Rauchschwaden waberten durch die Korridore der Enterprise.
Die Notleuchten tauchten alles in ein unwirkliches Zwielicht, trugen dazu bei,
der ganzen Situation etwas Unwirkliches zu verleihen.
Kirk kämpfte sich Richtung Maschinenraum vor, wo der
beißende Qualm immer dichter wurde. Auf seinem Weg sah er Crewmitglieder im
Gang liegen. Es kostete ihn Überwindung, sie dort zu lassen, sich nicht um die
Verletzten zu kümmern. Das medizinische Personal war verständigt, würde in
wenigen Minuten eintreffen. So verdrängte Kirk das schale Gefühl in der
Magengrube und betrat nur wenig später Scottys Reich. War der Eindruck auf dem
Korridor schon schlimm gewesen – er war nichts gegen das, was ihn hier
erwartete. Vereinzelt liefen Techniker umher, weit mehr allerdings lagen reglos
auf dem Boden oder waren über einer Konsole zusammen gesunken. Kirk sah Lieutenant
Masters, die etwas ramponiert aussah, aber das Heft in die Hand genommen hatte
und Anweisungen ausspie. Als sie Kirk sah, kam die dunkelhäutige Frau auf ihn
zu.
„Statusbericht“, verlangte Kirk ohne Einleitung.
„Eine Explosion hat die Kontrollen im Maschinenraum und im
Hilfskontrollraum zerstört, Sir. Ursache unbekannt. Lebenserhaltung ist
ausgefallen, wir laufen auf Notstrom. Zurzeit hängen wir antriebslos im All,
weil wir auf keine Kontrollen zugreifen können. Kommunikation, Nahrungssynthetisierer,
alles ist ausgefallen. Nur die Schwerkraft ist noch intakt.“ Sie hustete.
„Wie schlimm ist es?“
„Sehr schlimm, Sir. Der Antrieb und die Energieversorgung
laufen im Prinzip zwar noch, allerdings haben wir ohne Kontrolleinheiten keinen
Zugriff. Ich glaube nicht, dass wir das rechtzeitig reparieren können… Sir, Mr.
Scott ist unter den Verletzten.“
Kirk schluckte. Scotty, der Zauberer, der Retter in der Not…
„Lieutenant, Sie haben bis auf weiteres das Kommando über
den Maschinenraum. Die Lebenserhaltung hat absolute Priorität. Als nächstes
müssen wir wissen, was die Explosion verursacht hat. Egal, wie schlimm es jetzt
auch aussehen mag: Sie kriegen das rechtzeitig hin! Ich stelle Leute ab, die Ihnen
helfen werden.“
Masters lächelte schwach und hustete.
„Sir, Sie wissen, dass uns 24 Stunden bleiben, bis der
Notstrom versagt, oder?“
Kirk nickte und spürte seinerseits, wie der Qualm seine Stimmbänder
reizte und ihm in den Augen brannte.
„Ich weiß, Lieutenant.“
„Sie wissen auch, dass die meisten unserer Leute tot oder
verletzt sind?“
„Ja. Ich weigere mich aber, jetzt einfach aufzugeben und Sie
sollten das auch nicht tun. Solange wir leben, gibt es Hoffnung.“
„Aye, Sir.“
„Gut. Bereiten Sie einen Bericht mit ausführlichen
Schadensmeldungen vor. Ich werde sehen, dass Sie mehr Leute kriegen.“
Masters nickte und kehrte dann wortlos zu ihrer Arbeit
zurück. Kirk sah sich gehetzt im Maschinenraum um. Das medizinische Team war
endlich eingetroffen. Der Captain erkannte Chapel, die von einem Verletzten zum
nächsten ging und sich ein Bild von den kritischen Fällen machte. Dann sah Kirk
auch Dr. M’Benga, der seine Leute wie ein Virtuose dirigierte.
Wo ist Pille? dachte Kirk noch, als der dunkelhäutige Arzt
ihn seinerseits entdeckte und auf ihn zuging. Der Captain kam ihm entgegen.
Bevor er etwas sagen konnte, dirigierte das medizinische Personal drei Tragen
an ihm vorbei. Etwas schnürte Kirk die Luft ab. Auf den Tragen lagen Scotty,
Pille und Spock. Für eine Sekunde schien sich der Boden unter Kirks Füßen
aufzutun. Nicht nur, dass sich mit diesen dreien seine engsten Freunde
wohlmöglich in Lebensgefahr befanden, auch seine Chance, diese aberwitzige
Situation in den Griff zu bekommen, war gerade dramatisch gesunken. Scotty und
Spock, die zusammen jedes noch so knifflige technische Problem lösen konnten
und McCoy, der die Personen an Bord gesund hielt und Geist und Körper
gleichermaßen reparierte, zusammen waren sie ein unschlagbares Team. Kirk
wusste, dass der Erfolg der Enterprise in erster Linie der Erfolg seiner Leute
war. Ohne sie war er nichts.
Mit reiner Willensanstrengung löste er sich aus seiner
Erstarrung und sorgte dafür, dass sich nichts von seinen Gedanken auf seinem
Gesicht widerspiegelte.
„Sie leben, aber mehr kann ich noch nicht sagen“, meinte
M’Benga, dem Kirks Blick dennoch keinesfalls entgangen war.
Kirk nickte abgehackt. Er wollte nichts mehr, als M’Benga zu
folgen, sich zu vergewissern, dass es seinen Freunden gut ging. Aber das war
unmöglich, die Enterprise stand an erster Stelle. Die Enterprise und ihre Crew.
Kirk wusste, dass M’Benga ihn auf dem Laufenden halten würde. Er war ein
brillanter Arzt, hatte einige Zeit auf Vulkan verbracht. Ihn zu einer Aussage
zu drängen, half niemanden weiter. So sah Kirk noch einen kurzen Moment zu, wie
die Tragen aus seinem Blickfeld verschwanden. Mit bewusster Willensanstrengung
riss er sich los und besann sich auf seine Aufgabe.
******
Da auch die schiffsweite Kommunikation ausgefallen war,
blieb Kirk nichts anderes übrig, als selbst die einzelnen Bereiche aufzusuchen.
Die Entscheidung, wohin er zuerst gehen sollte, war schwierig. Kommunikation
war wichtig, um endlich wieder eine Verständigung zu erhalten. Sicherheit war
wichtig, denn bislang war völlig unklar, was passiert war. Die Krankenstation
war wichtig, damit er wusste, wie viele seiner Leute noch einsatzfähig waren.
Und wie viele die schon viel zu lange Liste derer ergänzen würden, die unter
seinem Kommando gefallen waren… Dann gab es noch die wissenschaftliche
Abteilung, die auch für alle Computer an Bord verantwortlich war. Ohne Computer
waren sie aufgeschmissen, Computer waren also ebenfalls wichtig. Wichtig war
auch die Telemetrie. Waren sie von außen angegriffen worden, was passierte vor
dem Bug der Enterprise? Sie befanden sich nahe der Romulanischen Grenze. Viel
zu nahe... Gedanklich sah der Captain die schematische Darstellung auf dem
Brückenschirm vor sich, kurz bevor er die Brücke vor zwei Stunden nach dem Ende
seiner Schicht verlassen hatte. War das wirklich erst vor zwei Stunden gewesen?
Kirk war mitten auf dem Weg zu Scotty gewesen, um ein paar Ideen des
Chefingenieurs zu diskutieren, natürlich nicht, ohne sich auf einen Schluck von
Scottys Selbstgebrannten zu freuen. Aber bevor er dort angekommen war, hatte
eine Erschütterung das Schiff gepackt und es wie ein Spielzeug geschüttelt. Gefühlt
hatte es eine Ewigkeit gedauert, bis das Schwanken aufgehört hatte. Kirk hatte
sich auf dem Boden liegend wieder gefunden, hatte festgestellt, dass er
niemanden erreichen konnte und war daraufhin weiter Richtung Maschinenraum
geeilt. Nun war er auf seinem eigenen Schiff von seiner Crew abgeschottet. Kirk
hatte ein paar Fähnriche beauftragt, Kommunikatoren auszuteilen und bis dahin Nachrichten
auf dem altmodischen Weg – nämlich zu Fuß - zu überbringen. Aber die Enterprise
war ein großes Schiff, insbesondere dann, wenn es keine Turbolifts gab. Der Weg
durch die Jeffries-Röhren war lang und er kostete Zeit.
Nach seinem Gespräch mit Lieutenant Masters hatte Kirk beschlossen,
mit Lieutenant Rogers, dem Offizier vom Dienst, zu sprechen. Alles war wichtig,
aber die Lebenserhaltung hatte absolute Priorität. Wenn sie nicht ersticken und
erfrieren wollten, dann musste er dafür sorgen, dass Lieutenant Masters genug
Leute hatte. Falls bis dahin ein paar Romulaner auftauchen würden, konnte er
sich dann immer noch Sorgen darüber machen - wenn sie bis dahin noch lebten,
hieß das.
******
Lieutenant Rogers war ein 53-Jähriger Offizier, der von
keinem sonderlichen Ehrgeiz mehr getrieben war. Er war damit zufrieden, sich um
Dienstpläne zu kümmern und Ansprechpartner für alle Belange der Crew zu sein. Kirk
sah gedanklich Rogers’ Biografie vor sich, als er den Türsummer betätigte. Oder
besser gesagt: Er wollte den Summer betätigen, aber nichts reagierte.
Schließlich hämmerte der Captain gegen die Tür und wurde einmal mehr von einem
Hustenanfall geschüttelt. Er hustete noch immer, als die Tür von innen manuell
aufgeschoben wurde. Rogers sah zersaust aus, bleigraue Strähnen standen ihm
nach allen Seiten ab, als er Kirk verwirrt anstarrte.
„Was…?“
„Sind Sie OK?“ fragte Kirk.
Rogers rieb sich den Kopf, so als müsse er über die Frage
erstmal nachdenken.
„Ich…“
Kirk drückte den Mann mit sanfter Gewalt in sein Quartier.
Die Tür blieb offen stehen, als Kirk Rogers auf einen Stuhl dirigierte.
„Ich bin gerade erst aufgewacht“, erklärte Rogers verwirrt
und fügte mit einem anklagenden Blick auf seine Füße hinzu, „auf dem Fußboden!“
Sein Tonfall reizte Kirk fast zum Lachen, denn es klang beinahe so, als wolle Rogers
den Fußboden persönlich zur Verantwortung ziehen. Kirk hustete erneut und
setzte sein Gegenüber mit wenigen Worten ins Bild.
„Aber was…?“
Kirk winkte ab.
„Sie wissen jetzt genauso viel wie ich. Wir müssen dringend
sehen, dass jeder, der kann, mithilft. Wir haben keinen Computer, wir wissen
nicht, wer verletzt ist, daher müssen wir jetzt von Hand vorgehen.“
„Aber das sind 430 Leute!“
Kirk grinste schief.
„Ich weiß, wie groß meine Crew ist, Lieutenant. Lassen Sie
uns anfangen.“
Zusammen stellten sie aus dem Gedächtnis eine Liste aller
Crewmitglieder zusammen. Sie arbeiteten schweigend, während immer wieder
Fähnriche hereinkamen, die von Kirk als Kuriere durch das Schiff gescheucht wurden.
Endlich ließ sich auch Lieutenant Commander Giotto blicken. Der Sicherheitschef
sah etwas mitgenommen aus, wirkte aber durchaus professionell. Er übergab Kirk
als erstes einen Phaser, den dieser dankbar nickend annahm und zu seinem
Kommunikator steckte.
„Bericht“, forderte Kirk ohne Einleitung.
