wusste, dass er M’Benga fast soweit hatte, während er einhändig eine Leiter herabkletterte. Nach einer wohl bemessenen Pause ergänzte Kirk:

„Ich will Scottys Leben ebenso wenig gefährden wie Sie, Luca. Ohne Scotty gibt es aber bald gar kein Leben mehr auf der Enterprise. Wollen Sie über 300 Leben auslöschen, wenn es einen Weg gibt, Sie zu retten?“ Unwillkürlich musste Kirk an Spock denken, der das Wohl der Vielen immer über das des Einzelnen stellte.

„Also schön, Sie haben gewonnen. Wie üblich.“ M’Benga, den sonst nichts so schnell erschüttern konnte, klang angesäuert. „Ich wecke Mr. Scott und lasse ihn dann in den Maschinenraum eskortieren. Aber ich warne Sie, Captain, übertreiben Sie es nicht. Sie mögen unser vorgesetzter Offizier sein, in medizinischen Belangen aber geht meine Expertise vor. Wenn ich den Eindruck habe, dass Mr. Scotts Leben in Gefahr ist, werde ich einschreiten, egal, was Sie sagen.“

„Verstanden. Kirk Ende.“

Kirk klappte den Kommunikator zu, froh, diesen Kampf erstmal gewonnen zuhaben. Kurz darauf bog er in den Maschinenraum ein. Lieutenant Masters war zunächst nirgends zu entdecken und der Anblick, den Scottys sonst so wohl geordnetes Reich bot, war niederschmetternd. Trotz aller Anstrengungen wirkte alles wieder viel chaotischer, der Geruch von verbrannten Leitungen schwebte in der Luft, Paneele waren zur Seite geschoben. Ein Heer von Leuten wuselte herum. Endlich entdeckte Kirk Masters.

Ein Schatten eines Lächelns huschte über ihre Züge und sie kam auf ihn zu.

„Captain.“ Sie zögerte, fuhr dann fort.

„Sir, es tut mir leid, Sir, aber…“

„Wir leben noch“, erinnerte Kirk sie.

Die Frau lachte bitter auf. „Noch, ja.“

Kirk ergriff die Schultern der Frau und zog sie in Scottys kleines Büro, wo er den Griff noch verstärkte. Er bohrte seinen Blick geradezu in ihren.

„Lieutenant, hören Sie mir jetzt gut zu.“ Sie schluckte. Gut, er hatte ihre ganze Aufmerksamkeit. „Das hier ist die Enterprise, kein Kohlenfrachter. Diese Crew hat sich schon aus vielen scheinbar aussichtslosen Lagen befreit und ich bin sicher, dass sie das auch in Zukunft tun wird.“

„Aber Sir…“

„Kein aber. Wenn Sie daran denken, dass Sie scheitern, WERDEN Sie scheitern. Glauben Sie an den Erfolg. Scotty hat Sie immer in den höchsten Tönen gelobt und ich bin sicher, dass Ihnen etwas einfällt, wenn Sie nur ein paar Augenblicke in Ruhe darüber nachdenken. In Panik zu verfallen hilft niemandem. Habe ich mich klar ausgedrückt, Lieutenant.“

„Aye, Sir, haben Sie.“

Kirk las einen Rest Zweifel in ihren Augen, aber ein Stück Zuversicht war zurückgekehrt. Dabei konnte er sie gut verstehen, viel zu gut, spürte er doch selbst Zweifel nagen. Die einzige Möglichkeit, der eigenen Angst davonzulaufen, bestand im Handeln. Agieren statt reagieren, einen Schritt voraus sein. Kirk ließ sich erklären, was schief gelaufen war und nahm ein weiteres Reparaturkit in Empfang. Mit eisiger Verbissenheit machte er sich an die Arbeit, versuchte gleichzeitig, die Moral der Leute hoch zu halten. Die Stimmung stand kurz vor dem Kippen. Jeder hier wusste, dass sie in drei Stunden tot sein würden, wenn sie es nicht schafften, das Ruder herum zu reißen. Schon in zwei Stunden aber würde es richtig ungemütlich werden. Die Kälte des Weltraums kroch bereits jetzt zu ihnen hinein und hatte die Temperatur um gute zehn Grad gesenkt. Ungemütlich eben, aber erträglich. Mit jeder Sekunde, die verstrich, eroberte sich das All ein Stück des Territoriums zurück, das die Enterprise widerrechtlich für sich in Anspruch nahm.

Irgendwann kam Giotto herunter, Stevenson im Arm. Glenn Stevenson war ein Mann Ende zwanzig, der wie Kirk aus Iowa kam. Damit aber hörten ihre Gemeinsamkeiten auch schon auf. Bob Wesley hatte Stevenson in den höchsten Tönen empfohlen und die Akte des Lieutenants war perfekt, aber Kirk erinnerte sich, dass er ihn schon immer als eine Spur zu glatt empfunden hatte. Dieser Eindruck bestätigte sich auch jetzt, denn Stevenson trug eine Hochmütigkeit zur Schau, die der Situation einfach nicht angemessen war. Vermutlich kaschiert er so die Angst, die wir alle fühlen, dachte Kirk und schalt sich selbst. Vielleicht bin ich eifersüchtig auf Stevenson, weil er die Karriere, die bereits hinter mir liegt, noch vor sich hat. Egal, jetzt war nicht die Zeit, sich damit zu befassen und eigentlich fehlte Kirk die Zeit, sich mit dem potentiellen Attentäter auseinander zu setzen. Er hatte Giotto den Befehl gegeben, alle herunter zu bringen, bevor die Lage sich so verschlechtert hatte und, die Wahrheit war: er hatte einfach vergessen, seine Anweisung zu widerrufen. Ich beginne Fehler zu machen, dachte Kirk, wütend auf sich selbst. Wenigstens kurz wollte er mit Stevensen reden, wies Giotto aber an, die anderen dort zu lassen, wo sie waren und zu bewachen, bis die Krise vorbei war – so oder so. Kirk ging auf Stevenson zu.

„Lieutenant Stevenson, zu Ihren Diensten, Sir.“

Kirk nickte ihm zu und erwiderte:

„Wir haben wenig Zeit, Lieutenant, also will ich keine verschwenden. Wo waren Sie zur fraglichen Zeit?“

Stevenson grinste anzüglich und scharrte etwas verlegen mit den Füßen. Die Geste wirkte irgendwie aufgesetzt, fand Kirk. Kurz, bevor Kirk der Geduldsfaden riss, erklärte Stevenson:

„Ich war bei Yeoman Smith, Sir. Wenn Sie verstehen, was ich meine.“

Stevenson versuchte sich an einem Verschwörerlächeln, was jedoch völlig an Kirk abprallte. Der Captain machte zwar kein Geheimnis daraus, dass er dem weiblichen Geschlecht nicht unbedingt abgeneigt war, aber er konnte es nicht ausstehen, wenn sich jemand mit seinen Eroberungen brüstete. Daher sagte er:

„Bitte ersparen Sie sich Andeutungen, Lieutenant. Mit wem oder was Sie Sex haben, ist allein Ihre Privatsache und interessiert mich nicht. Mich interessiert allein, wo Sie waren. Also frage ich Sie: waren sie die ganze Zeit mit Yeoman Smith zusammen und wo?“

Stevenson setzte nun eine dienstliche Miene auf.

„Ja, Sir, ich war die ganze Zeit mit ihr zusammen, in meiner Kabine. Wir waren beide der Nachtschicht zugeteilt und haben mein Quartier seit ca. 800 nicht verlassen, Sir.“

„Gut, das war alles.“

Stevenson drehte sich gerade um, als Kirk ihn zurückhielt:

„Das heißt, eine Frage hätte ich doch noch. Wieso wollten Sie ausgerechnet auf die Enterprise?“

Der Lieutenant sah Kirk an, als zweifle er an dessen Verstand.

„Nun, Sir, Sie wissen sicherlich, was für einen Ruf Ihr Schiff hat, Sir. Ich wollte auf das beste Schiff, das ist alles.“

„So.“ Kirk zögerte eine Sekunde, dann sagte er: „Danke, wegtreten.“

Stevenson drehte sich endgültig um und wurde von zwei Sicherheitswächtern aus dem Maschinenraum eskortiert. Irgendetwas war Kirk aufgefallen, aber er konnte einfach den Finger nicht auf die Stelle legen. Vielleicht sehe ich schon Gespenster, wo keine sind, sinnierte er. Seine Gedanken wurden von etwas Erfreulicherem abgelenkt, als ein Raunen durch den Raum hallte. Kirk sah sich nach der Ursache um und entdeckte Scotty, der auf einer Art Antigrafstehstuhl hereingeschwebt kam. Das Ding sah aus wie Stehroller ohne Rollen, dafür allerdings mit einer improvisierten Sitzfläche. Es war beinahe greifbar, wie sehr Scottys Erscheinen die Moral der Mannschaft verbesserte. Kirk war ebenfalls nicht immun dagegen. So gut Masters auch war, Scotty war ein Unikat. Sofort steuerte der Captain Scotty an und auch Masters hatte ihren Vorgesetzen entdeckt und hastete auf ihn zu. Dr. M’Benga stand neben dem Chefingenieur. Offenbar wollte der Arzt sichergehen, dass jeder wusste, dass er mit Argusaugen über Scottys Gesundheit wachte.

„Was haben Sie nur mit meinen Babies angestellt“, seufzte der Schotte und sah Kirk bewusst anklagend an.

„Sie wissen doch, dass ohne Sie nichts läuft. Wir brauchen Sie, Scotty! Ich denke, wir lassen Sie kurz mit Lieutenant Masters allein, damit Sie sich ein Bild machen können.“

„Nicht so schnell“, schritt M’Benga ein. Der Arzt fuhr fort:

„Ich bin nicht aus Langeweile hierher gekommen oder weil ich zu wenig zu tun hätte. Mr. Scott ist eindeutig *nicht* dienstfähig und ich bitte alle, das zu beachten. Er ist lediglich als Berater her. Daher habe ich Tinitia“, er deutete auf eine schüchtern wirkende junge Frau, die bisher noch gar nicht aufgefallen war, „mit gebracht. Sie ist sozusagen Mr. Scotts persönliche Krankenschwester und wird mich sofort darüber informieren, wenn Mr. Scott etwas tun sollte, zu dem er von mir nicht ausdrücklich autorisiert ist. Ich habe Tinitia auch angewiesen, alle Drohungen von Senioroffizieren“, damit sah M’Benga gezielt Kirk an, „zu ignorieren. Was alle medizinischen Belange betrifft, so nimmt sie nur Anweisungen von mir entgegen. Ich hoffe, ich habe mich klar ausgedrückt?“

„Sehr klar, Doktor. Wir versprechen, dass wir Mr. Scott wie ein rohes Ei behandeln werden.“ Der unterschwellige Sarkasmus in Kirks Tonfall war unüberhörbar, aber M’Benga entschloss sich, ihn zu überhören. Er nickte allen Beteiligten noch mal kurz zu und verschwand dann wortlos.

Lieutenant Masters hängte sich sofort an Scotty und Kirk ließ beide für einen Moment allein. Der Chefingenieur kam aber recht schnell zu Kirk und warf einen beiläufigen Blick auf die Konsole, an der der Captain zuvor gearbeitet hatte. Für einen Augenblick fühlte sich Kirk wie ein Fähnrich, dessen Arbeit einer kritischen Prüfung unterzogen wurde. Erst auf den zweiten Blick fiel ihm auf, dass Scottys Blick glasig wirkte. Vermutlich hatte M’Benga den Chefingenieur mit Medikamenten vollgepumpt.

„Scotty?“ fragte Kirk.

Der Schotte riss seinen Blick mit einer Kraftanstrengung von der Konsole los.

„Alles in Ordnung, Scotty?“ setzte Kirk nach, obwohl er wusste, dass nichts in Ordnung war.

„Aye, Sir. Etwas wackelig vielleicht.“

Kirk nickte.

„Konnten Sie sich ein Bild machen?“

„Es wird eng, Captain. Sehr eng.“

Scottys Ernst stand in starkem Kontrast zu seinem sonstigen Optimismus. Kirk schluckte. Scotty fuhr fort:

„Das Mädchen hat alles schon ganz richtig gemacht, wir haben aber einfach nicht genug Zeit.“

„Nicht genug Zeit ist nicht genug, Mr. Scott. Sagen Sie, was Sie brauchen und Sie kriegen es.“

„Wir tun, was wir können, Sir.“

„Das weiß ich. Machen Sie weiter.“

„Aye.“

 

******

 

„Wir sterben hier doch sowieso!“

„Ach was, bis jetzt haben wir noch alles durchgestanden.“

„Irgendwann ist immer das erste Mal. Merkst du nicht, dass es schon arschkalt ist? Und die Luft ist schal. Verdammt, ich habe eine Scheißangst. Du nicht?“

„Sicher habe ich die. Aber…“

Giotto hatte die Unterhaltung der zwei Sicherheitsmänner, die das Quartier, wo Chekov und Jäger untergebracht waren, bewachten, mitgehört, bevor er um die Ecke bog. Beide verstummten schlagartig, als sie ihren vorgesetzten Offizier sahen und nahmen Haltung an. Einen Augenblick lang erwog Giotto, die beiden zu Recht zu weisen. Solche Spekulationen waren oft der Anfang vom Ende. Dann aber entschied sich der Sicherheitschef doch dagegen. Zum einen war er schlichtweg viel zu müde, um noch die Energie aufzubringen. Zum anderen konnte er es seinen Männern nicht verdenken und persönlich hatte er auch so seine Zweifel, dass sie es diesmal heil aus der Sache raus schaffen würden. Giotto war länger an Bord als die meisten anderen, hatte schon unter Pike gedient. Er kannte praktisch jeden an Bord, hielt es geradezu für seine Pflicht als Leiter der Sicherheit, über alles und jeden Bescheid zu wissen. Daher hatte er auch Freunde in der Technik und die sagten einstimmig, dass es am seidenen Faden hing. Mr. Scotts unerwartetes Erscheinen hatte einen positiven Schub gegeben, der Effekt war aber schnell verpufft, spätestens als klar war, dass der Chefingenieur körperlich nicht in der Verfassung war, um ein weiteres Wunder zu vollbringen. In 24 Minuten würden die Lebenserhaltungssysteme komplett ausfallen, es war danach nur eine Frage von weiteren Minuten, bis sie sterben würden, bis der restliche Sauerstoff aufgebraucht war. Bereits jetzt war die Luft sehr dünn. Scotty und Kirk hatten die Systeme bewusst runter gefahren, um weitere wertvolle Minuten zu gewinnen. Aber reichte es? Giotto fröstelte, obwohl er einen dicken Mantel trug, der eigentlich für Außeneinsätze gedacht war. Es war ein innerliches Frösteln. Mit realen Gefahren, damit konnte er umgehen. Das hier war nicht greifbar, weshalb er sich auf die Suche nach dem Attentäter konzentrierte und sie geradezu verbissen fortführte. Aber auch hier kamen sie nur zäh voran, getreu dem Prinzip: einen Schritt vor, zwei zurück. Im Augenblick hatten sie eine Spur und wie heiß diese war, musste sich erst noch zeigen. Jeder der Verdächtigen bestritt eine Beteiligung vehement. Natürlich hatte Giotto mit Kirk auch die Möglichkeit diskutiert, dass sich der wahre Täter nicht unter den Neuzugängen befand. Aber sie waren sich einig gewesen, dass diese Option unwahrscheinlich war. Bei einigen der vorherigen Missionen hätte es viel bessere Möglichkeiten gegeben, das Schiff in die Luft zu jagen, noch dazu mit viel weniger Aufwand.

„Irgendwelche Vorkommnisse?“ fragte Giotto seine Männer.

„Keine, Sir!“

Giotto nickte und verzichtete auf weitere Kommentare. Er holte das Datenpad aus seiner Anorak-Tasche, drehte es ein paar Mal. Dann betrat er den Raum. Zuerst hatten sie die Verdächtigen in ihren Quartieren festgesetzt, inzwischen jedoch hatte Giotto einige Gästekabinen dafür reserviert. In erster Linie hatte das praktische Gründe, denn die Quartiere aller Verdächtigen lagen weit auseinander und es hatte einfach zuviel Zeit gekostet, ständig von einem zum nächsten zu kommen. Außerdem hatte Giotto darauf bestanden, die Kabinen der Verdächtigen gründlich zu durchsuchen. Vielleicht fanden sie dort noch Beweisstücke und tatsächlich hatte er nun endlich den ersten Anhaltspunkt.

Bisher waren sie zwar immer noch nicht an die gelöschten Protokolle herangekommen, die ihnen eventuell etwas darüber mitteilen konnten, wie die Nanobots an Bord gekommen waren. Allerdings hatte Giotto eben jenes Datenpad gefunden, das er gerade in Händen hielt. Er hatte es von einen Mitarbeiter aus Mr. Spocks Abteilungen untersuchen lassen und damit hatten sie die erste heiße Spur: das Datenpad enthielt ein Programm mit einem Verschlüsselungsalgorithmus, welches dazu verwendet worden war, die Protokolle zu löschen und sie unter Spocks Verschlüsselung zu stellen. Auch dieses Programm trug die Signatur Commander Spocks, gefunden hatten sie das Pad aber im Quartier von Chekov. Mit dem Programm hätte jeder die Protokolle schützen können, Vorkenntnisse waren keine erforderlich. Und Chekov hatte seit seiner Ankunft auf der Enterprise auch kurz die wissenschaftliche Sektion durchlaufen. Der Fähnrich bewohnte seine Zweimannkabine eigentlich zusammen mit Fähnrich Johnson, der aber zu den bei den Anschlägen getöteten gehörte. Von daher war wohl davon auszugehen, dass das Pad Chekov zuzuordnen war. Als Giotto die Kabine betrat, entdeckte er, dass sich Lieutenant Jäger und der Fähnrich, die er beide hier hatte unterbringen lassen, die Zeit mit 3D Schach vertrieben. Das Schiff stand kurz vor der Vernichtung, praktisch alle an Bord arbeiten sich den Arsch ab und die beiden schlugen ihre Zeit mit Spielen tot! Nach außen hin ließ sich Giotto nichts anmerken und sein eher ruhiges und besonnenes Naturell half ihm, seinen Ärger runterzuschlucken. Dass beide nichts anderes tun konnten als schlafen oder spielen beruhte auf seinen eigenen Befehlen.

Chekov saß mit dem Rücken zur Tür und Giotto hörte ihn gerade sagen:

„Wussten Sie schon, dass Schach in Russland erfunden wurde? Es heißt, dass…“

Jäger hatte den Leiter der Sicherheitsabteilung entdeckt und gestikulierte in seine Richtung, was Chekov zum Verstummen brachte. Beide Verdächtige standen auf und sahen Giotto an, der sich völlig auf Chekov konzentrierte. Der Sicherheitschef hielt das Datenpad wie eine Trophäe hoch und wedelte triumphierend damit vor Chekovs Nase.

„Kommt Ihnen das bekannt vor, Fähnrich?“ fragte er. Der junge Russe sah ihn nur verständnislos an und nun kroch doch etwas von Giottos Ärger mit in seine Stimme, als er fortfuhr:

„Sie sind ein schlechter Schauspieler und ich kann Ihnen versichern, dass das nichts bringt. Wir haben das hier“, er wedelte etwas heftiger mit dem Pad, „in Ihrem Quartier gefunden und sicher finden wir noch weitere Beweise. Also legen Sie jetzt besser ein Geständnis ab, Sie verschlimmern sonst noch Ihre Lage.“

„Sir, ich weiß nicht, was das ist, Sir. Und ich habe nichts zu gestehen. Das ist alles ein Komplott!“

Giotto lächelte mitleidig.

„Wer sollte Ihnen etwas anhängen wollen? Dafür sind Sie nicht wichtig genug. Sie bleiben also bei Ihrer Aussage?“

„Natürlich. Ich habe nichts getan. Ich…“

„Sie sollten noch mal darüber nachdenken, Fähnrich, und denken Sie schnell. Sobald der Computer wieder einsatzfähig ist, werden wir Sie einem Lügendetektortest unterziehen, dann kommt die Wahrheit ohnehin ans Licht. Sie verschlimmern Ihre Lage nur.“ Giotto wandte sich seinen Leuten zu.

„Steckt ihn in eine Einzelzelle bzw. -kabine. Ich will, dass er ständig unter schwerer Bewachung steht. Wenn er eine Aussage machen will, dann ruft mich sofort.“

Die Sicherheitswachen nickten, riefen ein paar Kollegen und führten Chekov ab, der heftig zu zetern begann. Offenbar fängt er an zu begreifen, wie seine Lage aussieht, dachte Giotto mit Abscheu. Chekov in Einzelhaft zu stecken war eine bewusste Maßnahme, um psychologischen Druck auf den jungen Mann auszuüben. Was ihn wohl dazu getrieben haben musste? Giotto war inzwischen von seiner Schuld überzeugt, aber zu gut in seinem Job, um nicht auch allen anderen Spuren nachzugehen. Der Sicherheitschef wartete, bis Chekov aus der Tür und außer Hörweite war. Seine Unschuldsbekundigungen und die Frage, was denn überhaupt auf dem Pad wäre, hallten aber noch lange nach und hinterließen eine unangenehme Stille. Schließlich wandte Giotto sich an Jäger.

„Lieutenant, es tut mir leid, dass sie noch etwas weiter hier bleiben müssen. Die Beweislage hat sich zwar verdichtet, aber ich muss alle Möglichkeiten so lange ausloten, bis die Wahrheit eindeutig bewiesen ist.“

Jäger lächelte leicht. Er war etwas älter als Giotto und fühlte sich dem Mann unter der sonst eher jungen Crew daher verbunden. „Ich verstehe, Commander. Ich nehme es Ihnen auch nicht übel. Wir tun alle nur unsere Pflicht, nicht wahr?“

„Ja, das tun wir“, bestätigte Giotto versonnen. Dann drehte er sich ohne ein weiteres Wort um und verließ die Kabine, deren Türen weiterhin offen standen und von zwei Sicherheitswächtern bewacht wurden.

 

******

 

„Das ist es“, meinte Scotty. Seine Stimme klang leise und schleppend, war gekennzeichnet durch Müdigkeit und Schmerz. Der Chefingenieur dirigierte gerade Lieutenant Masters, die sichtbar nervös wurde, unter dem kritischen Blick ihres direkten Vorgesetzten und auch noch unter dem des Captains Reparaturen auszuführen, von deren Gelingen ihrer aller Überleben abhing.

„Nein, weiter rechts, weiter rechts“, sagte Scotty und wedelte aufgeregt mit der Hand.

Masters seufzte.

„Wir sollten sie lieber alleine machen lassen, was meinen Sie, Scotty?“ Kirk hatte sich an den Chefingenieur gewandt, der sich widerstrebend abwendete. Masters warf dem Captain einen dankbaren Blick zu und führte die letzten Handgriffe durch. Als sie fertig war, überprüfte sie noch einmal alles, konnte aber keinen Fehler finden. Sie warf einen Blick auf die Uhr. Noch vier Minuten, bis die Lebenserhaltung ausfiel. Charlene Masters atmete tief durch, stand dann auf.

„Das sollte es gewesen sein, Sir.“

Kirk und Scotty drehten sich gleichzeitig zu ihr um.

„Zeit, den Hebel umzulegen, nicht?“ meinte Kirk.

Lieutenant Masters wollte es Kirk überlassen, den entscheidenden Knopf zu drücken, aber der Captain schüttelte nur mit dem Kopf.

„Die Ehre gebührt Ihnen. Nur zu!“

Masters holte noch einmal tief Luft. Dann betätigte sie den Schalter und augenblicklich wurde die nur düstere Notbeleuchtung von normaler Helligkeit abgelöst. Sie zögerte einen Moment, dann breitete sich ein Strahlen auf ihrem Gesicht aus. Sie hatten es geschafft, sie hatten es tatsächlich geschafft! Die gleiche Erleichterung, die sie fühlte, konnte sie auch auf den Gesichtern aller anderen um sie herum sehen.

„Großartig, Mädchen, einfach groß…“

Scottys Lob ging in einem lauten Knall unter, das von völliger Finsternis begleitet wurde. Kurz darauf ging die Notbeleuchtung wieder an.

„Das war’s dann wohl“, meinte irgendeiner der Ingenieure und warf seinen plasmatischen Ferungulator wütend in die Ecke. Es war mucksmäuschen still, keiner sagte etwas. Der ganze Raum wirkte paralysiert. Kirk fing sich als erster.

„Ladies und Gentlemen, wir sind noch nicht tot. Also zurück an die Arbeit! Lieutenant Masters, finden Sie heraus, was passiert ist. Scotty?“

Scotty schien in den letzten Augenblicken um Jahre gealtert zu sein. Lieutenant Masters und auch alle anderen wendeten sich wieder ihren Konsolen zu. Die allgemeine Hoffnungslosigkeit war fast greifbar. Sie befolgen den Befehl des Captains, aber sie glaubten nicht mehr an Rettung. Ihnen blieben nur noch Minuten. Die düstere Atmosphäre wurde von einer Reihe von Fähnrichen unterbrochen, die gleich dutzendweise in den Maschinenraum strömten, voll bepackt. Kirk lächelte schwach. Zum Teufel, wenn er aufgeben wollte, bevor es nötig war. Einer der Fähnriche ging direkt auf Kirk zu, drückte ihm etwas in die Hand.

Der Captain nickte dankbar, meinte dann zu dem jungen Mann:

„Danke, ich mach das schon. Haben Sie auch dafür gesorgt, dass niemand vergessen wird?“

Entrüstung zeichnete das junge Gesicht. „Aber Sir! Wir haben mit Lieutenant Rogers die Liste genau abgearbeitet und… „

„Ja, danke, das reicht. Gute Arbeit, Wilson!“ Dann erhob Kirk seine Stimme, bemüht, den ganzen Raum zu erreichen.

„Wir haben zwar einen Rückschlag erlitten, aber wir sind nicht am Ende. Fähnrich Wilson und seine Begleiter hier haben Lebenserhaltungsgürtel mitgebracht, für jeden einen. Legen Sie ihn an und überprüfen Sie, dass der Gürtel funktionsfähig ist. Schalten Sie ihn erst ein, wenn es absolut notwendig wird. Als Mitglieder der technischen Abteilung wissen Sie viel besser als ich, wie lange die Energiereserven halten. In jedem Fall haben wir damit ein paar Stunden gewonnen.“ Kirk nickte Wilson noch einmal zu, der die Geste richtig interpretierte und mit seinem Trupp den Raum abschritt, jedem einen Gürtel aushändigte und auf einer ganz ordinären Papierliste abhakte, wer bereits einen hatte.

Scotty grinste Kirk an. Der Captain legte sich gerade selbst einen Gürtel um.

„Sie Teufelskerl! Wann haben Sie daran gedacht, Sir? Die Gürtel müssen doch aufgeladen werden!“

„Die Gürtel waren alle aufgeladen, Scotty. Aber ich habe Wilson kurz nach der Explosion zu mir gerufen, um alles zu überprüfen. Ich wollte das als letzte Option in der Hinterhand haben. Eigentlich hatte ich gehofft, dass wir sie nicht brauchen würden, aber es ist immer gut, einen Plan B zu haben.“

„Aye, das können Sie laut sagen.“

Scotty erinnerte sich daran, dass Kirk erst vor drei Monaten einen erbitterten Streit mit Admiral Komack über die Lebenserhaltungsgürtel geführt hatte. Komack bevorzugte die technisch etwas veralteten Raumanzüge, die allerdings bei Einsätzen im Weltraum auch einige Vorteile gegenüber den kleineren Gürteln hatten, die ein schützendes Energiefeld um den Träger legten. Nicht zuletzt, weil sie billiger waren. Kirk hatte dennoch darauf bestanden, genug Gürtel für alle Besatzungsmitglieder an Bord mitzuführen und hatte nicht nachgegeben. Am Ende hatte Komack einfach keine Lust gehabt, sich weiter mit Kirk herumzustreiten und ihm diesen Spleen, wie er es nannte, genehmigt, vorausgesetzt, der Captain würde zur Finanzierung den spärlichen Etat verwenden, über den jeder Raumschiffkommandant frei verfügen konnte. Als Konsequenz waren einige kulinarische Spezialitäten kurzzeitig von dem Speiseplan der Mannschaft gestrichen worden, was einiges Gemurre nach sich gezogen hatte. Vermutlich würden die gleichen Leute nun nicht mehr murren, dachte Scotty. Sie hatten damit rund fünf Stunden gewonnen. Hoffentlich wurde niemand von dem Totalausfall völlig überrascht. Meist gab es immer einige wenige, die auch die offensichtlichste Nachricht überhörten und in ihr Verderben rannten.

Während Wilson noch durch die Reihen schritt, wandte sich Kirk an Scotty.

„Zeit für eines Ihrer Wunder, Mr. Scott.“

Der Schotte seufzte.

„Ich kann Ihnen keines anbieten.“

„Muss ich Sie erst entlassen, damit Ihnen was einfällt?“

Ein schwaches Lächeln überflog die Lippen des Ingenieurs. Es war ein nicht ganz ernst gemeinter Wortwechsel, der in Krisensituationen wie diesen zwischen ihnen öfters stattfand, meist immer dann, wenn die Situation wirklich schlimm aussah. Und die hier sah wirklich sehr schlimm aus. Scotty verzog sein von vielen Sorgenfalten durchfurchtes Gesicht.

„Captain, wir müssen erstmal herausfinden, woran es liegt, und dann…“

Charlene Masters war zu ihnen getreten und hielt ein verkohltes Etwas in der Hand.

„Wir wissen, was passiert ist.“ Sie wedelte mit dem Gegenstand. „Der Energieumleiter ist durchgeknallt, das ist los.“

„Lassen Sie mich raten: das war ihr letzter?“ setzte Kirk ironisch hinzu.

„Aye, das war er“, bestätigte Scotty.

„Also bauen Sie einen neuen.“

„Sir, so einfach ist das nicht, wir…“ warf Masters ein. Kirk unterbrach sie:

„Dass das nicht einfach wird, hat auch niemand behauptet. Also mal zur Sachlage, bitte unterbrechen Sie mich, wenn Sie etwas zu ergänzen haben. Erstens: die Energie ist zwar da, aber wir kommen nicht heran. Zweitens: eine Reparatur zur Umleitung der Energie an der richtigen Stelle hat nicht funktioniert. Drittens: wir haben nicht die nötigen Ersatzteile. Soweit richtig?“ Masters und Scott nickten. Kirk fuhr fort:

„Sie haben bislang versucht, die Energiekontrollen zu reparieren, während andere Teams an den Konsolen für die Lebenserhaltung gebastelt haben. Die Energiekontrollen haben soeben den Geist aufgegeben, schön. Aber was ist mit dem Warptriebwerk? Gibt es keine Möglichkeit, Antrieb und Lebenserhaltung zu verbinden?“

„Das Warptriebwerk braucht aber seine Zeit, um warm zu werden, und…“

Scotty schmunzelte. „Ich glaube, Mädchen, dass das nach PSI 2000 niemand mehr vergessen wird, dass ein Warptriebwerk vorgewärmt werden muss und außerdem legt wohl keiner einen gesteigerten Wert auf einen weiteren Kaltstart.“

„Richtig, aber können Sie das Warptriebwerk starten? Mit den Gürteln haben wir Zeit gewonnen, wir…“

Wie aufs Stichwort wurde es dunkel, die Schwerkraft fiel aus und beinahe automatisch schalteten Scotty, Masters und Kirk ihre Gürtel an. Irgendjemand hatte ein paar Handlampen angemacht, die die verfügbare Helligkeit noch einmal erheblich reduzieren. Aber immerhin standen sie nicht ganz im Dusteren. Ein Schatten kroch über Kirks Züge. Vermutlich dachte er das gleiche, was auch Scotty dachte. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit würde es Tote geben, irgendjemand, der doch keinen Gürtel hatte oder eingeschlafen war und ihn nicht eingeschaltet hatte, bis es zu spät war. Auch für die Krankenstation war die Situation ein großes Problem, denn mit den Energiefeldern war eine sinnvolle Behandlung der Patienten nicht mehr möglich. Kirk hatte daher einen Notstromaggregator, der auf altmodischer Verbrennung beruhte, in die Krankenstation schaffen lassen. Die Krankenstation verfügte über einen zweiten, separaten Lebenserhaltungskreislauf mit Schwerkraft, weil dieser Bereich als besonders sensible Schiffssektion galt. Das Notstromaggregat war jedoch definitiv das letzte Ass, was Kirk im Ärmel gehabt hatte und der Generator würde bereits in zwei Stunden schlapp machen.

Als wäre nichts gewesen, nahm er die Unterhaltung wieder an der Stelle auf, wo der Energieverlust sie unterbrochen hatte. Er konnte es sich nicht leisten, weitere Zeit zu verschwenden und alles andere war bereits gesagt und getan worden.

„Also, können Sie das Warptriebwerk starten und wenn ja, wie schnell?“

„Nun ja“, meinte Scotty gedehnt, während er intensiv nachdachte. „Vielleicht…“

Masters wirkte plötzlich sehr aufgeregt. „Sir, an der Stellte, wo die Dilithiumkristalle eingesetzt werden – was wäre, wenn wir dort einen entfernen und eine Schaltung basteln, um… „Scottys Gesicht hellte sich auf: „Ja, das könnte gehen. Was stehen Sie hier noch so herum, Mädchen! An die Arbeit!“

„Aye, Sir. Bin schon unterwegs.“

Damit schwebte die Frau von neuer Kraft erfüllt davon, sammelte hier und da Leute ein und zog mit ihnen in Richtung Warptriebwerk von dannen.

„Bleibt jetzt die Umleitung zur Lebenserhaltung.“ sagte Kirk.

„Mmh, das wird schwierig. Aber…“

Scotty schob Kirk in Richtung der Konsole für die Lebenserhaltung und verscheuchte seine Männer, die ihre beiden Vorgesetzten daraufhin ratlos anstarrten.

„Öffnen Sie mal das Schott da, ich komme so nicht runter“, wies Scotty Kirk an und deutete auf seinen Stehroller. Erst da fiel ihm auf, dass er seinem kommandierenden Offizier einen Befehl gegeben hatte und grinste betreten. Kirk aber war bereits auf die Knie gegangen und öffnete das Schott im Boden, eines der wenigen, das wieder an seinem Platz gewesen war.

„Hier“, meinte Kirk und deutete auf das darunter befindliche Kabelgewirr.

„Nein, weiter rechts. Aye, dort. – Rawlings, Yamada, herkommen“. Scotty brüllte durch den Raum und zwei Leute eilten herbei. Der Chefingenieur erklärte den beiden, was sie tun sollten und zusammen mit Kirk machten sie sich ans Werk.

 

******

 

Weitere knapp zwei Stunden später waren sie bereit für einen weiteren Versuch. Seit der Explosion waren mittlerweile rund 40 Stunden vergangen, die Nerven aller lagen blank. Im Maschinenraum war jedem klar, dass es keinen weiteren Versuch geben würde. Masters hatte einen Umgehungskreislauf gebastelt und das Warptriebwerk schon vor einer Stunde angeworfen. Nun musste sich zeigen, ob die Energie des Triebwerks in die Lebenserhaltung geleitet werden konnte. Diesmal erledigte Scotty den letzten Handgriff. Als normale Beleuchtung und Schwerkraft mit einem Mal wieder einsetzten, hielten alle den Atem an. Niemand wagte zu jubeln, zu frisch war das zu vorzeitige Frohlocken allen im Gedächtnis. Sekunden vergingen, dann eine Minute. Langsam entspannten sich die Mienen. Aus den Augenwinkeln sah Kirk einen Mann, der seinen Lebenserhaltungsgürtel ausschalten wollte und brüllte gerade noch eben ein „Halt“ durch den Raum. Der Mann machte einen zerknirschten Eindruck, er hatte verstanden. Kirk schloss für einige Sekunden müde die Augen. Wenn schon ein Mitarbeiter der technischen Abteilung vergaß, dass es seine Zeit brauchte, bis das Schiff wieder von Sauerstoff geflutet sein würde: wie viele aus den anderen Abteilungen würden es dann ebenfalls vergessen? Der komplette Ausfall der Lebenserhaltung und der Umstieg auf die Gürtel hatte aller Voraussicht nach drei Leuten das Leben gekostet. Einer war im Schlaf erstickt, ein anderer war bewusstlos gewesen, als die Luft ausging. Der dritte hatte schlicht falsch reagiert, war in Panik geraten und letztendlich erstickt, bevor der rettende Gürtel umgelegt und aktiviert werden konnte. Kirk schmeckte bittere Galle, als er an diese weiteren Opfer dachte. Wenn er doch schon früher auf die Idee gekommen wäre, das Warptriebwerk zu benutzen… Reiss’ dich zusammen...