„Ich fürchte, ich habe noch keinen, Sir. Ohne Kommunikation
kann ich nur mit einem Bruchteil meiner Leute arbeiten. Bislang ist nur klar,
dass es eine Reihe von Explosionen gegeben haben muss, sowohl im Maschinenraum
als auch im Hilfskontrollraum, im Computerzentrum und praktisch an allen
Schaltstellen, wo das Schiff verwundbar ist. Eine Intervention von außen kann
praktisch ausgeschlossen werden.“
„Das heißt, wir haben einen Attentäter an Bord.“
Giotto nickte und fuhr fort:
„Wer immer es auch ist, hat erhebliche Fähigkeiten und
wusste, was er oder sie tat. Meine Leute sind dabei, den Kreis der Verdächtigen
einzugrenzen. Es muss jemand aus der Crew gewesen sein, Sir.“
Kirk wirkte erschüttert, nickte aber. Seine eigenen
Überlegungen waren in einer ähnlichen Richtung verlaufen.
„Haben Sie die letzten Neuzugänge untersucht?“
„Natürlich“, bestätige Giotto. „Wir haben vor zwei Monaten
acht neue Crewmitglieder an Bord genommen. Bislang erscheinen aber alle über
jeden Zweifel erhaben zu sein.“ Giotto hielt inne, fuhr dann fort:
„Sir, wir tun, was wir können. Aber es wird einen Moment
dauern.“
Kirk nickte. „Erstatten Sie mir stündlich Bericht oder dann,
wenn Sie etwas herausgefunden haben. Wegtreten.“
Giotto nahm kurz Haltung an und verschwand.
Kirk verbrachte die nächsten vier Stunden zusammen mit
Rogers, stellte Listen auf, dirigierte Leute und hetzte weitere Fähnriche als
Kuriere durch das Schiff.
Der Bericht, den er aus dem Maschinenraum erhalten hatte,
sah alles andere als erbaulich aus. Praktisch alle Konsolen waren zerschmolzen,
so dass sie an die eigentlichen Bauteile nicht herankamen. Das Warptriebwerk
selbst war ebenso wie der Impulsantrieb prinzipiell nicht beschädigt, nur die Kontrollen
waren vernichtet. Fast so, als würde man vor einem gut gefüllten Kühlschrank
verhungern, weil man ihn nicht aufbekommt, dachte Kirk und etwas verkrampfte
sich in ihm, als er daran dachte, dass auch die Replikatoren nicht
funktionierten. Das war ein Problem, das auch noch akut werden würde, gesetzt
den Fall, sie konnten die Lebenserhaltung am Laufen halten. Sonst würden sie
erstickt sein, bevor sie sich über so etwas Banales wie Hunger Sorgen zu machen
brauchten. Zum Glück hatten sie zumindest Wasser und Kirk dankte dem
Schutzheiligen aller Raumschiffkommandanten, dass die Schwerkraft bis jetzt
nicht beeinträchtigt war. Offensichtlich hatte der Attentäter die
Schwerkraftgeneratoren als nicht so wichtig eingeschätzt. Zumindest kamen keine
weiteren Hiobsbotschaften hinzu, dachte Kirk bitter, bemüht, noch etwas
Positives in der augenblicklichen Lage zu sehen.
******
Zusammen mit den Informationen aus der Krankenstation war
inzwischen klar, wer tot oder verletzt war. Roger und Kirk hatten die, die
nicht beeinträchtigt waren und keine anderen wichtigen Aufgaben zu versehen
hatten, grob in drei Gruppen eingeteilt. Die erste Gruppe sollte die
Krankenstation bei der Pflege der vielen Verletzten unterstützen. Praktisch
jeder, der auch nur eine rudimentäre medizinische Ausbildung genossen hatte,
war dazu abgestellt worden. Die zweite Gruppe war wesentlich kleiner und sollte
Lieutenant Masters helfen. Im Normalfall verfügte die Enterprise über einen
recht beachtlichen und vollkommen ausreichenden Stab an Ingenieuren und
Technikern. Gerade hier aber hatte es die meisten Toten und Verletzten gegeben,
weil viele der Explosionen in technischen Bereichen statt gefunden hatten. Kirk
spürte das vertraute Verkrampfen in der Magengegend, als er an M’Bengas
vorläufigen Bericht dachte. 23 Tote, 143 Verletzte, einige davon so schwer,
dass niemand sagen konnte, ob sie leben oder sterben würden. Spock war von
mehreren Bruchstücken getroffen worden, wovon mehrere innere Organe und die
Lunge des Vulkaniers verletzt hatten. Zum Glück war er nicht in Lebensgefahr, befand
sich in einer Heiltrance. McCoy hatte sich den Kopf angeschlagen und lag
bewusstlos mit einer Gehirnerschütterung in seiner eigenen Krankenstation. Ob
noch schwerere Konsequenzen zu befürchten waren, konnte erst die Zeit zeigen.
Scotty hatte ebenfalls das Bewusstsein noch nicht wiedererlang. Er hatte sich
ein Bein und mehrere Rippen gebrochen, ansonsten ging es ihm aber
verhältnismäßig gut. Uhura gehörte zu den Leichtverletzten. Wenigstens ein Teil
meiner Freunde ist außer Lebensgefahr, dachte Kirk, als er seine Gedanken
wieder auf die Listen vor ihm konzentrierte. Die dritte Gruppe verfügte weder
über medizinische noch technische Kenntnisse und war zu Aufräumarbeiten
eingeteilt. Kirk hustete. Das Kratzen in seinem Hals war nicht weniger
geworden, aber er hatte sich fast an den ständigen Hustenreiz gewöhnt.
„Das soll’s wohl gewesen sein, Captain“, meinte Rogers, als
sie ihre Arbeit schließlich beendet hatten.
Kirk nickte.
„Sorgen Sie dafür, dass alle, die jetzt noch nichts von
ihrem Glück wissen, Bescheid erhalten. Teilen Sie die Leute in drei Schichten
ein und stellen Sie sicher, dass sich jeder daran hält. Es bringt keinem was, wenn
alle reihenweise umfallen.“
„Aye, Sir. Äh… Darf ich fragen, wo Sie zu erreichen sind?
Falls die Kommunikatoren auch noch ausfallen?“
„Das wollen wir nicht hoffen“, meinte Kirk, unfähig, den
Sarkasmus in seiner Stimme zu unterdrücken. „Ich bin im Maschinenraum und sehe
zu, wo ich am nützlichsten sein kann.“
Rogers nickte und überlegte, ob er Kirk darauf hinweisen
sollte, dass er sich nach seiner eigenen Anweisung hin eigentlich in einer
Ruheschicht befand. Kirk sah tatsächlich müde aus und als Offizier vom Dienst
wusste Rogers natürlich, dass es für den Captain gerade mitten in der Nacht war.
Aber Rogers war bereits lange genug an Bord um zu wissen, dass entsprechende
Kommentare ebenso sinnlos wie unerwünscht waren, also sagte er nichts.
******
Lieutenant Masters hatte in den paar Stunden seit Beginn der
Krise bereits wahre Wunder vollbracht. Schutt und heruntergefallene Elemente
waren entsorgt worden, bei den meisten Konsolen fehlten die in sich
verschmolzenen Abdeckungen. Kabel guckten hervor, überall wurde geschweißt,
geschraubt und gebastelt. Der Maschinenraum strahlte ruhige Professionalität
aus, von dem Terror von zuvor war nichts mehr zu fühlen.
„Wir sind noch nicht viel weiter, Sir“ meinte Masters, als
sie Kirk entdeckte. Ihr Tonfall wies darauf hin, dass sie die Defizite in ihrem
Fortschritt als persönliche Beleidigung empfand. Fast entschuldigend fügte sie
hinzu:
„Wir haben einfach nicht genug Leute, Sir.“
„Sie haben Großartiges geleistet, Lieutenant. Und was Ihr
Personal angeht: Lieutenant Rogers wird ihnen demnächst noch Leute schicken.
Derweil müssen Sie mit mir vorlieb nehmen.“
„Sir?“ Sie klang verwirrt.
„Sie können frei über mich verfügen. Ich habe einen Kommunikator
bei mir, um mit den anderen Bereichen in Verbindung zu bleiben. Solange das
Schiff taub und blind im Raum hängt, gibt es nicht viel zu kommandieren. Sagen
Sie mir, wo Ihnen zwei Hände fehlen.“
Masters wusste von Scotty, dass Kirk über ein beachtliches
Geschick verfügte, für einen Raumschiffkommandanten jedenfalls. Dennoch
erschien es ihr seltsam, ihrem vorgesetzten Offizier ein Reparaturset in die
Hand zu drücken. Kirk sah sie belustigt an und ihr wurde klar, dass es
vermutlich nicht allzu schwer war zu erraten, was sie gerade dachte.
„Äh…“, begann sie. Dann fuhr sie sicherer fort: „Dort, Sir.
Die Sensoren fürs Hauptstromaggregat. Da hat bislang noch niemand dran
gearbeitet.“
Kirk nickte und meinte mit einem jungenhaften Grinsen: „Wird
gemacht, Sir.“
******
Zu Anfang reagierte die Crew des Maschinenraums etwas
befangen, aber das legte sich bereits nach wenigen Minuten. Als klar wurde,
dass Kirk wusste, was er tat, akzeptierten sie ihn als einen der ihrigen und
die Zeit flog dahin. Kirk nahm regelmäßig Berichte von den anderen Sektionen
entgegen. In der Krankenstation war ein weiteres Crewmitglied gestorben, alle
anderen waren mittlerweile zumindest halbwegs stabilisiert. Giotto hatte die
acht Crewmitglieder, die als letztes zur Enterprise gestoßen waren, isoliert
und befragte sie. Der Geologe Karl Jäger, die Astrobiologin Dr. Ann Mulhall und
der neue Archäologie und Anthropologie-Offizier Carolyn Palamas standen außer
Frage. Sie dienten schon lange in Starfleet, waren Routiniers, deren Reputation
allein sie vor jedem Verdacht befreite. Eigentlich. Von den fünf verbliebenen
Neuzugängen waren drei Fähnriche frisch von der Akademie. Luis und Lincoln
waren als Jahrgangsbeste immer nur positiv aufgefallen, hatten Verwandte in
Starfleet und schieden als Verdächtige praktisch ebenfalls aus. Bei dem dritten
verhielt es sich anders. Dieser Fähnrich Chekov war bestenfalls Durchschnitt
und bislang hatte er im Waffenkontrollraum gearbeitet, der wie der
Maschinenraum einem Anschlag zum Opfer gefallen war. Chekov hatte während
seines kurzen Aufenthalts an Bord auch einige der anderen Tatorte durchlaufen,
wusste also, worauf es ankam. Außerdem hatte er das Schiff einmal beinahe in
die Luft gesprengt, als er erklärt hatte, ein Russe hätte den Warpantrieb
erfunden, während er die fragile Mischung von Materie und Antimaterie aus der
Balance gebracht hatte. Der Vorfall war nie aktenkundig geworden, da er Scotty
mehr amüsiert als verängstigt hatte. Masters wusste allerdings darüber Bescheid
und Giotto war darauf aufmerksam geworden. Er verhörte diesen Chekov gerade,
während vier seiner Männer sich die beiden letzten Neuzugänge, Stevenson und
Toriba vornahmen. Stevenson war gerade zum Lieutenant befördert geworden und
kam von der Lexington. Bob Wesley hatte ihn offensichtlich nur ungern ziehen
lassen, aber Stevenson hatte explizit um eine Versetzung auf die Enterprise
gebeten. Was Lieutenant Toriba anging, so gehörte der Sicherheitswächter zu
Giottos eigenen Leuten. Er kannte ihn noch nicht gut genug, um ihn von
vornherein auszuschließen, aber er hielt es für unwahrscheinlich. Dieser Chekov
erschien der wahrscheinlichste Kandidat zu sein. Kirk dachte über das Problem
nach, während er die Abdeckung an der Konsole befestigte. Was mochte so einen
jungen Mann dazu gebracht haben? Kirk wollte sich selbst einen Eindruck
verschaffen und hatte Giotto Bescheid gegeben, dass er Chekov und auch die
anderen sieben in einer Stunde persönlich sehen wollte.
Mit steifen Gliedern stand der Captain ungelenk auf. Durch
die plötzliche Bewegung drehte sich der Raum. Kirk griff Halt suchend nach der
Konsole, die er gerade in Stand gesetzt hatte. Er kämpfte noch darum, seine
Sinne wieder unter seine Kontrolle zu bringen, als er einen festen Griff um
seinen Oberarm spürte. Es war Masters, die ihn anlächelte.
„Sie sollten sich ausruhen, Captain.“
Kirk lächelte dünn und verkniff es sich, darauf zu
antworten. Masters war ebenfalls die ganze Zeit über hier gewesen.
„Wie sieht es aus, Lieutenant?“
„Noch immer nicht gut. Die Luft wird schon schal und dass es
kühler geworden ist, hat inzwischen wohl jeder bemerkt, aber die Reparaturen
sind besser als erwartet voran gekommen. Ich schätze, dass wir die ersten
Systeme in zwei Stunden wieder anwerfen können. Es wird knapp werden, aber ich
glaube, wir schaffen es.“
Kirk nickte und fröstelte plötzlich.
„Gut gemacht! Scotty wäre stolz auf Sie. Informieren Sie
mich bitte über alle Änderungen. Ich bin damit“, er deutete auf die Konsole
hinter ihm, „fertig und werde etwas unterwegs sein. Wegtreten.“
Masters drehte sich um, während Kirk sich auf den langen Weg
durch die Jeffries-Röhren Richtung Krankenstation machte. Der Weg fiel ihm
alles andere als leicht. Das Brennen in Hals und Augen hatte nicht
nachgelassen, dafür hatte sich das Gefühl von Schwindel eher noch verstärkt.
Kopfschmerzen waren dazugekommen, ebenso wie eine bleierne Müdigkeit. Kirk
wusste, wenn er es sich jetzt irgendwo bequem machte, würde er sich für die nächsten
48 Stunden nicht bewegen. Dafür gab es zu viel zu tun und er wollte unbedingt
wissen, wie es seinen Freunden ging.
Er brauchte fast zwanzig Minuten, bis er die Krankenstation
erreicht hatte. Nicht nur die eigentlichen Behandlungsräume waren hoffnungslos
überbelegt, auch in den Korridoren drängten sich Verletzte und Helfer. Kirk sah
in viele Gesichter und zwang sich, mit einem aufmunternden Lächeln durch die
Reihen abzuschreiten. Er versuchte, sich mit so vielen Leuten wie möglich zu
unterhalten, Trost zu spenden und zu verbergen, wie sehr ihm der Anblick
zusetzte. Schließlich stolperte er fast über Dr. M’Benga. Der dunkelhäutige
Arzt mit dem sonst so gewinnenden Lächeln wirkte ernst und erschöpft. Wortlos
gingen beide Männer in eine Nische, die mit ein paar provisorischen Vorhängen
ein Minimum an Privatsphäre gewährleistete.
„Wie sieht es aus?“ fragte Kirk.
„Nicht gut, aber auch nicht schlechter. Zum Glück ist
niemand mehr gestorben, aber Janice Rand geht es sehr schlecht. Sie hat
schwerste innere Verletzungen und wird, wenn sie es schafft, eine lange Rekonvaleszenzzeit
benötigen. Ich werde empfehlen, dass sie das Schiff verlässt, um vollständig
wiederhergestellt zu werden. Wir sind dafür einfach nicht ausgerüstet. Wir sind
für all das hier nicht ausgerüstet!“ fügte der Arzt verbittert hinzu.
Kirk legte ihm eine Hand tröstend auf die Schulter.
„Ich weiß, wie frustrierend das ist, Luca. Aber wir werden
es schaffen. Wir haben schon ganz andere Probleme gemeistert.“
Ein dünnes Lächeln antwortete ihm.
„Dr. McCoy geht es übrigens besser. Er ist vor einer halben
Stunde kurz aufgewacht und hat sich erkundigt, ob wir ihn vergiften wollen.
Seinem Tonfall nach zu urteilen ist er sein übliches charmantes Selbst.“
Kirk lächelte das erste wirklich herzliche Lächeln seit
Beginn der Krise.
„Das sind gute Nachrichten. Wann ist er wieder auf den
Beinen?“
„Das dauert noch. Ich habe ihn sediert, damit er nicht
ständig aufstehen will. Er sagt zwar immer, dass Sie der schlimmste Patient auf
dem Schiff sind, aber das gilt nur, solange der gute Doktor nicht selbst
betroffen ist.“
Kirk verzog kurz das Gesicht, grinste aber wider Willen.
M’Benga fuhr fort:
„Was Spock anbelangt, so ist sein Zustand unverändert. Er
befindet sich in einer vulkanischen Heiltrance. Seine Verletzungen heilen mit enormer
Geschwindigkeit, insbesondere in Anbetracht der Ausmaße, allerdings braucht das
seine Zeit. Mr. Scott ist ebenfalls sediert, damit er nicht sofort in den
Maschinenraum stürzt. Ich werde ihn in ein paar Stunden in sein Quartier
entlassen, weil es hier einfach zu voll wird. Er ist jedoch ausdrücklich nicht
dienstfähig.“
Kirk nickte.
„Sie leisten hier Großartiges, Luca. Kann ich die drei bitte
kurz sehen? Und Uhura?“
„Natürlich. Uhura habe ich allerdings in ihre Kabine
entlassen.“
Beide Männer verließen die provisorische Nische, der Arzt
ging voran. Schon als Kirk hereingekommen war, waren M’Benga die Anzeichen von
Rauchvergiftung nicht entgangen, die der Captain offenbarte. In einer normalen
Situation hätte er darauf bestanden, Kirk sorgfältig zu untersuchen, aber ihre
Lage war alles andere als normal. So beschränkte M’Benga sich darauf, Chapel
kurz im vorbeigehen zu beauftragten, ihm eine Hypo mit Masiform D, eine starke
Stimulanz, zu bringen. Die Schwester nickte kurz. Masiform war das Medikament
gewesen, was sie in den letzten Stunden am häufigsten verabreicht hatten und
ihre Vorräte wurden knapp. Mit kaputten Replikatoren hatten sie außerdem keine
Chance, ihre Bestände zu ergänzen.
M’Benga hatte versucht, die verletzten Senioroffiziere so
gut es ging zu separieren, dennoch waren McCoy, Scotty und Spock in einem Raum
mit fünf weiteren Patienten untergebracht. Sie erreichten McCoys Bett zuerst.
Kirk warf einen Blick auf die Anzeigen über der Liege und atmete erleichtert
aus. Er war zwar kein Arzt, aber im Laufe seiner Reihe unfreiwilliger Aufenthalte
in vergleichbaren Einrichtungen hatte er die eine oder andere Anzeige
interpretieren gelernt. Pille wirkte in seinem Schlaf friedlich. Kirk drückte
kurz die Hand seines Ersten Medo-Offiziers und ging dann weiter zum nächsten
Bett. Spock lag bewegungslos und wie tot dar. Nur sein Wissen um die vulkanische
Heiltrance sagte Kirk, dass sein Freund noch lebte. M’Benga hatte, vermutlich
aus Platzgründen, darauf verzichtet, den Ersten Offizier auf einer regulären
Liege unterzubringen, zu der auch die obligatorische Anzeigetafel gehörte. Bei
Spock besaßen die angezeigten Werte bereits unter normalen Umständen nur geringe
Aussagekraft, es sei denn, das ganze System wurde aufwändig rekalibriert. Seine
normalen Werte entsprachen weder der menschlichen, noch der vulkanischen Norm
und erforderten daher eine ganz individuelle Betrachtung.
Auch Scotty lag nicht auf einem regulären Bett der
Krankenstation, vermutlich, weil er außer Lebensgefahr war und seine
Verletzungen nicht unbedingt eine elektronische Überwachung erforderten.
M’Benga hatte den Chefingenieur in einen künstlichen Schlaf versetzt, um die
Genesung seines Patienten nicht zu gefährden. Hätte Scotty gewusst, wie es um
seine geliebten Maschinen stand, wäre es unmöglich gewesen, ihn ohne Traktorstrahl
in einem Bett zu halten. Kirk streifte noch kurz durch den Raum, blieb an jedem
Bett kurz stehen. Als er an dem letzten angekommen war und sich verabschieden
wollte, hielt M’Benga ihn am Arm zurück und wedelte mit einer Hypo kurz vor den
Augen des Captains.
„Was ist das?“
„Etwas gegen Rauchvergiftung. Und da Sie den ärztlichen Rat
nach Ruhe mit Sicherheit von sich weisen werden: ein Aufputschmittel.“
Kirks Züge entspannten sich etwas.
„Danke“, sagte er nur, während der Arzt das Mittel
verabreichte.
Obwohl es einige Minuten dauern würde, bis sich die Wirkung
voll entfaltete, fühlte sich Kirk bereits sehr viel besser, als er die
Krankenstation verließ. Jetzt wollte er diesen Chekov doch einmal genauer unter
die Lupe nehmen.
******
„Kosaken, das waren Kosaken!“ war das erste, was Kirk hörte,
als er den Besprechungsraum erreichte. Trotz der ernsten Lage musste der
Captain ein Schmunzeln unterdrücken, als er die Szene sah. Giotto und zwei
seiner Leute standen über einem jungen Mann gebeugt, den es nur mit Mühe auf seinem
Stuhl hielt und der ständig Verschwörungstheorien und rechtschaffenen Ärger von
sich gab. Kirks zweite Reaktion bestand in einem Stirnrunzeln. Er erinnerte
sich an den jungen Fähnrich, der erst seit Kurzem an Bord war. Seine Noten auf
der Akademie waren eher durchschnittlich gewesen, aber Kirk hatte dennoch
beschlossen, dem jungen Mann eine Chance zu geben. Der erste Eindruck von
Fähnrich Chekov hatte ihn in seinem Urteil bestärkt und auch jetzt sagte ihm
ein sechster Sinn, dass Chekov vielleicht unerfahren und überengagiert sein
mochte, aber kein potentieller Attentäter. Andererseits war auf Giotto Verlass
und die Sandfledermäuse auf Manark IV waren so lange harmlos, wie man ihnen
nicht zu nahe kam.
Als die vier Männer die Anwesenheit des Captains bemerkten,
sprangen praktisch alle auf. Während sich Giotto eher mit ruhiger Gelassenheit
aufrichtete, nahmen die beiden Sicherheitswächter mit tief verwurzelter
Professionalität Haltung an. Chekov dagegen schoss in die Höhe wie ein
Schachtelkasper und warf dabei den Stuhl um, auf dem er eben noch gesessen
hatte. Kirk spürte ein weiteres Schmunzeln, das sich auf seine Lippen stehlen
wollte und schluckte es noch rechtzeitig hinunter.
„Rühren“, meinte er und die steife Haltung der
Sicherheitswächter löste sich um zwei Nuancen. Giotto nickte ihm zu. „Captain.“
Kirk ging auf Chekov zu und besah sich den jungen Mann.