 

******

 

Nach einer Stunde hatte sich die Stimmung auf dem ganzen Schiff nachhaltig verbessert. Obwohl sie in einer kaum zu gebrauchenden Schuttwüste lebten, war die Atmosphäre beinahe ausgelassen. Dem sicheren Tod so knapp entronnen zu sein rückte einige Perspektiven wieder gerade. Aber es gab noch so unendlich viel zu tun. Wenn sie nur über schiffsweite Kommunikation verfügt hätten, dachte Kirk bitter, hätte es vielleicht weniger Opfer gegeben. Hätte, hätte… zu spät.

Kirk wusste, dass er völlig alle war und dass es seinen Senioroffizieren genauso ergehen musste. Er befahl daher Masters, Scotty, Giotto und M’Benga, sich erst in frühestens sechs Stunden wieder blicken zu lassen und zog sich selbst in sein Quartier zurück. M’Benga, der über Spocks und McCoys Zustand keine Neuigkeit zu berichten hatte, war über soviel Weitblick von Seiten des Captains angenehm überrascht. Kirk hatte sich nicht die Mühe gemacht, sich auszuziehen, als er in seiner Kabine ankam. Er lief schnurstracks auf das Bett zu und war praktisch in der Sekunde eingeschlafen, in der er sich auf seine Koje fallen ließ.

 

„Sir, bitte wachen Sie auf!“ Ein nachhaltiges Rütteln an der Schulter. Kirk drehte sich um, versuchte, den Störenfried los zu werden. Das Rütteln kam wieder, heftiger diesmal.

„Es tut mir sehr Leid, Sir, aber bitte wachen Sie auf!“

Allmählich drangen die Worte und deren Bedeutung in Kirks Bewusstsein. Schwerfällig öffnete er die Augen und nahm zuerst nur verschwommene Schemen war.

„Waschist“, nuschelte er undeutlich, als er sich aufsetzte.

„Sir, es hat eine weitere Explosion gegeben. Wir…“

„Verletzte?“ Kirk war schlagartig hellwach.

„Keine. Es sind auch keine weiteren Systeme beeinträchtigt worden.“

Sind wohl keine mehr übrig, was? dachte Kirk. Er stand auf und spürte, wie sein Kreislauf absackte. Der Raum drehte sich, er stolperte und hielt sich gerade noch am Raumteiler fest. Gleichzeitig stieg das inzwischen bekannte Kratzen in seinem Hals wieder auf. Der Hustenanfall schien ewig zu dauern, Augenblicke, in denen Kirk nur schwarze Punkte sah. Allein die Präsenz des anderen menschlichen Wesens ließ ihn an der Realität festhalten, die mühsam wieder an Konturen gewann.

„Alles in Ordnung, Sir?“ fragte der junge Mann besorgt. Er umklammerte Kirks Arm geradezu schraubstockartig. Als der Captain nickte, nahm der Fähnrich seine Hand schnell zurück, beinahe so, als hätte er sich verbrannt. Das ganze war dem jungen Besucher offensichtlich peinlich.

„Erzählen Sie weiter“, forderte Kirk ihn auf. Er straffte seine Gestalt und hatte beschlossen, die Szene von eben besser unkommentiert zu lassen.

„Die Explosion hat Fähnrich Chekovs Quartier völlig zerstört. Der Raum war leer. Die Sicherheit hatte ihn bereits durchsucht, aber offensichtlich wurde dabei ein weiterer Sprengsatz übersehen. Er steckte im Computersystem, gleiche Bauart wie zuvor.“

„Weiß Giotto schon Bescheid?“

„Nein, Sir. Wir dachten, wir verständigen erstmal Sie. Soll ich Commander Giotto….“

Kirk warf einen Blick auf die Uhr und stellte fest, dass er knappe drei Stunden geschlafen hatte. Soviel dazu, wenn er einmal einen ärztlichen Rat befolgte.

„Lassen Sie Lieutenant Commander Giotto, wo er ist. Er wird es noch früh genug erfahren. Bis dahin sehe ich mir die Sache erstmal an.“

 

******

 

Vom Quartier des Fähnrichs war nicht mehr viel übrig. Die Bezeichnung „verkohlte Höhle“ kroch durch Kirks Bewusstsein. Kirks Kontakt zu dem jungen Russen hatte bis dato nur aus wenigen Worten bestanden, aber Berichten seiner Abteilungsleiter zufolge hatte der Fähnrich durchaus Potential gezeigt, war aufmerksam und wissbegierig gewesen. Kirk hatte sogar mit dem Gedanken gespielt, ihn auf die Brücke zu holen, da es in den letzten Monaten niemand lange auf dem Posten des Navigators ausgehalten hatte. Die Beweislast jedoch war inzwischen absolut erdrückend. Kein Alibi, Anwesenheit in allen Bereichen, das Programm mit Spocks Signatur, wo Chekov zuvor auch in der wissenschaftlichen Abteilung gearbeitet hatte und nun der Sprengsatz. Alles deutete darauf hin, dass Giotto Recht hatte. Soviel zu meiner Intuition, dachte Kirk säuerlich.

„Sollen wir die anderen Verdächtigen freilassen, Sir?“

Kirk sah sich versonnen nach dem Sicherheitswächter um, dessen Anwesenheit ihm fast entfallen war. Einen Moment erwog der Captain tatsächlich, die anderen auf freien Fuß zu lassen, entschied sich dann aber für einen Kompromiss.

„Nein. Lockern Sie die Bewachung, die anderen sollen zu ihren Aufgaben zurückkehren, aber stellen Sie sicher, dass sie nie alleine sind. Mindestens eine Person soll zu jeder Zeit bei ihnen sein.“

„Aye Sir. Und Fähnrich Chekov?“

„Belassen Sie ihn vorläufig in der Zelle. Ach, und: haben Sie sichergestellt, dass wir keine weiteren Überraschungen erleben werden? Keine weiteren Sprengsätze?“

Der Sicherheitswächter sah Kirk gequält an.

„Nun, Sir, so einfach ist das nicht. Wir bräuchten Scanner, um weitere Sprengsätze aufzuspüren und…

„Sagen Sie es nicht: die Scanner funktionieren noch nicht.“

„Richtig.“

Kirk seufzte leise. Es war zum Auswachsen! Laut sagte er:

„Gut, aber durchsuchen Sie wenigstens die Quartiere der anderen Verdächtigen. Konnten Sie lokalisieren, wo der Sprengsatz in Chekovs Quartier untergebracht war?“

„Im Lüftungsschacht. Wir konnten das ziemlich genau eingrenzen.“

„Gut, dann sehen Sie in den Schächten der anderen Kabinen besonders gründlich nach.“

„Aye, Sir, machen wir.“

„Wegtreten.“

Nachdem der Mann gegangen war, starrte Kirk noch einen Moment weiter in das rußgeschwärzte Etwas, das einmal ein Raum gewesen war. Versonnen nagte er an seiner Unterlippe. Irgendetwas stimmte nicht, aber was? Müdigkeit vernebelte seine Gedanken, an Schlaf war aber nicht zu denken. Eine weitere Schwindelwelle erfasste ihn und er musste einige Male tief Luft holen, um den Nebel in seinem Geist zu vertreiben. Endlich wieder Herr seiner Sinne verließ er die Kabine. Fast schon ohne bewussten Entschluss machte sich Kirk auf den Weg in die Krankenstation, die nach wie vor überfüllt war. Wie angeordnet war M’Benga nicht anwesend, dafür bedachte Chapel sein Eintreffen mit einem bösen Blick. Ohne Worte schien sie zu sagen: „Was machen Sie hier?“

Kirk hob abwehrend die Hände, gab stumm zur Antwort: „Es ist nicht meine Schuld.“

Laut sagte er: „Irgendwelche Änderungen?“

Chapel schüttelte den Kopf und antwortete:

„Nein, oder besser gesagt: keine Änderungen zum Schlechten. Die Patienten sind alle versorgt. Dr. M’Benga wies mich darauf hin, dass Mr. Spock bald aus seiner Trance erwachen wird und hat mich angewiesen, alles zu tun, was er von mir verlangen wird, so ungewöhnlich mir das vorkommen mag. Keine Ahnung, was er damit meint.“

„Kann ich ihn sehen?“

„Sicher.“

Der Captain folgte Chapel in einen separaten Raum, der sonst, wie Kirk wusste, als Abstellkammer genutzt wurde. Etwas belustigt fragte sich der Captain, was sein Freund wohl dazu sagen würde. Die Schwester schien seine Gedanken zu erraten.

„Wir hatten einfach nicht genug Platz. Für Mr. Spock ist eine ständige Überwachung der normalen Vitalparameter nicht notwendig, ein mobiler Sensor reicht völlig. Und da wir ihn irgendwo in der Nähe separieren wollten, war es nur logisch, ihn hier einzuquartieren.“

„Sie müssen sich nicht entschuldigen, Schwester. Ich denke, Spock weiß Ihre Logik durchaus zu schätzen.“

Chapel errötete leicht. Verlegen sagte sie:

„Äh, naja, ich denke, Sie kommen allein zurecht?“

„Durchaus. Danke.“

Als Chapel gegangen war, sah Kirk auf seinen Freund herab, der sich unruhig drehte. Spock hatte ihm von der vulkanischen Heiltrance erzählt und so wusste Kirk auch, dass physische Gewalt erforderlich war, um einen Vulkanier wieder zu beleben. Vermutlich hatte M’Benga darauf angespielt, als er Chapel kryptische Andeutungen gemacht hatte. Wieso hatte er ihr nicht gleich erzählt, was zu tun war?

In diesem Moment fing Spock an zu erwachen. Profunde Erleichterung durchströmte Kirk. Mit Spock an seiner Seite würden sie den Attentäter finden und endlich Licht in das Dunkel bringen. Es kostete Kirk Überwindung, aber schließlich versetzte er Spock ein paar Ohrfeigen, die einem Menschen den Kiefer gebrochen hätten.

Kirk holte gerade ein weiteres Mal aus, als seine Hand schraubstockartig festgehalten wurde. „Das reicht, Sir.“

„Spock!“ Kirk lächelte erleichtert. „Wie geht es Ihnen?“

„Meine Rekonvaleszenz verlief zufrieden stellend. Wie stellt sich der augenblickliche Status dar?“ Der Vulkanier setzte sich auf.

Für einen Moment wusste Kirk einfach nicht, wo er anfangen sollte. Die Erleichterung, die ihn durchströmte, machte zudem klares Denken schwierig. Schließlich riss sich Kirk zusammen und begann seinen Bericht. Er erzählte immer noch, ohne das Spock ihn unterbrochen hatte, als Chapel zurückkehrte. Sofort stahl sich ein Ausdruck von Erleichterung und Missbilligung auf ihre müden Züge. Erneut ersparte sie sich einen entsprechenden Kommentar. Spock erhob sich von seiner Liege.

„In Abwesenheit der leitenden Ärzte halte ich es für angeraten, mich in Anbetracht der Situation selbst aus der Krankenstation zu entlassen. Ich melde mich in fünf Minuten zum Dienst, Captain, nachdem ich meine Kleidung gewechselt habe. Wo treffe ich Sie dann an?“

Kirk schmunzelte, kam aber nicht zum Antworten.

„Mo-Ment!“ erklärte Chapel gedehnt. „So schnell geht das nicht. Sie, Mr. Spock, müssen noch untersucht werden, bevor Sie gehen können. Sie sind schließlich gerade aus dem Koma erwacht.“

„Schwester, ich bin nicht aus einem Koma erwacht sondern aus einer Heiltrance. Es besteht ein signifikanter Unterschied, der sich vor allem darin äußert, das…“

Kirk unterbrach Spock mit einem Blick. An Chapel gewandt fuhr der Captain fort: „Sie haben doch einen Mediscanner in der Hand. Sagen Sie mir, wie es ihm geht.“ Die Schwester folgte automatisch Kirks Befehlston und ärgerte sich über sich selbst, als sie mit dem kleinen Scanner bereits über Spocks Körper fuhr. Als gute Schwester und Biochemikerin, und, wie sie sich eingestehen musste, auch aus einem gewissen privaten Interesse heraus, wusste sie recht genau, wie Spocks Werte zu interpretieren waren. Tatsächlich näherten sich Spocks Vitalparametern Werten an, die für den vulkanisch-menschlichen Hybriden als normal anzusehen waren. Sie seufzte und kapitulierte. „Also schön, Mr. Spock. Sie dürfen gehen. Aber bitte melden Sie sich alle zwei Stunden in der Krankenstation, bis Dr. McCoy oder Dr. M’Benga Sie durchchecken konnten. Und falls Sie nicht rechtzeitig hier auftauchen, seien Sie versichert, dass ich nicht davor zurückschrecken werde, die Sicherheit nach Ihnen suchen zu lassen.“

„Davon bin ich überzeugt. Eine Kontamination mit Dr. McCoys Angewohnheiten scheint unausweichlich. Captain, wo kann ich Sie antreffen?“

„Am besten in Scottys Büro. Sie können sich dort einen Überblick über die Lage verschaffen und Giotto hat dort auch den geschützten Trikorder deponiert. Haben Sie irgendwelche Daten kodiert, Spock?“

„Sir?“ Kirk sah schon an Spocks eigentlich stoisch-unbewegten Gesichtsausdruck, dass der Vulkanier nichts mit der Kodierung zu tun hatte. Die Sache wurde immer rätselhafter. Gleichzeitig war Kirk enorm erleichtert. Spock war die Person, der er am meisten vertraute.

„Ich erkläre es später“, ergänzte Kirk und fügte ein „Wegtreten“ hinzu.

Spock, der die Arme hinter dem Rücken seiner Patientenkluft verschränkt hatte, nickte würdevoll und verließ die Station. Kirk erhob sich ebenfalls und sagte nach Spocks Verschwinden ohne weitere Einleitung:

„Ich brauche eine Stimulanz.“

„Das geht nicht.“ Chapels Antwort kam so schnell, als hätte sie sie vorbereitet. Vermutlich hatte sie das sogar, fuhr es Kirk durch den Kopf.

„Christine, wir sollten uns die Diskussion sparen.“ Er lächelte sie an und bemühte sich um einen besonders gewinnenden Gesichtsausdruck.

„Sparen Sie sich Ihren Charme, Captain. Dr. McCoy reißt mir den Kopf ab, wenn ich tue, was Sie verlangen.“

„Das wird er nicht, er kennt die Notwendigkeiten.“

„*Er* weiß, dass die Notwendigkeit nach Schlaf nicht beliebig lange unterdrückt werden kann. Insbesondere nicht bei Rauchvergiftung.“

Kirk seufzte.

„Ich verstehe Ihre Bedenken und weiß Ihre Sorge zu schätzen. Sie kennen die Lage. Wenn ich tue, was sie möchten, weckt mich in den nächsten zehn Minuten der nächste. Das kann dann ja wohl auch nicht gesund sein. Also, was schlagen Sie vor?“

Chapel kämpfte mit sich. Dann holte sie eine Spritze hervor. Ganz offensichtlich hatte sie nur auf Kirks Bitte gewartet und sich schon entsprechend vorbereitet. Kirks Blick heftete sich dann auch belustigt für einen Moment an Chapels Hand fest. Stumm verabreichte sie ihm das Aufputschmittel, wobei sie ein Gesicht zog, als hätte sie gerade in besonders saure Zitronen gebissen.

„Danke“, meinte Kirk schlicht und stand auf. Ohne ein weiteres Wort machte sich der Captain auf den Weg zum Maschinenraum und nicht nur das Aufputschmittel sorgte dafür, dass er sich ungleich besser fühlte als noch einige Minuten zuvor. Mit Spock an seiner Seite konnte er alles schaffen. So kam es ihm jedenfalls oft vor, zusammen waren sie ein unschlagbares Team. Gemeinsam würden sie eine Lösung finden und auch den Attentäter und dessen Gründe zweifelsfrei entlarven. Allerdings beruhigte Spocks Erwachen nicht nur den Offizier in Kirk sondern auch den Menschen. Als Captain war er auf eine gut funktionierende Crew angewiesen und Scotty, Spock und Pille gehörten zweifelsfrei dazu. Aber sie waren eben mehr als das, sie waren seine Freunde. Erst jetzt realisierte er, wie allein er sich ohne sie gefühlt hatte. Jetzt musste nur noch Pille wieder zu sich kommen…

 

******

 

Im Maschinenraum war Spock bereits in Scottys Büro und warf einen Blick auf das Programm mit seiner Signatur, dass die Transporterprotokolle gelöscht hatte. Scotty selbst war nicht zugegen. Der Chefingenieur hatte dem ärztlichen Drängen nachgegeben und ruhte in seiner Kabine. Kirk hatte der ärztlichen Anweisung mit einem Befehl Nachdruck verliehen. Auch Masters hatte Kirk für einige Zeit aus dem aktiven Dienst entlassen. So war er mit Spock allein, als er in Scottys Büro eintraf. Spock sah kaum auf, als Kirk das kleine Kabuff betrat. Kirk kannte seinen vulkanischen Freund gut genug, um auf eine Unterbrechung zu verzichten. Mit erzwungener Geduld wartete er ab und wurde fünf Minuten später belohnt. Spock sah auf und stellte fest:

„Der Programmcode ist in der Tat von mir.“

„Was?“ Kirk sah ihn entgeistert an.

„Ich sollte spezifizieren: 93,476 Prozent sind von mir. Jemand hat einzelne Module zusammen kopieren und zu neuer Funktionalität verbunden. Äußerst primitiv, wenn ich das sagen darf, allerdings äußert wirkungsvoll. Die Art, wie Klassen abgeleitet wurden, lässt auf einen ungeübten Programmierer schließen, der nur über eine Qualifikation der Stufe A3 verfügt. Die Kennzeichnung der Variablen lässt zu wünschen übrig, ebenso wie…“

Kirk hob eine Hand und fuhr sich übers Gesicht. Spock bemerkte die Geste und hob eine Augenbraue.

„Captain?“

„Bitte keine Details. Oder jedenfalls nur die wesentlichen. Können Sie herausfinden, wer Ihren Quellcode missbraucht hat?“

„Das ist schwer feststellbar, weil ich dazu einen vergleichbaren Quelltext vom Täter benötigen würde. Ich kann bisher nur sagen, dass der Stil zu keinem meiner Mitarbeiter passt, außerdem…“

„WAS?“ fuhr Kirk abermals dazwischen.

Spock quittierte die erneute Unterbrechung abermals mit hochgezogener Augenbraue, ein Hauch von Verärgerung lag in seinem Blick. Kirk wusste, dass Spock es hasste, unterbrochen zu werden.

„Nichts für ungut, Spock“, erklärte Kirk. „Sind Sie sich absolut sicher, dass niemand Ihrer Mitarbeiter der Programmierer war?“

„Absolut sicher, Captain. Oder besser gesagt: die Wahrscheinlichkeit, dass es niemand aus der wissenschaftlichen Abteilung war, beträgt 98,765 Prozent.“

„Ich denke, das ist ausreichend.“ Kirk lächelte leicht und fuhr fort: „Das schließt dann doch auch Pavel Chekov mit ein, oder nicht? Wenn ich mich an den Dienstplan erinnere, hat er auch die wissenschaftliche Abteilung durchlaufen.“

„Das ist korrekt. Fähnrich Chekov zeigte dabei, abgesehen von seinem gelegentlichen Übermut und anderer menschlicher Schwächen, durchaus Potential. Ich kann daher feststellen, dass ich Fähnrich Chekov als Programmierer dieses Machwerks ausschließen würde.“

Kirk grinste zufrieden. Seine Intuition hatte ihn also doch nicht im Stich gelassen.

„Wir sollten das erstmal unter uns behalten“, meinte Kirk schließlich.

„Darf ich fragen, wieso?“ Spock hatte eine Augenbraue hochgezogen.

„Sie dürfen.“ Und Kirk erläuterte ihm seinen Plan.

 

******

 

Für die Fähnriche Luis und Lincoln sowie für Lieutenant Toriba war es eine willkommene Nachricht, als ihnen ohne jede Begründung mitgeteilt wurde, sie sollten wieder aktiv am Dienst teilnehmen. Auf Nachfragen, ob sie damit nun endgültig entlastet waren, erhielten sie keine Antwort, aber als Vertrauensbeweis dienten diese Befehle allemal. Besonders die beiden Fähnriche reagierten mit Erleichterung. Kyle, der von Kirk gebeten worden war, ein Auge auf beide zu werfen, war etwas angesäuert. In seinen Augen waren die beiden elende Streber, die auf der Akademie jede eins minus für eine Katastrophe gehalten hatten. Das wahre Leben sah anders aus, aber ganz offensichtlich hatten beide das wahre Leben noch nicht kennen gelernt. Die Fähnriche schwatzten munter miteinander und wirkten gut gelaunt. Dass sie mitten in einer Katastrophensituation steckten, die noch immer nicht ausgestanden war, ignorierten sie geflissentlich. Kyle hörte beiden nur mit einem halben Ohr zu, als er hinter ihnen herging. Zu seiner Verwunderung sollten sie zu dritt Mr. Spocks Abteilung bei der Instandsetzung der Computersysteme unterstützen. Dabei hielt sich Kyle selbst nicht für einen begnadeten Programmierer und zweifelsohne hätten sie in der Krankenstation von größerem Nutzen sein können. Aber Befehl war Befehl und irgendetwas hatten sich Kirk und Spock bei dieser Aktion sicher gedacht. Die Frage war nur: was?

 

******

 

Spock hielt Kirks Vorgehen für unkonventionell, aber durchaus Erfolg versprechend. Zumindest vom Prinzip her. Ein Programm hatte zwar einen bestimmten Zweck zu erfüllen, der Weg zu einem fertigen Programm war jedoch äußerst individuell. Selbst logisch denkenden Vulkanier entwickelten ihren eigenen Stil, der sie unverkennbar machte. Je komplexer eine Aufgabe war, desto eher wurde die ‚Handschrift’ des Urhebers deutlich. Die Programmierarbeiten, mit denen Spock die Verdächtigen beschäftigt hatte, waren zu komplex, um ohne weiteres den Stil ausreichend verändern zu können, jedenfalls ohne entsprechende Vorbereitungen. Kirk hatte vorgeschlagen, sich diesen Sachverhalt zu nutzen zu machen. Spock konnte von Nebenzimmer aus die Fortschritte beobachten, aber das einzige, was die Versuche aller Verdächtigen offenbarten, war ein teils erhebliches Defizit im Umgang mit Computern. Inzwischen hatten sie von allen Verdächtigen mit Ausnahme von Stevensen Arbeitsproben vorliegen und es stand fest, dass keiner davon das fragliche Programm aus Spocks Codefragmenten zusammengesetzt hatte.

Kirk konnte es nicht fassen, er war sich so sicher gewesen.

„Und es gibt keine andere Option?“

„Ich bedaure, Sir. Die Ergebnisse sind allerdings – faszinierend.“

Bei der Erwähnung des Wortes ‚faszinierend’ fuhr sich Kirk mit der Hand durch das Gesicht. Spock kannte seinen Vorgesetzten inzwischen gut genug um zu wissen, dass das auf in 99,34 Prozent aller Fälle auf Frustration und Übermüdung zurück zu führen war. Aus einem irrationalen Impuls heraus fügte der Vulkanier hinzu:

„Ich bedaure, Captain, dass ich Ihnen keine andere Antwort liefern kann. Außerdem wurde Lieutenant Stevensen bisher noch keinem Test unterzogen. “

„Ja, sicher.“ Kirk sprach ohne Überzeugungskraft, die deutlich machte, dass er keine zu großen Hoffnungen darauf setzte.

Spock dachte über Alternativen nach, als sich Lieutenant Dicksan aus dem Maschinenraum bei Kirk meldete.

 

 

******

 

Lieutenant Masters kehrte beinahe noch müder an ihre Arbeit zurück wie vor ihrer Atempause. Sechs Stunden Schlaf hatten nicht ausgereicht, die bleierne Schwere in ihren Gliedern zu vertreiben und bei dem Gedanken an die sie erwartende Verantwortung wurde ihr fast schlecht vor Angst. Ein Blick in den Spiegel zeigte ihr jedoch, dass sie besser aussah als noch wenige Stunden zuvor. Ihr dunkler Teint hatte etwas von seiner Fahlheit verloren. Erst geschlagene zehn Sekunden später realisierte sie, dass sie sinnlos Zeit mit ihrer Eitelkeit verschenkte. Entschlossen drehte sie dem Spiegel den Rücken zu, verließ ihr Quartier und trat den langen Weg durch die Treppen und Korridore an, bis sie endlich den Maschinenraum erreichte. Ihr Blick fiel als erstes auf Lieutenant Dicksan, der Nr. drei im Maschinenraum, der angeregt in ein Gespräch mit Kirk vertieft war. Beide diskutierten eifrig über einem Datenpad und sahen genau so müde aus, wie sie sich fühlte. Als sie näher kam, war sie überrascht, dass noch eine dritte Gestalt die Gruppe ergänzte. Der Name fiel ihr nicht auf Anhieb ein, sie wusste nur, dass er ein Neuzugang von der Lexington war. Er gehörte zur Kommandostruktur, vermutlich so eine Art Überflieger und hatte, kurzum, sonst nicht viel im Maschinenraum zu suchen. Andererseits galt das auch für Kirk, der auch unter normalen Umständen oft hier vorbei sah. Masters schloss sich der Gruppe an. Die Stimmung war eindeutig kurz vor dem Überkochen.

„…noch mal, das ist nicht von mir!“ Das Gesicht des Lexington-Mannes hatte eine ungesunde Rottönung angenommen.

„Es ist aber ihr Datenpad, Mister“, sagte Dicksan gerade. Die Art, wie er das Mister betonte, machte es zu einem Schimpfwort.

Kirk hob beschwichtigend die Hände. „Meine Herren, wir kommen so nicht weiter. Halten wir uns an die Fakten.“ Kirk machte eine Pause und zählte an der Hand ab.

„Erstens: dieses Datenpad gehört Ihnen, Lieutenant Stevenson. Zweitens: es enthält ein paar harmlose Programme, deren Stil aber haargenau dem entspricht, der für die Sabotageakte verwendet wurde. Drittens: es wurde nur zufällig gefunden. Also, was haben Sie als Erklärung anzubieten?“

„Sir, ich kann nur sagen, dass ich mit den Sabotageakten nicht das geringste zu tun habe. Ich mache mir doch nicht meine Karriere kaputt. Ich…“

Kirk brachte ihn mit einem eisigen Blick zum schweigen. Masters, die bisher von der Gruppe nicht weiter beachtet worden war, schmunzelte leicht. Offenbar ging nicht nur ihr dieser Stevenson auf den Keks und offenbar hatte nicht nur ihre Geduld ihre Grenzen.

„Die Fakten, bitte“, sagte Kirk.

Stevenson holte tief Luft. „Fakt ist, Sir, dass mir dieses Datenpad gehört, aber ich, nun ja, das Programm darauf…“

Er druckste herum.

„Ja?“ hakte Kirk nach.

„Es gehört mir, Sir, aber. Ich … nun ja… ich habe es nicht selber … Ich kann nicht programmieren.“ Brach er schließlich hervor und schien zu erwarten, dass sich mitten im Maschinenraum ein schwarzes Loch auftun würde, um ihn und seine Schande zu verschlucken. Masters biss sich auf die Unterlippe, sonst hätte sie ganz sicher aufgelacht. Dieser aufgeblasene Schnösel konnte nicht programmieren? Für einen Kommandooffzier war das sicher nicht die wichtigste aller Fähigkeiten, aber Starfleet erwartete von seinen Offizieren zumindest Grundkenntnisse, um sich im Notfall selbst helfen zu können. Das Eingeständnis bedeutete nichts weiter, als das der ach so korrekte Stevenson irgendwann gehörig gemogelt haben musste. Kirk hatte die Lippen ebenfalls leicht verzogen, blieb aber ernst.

„Sie haben also das Programm nicht selbst geschrieben. Wo, bitte, haben Sie es dann her?“

Nach seinem Geständnis schien das Sprechen dem Lieutenant leichter zu fallen.

„Ich habe es kopiert, Sir. Keine Ahnung, wer der eigentliche Urheber ist. Ein Freund auf der Lexington war sehr akribisch mit Software, er hat praktisch alles archiviert, was ihm je begegnet ist. Ich habe mir alles vom Server gezogen, was ich eventuell noch mal brauchen kann. Sir, es ist nicht so, dass ich betrügen wollte, aber…“

Die Neugier gewann nun doch die Oberhand über Masters und sie platzte in das Gespräch: „Wie, zum Geier, sind Sie damit durch die Akademie gekommen?“

Stevenson seufzte und ließ den Kopf hängen. „Ich hatte ein paar Freunde, die von meiner Schwäche wussten. Wenn man weiß, wie, lässt sich fast alles umgehen. Sir, bin ich jetzt suspendiert?“ Der Mann sah richtig elend aus, von seiner Aufgeblasenheit keine Spur mehr. Auf einmal tat er Masters leid. Den Kopf tief zu Boden geneigt schien er von Kirk nichts Geringeres als das Todesurteil zu erwarten.

„Ihr Schweigen hat uns ein paar Probleme bereitet, Mr. Stevenson“, begann Kirk. „Ich erwarte von Mitgliedern dieser Crew absolute Ehrlichkeit. Wenn Sie das nächste Mal in einer ähnlichen Situation sind, gehe ich davon aus, dass Sie von sich aus alles erzählen, was Sie wissen.“

„Beim … nächsten Mal, Sir?“ Stevenson sah auf, etwas Hoffnung glomm auf.

„Mr. Stevenson, Bob Wesley hat ganze Lobeshymnen auf Sie gesungen, also können Sie so übel nicht sein. Jedenfalls gehe ich jetzt noch davon aus. Beweisen Sie mir das. Außerdem erwarte ich, dass Sie Ihr, nennen wir es mal: kleines Manko, beheben, sobald die Krise vorbei ist. In Mr. Spocks Abteilung gibt es genügend fähige Mitarbeiter, die Ihnen gerne helfen werden, Ihre Kenntnisse zu erweitern. Für jetzt erwarte ich, dass Sie umgehend Mr. Spock Bericht erstatten und zwar umfassend. Teilen Sie ihm alles mit, was Sie wissen, auch wenn das auf Sie kein vorteilhaftes Licht wirft.“

Stevenson sah Kirk nun in die Augen, eine zentnerschwere Last war von ihm abgefallen.

„Ja, Sir, das werde ich, Sir. Bitte um Erlaubnis, Mr. Spock aufsuchen zu dürfen, Sir.“

Kirk schmunzelte. „Erlaubnis gewährt. – Ach, eins noch: Wieso haben Sie sich auf die Enterprise versetzten lassen? Die Wahrheit, bitte.“

Stevensen schrumpfte etwas weiter in sich zusammen. „Sie ahnen es schon, Sir. Ich stand kurz davor aufzufliegen. Bei der nächsten Mission der Lexington hätte ich es nicht weiter geheim halten können.“

„Also sind Sie gegangen, bevor es auffiel.“

Stevenson nickte nur.

„Danke für Ihre Ehrlichkeit. Wegtreten.“

Stevenson war so schnell verschwunden, dass Masters ihn kaum um die Ecke biegen sah. Dicksan sah nicht überzeugt aus. „Sir, ich möchte Sie nicht kritisieren, aber ist es ratsam, ihm zu trauen und ihn ohne Wache ziehen zu lassen?“

Kirk nahm die Kritik offenbar nicht übel. Eine von Kirks angenehmeren Eigenschaften war die Tatsache, dass er quasi dazu einlud, seine Entscheidungen zu hinterfragen, sofern das nicht gerade in einer lebensbedrohlichen Lage geschah. Er sagte:

„Ich bin mir sicher, Lieutenant, dass Sie Mr. Stevenson ab jetzt nicht mehr wieder erkennen werden.“ Damit ließ Kirk die Gruppe verdutzt stehen.

 

******

 

Fünf Stunden später saßen Kirk und Spock zusammen in Kirks Quartier und analysierten die Lage. Es war spät am Abend und eine trügerische Stille lag über dem Schiff. Kirk war mittlerweile richtig frustriert. Gegenüber der Crew hatte er das bisher verbergen können, aber in Gegenwart von Spock konnte er die Maske fallen lassen. Ihre Programmierspielereien hatten zu keinem Ergebnis geführt, sie waren wieder da, wo sie angefangen hatten. Soviel zu seinem glorreichen Plan! Spock konnte alle Verdächtigen Urheber des mysteriösen Sabotageprogramms ausschließen. Dabei war sich Kirk so sicher gewesen, die erste wirkliche Spur zu verfolgen. Verdammt! Plötzlich zog ein schwarzer Schleier vor sein Blickfeld und ein Gefühl, als würde ihm jemand den Atem zudrehen, setzte ein. Für ein paar Augenblicke hatte Kirk einen Filmriss. Als er wieder klar denken konnte, war er zwischen der Wand und Spocks Hand, die ihn aufrecht hielt, quasi eingeklemmt.

„Captain… hören Sie mich… Captain… Jim?“

Nach und nach nahm Kirk seine Umgebung wieder war und dazu gehörte auch der eindeutig besorgte Unterton in Spocks Stimme, die offenbar seit einiger Zeit ungehört auf ihn einredete. Kirk bemühte sich, seine Beine wieder unter seine bewusste Kontrolle zu zwingen und richtete sich auf. Er fühlte sich nicht unbedingt sicher, wusste aber, wie sehr Spock physischen Kontakt zu Menschen hasste. Besonders in dem geschwächten Zustand, in dem sich sein Erster Offizier befinden musste, war das für den Berührungstelepaten sicher nicht angenehm. Mit einer sanften Geste streifte der Captain Spocks Hand ab und sagte gleichzeitig: „Vielen Dank, Spock. Ich bin jetzt wieder voll da.“

Spocks stoischer Gesichtsausdruck brachte trotz aller Reglosigkeit deutliche Zweifel zum Ausdruck. „Jim, Schlaf ist eine biologische Notwendigkeit.“

„Es geht schon. Ich war nur kurzfristig etwas benommen.“

Spock sah ihn ernst an. „Jedes andere Crewmitglied in diesem Zustand würden Sie vom Dienst suspendieren, Sir. Bisher hatte ich es so verstanden, dass Sie für sich keine Sonderbehandlung wünschen.“

Kirk lächelte schief. „Netter Versuch, Spock. Mir geht es wirklich gut.“

Wie aufs Stichwort schob sich die schwarze Wolke erneut vor sein Gesichtsfeld. Dieses Mal bekam er noch mit, was um ihn herum geschah, aber ein Eingreifen lag völlig außerhalb seiner Möglichkeiten. So fühlte er noch wie durch Nebel, wie Spock ihn auffing, hochhob und

auf sein Bett legte. Dann verblasste die bewusste Welt endgültig um ihn.

 

******

 

„…muss mit dem Captain sprechen.“

„Das ist zurzeit nicht möglich.“

„Es ist aber wichtig.“

„Lieutenant Commander Giotto, ich gehe davon aus, dass Sie als Sicherheitschef dieses Schiffes mit der Kommandostruktur hinreichend vertraut sind. Alles, was Sie dem Captain zu sagen haben, ist auch für mich relevant.“ Einen Moment Stille.

„Na schön, Mr. Spock, Sie haben gewonnen. Sehen Sie sich das mal an.“

Ein Summen verriet die Aktivität eines Trikorders.