„Fähnrich Chekov?“
„Ja, Sir?“ Der Fähnrich versteifte sich noch mehr, obwohl
Kirk das vorher nicht für möglich gehalten hätte. Sein Gesicht zeigte deutliche
Anzeichen von Anspannung und trotz der gesunkenen Temperatur an Bord war seine
Stirn von einem Schweißfilm überzogen.
„Was können Sie uns über die Vorfälle der letzten Stunden
sagen?“
„Nichts, Sir.“
Kirk verkniff sich ein Seufzen. Das war ja noch schlimmer
als Spock, der jedes Sprichwort wörtlich nahm. Der Gedanke an Spock brachte ihm
die vielen Opfer in Erinnerung. Das hier war kein Spiel und dieser Chekov ein
potentieller Attentäter.
„Mister Chekov, dann lassen Sie es mich etwas präziser
formulieren. Lieutenant Commander Giotto hat eine Liste mit Verdächtigen
erstellt, die für die Anschläge an Bord in Frage kommen. Anschläge, denen viele
Menschen zum Opfer gefallen sind. Und Sie stehen auf dieser Liste ganz oben.
Also: was haben Sie die letzten Stunden gemacht?“
„Ich bin unschuldig, Sir! Das sind Kosaken!“ Er warf Giotto
und seinen Männern einen bösen Blick zu.
„Sie sind solange unschuldig, bis das Gegenteil bewiesen ist.
Also helfen Sie uns, die Wahrheit herauszufinden!“
Chekov atmete tief durch, als wolle er sich von einer
schweren Last befreien. Dann erzählte er:
„Ich habe heute zur zweiten Schicht meinen Dienst im
Waffenkontrollraum angetreten. Der Tag war eher langwe… Ich meinte, es
passierte nichts Außergewöhnliches.“
Kirk schaffte es diesmal nicht, sich den Anflug eines
Grinsens zu verbeißen. Er erinnerte sich noch zu deutlich, wie lang eine
Schicht im Waffenkontrollraum werden konnte, wenn die Konsolen aufgrund einer
potentiell gefährlichen Situation zwar bemannt sein mussten, der Havariefall aber
– zum Glück – nicht eintraf.
„Weiter“, befahl er.
„Nun, Sir, gegen 1500 verspürte ich ein Bedürfnis und, äh,
naja, ich bin dann zur Toilette gegangen. Gerade, als ich zurück zu meinem
Posten wollte, hat es eine Explosion gegeben und Rauch kam aus dem Kontrollraum.
Das ist auch schon alles, Sir.“
Giotto schaltete sich ein.
„Das ist ein bisschen dünn, Fähnrich. Und es ist schon ein
sehr großer Zufall, dass Sie ausgerechnet dann auf den Lokus müssen, wenn eine
Reihe von schiffsweiten Explosionen die ganze Enterprise lahm legt.“
„Nun, noch sind wir nicht lahm gelegt“, berichtigte Kirk und
fuhr fort:
„Wenn Sie es nicht waren, Mr. Chekov, dann seien Sie so
gütig und erzählen Sie, wer sich noch im Waffenkontrollraum aufgehalten hat.
Ich meine, jemand, der nicht auf dem Dienstplan gestanden hat und der nicht
unter den Opfern ist.“
Chekov schüttelte den Kopf.
„Tut mir leid Sir, aber das ist alles, was ich Ihnen
anbieten kann.“
Für einen Moment herrschte Stille. Dann sagte Kirk:
„Gut, Fähnrich, belassen wir es dabei. Vorerst. Da Sie nach
wie vor verdächtig sind, stehen Sie in Ihrem Quartier unter Arrest. Mr. Giotto,
Sie haben die Aussage protokolliert?“
Giotto bestätigte. „Sicher, Captain. Nach Fähnrich Chekovs
Aussage war niemand im Kontrollraum, der da nicht hingehört hätte. Die, äh,
Überreste werden zurzeit noch untersucht.“
Kirk dachte nach und meinte, etwas geistesabwesend, an
Chekov gewandt: „Wegtreten.“
Chekov nickte und schlich auf den Ausgang zu. Er wirkte ein
bisschen wie ein geprügelter Hund auf dem Weg zur Hinrichtung, fand Kirk. An
der Tür, die wie alle anderen an Bord aufgrund des Energieausfalls permanent
aufstand, drehte sich Chekov noch einmal um.
„Captain, Sir?“
„Ja?“
„Wenn meine Unschuld bewiesen ist – darf ich dann wieder
zurück auf meinen Posten?“
„Sicher, Mr. Chekov. Sie sind zwar verdächtig, aber nicht
verurteilt. Wenn wir den Schuldigen gefunden haben, werden alle anderen
rehabilitiert und ich werde mich persönlich für die Unannehmlichkeiten
entschuldigen.“
Chekov nickte nur und verließ den Raum, die beiden
Sicherheitswächter dicht auf den Fersen. Nunmehr allein mit Giotto, meinte
Kirk:
„Sind Sie sicher, was Chekov anbelangt? Mein Instinkt sagt
mir, dass er sauber ist.“
„Er ist die einzig logische Wahl, Sir, und er hat kein
Alibi. Kein hieb- und stichfestes, jedenfalls.“
„Mag sein. Ich will die anderen sehen. Vielleicht erfahren
wir noch etwas.“
Kirk fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Seine Augen
brannten stärker und er fror mittlerweile richtig.
„Wie Sie meinen“, erwiderte Giotto und sein Tonfall machte
deutlich, dass er das im Prinzip für Zeitverschwendung hielt. Andererseits war
Kirks Intuition schon fast berüchtigt und es schadete sicher nicht, auch die
anderen einmal näher zu beleuchten.
„Als nächstes hätten wir da Karl Jäger, Geologe. 47 Jahre
alt, seit 21 Jahre bei Starfleet, zuletzt stationiert auf Marnack IV. Er
gehörte zu einem Forschungsteam, die Arbeiten wurden aber jüngst eingestellt. Vor
ein paar Monaten lief sein Ehekontrakt aus und wurde nicht erneuert.“
„Seine Frau?“
„Gehörte auch zum Forschungsteam, ebenfalls Geologin.“
„Wo ist sie jetzt?“
„Auf der Erde, zur genaueren Qualifizierung der Ergebnisse
von Marnack IV.“
„Verstehe. Dann wollen wir uns den Lieutenant einmal näher
ansehen.“
Giotto nickte und gab über Kommunikator seinen Leuten
Bescheid. Da natürlich auch die Zellen an Bord der Enterprise durch den
Energieausfall nutzlos geworden waren, musste für jeden Verdächtigen eine
Sicherheitsbewachung rund um die Uhr bereit stehen. Bislang hatte sich das als
übertriebene Vorsichtsmaßnahme herausgestellt, denn alle waren ausnahmslos
kooperativ gewesen.
Zwei Sicherheitswächter traten durch die Tür des
Besprechungsraums, die wie in solchen Notfällen üblich nicht geschlossen wurde.
Ein Mann mittleren Alters in der blauen Uniform der Wissenschaftsabteilung
folgte ihnen. Er wirkte ruhig und besonnen und Kirk wusste instinktiv, dass er
nicht der Richtige war.
Jäger nickte Kirk zu, als er den Raum betrat, während die
Sicherheitswächter wie ihre beiden Kollegen zuvor stramm Haltung annahmen.
„Captain“, begrüßte Jäger seinen Vorgesetzten. Respekt
sprach aus seinen Worten, aber keine Unterwürfigkeit. Vielmehr meinte Kirk,
einen Mann vor sich zu sehen, der bereits viel erlebt hatte, zuviel für
irgendwelche Floskeln und übertriebenen militärischen Schnickschnack.
Kirk deutete auf einen Stuhl und raunte Giottos Männern ein
„Rühren“ zu, die danach immer noch fast genau so steif standen. Wenn all das
hier vorbei war, musste er vielleicht mal ein paar Worte mit Giotto reden.
Etikette war ja ganz schön und gut, aber er war doch kein Drillmeister! Kirk
merkte, dass seine Gedanken abgeschweift waren und konzentrierte sich daher
bewusst voll auf Giotto.
„Sie wissen, warum Sie hier sind und daher möchte ich keine
Zeit mit einleitenden Worten verschwenden. Sie stehen auf unserer Liste mit
Verdächtigen, was aber nicht heißt, dass wir Sie für schuldig halten. Bitte
sagen Sie uns kurz, was Sie zum Zeitpunkt der Explosionen gemacht haben.“
„Ich war in meiner Kabine und habe gelesen. Und bevor Sie
fragen: es gibt niemanden, der das bestätigen kann, ich habe kein Alibi.“
„Mmh. Wieso haben Sie sich nach dem Ende des
Forschungseinsatzes auf Marnack IV auf die Enterprise versetzen lassen?“
Jäger lächelte schief. „Das können Sie sich sicher denken,
Captain. Meine Frau und ich haben uns getrennt. Wir gehörten beide der
Expedition an und sie wollte unbedingt weiter an dem Projekt beteiligt sein.
Unser – Arbeitsklima – hat, nunja, etwas gelitten, wenn Sie verstehen. Es wäre
nicht gut gewesen, wenn ich ebenfalls zur Erde zurückgekehrt wäre. Also habe
ich das gemacht, was ich immer schon mal machen wollte: ich habe mich für den
Dienst auf einem Raumschiff beworben. Als Geologe sind neue Welten natürlich
besonders faszinierend, das war der Grund, warum ich zu Starfleet gegangen bin.
Meiner Frau zuliebe habe ich dann darauf verzichtet zu reisen. Jetzt ist meine
letzte Gelegenheit, doch noch den einen oder anderen meiner Träume umzusetzen.“
Kirk nickte und erinnerte sich an Giottos Akte und auch an
die Erläuterungen zum Versetzungsgesuch. Meist wollten mehr Leute auf die
Enterprise als Kirk Positionen zu vergeben hatte oder anders ausgedrückt: er
konnte sich seine Crew praktisch handverlesen zusammenstellen. Jägers Erfahrung
hatte ihn schon damals beeindruckt, mehr noch aber die offene Art, in der sein
Versetzungsgesuch formuliert war. Sicher hätte Jäger in letzter Zeit große
Veränderungen in seinem Leben erfahren, aber Kirk bezweifelte doch sehr, dass
das ausreichte, um ihn als Attentäter zu qualifizieren.
„Vielen Dank, Lieutenant. Ich denke, das ist vorerst alles.“
Jäger stand auf, nickte Kirk zu und ließ sich dann wieder
abführen.
„Wieso steht er auf ihrer Liste auf Platz zwei?“ wandte sich
Kirk an Giotto.
„Er hat kein Alibi und sein bisheriges Leben liegt in
Scherben.“
„So hat er auf mich aber nicht gewirkt.“
„Das kann täuschen, Sir. Vorsicht ist besser als Nachsicht.“
„Schön. Wen haben Sie als nächstes?“
„Alle anderen haben ein Alibi, es gibt keinen richtigen
Platz drei. Mit Chekov und Jäger hatten wir kürzlich noch sechs weitere
Neuzugänge, die…“
„Ja, ich weiß. Bitte geben Sie noch mal kurz eine
Zusammenfassung.“
Giotto war zu gut in dem, was er machte, um sich seinen
Unmut anmerken zu lassen.