„Faszinierend. Wo haben Sie den her, Mr. Giotto?“

„Er lag in der Astrobiologie.“

„Verstehe ich Sie richtig? Sie haben diesen Trikorder mit einer noch ungenutzten Zündungssequenz – inklusive meiner Signatur, die natürlich eine sehr laienhafte Fälschung ist - einfach so auf dem Bürotisch gefunden?“

„Mr. Spock, bisher dachte ich, Vulkanier seien für Ihre schnelle Informationsaufnahme bekannt. Natürlich habe ich genau das gesagt. Und wenn ich nicht glauben würde, dass Ihre Signatur unter dem Ding gefälscht ist, dann hätte ich Ihnen den Trikorder sicher nicht übergeben.“

„Bitte schildern Sie mir noch einmal die Umstände, Mr. Giotto.“

„Sir, ich habe Ihnen bereits alles erzählt, was ich weiß. Ich würde es vorziehen, zu meiner Arbeit zurückzukehren. Oder aber dem Captain zu berichten.“

„Mr. Giotto, es zählt auch nicht zu meinen Vorlieben, mich wiederholen zu müssen. Der Captain ist bis auf weiteres nicht verfügbar. Außerdem gehört es zu Ihrer Arbeit, mir zu berichten, Sie können also ungerührt mit Ihrer Schilderung fortfahren, ohne sich ein Pflichtversäumnis vorwerfen zu müssen.“

Kirk hatte die Unterhaltung in einem halbwachen Zustand verfolgt. Eigentlich wollte er sich nur umdrehen und schlafen, schlafen, schlafen. Dann aber hatten sich einige der Wortfetzen einen Weg in seinen Verstand gebahnt und die Müdigkeit war mehr und mehr zurückgedrängt worden. Spätestens die letzten Worte hatten ihm klar gemacht, dass er sich keine weitere Minute Auszeit gönnen durfte. Verdammt, was musste er auch umfallen? Nur gut, dass das in seiner Kabine passiert war und nicht mitten auf der Brücke. Schlimm genug, dass seine Fassade vor Spock gebröckelt war, da brauchte nicht auch die restliche Crew mitbekommen, dass er nur ein normaler Mensch war.

Etwas mühsam stemmte sich Kirk in eine sitzende Position hoch. Seine letzte Assoziation war also tatsächlich richtig gewesen: Spock hatte ihn in sein Bett getragen. Kirk beschloss, diese Peinlichkeit soweit wie möglich zu verdrängen. Er stand auf und unterdrückte einen Hustenreiz. Zum Glück stand ein Glas Wasser in Griffweite und ungeachtet der Frage, wie lange es dort schon stehen mochte, griff er dankbar zu. Kirk strich seine vom Schlafen angeknitterte Uniform glatt und fuhr sich durch die Haare. Das nutzte nicht wirklich etwas. Er stank und brauchte dringend neue Kleidung. Trotzdem ging er in den Arbeitsbereich, wo Spock und Giotto miteinander diskutieren.

„Meine Herren, ich denke, dass sich weitere Diskussionen über meine Anwesenheit erübrigen. Ich möchte einen detaillierten Bericht über alles, was sich in der – hmm – Zwischenzeit ergeben hat. Aber bitte geben Sie mir noch fünf Minuten.“

 

Eine Dusche und eine neue Uniform später saß Kirk zusammen mit Spock und Giotto am Schreibtisch. Kirk konnte Spocks Blicke förmlich auf sich ruhen fühlen, ignorierte das aber geflissentlich. Zum Glück sah der Vulkanier von Fragen nach seinem Befinden ab. Giotto dagegen war froh, das Zuständigkeitsproblem so elegant umgehen zu können und erzählte von Anfang an.

„Also, einer meiner Jungs, Mr. Leslie, hat diesen Trikorder hier in der Astrobiologie auf einem Schreibtisch gefunden. Das Ding lag ganz offen herum, so dass wir es fast nicht angefasst hätten. Allerdings hatte ich meine Leute angewiesen, einfach alles, was wie ein Computer aussieht, zu überprüfen. Nun, in diesem Fall mussten wir nicht lange suchen. Direkt im Rootverzeichnis ist ein Programm mit einem Zündungscode zu finden. Es entspricht dem, was wir bereits haben, nur sind andere Zeiten angegeben. Demnach war eine zweite Anschlagwelle für heute Mittag geplant, im Schacht des Turbolifts nähe der Brücke. Wir haben natürlich die Sicherheitsmaßnahmen in diesem Bereich verstärkt, aber keine Sprengsätze gefunden. Außerdem ist davon auszugehen, dass jemand den Trikorder bewusst so abgelegt hat, dass wir ihn finden mussten. Das wird durch die Platzierung des Programms in der Verzeichnisstruktur des Trikorders ebenfalls unterstrichen. Soviel wissen wir also. Was wir nicht wissen, ist, wieso. Von unseren Neuzugängen ist Dr. Mulhall täglich in der Astrobiologie anzutreffen, es ist ja schließlich nicht umsonst ihr Spezialgebiet. Nur hat sie für die fragliche Zeit ein Alibi und mein Eindruck von der Frau ist eigentlich der, dass sie zu intelligent für eine so offensichtliche Spur ist. Die Frage ist also immer noch, wer hinter allem steckt.“

„Können Sie ungefähr eingrenzen, wann der Trikorder in der Astrobiologie aufgetaucht ist?“ wollte Kirk wissen.

„Tja, das ist sehr schwer zu sagen. Ging ja in letzter Zeit alles drunter und drüber. Wir sind uns aber so gut wie sicher, dass der Trikorder nicht vor dem eigentlichen Anschlag dort deponiert wurde sondern irgendwann danach.“

„Mit anderen Worten“, schloss Kirk, „dass alle Personen, die wir verdächtigt haben, quasi ausgeschlossen werden können, weil sie für diese Zeit ein wasserdichtes Alibi haben.“

„Richtig“, bestätigte Giotto. „Sie wurden zur fraglichen Zeit von meinen Leuten bewacht und befragt. Von denen kann es niemand gewesen sein.“

„Vielleicht sollten wir die Suche nach einem Einzeltäter aufgeben und uns auf mögliche Gruppierungen konzentrieren“, warf Spock ein.

Giotto antwortete: „Der Gedanke ist uns auch schon gekommen, Sir. Nur macht das die Sache nicht einfacher, da wir absolut keinen Anhaltspunkt haben. Es tut mir Leid, dass wir bislang nicht mehr zu bieten haben.“ Er sah regelrecht deprimiert aus, was für einen so erfahrenen Mann wie Giotto selten vorkam. Auch Kirk fühlte ein gehöriges Maß an Frustration.

„Verdammt, wir müssen sicherstellen, dass uns das Schiff nicht um die Ohren fliegt.“

„Ich bin führ jeden Vorschlag offen“, meinte Giotto.

„Was ist eigentlich mit den Protokollen für die an Bord gebeamten Waren? Konnten Sie die wiederherstellen?“

Giotto sah zerknirscht aus.

„Negativ, Sir.“

„Das heißt?“ hakte Kirk nach.

Spock mischte sich ein. „Der Löschvorgang war äußerst gründlich. Eine Wiederherstellung der Daten innerhalb der nächsten 3,4 Tage ist ausgeschlossen.“

Kirk war nicht zufrieden. Er fragte:

„Wenn aber jemand die Protokolle gelöscht hat, wieso dann nicht auch das Programm zum Auslösen der Startsequenz? Und wäre es nicht einfacher gewesen, den ganzen Trikorder verschwinden zu lassen oder ihn zu zerstören?“

„Das, Captain“, erwiderte Giotto, „steht ebenfalls auf meiner Liste mit ungelösten Fragen.“

 

Sie beratschlagten sich, kamen aber keinen Schritt weiter. Das Gefühl, auf der Stelle zu treten, war frustrierend. Schließlich ließen Sie Anne Mulhall kommen. Schon bei ihrem Eintreten verströmte die Frau etwas, was klar machte, dass sie Haare auf den Zähnen hatte. Für Kirk war sie bislang eine eher Unbekannte geblieben.

„Sie wollten mich sprechen?“ fragte sie ohne einen Anflug von Furcht.

„Richtig. Erstens: wo waren sie während der ersten Explosion? Und zweitens: können Sie uns etwas über diesen Trikorder erzählen?“

Anne Mullhall zog die Augenbrauen hoch, was ihr einen arroganten Zug verlieh. Ihren Blick nach zu urteilen hielt sie die Fragen für überflüssig.

„Wie ich Mr. Giotto und seinen Leuten bereits mehrfach zu Protokoll gegeben habe und wie von mehr als zehn Zeugen bestätigt werden kann, war ich zu der fraglichen Zeit in dem Gemeinschaftsraum, in dem Lieutenant Uhura einige ihrer Kompositionen dargeboten hat. Und ich habe ebenfalls schon mehrfach ausgesagt, dass ich den Raum für mind. zwei Stunden vor der Explosion nicht verlassen habe, wofür es ebenfalls zahlreiche Zeugen gibt.“

Kirk hob beschwichtigend die Hand. „Niemand verdächtigt sie, Lieutenant, aber es gibt neue Anzeichen, die auf die Abteilung Astrobiologie deuten. Möglicherweise wissen Sie etwas, ohne sich dessen bewusst zu sein. Können Sie uns etwas über diesen Trikorder erzählen?“

Sie trat auf den Tisch und nahm Kirk den bewussten Gegenstand ab. In den nächsten Sekunden machte ihr Gesicht eine erstaunliche Transformation durch. Ihre Züge, die bis eben noch ablehnend und widerspenstig gewesen waren, zeigten deutliche Anzeichen von Überraschung.

„Fähnrich Chekov hat diesen Trikorder bei uns vergessen.“

Ihr Kommentar schien alle Männer, selbst Spock, zu elektrisieren. Sie tauschten einige Blicke.

„Woher wissen Sie das?“ fragte Giotto.

„Chekov interessiert sich für Martha Landon. Sie wurde mir aushilfsweise zugeteilt, um mir beim Dokumentieren der letzten Funde vom Planeten der Kleinlinge zu helfen. Ich hatte mir ein paar alte Akten vorgenommen und dabei war mir etwas Interessantes an den Erregern aufgefallen, die das Altern bei den Kleinlingen verzögert haben. Sicher erinnern sie sich…“

Kirk und Spock erinnerten sich zu gut und es war ein Thema, das sie nur ungern vertiefen wollten. Offenbar erkannte auch Anne Mulhall, dass ihre wissenschaftlichen Erklärungen hier Perlen waren, die man Säuen vorwarf.

„Jedenfalls ist Martha gerade mein Yeoman und Fähnrich Chekov versucht nun schon seit zwei Monaten, ein Gespräch mit ihr anzufangen. Es ist schon regelrecht putzig, dass er es nicht schafft, sie direkt zu fragen, ob sie mit ihm ausgeht.“

„Woher wissen Sie das so genau?“ warf Kirk ein.

„Ich arbeite mit Yeoman Landon jeden Tag mehrere Stunden zusammen, da kriege ich genug mit.“

„Das meinte ich nicht“, erklärte Kirk. „Wieso wissen Sie, dass der Trikorder von Chekov ist?“

„Ach so. Nun, der Trikorder hat hier“, sie drehte ihn um, „einige Kratzer. Sie sind kaum zu sehen, aber ich war dabei, als Chekov sie verursacht hat. Er hat versucht, Yeoman Landon mit einer Geschichte über russischen Stahl zu beeindrucken, als sie mir dabei half, einige Proben zu Recht zu schneiden. Dabei hat er sich eines meiner Skalpelle gegriffen und ist abgerutscht. Die Kratzer waren das direkte Resultat. Das ist jetzt zwei Wochen her und praktisch jeden Tag entschuldigt er sich wortreich dafür. Ich bin also sicher, dass es sein Trikorder ist, wobei ich natürlich nicht sagen kann, ob er ihn dort vergessen hat.“

Kirk wechselte einen Blick mit Spock und Giotto. Als er in den Gesichtern seiner Gefährten keinen Widerspruch sah, sagte er zu Anne Mulhall:

„Danke, Lieutenant, das war vorerst alles. Wegtreten.“

Die Frau warf noch einen hochmütigen Blick in die Runde und verließ die Kabine, ohne noch weitere Worte zu verlieren.

„Also doch Chekov“, kommentierte Kirk, als sie gegangen war. Er klang resigniert. Spock hörte die Bedeutung hinter Kirks Worten und ergänzte:

„Das wissen wir noch nicht. Aber es ist sicher angeraten, erneut mit Fähnrich Chekov zu sprechen.“

Giotto wartete keinen direkten Befehl ab sondern zückte seinen Kommunikator. Sie warteten in Schweigen auf das Eintreffen des Fähnrichs. Es war eine etwas unangenehme Stille, jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Kirk fragte sich, ob seine Intuition ihn dieses Mal nicht doch getrogen hatte. Giotto war zu erfahren, um die Situation mit „Ich hab’s doch gleich gesagt“ zu kommentieren. Das war auch gar nicht nötig, es hing auch so unausgesprochen im Raum. Die Stille wurde durch ein Kommunikatorsignal unterbrochen, das an Giotto gerichtet war.

„Giotto hier“, meldete sich der Sicherheitschef.

„Rawlings, Sir. Ich weiß nicht, ob es wichtig ist, aber mir ist da etwas aufgefallen.“

„Sprechen Sie weiter“, forderte Giotto ihn auf.

„Ich habe gerade mit Schwester Chapel gesprochen. Sie meinte, sie hätte Fähnrich Chekov kurz vor der Explosion gesehen. In der Nähe der Astrobiologie. Soweit ich weiß, hat der Fähnrich ausgesagt, er hätte den Waffenkontrollraum nur zum Auszutreten verlassen.“

Giotto tauschte einen Blick mit Kirk. Alle im Raum wussten, dass die Astrobiologie und der Waffenkontrollraum in entgegen gesetzten Richtungen lagen. Es war praktisch unmöglich, auf dem Weg zur Toilette derartig falsch abzubiegen. Selbst für einen Chaoten wie Chekov. Kirk fühlte eine eisige Hand im Nacken. Damit war Chekovs Schuld so gut wie bewiesen.

Giotto sprach in seinen Kommunikator.

„Vielen Dank, Rawlings, es war sehr gut, dass Sie mir ihre Beobachtung gemeldet haben.“

Der Mann am anderen Ende klang unsicher.

„Sir, Fähnrich Chekov… Ich glaube nicht, dass er es war. Aber ich wollte Ihnen melden, was ich erfahren habe, Sir. Soll ich es dem Captain mitteilen?“

„Nicht nötig, er weiß es bereits. Giotto Ende.“

Der Sicherheitschef klappte seinen Kommunikator zu und die drückende Stille von zuvor wog noch schwerer. Zu sagen, was Spock dachte, war nahezu unmöglich und doch schöpfte Kirk aus seiner Anwesenheit mehr Trost, als er gedacht hätte. Überhaupt verließ er sich mehr und mehr auf den Vulkanier, sah trotz der relativ kurzen Zeit ihrer Bekanntschaft mehr als nur einen Untergebenen in ihm. An welcher Stelle hatte er angefangen, sich so auf Spock zu verlassen? Gepolter unterbrach die Stille, Fähnrich Chekov wurde, flankiert von zwei Sicherheitswächtern, in die Kabine geführt. Giotto nickte seinen Leuten zu, draußen zu warten. Kirk erkannte Mr. Leslie, der nur kurz grüßte und mit einem Kameraden dem stummen Befehl sofort Folge leistete.

Chekov stand vor den drei Senioroffizieren wie vor einem Tribunal und in gewisser Weise war dieser Vergleich nicht so falsch. Kirk hatte Chekov vom ersten Moment an gemocht und über dessen Enthusiasmus geschmunzelt. Nach wie vor weigerte sich ein Teil seines Verstandes, Chekov als potentiellen Attentäter zu betrachten.

„Mr. Chekov, was können Sie uns zu diesen Trikorder hier sagen?“

Kirk reichte dem Fähnrich das Corpus Delicti.

„Äh, das ist meiner, Sir.“

„Das wissen wir“, kommentierte Kirk trocken. „Was wir nicht wissen, ist, wie Dateien, die in direkten Zusammenhang mit den Anschlägen stehen, auf Ihren Trikorder gelangen konnten. Können Sie etwas Licht in die Angelegenheit bringen, Mr. Chekov?“

„Auf meinem Trikorder? Sir, das kann nicht sein!“

„Erzählen Sie uns, wann Sie ihn das letzte Mal gesehen haben“, verlangte Spock.

„Ich, äh….“ Chekov wurde eindeutig rot. „Ich…“

„Mr. Chekov, es wäre hilfreich, wenn Sie sich etwas klarer äußern“, half Spock nach.

Der junge Mann schien sich zu sammeln. Schließlich straffte er seine Gestalt. Er erweckte den Eindruck, sich innerlich gegen eine Katastrophe wappnen zu wollen. Er sagte:

„Ich habe den Trikorder verloren, Sir. Wo, weiß ich nicht. Ich hatte ihn schon überall gesucht. Um ehrlich zu sein, Sir, als ich den Waffenkontrollraum verließ…“

„Ja?“ meinte Giotto.

„Da war ich… Nun ja, ich war AUCH auf Toilette. Aber… Ich bin noch in der Astrobiologie gewesen. Ich bin dort in letzter Zeit öfter. Martha, ich meine, Yeoman Landon, also sie und ich, wir, ich…“

Kirk verzog die Mundwinkel zu der Andeutung eines Lächelns.

„Wir wissen, dass Sie an Yeoman Landon interessiert sind, Fähnrich. Das ist kein Grund für Peinlichkeit. Erzählen Sie der Reihe nach.“

Chekov atmete tief durch.

„Nun, dann wissen Sie ja sicher auch, dass ich in letzter Zeit öfter in der Astrobiologie vorbei gucke. Vor der Explosion fiel mir irgendwann auf, dass mein Trikorder fehlte, aber ich konnte und kann mich immer noch nicht erinnern, wo ich ihn habe liegenlassen. Das ganze ließ mir keine Ruhe. Also bin ich zur Astrobiologie, um nachzusehen.“

„Und?“ hakte Kirk nach.

„Nichts, Sir. Der Trikorder war weg, die ganze Astrobiologie wie leer gefegt. Es sah aus wie im Winter in Sibirien, Sir. Nicht eine Menschenseele zu sehen, wenn Sie wissen, was ich meine. Ich habe wirklich alles abgesucht, danach bin ich gegangen.“

„Sind Sie wirklich absolut sicher, dass Sie überall gesucht haben?“ fragte Spock.

„Ja, Sir. Sie wissen ja, dass ein verlorener Trikorder nicht so optimal ist…“ Chekov schaute betreten nach unten und Kirk musste trotz der ernsten Lage mit einem Lachen kämpfen. Spock war für solche Dinge zuständig und der Captain konnte sich bildlich vorstellen, wie es für einen Fähnrich sein musste, dem Vulkanier zu beichten, er hätte einen Trikorder einfach so verloren.