Er sagte:
„Astrobiologin Dr. Ann Mulhall, hat auf der Erde studiert
und seit Ende ihres Studiums in mehreren Starfleet-Projekten als Beraterin gearbeitet,
bevor sie sich vor einem Jahr ganz der Flotte anschloss. Im letzten Jahr hat
sie das Trainingsprogramm absolviert, die Enterprise ist somit ihr erster
Posten. Während der Explosion war sie im Gemeinschaftsraum, wo Lieutenant Uhura
gerade eine Vorstellung gegeben hat. Bei der Vorstellung waren übrigens auch
Carolyn Palamas und Fähnrich Lincoln anwesend, mehrere Zeugen haben sie
gesehen. Alle hielten sich seit mindestens zwei Stunden dort auf und haben den
Raum nicht verlassen. Carolyn Palamas diente zuvor auf der Winston, einem
kleinen Forschungsschiff, das außer Dienst gestellt wurde. Lincoln kommt frisch
von der Akademie, ebenso wie Luis. Beide waren Jahrgangsbeste und sie durchlaufen
zurzeit alle Abteilungen, bevor sie endgültig einen Posten zugewiesen bekommen.
Luis war zum fraglichen Zeitpunkt im Maschinenraum und stand dort unter
Beobachtung. Lieutenant Stevenson wurde gerade vorzeitig von Commodore Wesley
befördert, weil er sich durch Tapferkeit auszeichnete. Er saß am Steuer der
Lexington, als sie einen kleinen Zusammenstoß mit den Klingonen hatten, wobei…“
Kirk winkte ab. „Ich kenne die Geschichte. Was ist mit dem
letzten – Toriba?“
Der Sicherheitschef verzog die Lippen zu einem schiefen
Lächeln.
„Der? Der hat das Beste aller möglichen Alibis. Ich habe ihm
gerade den Kopf gewaschen.“
Kirk grinste nun ebenfalls. „Damit sind wir also so weit wie
am Anfang.“ Er strich sich müde mit der Hand über das Gesicht. „Sagen Sie,
Lieutenant, ist es nicht denkbar, dass die Explosionen bereits seit längerer
Zeit vorbereitet wurden, die Alibis also gar nicht zum Tragen kommen?“
„Möglich ist natürlich alles, Sir, aber extrem
unwahrscheinlich. Zum einen ist die Enterprise ein gutes Schiff, um nicht zu
sagen, das Beste, und meine Leute drehen nicht nur Däumchen, mit Verlaub, Sir.
Über einen längeren Zeitraum etwas vorzubereiten MUSS auffallen. Außerdem
wurden hier so viele Manipulationen durchgeführt, dass das Risiko der
Entdeckung mit jeder Minute stark gestiegen ist. Wir haben daher den Zeitrahmen
eingegrenzt und können sagen, dass die Sprengladungen frühestens zwei Stunden
vorher deponiert worden sind, eher später. Die Ladungen waren mit einem
Fernzünder versehen, ohne Zeitverzögerung. Es ist daher davon auszugehen, dass
der Zündmechanismus genau dann betätigt wurde, als wir auch die Auswirkungen
gespürt haben.“
„Verstehe. Was können Sie mir noch über den Zündmechanismus
sagen? Können nicht auch mehrere Leute dahinter stecken?“
„Den Gedanken hatten wir natürlich auch schon. Es ist
möglich, dass die Ladungen von mehreren versteckt wurden, aber gezündet wurden
sie von nur einer Person. Die Ladungen selbst wurden von einem Experten
angefertigt und das kann nicht an Bord passiert sein. Mr. Scotts Meinung dazu
wäre von unschätzbarem Wert, aber was wir ohne ihn feststellen konnten, ist
folgendes: zur Herstellung wurden Nanobots verwendet, die wir zwar auf der
Enterprise fertigen können, aber nicht, ohne dass Mr. Spock das mitbekommen
würde. Das dauert seine Zeit und geht nicht unbemerkt. Alle Ladungen sind
entsprechend winzig, mit bloßem Auge kaum zu sehen und verwenden eine fast
schon unendlich kleine Menge von Antimaterie, die ebenfalls nicht mal so
einfach zu besorgen oder herzustellen ist. Der Fernzünder neutralisiert das
Abschirmungsfeld und es kommt augenblicklich zur Explosion. Was wir bisher
nicht klären konnten, ist, wie das unbemerkt an Bord gelangen konnten. Sie
wissen ja, dass jeder Neuzugang noch im Transporterraum gescannt wird, da fällt
jede noch so kleine Menge an Antimaterie unweigerlich auf. Die Personen-Transporterprotokolle
bestätigen, dass alle der üblichen Prozedur unterzogen wurden und niemand hat etwas
Verdächtiges an Bord gebracht.“
Kirk dachte nach. „Also müssen die Sprengsätze mit den
anderen Vorräten an Bord gebeamt worden sein. Wie ich Sie kenne, haben Sie in
dieser Richtung bereits recherchiert?“
„Sicher. Nur: die entsprechenden Protokolle sind nicht
zugänglich.“
„Was?“
„Sie sind gelöscht worden.“
„Von wem?“
„Der Signatur nach zu urteilen: von Mr. Spock?“
„Unmöglich! – Computer? – Computer! Verdammt, ist das Ding
immer noch kaputt?“
„Ich fürchte ja, Sir.“ Giotto reichte Kirk einen Trikorder.
„Um das ganze zu präzisieren: Die bewussten Transporterprotokolle wurden von
einem Programm mit Mr. Spocks Signatur gelöscht. Gründlich. Wir haben auch ein
Programm gefunden, das wahrscheinlich die Zündungssequenz ausgelöst hat. Nur
kommen wir nicht heran und ich fürchte, Sie ebenfalls nicht.“
Kirk sah sofort, was Giotto gemeint hatte. Egal, wie oft er
seine persönliche Sicherheitsfreigabe auch eingab, die Daten waren und blieben gelöscht
und unzugänglich. Wenn wirklich Spock dafür verantwortlich war, wunderte es
Kirk nicht. Die Vorschrift verlangte, dass ein leitender wissenschaftlicher
Offizier an Bord eines Sternenschiffs die Qualifikationsstufe A5 besaß. Spock war
Computer-Experte der Stufe A7.
Welchen Grund aber sollte der Vulkanier haben, die
Informationen zu kodieren? Kirk musste kurz an den bedauernswerten Captain Pike
denken, der seit ein paar Monaten auf Talos IV zumindest den Anschein von Leben
genießen konnte – und an Spocks Verrat zuvor. Obwohl Kirk rein rationell die
Handlungen seines Freundes nachvollziehen konnte, hatte es doch wehgetan. Sehr.
Auch jetzt noch wäre es dem Captain lieber gewesen, Spock hätte ihn eingeweiht,
selbst wenn es Kirk die Karriere gekostet hätte. Hatte er hier etwas ähnliche
getan? Kirk verdrängte die leisten Zweifel, wünschte mehr als zuvor, mit Spock
reden zu können. Ein Schauer lief ihm über den Rücken und er unterdrückte
gerade noch rechtzeitig eine äußere Reaktion. Der Captain setzte gerade dazu
an, etwas zu sagen, als das ganze Schiff plötzlich zur Seite kippte. Die
Notbeleuchtung flackerte, ging teilweise ganz aus und kehrte dann auf äußerst
schwachem Niveau zurück.
Noch im Fallen griff Kirk nach seinem Kommunikator und
betete darum, dass die Enterprise nicht angegriffen worden war. Sie befanden
sich nicht weit von feindlichem Gebiet entfernt, aber eigentlich noch auf der
sicheren Seite. Wie sicher, würden sie jetzt wohl herausfinden. Aber eines war
wohl klar: die Enterprise hatte einem Angriff absolut nichts entgegenzusetzen.
„Kirk an Maschinenraum.“
Keine Reaktion.
„Kirk an Maschinenraum“, wiederholte der Captain etwas
ungeduldiger.
Dann, endlich, die Stimme von Lieutenant Masters.
„Maschinenraum hier. Tut mir leid, Sir, das eben waren wir.“
Kirk stieß den Atem aus. Es war ihm gar nicht bewusst
gewesen, dass er die Luft angehalten hatte.
„Erklären Sie.“
„Wir haben versucht, die Lebenserhaltung wieder an den
Hauptstromkreis anzuschließen.“
Pause.
„Und? Lassen Sie sich nicht alles aus der Nase ziehen!“
„Nun, es hat offensichtlich nicht funktioniert. Unsere
Notenergie reicht noch für drei Stunden, Sir. Danach wird es dunkel. Kalt wird
es schon jetzt, wir haben alles, was nicht unbedingt notwendig ist, reduziert.
Auch die Schwerkraft.“
Kirk bemerkte erst jetzt, dass er sich leichter fühlte, als
er sich auf die Beine kämpfte, den Kommunikator in der rechten Hand.
„Drei Stunden sind eine lange Zeit, Lieutenant. Es ist zu
früh, um die Flinte ins Korn zu werfen. Sie können einen Angriff von außen
definitiv ausschließen?“
„Aye, Sir, können wir. Was das andere betrifft: Sir, ich bin
nicht Mr. Scott. Ich tue, was ich kann, aber wir haben hier einfach zu wenig
Leute und selbst mit voller Besetzung: ich glaube nicht, dass wir das schaffen,
Sir.“
„Sie schaffen das, Lieutenant. Denken Sie nicht mal an die
Alternative. Ich komme zu Ihnen runter. Stellen Sie mir bitte eine Liste mit
den Dingen zusammen, die getan werden müssen, damit wir die Havarie verhindern
können.“
„Aye Sir.“
„Gut. Kirk Ende.“
Er klappte seinen Kommunikator zu und wandte sich an Giotto,
der inzwischen auch wieder stand.
„Sie haben es gehört. Bringen Sie mir alle restlichen
Verdächtigen zusammen zum Maschinenraum.“
Kirk wartete nicht mal ab, dann war er schon aus der Tür.
******
„Sir, das geht nicht!“ drang M’Bengas Stimme aus dem
Kommunikator.
„Es muss. Entweder das, oder Sie müssen sich in drei Stunden
über nichts mehr Gedanken machen.“ Kirks Stimme war eindringlich und durch die
Stille, die durch die Sprachverbindung schallte, konnte man den dunkelhäutigen
Arzt förmlich denken hören.
Kirk wusste, dass er M’Benga fast soweit hatte, während er
einhändig eine Leiter herabkletterte. Nach einer wohl bemessenen Pause ergänzte
Kirk:
„Ich will Scottys Leben ebenso wenig gefährden wie Sie,
Luca. Ohne Scotty gibt es aber bald gar kein Leben mehr auf der Enterprise.
Wollen Sie über 300 Leben auslöschen, wenn es einen Weg gibt, Sie zu retten?“
Unwillkürlich musste Kirk an Spock denken, der das Wohl der Vielen immer über
das des Einzelnen stellte.
„Also schön, Sie haben gewonnen. Wie üblich.“ M’Benga, den
sonst nichts so schnell erschüttern konnte, klang angesäuert. „Ich wecke Mr.
Scott und lasse ihn dann in den Maschinenraum eskortieren. Aber ich warne Sie,
Captain, übertreiben Sie es nicht. Sie mögen unser vorgesetzter Offizier sein,
in medizinischen Belangen aber geht meine Expertise vor. Wenn ich den Eindruck
habe, dass Mr. Scotts Leben in Gefahr ist, werde ich einschreiten, egal, was
Sie sagen.“
„Verstanden. Kirk Ende.“
Kirk klappte den Kommunikator zu, froh, diesen Kampf erstmal
gewonnen zuhaben. Kurz darauf bog er in den Maschinenraum ein. Lieutenant
Masters war zunächst nirgends zu entdecken und der Anblick, den Scottys sonst
so wohl geordnetes Reich bot, war niederschmetternd. Trotz aller Anstrengungen
wirkte alles wieder viel chaotischer, der Geruch von verbrannten Leitungen
schwebte in der Luft, Paneele waren zur Seite geschoben. Ein Heer von Leuten
wuselte herum. Endlich entdeckte Kirk Masters.