Kirk fragte: „Was haben Sie gemacht, nachdem Sie den Trikorder nicht gefunden haben?“

„Äh“, Chekov wurde rot. Kirk nahm an, dass es etwas mit Yeoman Landon zu tun haben musste, aber er irrte sich dieses Mal. Chekov stammelte in Richtung Boden:

„Ich weiß es nicht.“

Kirk runzelte die Stirn. Giotto meldete sich zu Wort.

„Was meinen Sie mit: Ich weiß es nicht?“

„Ich hab einen Filmriss. Ich erinnere mich einfach nicht mehr, was passierte, nachdem ich die Astrobiologie verließ. Es ist wie weggewischt. Das nächste, an was ich mich entsinnen kann, ist, dass ich mich auf dem Boden wieder fand, auf dem Gang vor dem Waffenkontrollraum. Das ist wirklich alles, Sir.“

Giotto und Spock sahen Kirk an, so als erwarteten sie eine Entscheidung von ihm. Tatsächlich formierte sich so etwas wie eine Ahnung in Kirk, eine Vermutung, was sich wohlmöglich abgespielt hatte. Aber es war zu früh, um gänzlich darauf zu bauen. Der Captain ignorierte die fragenden Blicke und fokussierte einmal mehr auf Chekov.

„Fähnrich, wie lange dauerte Ihr ‚Filmriss’? Und warum haben Sie bislang gelogen?“

Chekov schaute betreten nach unten und berichtete seinen Fußspitzen. Sein russischer Akzent war im Laufe des Gesprächs, was für den jungen Mann den Charakter eines Verhörs haben musste, immer deutlich zutage getreten.

„Ich weiß es nicht, Sir.“

„Was wissen Sie nicht?“ hakte Spock nach.

„Nichts, Sir. Ich weiß nicht, wie groß meine Erinnerungslücke ist und warum ich sie überhaupt habe. Vermutlich war ich ungefähr für eine Stunde wie weggetreten. Das muss für Sie nach einer Lüge klingen, aber ich sage die Wahrheit!“

„Aber warum haben Sie nicht von Anfang an die Wahrheit gesagt?“

„Es… Es war mir peinlich. Und es ist gegen die Vorschriften, sich vom Dienst aus persönlichen Gründen zu entfernen. Also habe ich gesagt, ich wäre auf der Toilette gewesen, was ja auch stimmt. Aber als ich rauskam… Nun, ich wollte Martha sehen. Und es war ohnehin nichts los. Ich…“

„Sie haben sich gelangweilt und dachten, Sie kürzen Ihre Schicht etwas ab, indem Sie einen Abstecher machen?“ ergänzte Kirk.

„Ja, Sir.“ Chekov war so leise geworden, dass er kaum verständlich war. Im Raum war es so still geworden, dass jedes Geräusch unnatürlich laut widerhallte. Giotto verlagerte das Gewicht, ohne einen Ton zu sagen. Das leise Rascheln seiner Kleidung war so deutlich vernehmbar, als hätte jemand eine Kanone abgefeuert. Kirk ließ Chekov mit Absicht etwas schmoren, aber in Gedanken hatte er bereits seine nächsten Schritte formuliert. Schließlich erlöste er Chekov.

„Fähnrich, warten Sie draußen vor der Tür.“

Chekov nickte und trottete hinaus. Ohne eine Anweisung zückte Giotto seinen Kommunikator und gab seinen Leuten Anweisungen, die wie aus dem Nichts erschienen und den Fähnrich in Empfang nahmen.

Mit einem neugierigen Ausdruck in den Augen wandte sich der Sicherheitschef seinen vorgesetzten Offizieren zu. Kirks nächste Worte trafen ihn aber unvorbereitet.

„Chekov ist unschuldig.“

„Sir?“ fragte Giotto.

Kirk sah ein, dass er einige Erläuterungen anfügen musste.

„Seine Aussagen und sein früheres Verhalten passen zusammen. Ich bin mir sehr sicher, dass er uns dieses Mal nicht angelogen hat.“

„Aber bei allem Respekt, Sir: er hat bereits gelogen und wer sagt, dass er es jetzt nicht wieder tut? Alle Fakten sprechen gegen ihn.“

„Nein, das tun sie eben nicht. Er hat am Anfang die Wahrheit etwas gebogen, weil er sich schützen wollte. Das hat er nun nicht mehr getan, seine Aussagen lassen ihn in keinem guten Licht erscheinen, wobei seine Vergehen eher in die Kategorie Dumme-Jungen-Streiche fallen. Viel interessanter ist doch der Blackout, den er hat?“

Giotto war nicht zufrieden. „Das nehmen Sie ihm doch nicht ab, Sir? Ein plötzlicher Gedächtnisschwund ist sehr praktisch.“

Spock mischte sich ein.

„Ich muss dem Captain Recht geben, Mr. Giotto. Ein plötzlicher Gedächtnisschwund, wie Sie es ausdrücken, ist für den Fähnrich nicht praktisch. Er muss damit rechnen, dass wir ihn zahlreichen Tests unterziehen werden, die die Wahrheit ans Licht bringen werden. Es gibt keinen logischen Grund, einen Gedächtnisschwund vorzutäuschen, wenn er nicht tatsächlich stattgefunden hat. Gerade, weil es so unwahrscheinlich anmutet.“

„Richtig“, ergänzte Kirk. „Aber es bleibt dabei, dass wir wissen müssen, was wirklich passiert ist. Spock, Sie wissen, ich bitte Sie nicht gerne darum, insbesondere nicht nach dem, was Sie hinter sich haben. Aber können Sie die vulkanische Mentalverschmelzung verwenden?“

Spocks Gesicht blieb ausdruckslos, dennoch hätte Giotto aber schwören können, in der Stimme des Vulkaniers einen verlegenen Unterton zu hören, als dieser sagte:

„Ich bedaure, Captain, aber meine mentalen Schilde sind noch nicht ausreichend wieder hergestellt, um eine ausreichend hohe Erfolgswahrscheinlichkeit zu gewährleisten.“

„Verstehe.“ Kirk schien enttäuscht.

„Ich möchte aber eine andere Option vorschlagen“, fügte Spock hinzu. „Dr. M’Benga hat während seiner Zeit auf Vulkan nicht nur spezifische Techniken der vulkanischen Medizin erlernt, sondern sich auch auf andere mentale Methoden spezialisiert. Meines Wissens ist er in der Lage, Hypnosetechniken anzuwenden.“

„Sie meinen, wir sollen Chekov hypnotisieren?“ fragte Kirk.

Giotto kommentierte: „Wieso nicht? Schaden kann es nicht und wenn Ihr Mr. Chekov tatsächlich das Unschuldslamm sein sollte, dann hat er nichts zu verbergen, aber möglicherweise viel zu erzählen.“ Sein Tonfall machte allerdings deutlich, dass der Sicherheitschef diese Option für äußerst unwahrscheinlich hielt.

„Nun“, sagte Kirk trocken, „einen Versuch ist es wohl wert.“ Er holte seinen Kommunikator hervor und setzte sich mit der Krankenstation in Verbindung.

M’Benga war die Ruhe selbst, als er den Raum betrat, dennoch meinte Kirk, einen Hauch von Unwillen bei dem dunkelhäutigen Arzt zu spüren. Wahrscheinlich gefiel es ihm nicht, sich von seinen Patienten entfernen zu müssen, noch zu mal für etwas, das kein medizinischer Notfall war. Kirk brachte in einem gewissen Rahmen Verständnis für den Arzt auf, sah aber keine Möglichkeit, anders zu verfahren. Endlich die Wahrheit zu finden hatte Priorität und in gewisser Weise hing die Gesundheit aller an Bord davon ab, dass sie den oder die Attentäter endlich entlarven konnten.

Kurz nach Dr. M’Benga führten die Sicherheitsmänner Chekov wieder in den Raum, der sich mit einer Hypnose sofort einverstanden erklärte. Er wirkte sogar erleichtert, etwas zu einer Lösung beitragen zu können. M’Benga machte sich mit ruhiger Präzision ans Werk und schon wenige Augenblicke darauf blickten die Augen des Fähnrichs in eine Leere.

 

******

 

„Fähnrich Chekov, hören Sie mich?“ Spocks Stimme verströmte gelassene Ruhe. Kirk hatte ihn den Beginn der Vernehmung überlassen, er war sich sicher, dass Spock wusste, in welche Richtung er dachte. Chekov antwortete in dem Monoton der Hypnose.

„Ja, ich höre Sie.“

„Erinnern Sie sich an den Moment, kurz, bevor es zur ersten Explosion kam. Sie sind in der Astrobiologie.“

„Ja.“ Selbst in der Hypnose breitete sich ein seliges Lächeln auf den jungen Gesichtszügen aus.

„Sie haben Ihren Trikorder gesucht.“

„Ja.“

„Schildern Sie uns, was passiert ist.“

„Ich bin in der Astrobiologie. Mein Trikorder ist weg, ich weiß nicht, wo ich ihn liegen gelassen habe. Aber ich bin nicht böse, dass ich ihn nicht gefunden habe. Dadurch konnte ich noch mal bei Martha vorbei sehen. Sie hat wunderschöne Haare, wie eine russische Zarin. Sie ist…“

„Erzählen Sie uns, was passierte, als Sie die Astrobiologie verließen“, forderte Kirk Chekov auf.

„Ich habe die Sprengsätze gezündet.“

Giotto, M’Benga, Chapel und Kirk holten tief Luft und selbst Spock schien nicht unberührt von dem Gehörten.

„Warum haben Sie das gemacht?“ fragte Kirk.

„Weil es mir befohlen wurde.“

„Von wem?“

„Ich… Ich kann mich… nicht… erinnern“. Plötzlich bäumte sich Chekov auf, sein Gesicht schmerzverzerrt. M’Benga schritt ein, gab dem jungen Fähnrich ein Beruhigungsmittel, das ihn sofort zusammen sacken ließ.

„Luca, wir müssen unbedingt wissen, wer dahinter steckt.“ Kirks Stimme klang ernst, als er sich an den dunkelhäutigen Arzt wandte.

„Tut mir Leid, Captain, aber offenbar hat man einen sehr festen Block in Chekovs Gedanken platziert. Ihn zu entfernen ist ein langwieriger Prozess. Ich fürchte, Sie werden sich mit dem, was wir haben, begnügen müssen.“

„Und wenn Sie Chekov noch mal hypnotisieren?“

„Das könnte ihn umbringen, Captain.“ M’Bengas Stimme klang herausfordernd. Kirk winkte ab und bedeutete dem Arzt, dass er verstanden hatte. Selten hatte er sich so frustriert gefühlt.

 

******

 

Stunden später hatte sich Kirk noch mal alle Unterlagen zu allen Verdächtigen vorgenommen. Er hatte das starke Gefühl, hier drinnen die Wahrheit zu finden, aber sie entzog sich ihm nachhaltig. Erschwerend hinzu kam die Tatsache, dass die Probleme nicht abrissen. Die Lebenserhaltung funktionierte inzwischen zwar auf Minimalniveau und für den Notfall hatte jedes Besatzungsmitglied nach wie vor einen Lebenserhaltungsgürtel dabei, aber das Schiff hing wie ein abgestelltes Stück Schrott nutzlos im All. Sie hatten keine Möglichkeit, sich nach außen bemerkbar zu machen, geschweige denn, aus eigener Kraft einen Planeten oder eine Sternenbasis der Förderation zu erreichen. Gravierender wirkte sich allerdings das Lebensmittelproblem aus. Sie schrieben mittlerweile Tag drei nach der Explosion und damit auch Tag drei nach Ausfall der Nahrungsreplikatoren. Scotty arbeitete trotz seiner Verletzungen unter Hochdruck an der Reparatur, die Stabilisierung der Lebenserhaltung stand allerdings an erster Stelle. Als Konsequenz fastete die Besatzung mehr oder weniger unfreiwillig. Rein physiologisch stellte das kein Problem dar, weil sie zum Glück genug Trinkwasser hatten. Es war aber eine Sache zu wissen, dass der menschliche Organismus drei Wochen ohne feste Nahrung auskam, wenn der Zugang zu Sauerstoff und Flüssigkeit gewährt war. Arbeitsfähigkeit unter solchen Umständen war jedoch eine ganz andere. Durch Stress und Übermüdung klappten wieder reihenweise Leute zusammen und verschlimmerten den ohnehin bestehenden Personalnotstand weiter. Die einzige verfügbare Nahrung bestand aus kleinen Geheimvorräten der Crew, hauptsächlich Schokolade, Pralinen, Alkohol, allerdings auch einige französische Salamis, rigellianischer Käse und ähnliches. Eine Crew davon ernähren zu wollen war natürlich völlig illusorisch. Das Interkom riss den Captain aus seinen Gedanken und lenkte von den Papieren vor ihm ab. Der Bildschirm vor ihm zeigte Schwester Chapel.

„Captain, ich wollte Ihnen mitteilen, dass wir Dr. McCoy in sein Quartier entlassen haben.“

Kirk merkte, wie sich ein Lächeln auf seinem Gesicht breit machte.

„Das sind gute Nachrichten. Wie geht es ihm?“ fragte er.

„Besser, aber er wird noch Ruhe brauchen. Um ehrlich zu sein, war es nicht ganz einfach, ihn dazu zu bringen, sich in sein Bett zu legen. Vielleicht könnten Sie…“

„Sie meinen, ich soll Pille ins Bett bringen? Das mache ich glatt. Wie ist seine Prognose?“

„Er leidet noch an den Auswirkungen der Gehirnerschütterung und wird noch eine Weile mehr oder weniger starke Kopfschmerzen haben. Alles in allem aber hat er es gut überstanden. Wenn er sich ausruht, heißt das.“

„Schon verstanden. Ich sehe gleich nach ihm.“

Kirk wollte die Com-Verbindung schon abschalten, als Chapel ihm bedeutete, dass sie noch etwas zu sagen hatte.

„Sir, ebenso, wie Dr. McCoy Ruhe benötigt, gilt das auch für Sie. Außerdem haben wir hier etwas Essen beiseite gelegt und Dr. M’Benga hat mir aufgetragen, dafür zu sorgen, dass Sie es bekommen. Wenn Sie das Schiff zusammen halten wollen, müssen Sie bei sich anfangen.“

Kirk seufzte. „Christine, ich weiß Ihre und Lucas Besorgnis zu schätzen, wirklich. Und ich werde mich ausruhen, sobald das hier vorbei ist. Aber es ist momentan völlig illusorisch. Wir alle haben zusammen schon Schlimmeres ausgestanden und es ist noch genug Zeit zum entspannen, wenn die Replikatoren wieder funktionieren und die Sabotageakte restlos aufgeklärt wurden.“

Chapels Gesichtsausdruck machte deutlich, dass sie keine andere Erklärung erwartet hatte. Allerdings gab sie sich so schnell nicht zufrieden.

„Dann, Captain, müssen Sie damit rechnen, dass Sie entweder von Dr. McCoy oder Dr. M’Benga für dienstunfähig erklärt werden. Ich bin mir sicher, dass Mr. Spock einen entsprechenden Vorstoß unterstützen wird.“

Als sie sah, dass sich Kirks Gesicht verhärtete, fügte sie etwas versöhnlicher hinzu:

„Nehmen Sie wenigstens das Essen, das wir für Sie gebunkert haben. Sie sind auch nur ein Mensch, falls Sie es nicht bemerkt haben.“

Kirk erkannte das Versöhnungsangebot und lächelte schief. „Na schön, Schwester, ich komme nachher bei Ihnen auf einen kleinen Imbiss vorbei. Kirk Ende.“

Kirk beendete die Verbindung. Er hatte nicht vor, in absehbarer Zeit der Krankenstation einen Besuch abzustatten. Seine Aktien waren am Sinken und er wusste es. In der Krankenstation würde er nicht die Hilfe erhalten, die er wirklich brauchte. Wenn er freiwillig dort auftauchte, konnte er sich auch gleich selbst einliefern. Aber wenigstens war Pille wieder unter den Lebenden. Kirk warf noch einen Blick auf seinen Unterlagen, wo sich in einem Datenpad elektronische Unterlagen im übertragenen Sinne stapelten. Die Lösung mochte dort drinnen sein, aber er hatte bessere Chancen sie zu finden, wenn er sich eine Auszeit erlaubte. Ein Besuch bei McCoy würde ihn sicher aufmuntern und war genau das, was der Doktor verschreiben würde.

Das Quartier des Arztes lag in unmittelbarer Nähe der Kapitänskajüte. Der Zufall wollte es, dass er fast zeitgleich mit Pille ankam. Sie sahen sich gleichzeitig und umarmten sich kurz, aber herzlich. Es brauchte keine Worte. Beide Männer betraten McCoys Quartier. Der Arzt ging als erstes zu dem kleinen Kabinett, wo er seine Spirituosen aufzubewahren pflegte. Kirk bezweifelte zwar, dass ein Saurianischer Brandy auf leeren Magen wirklich eine empfehlenswerte Sache war, aber sein Kopf konnte eine kleine alkoholische Aufmunterung wirklich gebrauchen. McCoy schenke ihnen beiden ein – für Kirk Saurianischen Brandy, für sich selbst Kentucky Burbon – und erst, als beide sich gegenüber saßen, brachen Sie das schweigen.

„Ahh, das tut gut“, meinte McCoy genüsslich und ließ sich in den Sessel zurücksinken. Kirk verkostete den Brandy, ließ ihn langsam die Kehle herabgleiten und genoss die Wärme, die sich erst in der Speiseröhre und dann im Magen ausbreitete. Er meinte zu fühlen, wie sich Muskelverhärtungen im Rücken lösten und auch er lehnte sich zurück.

„Wie fühlst du dich?“ fragte Kirk schließlich. Die Strapazen waren nicht spurlos an McCoy vorbei gegangen. Das Gesicht des Chefarztes wirkte eingefallen und dort, wo er sich am Kopf verletzt hatte, fehlten ein paar Haare. Ein blauer Schatten zog sich über die rechte Schläfe bis zu den Augenbrauen.

McCoy verzog die Mundwinkel.

„Lausig. Aber mit einem Drink geht alles besser, wie? Habe gehört, du hattest auch ein paar harte Tage.“

„Kann man wohl sagen“, bestätigte Kirk trocken. „Aber lenke nicht ab. Du hast mir einen ziemlichen Schrecken eingejagt. Schwester Chapel meinte, du musst dich ausruhen?“

„So, hat sie das? Wer ist hier der Arzt? Nun, ich habe mir den Kopf etwas angehauen und etwas Ruhe kann da nicht schaden. Aber ich bin noch nicht reif für den Schrottplatz, falls du das wissen willst.“

Jeder Funken Humor war aus Kirks Gesicht gewichten. Er sah McCoy direkt in die Augen und sagte: „Nein, das wollte ich nicht wissen. Ich möchte wissen, ob es meinem Freund gut geht und ich möchte wissen, ob du dich genug um dich selbst kümmerst.“

„Jawohl, Dr. Kirk.“ McCoy prostete ihm zu.