Ein Schatten eines Lächelns huschte über ihre Züge und sie
kam auf ihn zu.
„Captain.“ Sie zögerte, fuhr dann fort.
„Sir, es tut mir leid, Sir, aber…“
„Wir leben noch“, erinnerte Kirk sie.
Die Frau lachte bitter auf. „Noch, ja.“
Kirk ergriff die Schultern der Frau und zog sie in Scottys
kleines Büro, wo er den Griff noch verstärkte. Er bohrte seinen Blick geradezu
in ihren.
„Lieutenant, hören Sie mir jetzt gut zu.“ Sie schluckte.
Gut, er hatte ihre ganze Aufmerksamkeit. „Das hier ist die Enterprise, kein
Kohlenfrachter. Diese Crew hat sich schon aus vielen scheinbar aussichtslosen
Lagen befreit und ich bin sicher, dass sie das auch in Zukunft tun wird.“
„Aber Sir…“
„Kein aber. Wenn Sie daran denken, dass Sie scheitern, WERDEN
Sie scheitern. Glauben Sie an den Erfolg. Scotty hat Sie immer in den höchsten
Tönen gelobt und ich bin sicher, dass Ihnen etwas einfällt, wenn Sie nur ein
paar Augenblicke in Ruhe darüber nachdenken. In Panik zu verfallen hilft
niemandem. Habe ich mich klar ausgedrückt, Lieutenant.“
„Aye, Sir, haben Sie.“
Kirk las einen Rest Zweifel in ihren Augen, aber ein Stück
Zuversicht war zurückgekehrt. Dabei konnte er sie gut verstehen, viel zu gut,
spürte er doch selbst Zweifel nagen. Die einzige Möglichkeit, der eigenen Angst
davonzulaufen, bestand im Handeln. Agieren statt reagieren, einen Schritt
voraus sein. Kirk ließ sich erklären, was schief gelaufen war und nahm ein weiteres
Reparaturkit in Empfang. Mit eisiger Verbissenheit machte er sich an die Arbeit,
versuchte gleichzeitig, die Moral der Leute hoch zu halten. Die Stimmung stand
kurz vor dem Kippen. Jeder hier wusste, dass sie in drei Stunden tot sein
würden, wenn sie es nicht schafften, das Ruder herum zu reißen. Schon in zwei
Stunden aber würde es richtig ungemütlich werden. Die Kälte des Weltraums kroch
bereits jetzt zu ihnen hinein und hatte die Temperatur um gute zehn Grad
gesenkt. Ungemütlich eben, aber erträglich. Mit jeder Sekunde, die verstrich,
eroberte sich das All ein Stück des Territoriums zurück, das die Enterprise
widerrechtlich für sich in Anspruch nahm.
Irgendwann kam Giotto herunter, Stevenson im Arm. Glenn Stevenson
war ein Mann Ende zwanzig, der wie Kirk aus Iowa kam. Damit aber hörten ihre
Gemeinsamkeiten auch schon auf. Bob Wesley hatte Stevenson in den höchsten
Tönen empfohlen und die Akte des Lieutenants war perfekt, aber Kirk erinnerte
sich, dass er ihn schon immer als eine Spur zu glatt empfunden hatte. Dieser
Eindruck bestätigte sich auch jetzt, denn Stevenson trug eine Hochmütigkeit zur
Schau, die der Situation einfach nicht angemessen war. Vermutlich kaschiert er
so die Angst, die wir alle fühlen, dachte Kirk und schalt sich selbst.
Vielleicht bin ich eifersüchtig auf Stevenson, weil er die Karriere, die
bereits hinter mir liegt, noch vor sich hat. Egal, jetzt war nicht die Zeit,
sich damit zu befassen und eigentlich fehlte Kirk die Zeit, sich mit dem
potentiellen Attentäter auseinander zu setzen. Er hatte Giotto den Befehl
gegeben, alle herunter zu bringen, bevor die Lage sich so verschlechtert hatte
und, die Wahrheit war: er hatte einfach vergessen, seine Anweisung zu
widerrufen. Ich beginne Fehler zu machen, dachte Kirk, wütend auf sich selbst.
Wenigstens kurz wollte er mit Stevensen reden, wies Giotto aber an, die anderen
dort zu lassen, wo sie waren und zu bewachen, bis die Krise vorbei war – so
oder so. Kirk ging auf Stevenson zu.
„Lieutenant Stevenson, zu Ihren Diensten, Sir.“
Kirk nickte ihm zu und erwiderte:
„Wir haben wenig Zeit, Lieutenant, also will ich keine
verschwenden. Wo waren Sie zur fraglichen Zeit?“
Stevenson grinste anzüglich und scharrte etwas verlegen mit
den Füßen. Die Geste wirkte irgendwie aufgesetzt, fand Kirk. Kurz, bevor Kirk
der Geduldsfaden riss, erklärte Stevenson:
„Ich war bei Yeoman Smith, Sir. Wenn Sie verstehen, was ich
meine.“
Stevenson versuchte sich an einem Verschwörerlächeln, was
jedoch völlig an Kirk abprallte. Der Captain machte zwar kein Geheimnis daraus,
dass er dem weiblichen Geschlecht nicht unbedingt abgeneigt war, aber er konnte
es nicht ausstehen, wenn sich jemand mit seinen Eroberungen brüstete. Daher
sagte er:
„Bitte ersparen Sie sich Andeutungen, Lieutenant. Mit wem
oder was Sie Sex haben, ist allein Ihre Privatsache und interessiert mich
nicht. Mich interessiert allein, wo Sie waren. Also frage ich Sie: waren sie
die ganze Zeit mit Yeoman Smith zusammen und wo?“
Stevenson setzte nun eine dienstliche Miene auf.
„Ja, Sir, ich war die ganze Zeit mit ihr zusammen, in meiner
Kabine. Wir waren beide der Nachtschicht zugeteilt und haben mein Quartier seit
ca. 800 nicht verlassen, Sir.“
„Gut, das war alles.“
Stevenson drehte sich gerade um, als Kirk ihn zurückhielt:
„Das heißt, eine Frage hätte ich doch noch. Wieso wollten
Sie ausgerechnet auf die Enterprise?“
Der Lieutenant sah Kirk an, als zweifle er an dessen
Verstand.
„Nun, Sir, Sie wissen sicherlich, was für einen Ruf Ihr
Schiff hat, Sir. Ich wollte auf das beste Schiff, das ist alles.“
„So.“ Kirk zögerte eine Sekunde, dann sagte er: „Danke,
wegtreten.“
Stevenson drehte sich endgültig um und wurde von zwei
Sicherheitswächtern aus dem Maschinenraum eskortiert. Irgendetwas war Kirk
aufgefallen, aber er konnte einfach den Finger nicht auf die Stelle legen.
Vielleicht sehe ich schon Gespenster, wo keine sind, sinnierte er. Seine
Gedanken wurden von etwas Erfreulicherem abgelenkt, als ein Raunen durch den
Raum hallte. Kirk sah sich nach der Ursache um und entdeckte Scotty, der auf
einer Art Antigrafstehstuhl hereingeschwebt kam. Das Ding sah aus wie Stehroller
ohne Rollen, dafür allerdings mit einer improvisierten Sitzfläche. Es war
beinahe greifbar, wie sehr Scottys Erscheinen die Moral der Mannschaft
verbesserte. Kirk war ebenfalls nicht immun dagegen. So gut Masters auch war,
Scotty war ein Unikat. Sofort steuerte der Captain Scotty an und auch Masters
hatte ihren Vorgesetzen entdeckt und hastete auf ihn zu. Dr. M’Benga stand
neben dem Chefingenieur. Offenbar wollte der Arzt sichergehen, dass jeder
wusste, dass er mit Argusaugen über Scottys Gesundheit wachte.
„Was haben Sie nur mit meinen Babies angestellt“, seufzte
der Schotte und sah Kirk bewusst anklagend an.
„Sie wissen doch, dass ohne Sie nichts läuft. Wir brauchen
Sie, Scotty! Ich denke, wir lassen Sie kurz mit Lieutenant Masters allein,
damit Sie sich ein Bild machen können.“
„Nicht so schnell“, schritt M’Benga ein. Der Arzt fuhr fort:
„Ich bin nicht aus Langeweile hierher gekommen oder weil ich
zu wenig zu tun hätte. Mr. Scott ist eindeutig *nicht* dienstfähig und ich
bitte alle, das zu beachten. Er ist lediglich als Berater her. Daher habe ich
Tinitia“, er deutete auf eine schüchtern wirkende junge Frau, die bisher noch
gar nicht aufgefallen war, „mit gebracht. Sie ist sozusagen Mr. Scotts
persönliche Krankenschwester und wird mich sofort darüber informieren, wenn Mr.
Scott etwas tun sollte, zu dem er von mir nicht ausdrücklich autorisiert ist.
Ich habe Tinitia auch angewiesen, alle Drohungen von Senioroffizieren“, damit
sah M’Benga gezielt Kirk an, „zu ignorieren. Was alle medizinischen Belange betrifft,
so nimmt sie nur Anweisungen von mir entgegen. Ich hoffe, ich habe mich klar
ausgedrückt?“
„Sehr klar, Doktor. Wir versprechen, dass wir Mr. Scott wie
ein rohes Ei behandeln werden.“ Der unterschwellige Sarkasmus in Kirks Tonfall
war unüberhörbar, aber M’Benga entschloss sich, ihn zu überhören. Er nickte
allen Beteiligten noch mal kurz zu und verschwand dann wortlos.
Lieutenant Masters hängte sich sofort an Scotty und Kirk ließ
beide für einen Moment allein. Der Chefingenieur kam aber recht schnell zu Kirk
und warf einen beiläufigen Blick auf die Konsole, an der der Captain zuvor
gearbeitet hatte. Für einen Augenblick fühlte sich Kirk wie ein Fähnrich,
dessen Arbeit einer kritischen Prüfung unterzogen wurde. Erst auf den zweiten
Blick fiel ihm auf, dass Scottys Blick glasig wirkte. Vermutlich hatte M’Benga
den Chefingenieur mit Medikamenten vollgepumpt.
„Scotty?“ fragte Kirk.
Der Schotte riss seinen Blick mit einer Kraftanstrengung von
der Konsole los.
„Alles in Ordnung, Scotty?“ setzte Kirk nach, obwohl er
wusste, dass nichts in Ordnung war.
„Aye, Sir. Etwas wackelig vielleicht.“
Kirk nickte.
„Konnten Sie sich ein Bild machen?“
„Es wird eng, Captain. Sehr eng.“
Scottys Ernst stand in starkem Kontrast zu seinem sonstigen
Optimismus. Kirk schluckte. Scotty fuhr fort:
„Das Mädchen hat alles schon ganz richtig gemacht, wir haben
aber einfach nicht genug Zeit.“
„Nicht genug Zeit ist nicht genug, Mr. Scott. Sagen Sie, was
Sie brauchen und Sie kriegen es.“
„Wir tun, was wir können, Sir.“
„Das weiß ich. Machen Sie weiter.“
„Aye.“
******
„Wir sterben hier doch sowieso!“
„Ach was, bis jetzt haben wir noch alles durchgestanden.“
„Irgendwann ist immer das erste Mal. Merkst du nicht, dass
es schon arschkalt ist? Und die Luft ist schal. Verdammt, ich habe eine
Scheißangst. Du nicht?“
„Sicher habe ich die. Aber…“
Giotto hatte die Unterhaltung der zwei Sicherheitsmänner,
die das Quartier, wo Chekov und Jäger untergebracht waren, bewachten, mitgehört,
bevor er um die Ecke bog. Beide verstummten schlagartig, als sie ihren
vorgesetzten Offizier sahen und nahmen Haltung an. Einen Augenblick lang erwog
Giotto, die beiden zu Recht zu weisen. Solche Spekulationen waren oft der
Anfang vom Ende. Dann aber entschied sich der Sicherheitschef doch dagegen. Zum
einen war er schlichtweg viel zu müde, um noch die Energie aufzubringen. Zum
anderen konnte er es seinen Männern nicht verdenken und persönlich hatte er
auch so seine Zweifel, dass sie es diesmal heil aus der Sache raus schaffen
würden. Giotto war länger an Bord als die meisten anderen, hatte schon unter Pike
gedient. Er kannte praktisch jeden an Bord, hielt es geradezu für seine Pflicht
als Leiter der Sicherheit, über alles und jeden Bescheid zu wissen. Daher hatte
er auch Freunde in der Technik und die sagten einstimmig, dass es am seidenen
Faden hing. Mr. Scotts unerwartetes Erscheinen hatte einen positiven Schub
gegeben, der Effekt war aber schnell verpufft, spätestens als klar war, dass
der Chefingenieur körperlich nicht in der Verfassung war, um ein weiteres
Wunder zu vollbringen. In 24 Minuten würden die Lebenserhaltungssysteme
komplett ausfallen, es war danach nur eine Frage von weiteren Minuten, bis sie
sterben würden, bis der restliche Sauerstoff aufgebraucht war. Bereits jetzt
war die Luft sehr dünn. Scotty und Kirk hatten die Systeme bewusst runter
gefahren, um weitere wertvolle Minuten zu gewinnen. Aber reichte es? Giotto
fröstelte, obwohl er einen dicken Mantel trug, der eigentlich für Außeneinsätze
gedacht war. Es war ein innerliches Frösteln. Mit realen Gefahren, damit konnte
er umgehen. Das hier war nicht greifbar, weshalb er sich auf die Suche nach dem
Attentäter konzentrierte und sie geradezu verbissen fortführte. Aber auch hier kamen
sie nur zäh voran, getreu dem Prinzip: einen Schritt vor, zwei zurück. Im
Augenblick hatten sie eine Spur und wie heiß diese war, musste sich erst noch
zeigen. Jeder der Verdächtigen bestritt eine Beteiligung vehement. Natürlich
hatte Giotto mit Kirk auch die Möglichkeit diskutiert, dass sich der wahre
Täter nicht unter den Neuzugängen befand. Aber sie waren sich einig gewesen,
dass diese Option unwahrscheinlich war. Bei einigen der vorherigen Missionen
hätte es viel bessere Möglichkeiten gegeben, das Schiff in die Luft zu jagen,
noch dazu mit viel weniger Aufwand.
„Irgendwelche Vorkommnisse?“ fragte Giotto seine Männer.
„Keine, Sir!“
Giotto nickte und verzichtete auf weitere Kommentare. Er
holte das Datenpad aus seiner Anorak-Tasche, drehte es ein paar Mal. Dann
betrat er den Raum. Zuerst hatten sie die Verdächtigen in ihren Quartieren
festgesetzt, inzwischen jedoch hatte Giotto einige Gästekabinen dafür
reserviert. In erster Linie hatte das praktische Gründe, denn die Quartiere
aller Verdächtigen lagen weit auseinander und es hatte einfach zuviel Zeit
gekostet, ständig von einem zum nächsten zu kommen. Außerdem hatte Giotto
darauf bestanden, die Kabinen der Verdächtigen gründlich zu durchsuchen.
Vielleicht fanden sie dort noch Beweisstücke und tatsächlich hatte er nun
endlich den ersten Anhaltspunkt.
Bisher waren sie zwar immer noch nicht an die gelöschten
Protokolle herangekommen, die ihnen eventuell etwas darüber mitteilen konnten,
wie die Nanobots an Bord gekommen waren. Allerdings hatte Giotto eben jenes
Datenpad gefunden, das er gerade in Händen hielt. Er hatte es von einen
Mitarbeiter aus Mr. Spocks Abteilungen untersuchen lassen und damit hatten sie
die erste heiße Spur: das Datenpad enthielt ein Programm mit einem
Verschlüsselungsalgorithmus, welches dazu verwendet worden war, die Protokolle
zu löschen und sie unter Spocks Verschlüsselung zu stellen. Auch dieses
Programm trug die Signatur Commander Spocks, gefunden hatten sie das Pad aber
im Quartier von Chekov. Mit dem Programm hätte jeder die Protokolle schützen
können, Vorkenntnisse waren keine erforderlich. Und Chekov hatte seit seiner
Ankunft auf der Enterprise auch kurz die wissenschaftliche Sektion durchlaufen.
Der Fähnrich bewohnte seine Zweimannkabine eigentlich zusammen mit Fähnrich
Johnson, der aber zu den bei den Anschlägen getöteten gehörte. Von daher war
wohl davon auszugehen, dass das Pad Chekov zuzuordnen war. Als Giotto die
Kabine betrat, entdeckte er, dass sich Lieutenant Jäger und der Fähnrich, die
er beide hier hatte unterbringen lassen, die Zeit mit 3D Schach vertrieben. Das
Schiff stand kurz vor der Vernichtung, praktisch alle an Bord arbeiten sich den
Arsch ab und die beiden schlugen ihre Zeit mit Spielen tot! Nach außen hin ließ
sich Giotto nichts anmerken und sein eher ruhiges und besonnenes Naturell half
ihm, seinen Ärger runterzuschlucken. Dass beide nichts anderes tun konnten als
schlafen oder spielen beruhte auf seinen eigenen Befehlen.
Chekov saß mit dem Rücken zur Tür und Giotto hörte ihn
gerade sagen:
„Wussten Sie schon, dass Schach in Russland erfunden wurde?
Es heißt, dass…“
Jäger hatte den Leiter der Sicherheitsabteilung entdeckt und
gestikulierte in seine Richtung, was Chekov zum Verstummen brachte. Beide
Verdächtige standen auf und sahen Giotto an, der sich völlig auf Chekov
konzentrierte. Der Sicherheitschef hielt das Datenpad wie eine Trophäe hoch und
wedelte triumphierend damit vor Chekovs Nase.
„Kommt Ihnen das bekannt vor, Fähnrich?“ fragte er. Der
junge Russe sah ihn nur verständnislos an und nun kroch doch etwas von Giottos
Ärger mit in seine Stimme, als er fortfuhr:
„Sie sind ein schlechter Schauspieler und ich kann Ihnen
versichern, dass das nichts bringt. Wir haben das hier“, er wedelte etwas
heftiger mit dem Pad, „in Ihrem Quartier gefunden und sicher finden wir noch
weitere Beweise. Also legen Sie jetzt besser ein Geständnis ab, Sie
verschlimmern sonst noch Ihre Lage.“
„Sir, ich weiß nicht, was das ist, Sir. Und ich habe nichts
zu gestehen. Das ist alles ein Komplott!“
Giotto lächelte mitleidig.
„Wer sollte Ihnen etwas anhängen wollen? Dafür sind Sie
nicht wichtig genug. Sie bleiben also bei Ihrer Aussage?“
„Natürlich. Ich habe nichts getan. Ich…“
„Sie sollten noch mal darüber nachdenken, Fähnrich, und
denken Sie schnell. Sobald der Computer wieder einsatzfähig ist, werden wir Sie
einem Lügendetektortest unterziehen, dann kommt die Wahrheit ohnehin ans Licht.
Sie verschlimmern Ihre Lage nur.“ Giotto wandte sich seinen Leuten zu.
„Steckt ihn in eine Einzelzelle bzw. -kabine. Ich will, dass
er ständig unter schwerer Bewachung steht. Wenn er eine Aussage machen will,
dann ruft mich sofort.“
Die Sicherheitswachen nickten, riefen ein paar Kollegen und
führten Chekov ab, der heftig zu zetern begann. Offenbar fängt er an zu
begreifen, wie seine Lage aussieht, dachte Giotto mit Abscheu. Chekov in
Einzelhaft zu stecken war eine bewusste Maßnahme, um psychologischen Druck auf
den jungen Mann auszuüben. Was ihn wohl dazu getrieben haben musste? Giotto war
inzwischen von seiner Schuld überzeugt, aber zu gut in seinem Job, um nicht
auch allen anderen Spuren nachzugehen. Der Sicherheitschef wartete, bis Chekov
aus der Tür und außer Hörweite war. Seine Unschuldsbekundigungen und die Frage,
was denn überhaupt auf dem Pad wäre, hallten aber noch lange nach und
hinterließen eine unangenehme Stille. Schließlich wandte Giotto sich an Jäger.
„Lieutenant, es tut mir leid, dass sie noch etwas weiter
hier bleiben müssen. Die Beweislage hat sich zwar verdichtet, aber ich muss
alle Möglichkeiten so lange ausloten, bis die Wahrheit eindeutig bewiesen ist.“
Jäger lächelte leicht. Er war etwas älter als Giotto und
fühlte sich dem Mann unter der sonst eher jungen Crew daher verbunden. „Ich
verstehe, Commander. Ich nehme es Ihnen auch nicht übel. Wir tun alle nur
unsere Pflicht, nicht wahr?“
„Ja, das tun wir“, bestätigte Giotto versonnen. Dann drehte
er sich ohne ein weiteres Wort um und verließ die Kabine, deren Türen weiterhin
offen standen und von zwei Sicherheitswächtern bewacht wurden.
******
„Das ist es“, meinte Scotty. Seine Stimme klang leise und
schleppend, war gekennzeichnet durch Müdigkeit und Schmerz. Der Chefingenieur
dirigierte gerade Lieutenant Masters, die sichtbar nervös wurde, unter dem
kritischen Blick ihres direkten Vorgesetzten und auch noch unter dem des
Captains Reparaturen auszuführen, von deren Gelingen ihrer aller Überleben
abhing.
„Nein, weiter rechts, weiter rechts“, sagte Scotty und
wedelte aufgeregt mit der Hand.
Masters seufzte.
„Wir sollten sie lieber alleine machen lassen, was meinen
Sie, Scotty?“ Kirk hatte sich an den Chefingenieur gewandt, der sich
widerstrebend abwendete. Masters warf dem Captain einen dankbaren Blick zu und
führte die letzten Handgriffe durch. Als sie fertig war, überprüfte sie noch
einmal alles, konnte aber keinen Fehler finden. Sie warf einen Blick auf die
Uhr. Noch vier Minuten, bis die Lebenserhaltung ausfiel. Charlene Masters
atmete tief durch, stand dann auf.
„Das sollte es gewesen sein, Sir.“
Kirk und Scotty drehten sich gleichzeitig zu ihr um.
„Zeit, den Hebel umzulegen, nicht?“ meinte Kirk.
Lieutenant Masters wollte es Kirk überlassen, den entscheidenden
Knopf zu drücken, aber der Captain schüttelte nur mit dem Kopf.
„Die Ehre gebührt Ihnen. Nur zu!“
Masters holte noch einmal tief Luft. Dann betätigte sie den
Schalter und augenblicklich wurde die nur düstere Notbeleuchtung von normaler Helligkeit
abgelöst. Sie zögerte einen Moment, dann breitete sich ein Strahlen auf ihrem
Gesicht aus. Sie hatten es geschafft, sie hatten es tatsächlich geschafft! Die
gleiche Erleichterung, die sie fühlte, konnte sie auch auf den Gesichtern aller
anderen um sie herum sehen.