„Pille, bitte lass das. Die letzten Tage waren wirklich ziemlich hart. Mit Spock, Scotty und dir waren nicht viele Leute übrig, verstehst du?“

McCoy wurde auch Ernst. „Hattest wohl Angst, wie?“

„Ich hatte keine Angst – ich war in Panik. Es war noch nie so knapp.“

McCoy schwieg, eine der wenigen Situationen, in denen ihm keine passende Antwort einfiel. Sein Kopf hämmerte nach wie vor und wenn er sich zu ruckartig bewegte, drehte sich alles. Aber das es nicht, was ihm die Worte raubte. Vor der Crew schaffte es Kirk, den Eindruck von Unzerstörbarkeit und Selbstsicherheit auch in den unmöglichsten Situationen aufrechtzuerhalten. McCoy gehörte zu den wenigen die wussten, dass das häufig nur Fassade war. Dennoch war es selten, dass Kirk das so unumwunden zugab. Ein Zeichen, das bewies, wie sehr die letzten Tage dem Captain zugesetzt haben mussten. Jim hatte in der Tat schon besser ausgesehen. Die Explosion hatte ihn zwar weitestgehend unverletzt gelassen, aber McCoy hatte es sich nicht nehmen lassen, sich M’Bengas Notizen geben zu lassen. So war er im Bilde, was während seiner Auszeit alles passiert war. Selbst ohne Notizen hätte McCoy jedoch die Anzeichen von Rauchvergiftung, Schlafmangel und Erschöpfung in Kirk deutlich erkannt. Andererseits gab es momentan kaum jemanden an Bord, der nicht völlig erschöpft und übermüdet aussah. McCoy brach das Schweigen, in dem er fragte:

„Wie stehen die Ermittlungen?“

Kirk seufzte und fuhr sich mit der rechten Hand über die Augen. McCoys Alarmsirenen schrillen. Offenbar war es nicht die richtige Frage gewesen.

„Ehrlich gesagt: wir treten auf der Stelle, sind nicht ein Stück weiter.“ Dann begann Kirk mit einem Bericht, wie Chekov zum Hauptverdächtigen wurde, was dann geschah bis hin zu M’Bengas Hypnose.

„Komisch“, meinte McCoy, als Kirk seinen Bericht beendet hatte. „Ich hatte Chekov nicht so eingeschätzt. Ein bisschen überenthusiastisch zwar, aber im Grund ein guter Junge.“

„Ja, so sehe ich ihn auch. Aus ihm wird ein guter Offizier. Zumindest dachte ich das bis vor vier Tagen.“

McCoy grinste, als er sich an seine erste Begegnung mit Chekov erinnerte.

„Ich weiß noch, wie er vor zwei Monaten in meine Krankenstation kam. Zum Durchchecken. Hatte sein Hemd ausgezogen, bevor ich ihn darum gebeten hatte. Als ich ihn fragte, ob er nicht frieren würde, hat er geantwortet, dass niemand, der einmal sibirische Kälte gespürt hätte, das Schiff als kalt empfinden würde.“

„Ja, ja, Mütterchen Russland. Meinst du, er macht das mit Absicht? Um uns zu ärgern?“

McCoy grinste. „Vermutlich schon. Ich denke, irgendwann einmal hat man ihn damit gehänselt und es ist seine Art von Gegenwehr. Sein Psychoprofil hatte ein paar Ungereimtheiten.“

Kirk, der gerade einen weitern Schluck Brandy genommen hatte, spuckte einen Teil wieder aus und sah McCoy entgeistert an. Etwas, was er gelesen und nicht für voll genommen hatte, war gerade an seinen Platz gefallen.

„Was hast du da gerade gesagt?“

McCoy erkannte, dass Kirk gerade eine Erkenntnis gehabt hatte, wusste aber nicht, welche. Etwas verwirrt und mit einem Hauch von Verärgerung erklärte er:

„Einige Aspekte seines Psychoprofils haben nicht zusammen gepasst, aber die Werte waren noch innerhalb der Norm. Vermutlich ist es nichts, es wäre mir auch gar nicht aufgefallen, wenn er sich nicht so gegen den Test gewehrt hätte. Zu dem physischen Test dagegen ist er beinahe gerannt. Nun, an und für sich ist es nicht ungewöhnlich, es gibt viele Leute, die sich nicht gerne in den Kopf gucken lassen. Du bist einer davon“, schloss McCoy und sah Kirk leicht anklagend an.

Kirk wirkte angespannt und aufgeregt. „Da war doch noch etwas, nicht? Hatte Chekov nicht einen Onkel, der psychisch behandelt wurde?“

McCoy runzelte die Stirn. „Ja, jetzt, wo du es sagst…  Sein Onkel Juri war in einer Reha-Kolonie‚ sogar kurz, bevor Chekov zu uns an Bord kam. Aber ich weiß nicht, woraus du hinaus willst.“

Kirk ging nicht darauf ein sondern drängte: „Was weißt du noch darüber?“

McCoy hasste es, im Dunkeln gelassen zu werden, aber er kannte das schon und versuchte, in seinem Gedächtnis nach Einzelheiten zu kramen.

„Chekov hat seinen Onkel wohl ein oder zweimal besucht und er hatte keine guten Erinnerungen daran. Einrichtungen für Psychisch-Kranke haben diesen Effekt. Der Name fällt mir gerade nicht ein, aber ich könnte nachsehen, wo er war.“

„Bitte, tue das.“

Da das Computersystem nach wie vor nicht richtig funktionierte, setzte sich McCoy mit der Krankenstation in Verbindung und ließ sich einen Trikorder mit den benötigten Informationen bringen. Er war angesäuert und sein Kopf pochte wieder stärker, aber er kannte Jim und wusste, dass es sinnlos war, in dieser Stimmung mit ihm zu diskutieren. Sie warteten schweigend auf den Trikorder. Ein Fähnrich erschien, sichtbar dankbar, sofort wieder gehen zu können. Kirk wollte McCoy den Trikorder schon aus der Hand nehmen, aber der Arzt schüttelte den Kopf.

„Nicht so schnell, Jim. Das sind medizinische Daten, die dich im Grunde nichts angehen.“

„Dann sieh bitte nach, von wem der Onkel behandelt wurde.“

McCoy schaltete den Trikorder ein und suchte nach der gewünschten Information. Als er sie hatte, sah er auf, sein Gesicht spiegelte deutlich seine Überraschung wieder.

„Juri Chekov wurde von einer gewissen Lethe in einer Reha-Kolonie behandelt. Unterstützt

von Dr. Tristan Adams.“

 

******

 

„Er wurde WAS?“

Kirk war fassungslos. Wären die Umstände nicht so ernst gewesen, hätte McCoy den Augenblick sicher genossen. Aber so teilte er Kirks Reaktion.

„Ja, tatsächlich von Lethe.“

„Wir reden von der gleichen Frau, die auf der Tantalus-Kolonie wie ein Zombie durch die Gegend gelaufen ist?“

„Ich fürchte schon. Warte mal…“ McCoy drückte einige Zeit auf dem Trikorder herum und fuhr dann fort: „Ah, hier. Ja. Dr. Adams hatte ja einen hervorragenden Ruf in der Therapiearbeit, du erinnerst dich?“

Als Kirk das Gesicht schmerzhaft verzog, ergänzte McCoy:

„Ich meine, vor unserem Besuch. Nun, Lethe war einer seiner Erfolgsfälle. Ursprünglich war sie Insassin der Tantalus-Kolonie, galt dann aber als geheilt. Sie wurde selbst zur Therapeutin ausgebildet, so unglaublich das klingt. Ich verstehe nicht ganz, wie so etwas passieren kann. Wäre ja so, als wenn man einen trockenen Alkoholiker eine Bar aufmachen lässt…“

„Pille…“, meinte Kirk. Er war deutlich ungeduldig.

„Oh, tut mir leid. Wir wissen ja, dass sie als Therapeutin zur Tantalus-Kolonie zurückkehrte. Allerdings hat sie für vier Monate auf Dariba gearbeitet.“

„Und dort hat sie Chekovs Onkel behandelt.“

„Genau. Und wie es aussieht, hat Dr. Adams sie mindestens einmal besucht, um sie zu unterstützen.“

„Wir sollten mit Chekov reden.“

„Ja, Jim, das sollten wir tatsächlich.“

 

******

 

Kirk zitierte nicht nur Chekov herbei, er verständigte auch Spock. Während Captain und Erster Medo-Offizier warteten, warf Kirk einen weiteren Blick in Chekovs Personalakte. Jetzt, wo er wusste, wonach er suchen musste, sprang ihm die Information geradezu ins Auge. Natürlich wurden die medizinischen Informationen von der militärischen Laufbahn getrennt dokumentiert. Allerdings hatte Fähnrich Chekov seinen Dienst auf der Enterprise erst mit einer Woche Verspätung angetreten, weil er auf Dariba behandelt worden war. Dariba war eine nicht-militärische Raumstation, wo hauptsächlich über die Auswirkungen des Weltalls auf die Psyche von Individuen geforscht wurde. An die Forschungsabteilungen war auch eine Klinik angeschlossen, eben jede Klinik, in der Chekovs Onkel behandelt worden war. Kirk erinnerte sich wieder, dass er Chekov einmal im Aufenthaltsraum darüber hatte reden hören. Damals hatte Kirks Aufmerksamkeit jedoch dem Schachspiel mit Spock gegolten und er hätte auch nicht ahnen können, wie wichtig diese Information einmal sein würde.

Juri Chekov war unerwartet an einem Hirnschlag gestorben, noch während Fähnrich Chekov ihn besucht hatte. Der Fähnrich war daraufhin ernsthaft krank geworden, was seinen Dienstantritt hinaus gezögert hatte. Chekov hatte insgesamt vier Monate auf Dariba verbracht. Seine Personalakte vermerkte nur lapidar einen verspäteten Dienstantritt wegen Krankheit, belegt durch eine Bescheinigung ausgestellt von einem Dr. Smith auf Dariba. Wieso war ihm dieser Zusammenhang nicht schon vorher aufgefallen? Es war doch so offensichtlich! Der Türsummer kündete einen Besucher an. Spock trat durch die Tür. Nachdem der Vulkanier aus der Heiltrance erwacht war, sah er aus wie immer. Nichts deutete mehr darauf hin, dass er an der Schwelle zum Tod gestanden hatte. Vielmehr wirkte er erfrischt und stellte damit einen absonderlichen Kontrast zum Rest der Crew dar.

„Sie wollten mich sprechen, Sir“ begann Spock. Er wirkte beinahe noch steifer als sonst.

„Setzten Sie sich, Spock“, meinte Kirk und deutete auf einen freien Platz neben McCoy. Der Arzt grummelte etwas vor sich hin, wurde aber von den anderen beiden Männern ignoriert. In kurzen Worten legte Kirk seine These dar. Als er geendet hatte, hatte der Vulkanier beide Augenbrauen hochgezogen. Kirk hätte fast geschmunzelt, weil nichts deutlicher die Überraschung des Vulkaniers zeigen konnte.

„Faszinierend“, kommentierte Spock. „Ihre Theorie hat einiges für sich, Captain.“

„Ja, das Problem ist nur, dass wir sie nicht beweisen können.“

Bevor Spock noch etwas erwidern konnte, zeigte der Türsummer einen weiteren Gast an. Es war Giotto, der zusammen mit zwei Sicherheitswächtern Chekov eskortierte.

Kirk winkte alle herein, was McCoy etwas säuerlich mit „wie auf dem Bahnhof hier“ kommentierte, allerdings so leise, dass nur Kirk und Spock ihn hören konnten.

Giotto wollte bleiben, Kirk befahl ihm jedoch ebenso wie seinen Männern zu gehen.

„Sind Sie sicher, Sir?“

„Ja, ganz sicher. Es tut mir Leid, aber ich weihe Sie hinterher in alles ein. Ich möchte vorher nur etwas überprüfen.“

„Wie Sie meinen. Ich warte mit meinen Männern draußen.“

„Das ist nicht nötig, ich rufe Sie, wenn wir Sie benötigen. Ich bin überzeugt davon, dass von Fähnrich Chekov keine Gefahr ausgeht.“

„Mit Verlaub, Sir, würde ich es dennoch vorziehen, draußen zu warten.“

„Wenn Sie sich dann wohler fühlen…“

Kirk deutete auf die Tür und die Sicherheitsmänner verließen geschlossen McCoys Quartier.

Fähnrich Chekov sah inzwischen aus wie ein Häuflein Elend, was man ihm in Anbetracht der Umstände wohl kaum verdenken konnte.

Bevor ihm eine Frage gestellt wurde, platze Chekov heraus:

„Sir, ich weiß wirklich nichts mehr und ich bin unschuldig. Das heißt, ich glaube, dass ich unschuldig bin. Ich würde niemals etwas tun, was dem Schiff schaden würde. Ich…“

Kirk hob beschwichtigend die Hand.

„Beruhigen Sie sich Fähnrich. Und nehmen Sie Platz.“

Der Captain deutete auf einen freien Stuhl, den Spock zu Recht geschoben hatte.

„Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie, Chekov.“

Der junge Mann sah ihn fragend an.

Kirk verzog leicht die Mundwinkel.

„Die schlechte ist: Sie sind tatsächlich der Attentäter.“

Als Chekov zum Protest ansetzen wollte, brachte Kirk ihn mit einer ruhigen Handbewegung zum Schweigen.

„Die gute ist, Mr. Chekov, dass Sie trotzdem unschuldig sind.“

Wie in einer Imitation Spocks zog Chekov die Augenbrauen hoch, was McCoy zum Lachen reizte. Auf einen bösen Blick Kirks hin tarnte er es als Husten.

Der Captain wandte sich wieder Chekov zu.

„Sie waren vor Ihrem Dienstantritt auf Dariba?“

„Ja, Sir. Es hatte persönliche Gründe. Aber ich verstehe nicht…“

„Sie verstehen nicht, was das mit der Anschlagsserie auf die Enterprise zu tun hat? Nun, eine ganze Menge.“

Mit kurzen Worten, aber ohne etwas auszulassen, schilderte Kirk seine Theorie und die Ereignisse um Dr. Adams auf der Tantalus-Kolonie, die sich vor Chekovs Ankunft auf der Enterprise zugetragen hatten*). McCoy entging dabei nicht, dass Kirk einiges ausließ, sowohl die Beteiligung von Dr. Noёl, die das Schiff kurz darauf auf eigenen Wunsch verlassen hatte, als auch die Folter, die Dr. Adams Kirk hatte angedeihen lassen. Der Captain erwähnte lediglich, dass Dr. Adams an einer Methode gearbeitet hatte, um geistige Kontrolle über andere auszuüben und dass er versucht hatte, auf diese Weise die Enterprise in seine Hand zu bekommen.

„Und so glauben wir, dass Dr. Adams und Lethe, die Ihren Onkel behandelt haben, schon vorher mit geistiger Kontrolle experimentiert haben.“

„Ich soll quasi ferngesteuert gewesen sein?“ Chekov klang nicht überzeugt.

„Mir ist bewusst, Fähnrich, wie fantastisch sich das anhört. Es erklärt jedoch die Umstände. Was jetzt noch fehlt, ist der Trigger. Fällt Ihnen etwas ein?“

Chekov schüttelte den Kopf. „Tut mir Leid, Sir. Ich kann Ihnen wirklich nicht weiterhelfen.“

„Die eingehenden Com-Signale wurden überprüft?“ wandte sich Kirk an Spock.

„Positiv. Fähnrich Chekov hat in den letzten zwei Wochen keine Nachrichten erhalten.“

„Mmh…“ Kirk dachte nach. „Was ist… Was wäre, wenn nicht er das Signal bekommen hätte, sondern jemand anders?“

„Sir?“ Spock sah ihn fragend an.

„Spock, bitte überprüfen Sie auch die Absender der eingehenden Nachrichten von den Personen, die engeren Kontakt mit Fähnrich Chekov hatten.“

Spock zückte seinen Trikorder. Kirk war erleichtert, dass Spock alle Daten zur Hand hatte. Ohne Verbindung zum Hauptcomputer kam es seit dem Anschlag öfter vor, dass Informationen zunächst manuell per Datenträger durch das Schiff getragen werden mussten, bevor ein Zugang zu ihnen hergestellt werden konnte.

Spocks Finger glitten elegant über die Bedienelemente des Trikorders. Nach ungefähr einer halben Minute hielt er inne. „Faszinierend“, kommentierte Spock. „Yeoman Landon hat eine Nachricht von Dariba erhalten.“

Kirk ging zur Tür, vor der Giotto und seine Leute tatsächlich ausharrten.

„Lieutenant Commander Giotto – bitte sorgen Sie dafür, dass Yeoman Landon hergebracht wird.“

Giotto sah nicht eben erfreut aus, im Dunkeln gelassen zu werden, aber er nickte nur. Einer seiner Männer verschwand umgehend. Kaum fünf Minuten später traf die junge Frau in McCoys Quartier ein, in dem es nun wirklich eng wurde. McCoys Kopfsschmerzen hatten sich inzwischen so verschlimmert, dass er sich nur mit Mühe bei der Sache war. Die neuesten Erkenntnisse interessierten ihn nur noch vage, am liebsten hätte er alle hinaus geworfen und sich hingelegt. Aber der Arzt kannte Kirk zu gut um zu wissen, dass das keine Option war. Kirk sah aber auch nicht so aus, als würde er das Gespräch gerne in die Länge ziehen. Er sprach die junge Frau ohne Einleitung an.

„Miss Landon, Sie haben in den letzten zwei Wochen eine Nachricht von Dariba erhalten – ist das richtig?“

Sie sah verwirrt aus. „Sir?“

Kirk richtete sich auf. Nur seine Freunde wussten, dass das auf Ungeduld schließen ließ.

„Sie haben richtig gehört. Im Computer ist verzeichnet, dass Sie eine Nachricht von Dariba erhalten haben. Ich möchte wissen, ob das stimmt und wenn ja, wer der Absender ist. Mir ist klar, dass es so etwas wie das Briefgeheimnis gibt. Aber diese Nachricht steht möglicherweise in Verbindung mit den Anschlägen. Sie würden uns daher sehr helfen, wenn Sie uns alles erzählen, was Sie darüber wissen.“

„Aber ich kenne doch niemanden auf Dariba! Ich weiß auch nichts von einer Nachricht.“

Kirk unterdrückte ein Seufzen und warf Spock einen Blick zu. Der Vulkanier verstand augenblicklich und hielt der jungen Frau den Trikorder hin. Außerdem sagte er:

„Hier. Die Nachricht wurde vor 8,3 Tagen empfangen. Sie wurde von einem öffentlichen Anschluss auf Dariba gesendet.“

Martha Landon sah verwirrt aus und schüttelte den Kopf.

„Ich erinnere mich nicht an diese Nachricht. Wirklich nicht.“

„Sind Sie damit einverstanden, dass wir sie uns ansehen?“ fragte Kirk.

„Natürlich. Ich möchte auch wissen, was es damit auf sich hat.“

Kirk gab Spock mit einer Geste zu verstehen, dass er die Nachricht auf den Dreiecksbildschirm auf McCoys Schreibtisch legen sollte. Spocks Finger strichen über die Kontrollen des Trikorders und auf den Monitoren auf McCoys Schreibtisch erschien ein Bild, verbunden mit einem unangenehmen Geräusch. Dann erschien das Bild von Dr. Adams.

 

******

 

Der hohe Ton war genau das, was McCoys Magen nicht brauchte. Schon vorher hatten McCoys Kopfschmerzen Ausmaße angenommen, die seinen ganzen Körper rebellieren ließen. Der grelle Ton war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Ihm wurde so übel wie selten zuvor und McCoy sprang auf. Er schaffte es gerade noch rechtzeitig in die Hygienezelle.

 

******

 

Während die Aufzeichnung lief, geschahen mehrere Dinge gleichzeitig. Dr. McCoy sprang auf und verschwand kommentarlos Richtung Toilette. Martha Landon und Chekov versteiften sich, ihre Blicke wurden leer. Auch Kirks Haltung änderte sich, der Captain fing an zu schwitzen, seine Muskeln verkrampften sich. Dr. Adams auf dem Monitor begann zu sprechen, immer noch von dem Ton begleitet.

„Martha Landon, seien Sie am Donnerstag um 14 Uhr in der Starlightbar auf Sternenbasis 12. Ein Mann wird Sie ansprechen. Er überreicht Ihnen ein Paket. Nehmen Sie es mit an Bord, öffnen Sie es, wenn Sie alleine sind und folgen Sie den enthaltenen Anweisungen.“ Der Bildschirm wurde dunkel. Spock hatte beide Augenbrauen hochgezogen und stellte die Aufzeichnung ab. Als der Ton endlich nicht mehr zu hören war, verschwand der leere Blick aus den Augen von Landon und Chekov. Sie sahen etwas verwirrt aus und Chekov meinte:

„Wollten Sie nicht die Nachricht abspielen, Mr. Spock?“

Spocks Augenmerk galt allerdings nicht den beiden Fähnrichen sondern Kirk. Mit dem Ende der Aufzeichnung war die Anspannung aus Kirk gewichen. Stattdessen stützte sich Kirk an McCoys Schreibtisch ab, seine Fingerknöchel traten weiß hervor. Spock schätzte, dass sich der Captain, hätte er gestanden, mit einer Wahrscheinlichkeit von 97,4 Prozent nicht auf den Beinen hätte halten können.

„Sir, alles in Ordnung mit Ihnen?“

Kirk antwortete nicht, konzentrierte sich aufs Ein- und Ausatmen.

„Sir?“ Spock fühlte sich etwas hilflos. In Gegenwart der beiden Fähnriche wollte er die Contenance wahren, aber es war offensichtlich, dass mit Kirk nicht alles in Ordnung war. Spock wartete 6,9 Sekunden ab und wollte zu Kirk hinübergehen, als sich der Captain fing. Er straffte die Gestalt und nur Spock konnte sehen, was es Kirk für eine Willensanstrengung kostete.

„Es ist alles in Ordnung, Spock. Ich erkläre es später.“ Kirk wandte sich dann an die beiden Fähnriche.

„Was ist das letzte, an was Sie sich erinnern, Chekov?“

Der junge Russe verzog das Gesicht. Sein Gesicht spiegelte deutlich wieder, was er dachte. Kirk grinste schief. „Ich bin nicht verrückt geworden, bitte beantworten Sie die Frage.“

Chekov wurde rot und antwortete stotternd. „Äh, nicht dass ich… ich meine… äh, also… Sie wollten die Nachricht abspielen, Sir.“

Spock kommentierte ruhig: „Mr. Chekov, ich habe die Nachricht bereits abgespielt.“

„Das kann nicht sein!“ platzte es aus Chekov heraus.

Spocks Blick wanderte zu Martha Landon hinüber.

„Ich habe auch nichts gesehen, Sir“, bestätigte diese.

Kirk sagte: „Wir haben gerade eine Botschaft von Dr. Adams gesehen. Ich gehe davon aus, dass sie beide entsprechend konditioniert wurden. Bei Ihnen, Chekov, muss die Konditionierung auf Dariba erfolgt sein, während sie krank gewesen sind.“

„Wollen Sie sagen, Sir, dass man mir eine Gehirnwäsche verpasst hat?“ Chekov sah fassungslos aus.

Kirk antwortete: „Ja, genau das denke ich. Miss Landon, waren Sie auf Dariba?“

Die junge Frau war verunsichert. „Nicht, dass ich mich erinnern würde…“

In diesem Moment kam Pille zurück. Er sah leicht grünlich aus. Kirk schien erst jetzt zu merken, dass McCoy gefehlt hatte. „Alles in Ordnung mit dir?“ fragte er seinen Freund.

„Habe mich schon besser gefühlt“, grummelte er.

Kirk wandte sich an Spock. „Bitte rufen Sie Dr. M’Benga.“

McCoy wollte protestieren, aber Kirk machte deutlich, dass er Widerspruch nicht zuließ. McCoy fühlte sich zu miserabel, um großartig Widerstand zu leisten.

An Chekov und Landon gewandt, erklärte Kirk:

„Bitte reden Sie noch einmal mit Lieutenant Commander Giotto. Wir müssen herausfinden, was man Ihnen genau angetan hat und ob ggf. noch weitere Personen involviert sind. Anschließend melden Sie sich in der Krankenstation.“

Kirk rief Giotto und seine Leute herein. Die beiden Sicherheitswächter eskortierten Chekov und Landon hinaus, während Kirk Giotto ins Bild setzte. Als der Sicherheitschef gegangen war, schwappte einmal mehr eine schwarze Wolke heran und drohte, sich über Kirk zu legen. Er kannte das Gefühl, hatte es sofort zuordnen können, als die Botschaft von Dr. Adams erklungen war. Spock warf ihm einen besorgten Blick zu, war aufgestanden, um ihn falls notwendig zu stützen. Kirk winkte ab.

„Nicht nötig, Spock, aber danke. Das sind die Nachwirkungen von Dr. Adams.“

„Sir?“

„Ich habe auch auf diesem verdammten Stuhl gesessen, erinnern Sie sich?“

Spock nickte ruhig. Wie konnte er das vergessen?

„Die Nachricht muss versteckte Signale enthalten. Ich… Für einen Augenblick habe ich mich gefühlt wie in Dr. Adams Behandlungszimmer.“

Kirk schluckte sichtbar und Spock wusste augenblicklich, was Kirk meinte. Kirk war in diesem Zimmer gefoltert worden und es war klar, dass die Botschaft ihn in diesen Augenblick zurück versetzt hatte. Kirk fing sich wieder und fuhr fort:

„Ich gehe davon aus, dass Lethe Chekov auf Dariba ähnlich ‚behandelt’ hat. Vermutlich hat er den Befehl bekommen, die Enterprise zu vernichten. Adams kann die Nachrichten aufgezeichnet haben und Lethe hat dann den Rest übernommen. Wir müssen noch feststellen, ob noch weitere Crewmitglieder betroffen sind. Die Nanobots sind mit Sicherheit durch Fähnrich Landon an Bord gelangt, als wir auf Sternenbasis 12 waren.“

„Sie gehen also davon aus, dass Sie ebenfalls geistig kontrolliert wird?“

Kirk nickte. „Ich wette, dass Sie irgendwann in den letzten drei Monaten nach einem Landgang krank gewesen ist.“

Nachdem die Anspannung sich etwas legte, fühlte Kirk, wie ein eine weitere Welle von Schwindel erfasste. Er hielt sich am Schreibtisch fest. Spock setzte zu einem Kommentar an, aber Kirk winkte ab.

„Ich weiß. Bitte kümmern Sie sich um alles weitere. Ich bin in meinem Quartier. Falls ich nicht von allein wieder auftauche: wecken Sie mich in fünf Stunden.“

 

******

 

Spock verfolgte in den nächsten Stunden alle Spuren und entdeckte noch einen Transportertechniker, der ebenfalls einer Gehirnwäsche unterzogen worden war. Mit seiner Hilfe hatte es Martha Landon geschafft, die Sprengladungen an Bord zu bringen. In dem Paket, was sie aus Sternenbasis 12 mit auf die Enterprise gebracht hatte, befanden sich weitere Videobänder, die Schritt für Schritt Anweisungen enthielten, angefangen vom Löschen und Sperren der Daten im Hauptcomputer bis hin zum Verwischen der Spuren und Verstecken der Bänder selbst. Es war auch Martha Landon gewesen, die die jüngst auftauchenden Datenpads und Trikorder deponiert hatte. Spock entdeckte weitere digitale Daten in Martha Landons Quartier. Die fraglichen Programme waren größtenteils außerhalb der Enterprise erstellt worden, einen kleinen Teil hatte sie selbst angepasst. Außerdem wurden noch drei weitere Sprengsätze gefunden und unschädlich gemacht.

Sie würden gründlich suchen müssen, um alle Opfer von Dr. Adams und Lethe zu finden. Vor ihrer Rückkehr zur Tantalus-Kolonie hatte Lethe neben Chekovs Onkel noch weitere Patienten behandeln und niemand konnte zurzeit sagen, welcher Schaden dabei angerichtet worden war.

 

Im Nachhinein stellte sich heraus, dass Dr. Adams schon länger Pläne verfolgt hatte, ein Starfleet-Schiff unter seine Kontrolle zu bekommen. Seine Experimente auf der Tantalus-Kolonie waren nur ein Aspekt gewesen, Adams’ Ambitionen gingen weit darüber hinaus. Als sein Schützling Lethe ihm von Pawel Chekov erzählte, bot sich die ideale Gelegenheit, einen jungen Offizier zu kontrollieren. Bevor jedoch Adams seine Pläne in die Tat umsetzen konnte, deckte die Enterprise nach ihrem Besuch auf der Tantalus-Kolonie seine dunklen Machenschaften dort auf. Gutachter bescheinigten Adams geistige Unzurechnungsfähigkeit. Leider wurde er zur Rehabilitation ausgerechnet selbst auf Dariba verlegt, wodurch es ein leichtes für ihn war, alte Verbindungen zu nutzen. Sein ursprüngliches Ziel hatte sich geändert, jetzt ging es ihm darum, Rache zu üben. Er wollte Kirk und die Enterprise vernichten. Dass Chekov ausgerechnet auf die Enterprise versetzt worden war, war dabei ein ungeheurer Glücksfall für ihn.

 

Kirk machte später seinen Einfluss geltend und so wurden Dr. Adams und Lethe beide in andere Anstalten verlegt. Dr. Simon van Gelder, der selbst lange darum gekämpft hatte, seine geistige Gesundheit zu beweisen, wurde auf Kirks Ersuchen in die Betreuung von Adams und Lethe mit einbezogen.

 

******

 

Auf der Enterprise kehrte die Routine langsam wieder ein. An Tag sechs nach dem Anschlag funktionierten die Replikatoren wieder und kurz darauf wurde dank Uhura die Kommunikation mit der Außenwelt wieder hergestellt. An Tag acht nahm die Enterprise Kurs auf Sternenbasis zwölf auf. Zunächst schleppte sich das majestätische Sternenschiff mit ein Viertel Impulskraft von der Stelle, aber Scotty schaffte es nach einem weiteren Arbeitstag, auch den Warpantrieb wieder funktionsfähig zu bekommen. Sie erreichten die Sternenbasis nach zwei Wochen. Kirk war in seinem Quartier und schrieb an den Kondolenzbriefen für die Hinterbliebenen der Opfer, eine Aufgabe, die er niemals übertrug, die ihm aber jedes Mal schier die Luft zum Atmen nehmen wollte. Es waren dieses Mal besonders viele Briefe gewesen. Außerdem bestätige sich M’Bengas Befürchtung: Janice Rand war zu schwer verletzt, um auf dem Schiff zu bleiben. Sie würde intensive Pflege benötigen, wobei ihre langfristige Prognose dennoch viel versprechend war. Kirk konzentrierte sich auf das letzte Schreiben vor ihm. Er prägte sich jedes einzelne Todesopfer ein und bemühte sich, jeden Brief so individuell wie möglich zu halten. Die Totenfeier lag einen Tag zurück, nun galt es, nach vorne zu blicken.

Zum Glück warteten noch angenehmere Pflichten auf den Captain. Dazu gehörten zahlreiche Belobigungen, unter anderem für Charlene Masterson, Christine Chapel und Luca M’Benga. Außerdem…

Der Türsummer unterbrach Kirks Gedanken. Er blickte kurz auf die Uhr und stellte fest, dass der Fähnrich auf die Sekunde pünktlich war. Kirk lächelte leicht und bat Chekov herein. Der Fähnrich war, ebenso wie die anderen Opfer von Dr. Adams, von McCoy behandelt worden. Dazu gehörten auch vier Offiziere, die auf anderen Schiffen bzw. auf Sternbasis 12 dienten.

Kirk hatte ebenfalls eine Injektion abbekommen, denn es war offensichtlich, dass der Captain nach wie vor für Adams Suggestionen empfänglich war. McCoy hatte sich die Unterlagen besorgt, die in der Zwischenzeit über Dr. Adams „Behandlungsstuhl“ angefertigt worden waren. Ausgehend von den Erkenntnissen seiner Kollegen hatte er einen Cocktail zusammen gemixt, der zukünftig die Transmitter im Gehirn blockierte, die die Botschaften zu unüberwindlichen Befehlen machten. Damit musste nicht befürchtet werden, jemand anderes könne ohne weitere „Behandlung“ Kirk und andere mit suggestiven Botschaften unter seine Kontrolle bringen. Kirk war erleichtert, da es so Fragen über seine Kommandotauglichkeit schon im Keim erstickte. Gleichzeitig ermöglichte es ihm, Chekov etwas für die Unterstellungen zu entschädigen. Der junge Russe litt, ebenso wie Martha Landon, unter starken Schuldgefühlen. Sowohl McCoy als auch Kirk setzten alles daran, die beiden davon zu überzeugen, dass Adams der wahre Täter war und sie Opfer seiner Machenschaften. Immerhin hatte die Krise die beiden jungen Leute zusammen geschweißt. Aus zuverlässigen Quellen wusste der Captain bereits, dass sie ein Paar waren. Sie konnten sich gegenseitig halt geben.

„Sie wollten mich sprechen, Sir?“ Chekov stand in der Tür, unschlüssig, ob er das Quartier des Captains betreten sollte oder nicht. Kirk winkte ihn herein.

„Setzen Sie sich, Fähnrich.“

Chekov kam der Aufforderung nach und sah Kirk erwartungsvoll an.

„Wie sehen Ihre Pläne aus?“ fragte Kirk unvermittelt.

„Ich verstehe nicht ganz?“

„Angenommen, Sie könnten sich eine Tätigkeit an Bord aussuchen? Welche wäre das?“

Die Frage kam für Chekov völlig überraschend.

„Nun… äh…es gibt viele Bereiche, die mich interessieren“, antworte Chekov ausweichend. Auf Kirks Blick hin ergänzte er: „Um ehrlich zu sein, ich weiß noch nicht genau, wo ich hin will. Die Sicherheit interessiert mich, aber, naja, momentan würde ich gerne… ich meine, ich würde gerne auf der Brücke…“

Chekov brach ab, hochrot angelaufen.

„Nun, da habe ich ja Glück“, meinte Kirk leicht lächelnd.

„Sir?“

„Ich habe Glück, dass sich meine Überlegungen mit Ihren decken. Ich brauche einen neuen Navigator auf der Brücke, Mr. Chekov. Und ich dachte dabei an Sie.“

„An mich, Sir? Nach allem, was passiert ist? Ich meine…“ Chekov bekam große Augen. Es war gänzlich unüblich, vorsichtig ausgedrückt, dass ein so junger Mann wie er, nochzumal ein so völlig durchschnittlicher Akademieabsolvent, so schnell auf die Brücke versetzt wurde. Insbesondere nach den jüngsten Ereignissen. JEDER wollte auf die Brücke, aber bei über 400 Leuten an Bord standen die Chancen entsprechend schlecht.

„Ich dachte an Sie, Mr. Chekov. Und Sie waren nicht für Ihre Taten verantwortlich. Sie waren das Opfer von dunklen Machenschaften. Vergessen Sie das nie. Wenn Sie einverstanden sind, sitzen Sie neben Mr. Sulu, wenn wir nach den Reparaturen wieder auslaufen. Was sagen Sie dazu?“

Ein Strahlen breitete sich auf Chekovs Gesicht aus.

„Was ich dazu sagen: Danke, Sir. Vielen Dank. Ich meine, liebend gerne, Sir.“

Kirk schmunzelte und überreichte Chekov ein Datenpad.

„Mr. Rogers hat Ihren Dienstplan schon entsprechend angepasst. Willkommen auf der Brücke, Mr. Chekov. Wegtreten.“

*) für weitere Informationen: siehe TOS-Folge 9, „Dagger of the Mind“ (dt.: „Der Zentralnervensystemmanipulator“)


ENDE


Story by Zelda Scott, 2010
Star Trek ist ein eingetragenes Warenzeichen der Paramount Picture Corporation, eine Verletzung dieses Copyrights ist nicht beabsichtigt.

http://www.sttos.de | Zelda.Scott@web.de