„Großartig, Mädchen, einfach groß…“
Scottys Lob ging in einem lauten Knall unter, das von
völliger Finsternis begleitet wurde. Kurz darauf ging die Notbeleuchtung wieder
an.
„Das war’s dann wohl“, meinte irgendeiner der Ingenieure und
warf seinen plasmatischen Ferungulator wütend in die Ecke. Es war mucksmäuschen
still, keiner sagte etwas. Der ganze Raum wirkte paralysiert. Kirk fing sich
als erster.
„Ladies und Gentlemen, wir sind noch nicht tot. Also zurück
an die Arbeit! Lieutenant Masters, finden Sie heraus, was passiert ist.
Scotty?“
Scotty schien in den letzten Augenblicken um Jahre gealtert
zu sein. Lieutenant Masters und auch alle anderen wendeten sich wieder ihren
Konsolen zu. Die allgemeine Hoffnungslosigkeit war fast greifbar. Sie befolgen
den Befehl des Captains, aber sie glaubten nicht mehr an Rettung. Ihnen blieben
nur noch Minuten. Die düstere Atmosphäre wurde von einer Reihe von Fähnrichen
unterbrochen, die gleich dutzendweise in den Maschinenraum strömten, voll
bepackt. Kirk lächelte schwach. Zum Teufel, wenn er aufgeben wollte, bevor es
nötig war. Einer der Fähnriche ging direkt auf Kirk zu, drückte ihm etwas in
die Hand.
Der Captain nickte dankbar, meinte dann zu dem jungen Mann:
„Danke, ich mach das schon. Haben Sie auch dafür gesorgt,
dass niemand vergessen wird?“
Entrüstung zeichnete das junge Gesicht. „Aber Sir! Wir haben
mit Lieutenant Rogers die Liste genau abgearbeitet und… „
„Ja, danke, das reicht. Gute Arbeit, Wilson!“ Dann erhob
Kirk seine Stimme, bemüht, den ganzen Raum zu erreichen.
„Wir haben zwar einen Rückschlag erlitten, aber wir sind
nicht am Ende. Fähnrich Wilson und seine Begleiter hier haben
Lebenserhaltungsgürtel mitgebracht, für jeden einen. Legen Sie ihn an und
überprüfen Sie, dass der Gürtel funktionsfähig ist. Schalten Sie ihn erst ein,
wenn es absolut notwendig wird. Als Mitglieder der technischen Abteilung wissen
Sie viel besser als ich, wie lange die Energiereserven halten. In jedem Fall
haben wir damit ein paar Stunden gewonnen.“ Kirk nickte Wilson noch einmal zu,
der die Geste richtig interpretierte und mit seinem Trupp den Raum abschritt,
jedem einen Gürtel aushändigte und auf einer ganz ordinären Papierliste
abhakte, wer bereits einen hatte.
Scotty grinste Kirk an. Der Captain legte sich gerade selbst
einen Gürtel um.
„Sie Teufelskerl! Wann haben Sie daran gedacht, Sir? Die
Gürtel müssen doch aufgeladen werden!“
„Die Gürtel waren alle aufgeladen, Scotty. Aber ich habe
Wilson kurz nach der Explosion zu mir gerufen, um alles zu überprüfen. Ich
wollte das als letzte Option in der Hinterhand haben. Eigentlich hatte ich
gehofft, dass wir sie nicht brauchen würden, aber es ist immer gut, einen Plan
B zu haben.“
„Aye, das können Sie laut sagen.“
Scotty erinnerte sich daran, dass Kirk erst vor drei Monaten
einen erbitterten Streit mit Admiral Komack über die Lebenserhaltungsgürtel
geführt hatte. Komack bevorzugte die technisch etwas veralteten Raumanzüge, die
allerdings bei Einsätzen im Weltraum auch einige Vorteile gegenüber den
kleineren Gürteln hatten, die ein schützendes Energiefeld um den Träger legten.
Nicht zuletzt, weil sie billiger waren. Kirk hatte dennoch darauf bestanden,
genug Gürtel für alle Besatzungsmitglieder an Bord mitzuführen und hatte nicht
nachgegeben. Am Ende hatte Komack einfach keine Lust gehabt, sich weiter mit
Kirk herumzustreiten und ihm diesen Spleen, wie er es nannte, genehmigt,
vorausgesetzt, der Captain würde zur Finanzierung den spärlichen Etat
verwenden, über den jeder Raumschiffkommandant frei verfügen konnte. Als
Konsequenz waren einige kulinarische Spezialitäten kurzzeitig von dem
Speiseplan der Mannschaft gestrichen worden, was einiges Gemurre nach sich
gezogen hatte. Vermutlich würden die gleichen Leute nun nicht mehr murren,
dachte Scotty. Sie hatten damit rund fünf Stunden gewonnen. Hoffentlich wurde
niemand von dem Totalausfall völlig überrascht. Meist gab es immer einige
wenige, die auch die offensichtlichste Nachricht überhörten und in ihr
Verderben rannten.
Während Wilson noch durch die Reihen schritt, wandte sich
Kirk an Scotty.
„Zeit für eines Ihrer Wunder, Mr. Scott.“
Der Schotte seufzte.
„Ich kann Ihnen keines anbieten.“
„Muss ich Sie erst entlassen, damit Ihnen was einfällt?“
Ein schwaches Lächeln überflog die Lippen des Ingenieurs. Es
war ein nicht ganz ernst gemeinter Wortwechsel, der in Krisensituationen wie diesen
zwischen ihnen öfters stattfand, meist immer dann, wenn die Situation wirklich
schlimm aussah. Und die hier sah wirklich sehr schlimm aus. Scotty verzog sein
von vielen Sorgenfalten durchfurchtes Gesicht.
„Captain, wir müssen erstmal herausfinden, woran es liegt,
und dann…“
Charlene Masters war zu ihnen getreten und hielt ein verkohltes
Etwas in der Hand.
„Wir wissen, was passiert ist.“ Sie wedelte mit dem
Gegenstand. „Der Energieumleiter ist durchgeknallt, das ist los.“
„Lassen Sie mich raten: das war ihr letzter?“ setzte Kirk
ironisch hinzu.
„Aye, das war er“, bestätigte Scotty.
„Also bauen Sie einen neuen.“
„Sir, so einfach ist das nicht, wir…“ warf Masters ein. Kirk
unterbrach sie:
„Dass das nicht einfach wird, hat auch niemand behauptet.
Also mal zur Sachlage, bitte unterbrechen Sie mich, wenn Sie etwas zu ergänzen
haben. Erstens: die Energie ist zwar da, aber wir kommen nicht heran. Zweitens:
eine Reparatur zur Umleitung der Energie an der richtigen Stelle hat nicht
funktioniert. Drittens: wir haben nicht die nötigen Ersatzteile. Soweit
richtig?“ Masters und Scott nickten. Kirk fuhr fort:
„Sie haben bislang versucht, die Energiekontrollen zu
reparieren, während andere Teams an den Konsolen für die Lebenserhaltung
gebastelt haben. Die Energiekontrollen haben soeben den Geist aufgegeben,
schön. Aber was ist mit dem Warptriebwerk? Gibt es keine Möglichkeit, Antrieb
und Lebenserhaltung zu verbinden?“
„Das Warptriebwerk braucht aber seine Zeit, um warm zu
werden, und…“
Scotty schmunzelte. „Ich glaube, Mädchen, dass das nach PSI
2000 niemand mehr vergessen wird, dass ein Warptriebwerk vorgewärmt werden muss
und außerdem legt wohl keiner einen gesteigerten Wert auf einen weiteren
Kaltstart.“
„Richtig, aber können Sie das Warptriebwerk starten? Mit den
Gürteln haben wir Zeit gewonnen, wir…“
Wie aufs Stichwort wurde es dunkel, die Schwerkraft fiel aus
und beinahe automatisch schalteten Scotty, Masters und Kirk ihre Gürtel an.
Irgendjemand hatte ein paar Handlampen angemacht, die die verfügbare Helligkeit
noch einmal erheblich reduzieren. Aber immerhin standen sie nicht ganz im
Dusteren. Ein Schatten kroch über Kirks Züge. Vermutlich dachte er das gleiche,
was auch Scotty dachte. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit würde
es Tote geben, irgendjemand, der doch keinen Gürtel hatte oder eingeschlafen
war und ihn nicht eingeschaltet hatte, bis es zu spät war. Auch für die
Krankenstation war die Situation ein großes Problem, denn mit den
Energiefeldern war eine sinnvolle Behandlung der Patienten nicht mehr möglich.
Kirk hatte daher einen Notstromaggregator, der auf altmodischer Verbrennung
beruhte, in die Krankenstation schaffen lassen. Die Krankenstation verfügte
über einen zweiten, separaten Lebenserhaltungskreislauf mit Schwerkraft, weil
dieser Bereich als besonders sensible Schiffssektion galt. Das Notstromaggregat
war jedoch definitiv das letzte Ass, was Kirk im Ärmel gehabt hatte und der
Generator würde bereits in zwei Stunden schlapp machen.
Als wäre nichts gewesen, nahm er die Unterhaltung wieder an
der Stelle auf, wo der Energieverlust sie unterbrochen hatte. Er konnte es sich
nicht leisten, weitere Zeit zu verschwenden und alles andere war bereits gesagt
und getan worden.
„Also, können Sie das Warptriebwerk starten und wenn ja, wie
schnell?“
„Nun ja“, meinte Scotty gedehnt, während er intensiv
nachdachte. „Vielleicht…“
Masters wirkte plötzlich sehr aufgeregt. „Sir, an der
Stellte, wo die Dilithiumkristalle eingesetzt werden – was wäre, wenn wir dort
einen entfernen und eine Schaltung basteln, um… „Scottys Gesicht hellte sich
auf: „Ja, das könnte gehen. Was stehen Sie hier noch so herum, Mädchen! An die
Arbeit!“
„Aye, Sir. Bin schon unterwegs.“
Damit schwebte die Frau von neuer Kraft erfüllt davon,
sammelte hier und da Leute ein und zog mit ihnen in Richtung Warptriebwerk von
dannen.
„Bleibt jetzt die Umleitung zur Lebenserhaltung.“ sagte
Kirk.
„Mmh, das wird schwierig. Aber…“
Scotty schob Kirk in Richtung der Konsole für die
Lebenserhaltung und verscheuchte seine Männer, die ihre beiden Vorgesetzten daraufhin
ratlos anstarrten.
„Öffnen Sie mal das Schott da, ich komme so nicht runter“,
wies Scotty Kirk an und deutete auf seinen Stehroller. Erst da fiel ihm auf,
dass er seinem kommandierenden Offizier einen Befehl gegeben hatte und grinste
betreten. Kirk aber war bereits auf die Knie gegangen und öffnete das Schott im
Boden, eines der wenigen, das wieder an seinem Platz gewesen war.
„Hier“, meinte Kirk und deutete auf das darunter befindliche
Kabelgewirr.
„Nein, weiter rechts. Aye, dort. – Rawlings, Yamada,
herkommen“. Scotty brüllte durch den Raum und zwei Leute eilten herbei. Der
Chefingenieur erklärte den beiden, was sie tun sollten und zusammen mit Kirk machten
sie sich ans Werk.
******
Weitere knapp zwei Stunden später waren sie bereit für einen
weiteren Versuch. Seit der Explosion waren mittlerweile rund 40 Stunden
vergangen, die Nerven aller lagen blank. Im Maschinenraum war jedem klar, dass
es keinen weiteren Versuch geben würde. Masters hatte einen Umgehungskreislauf
gebastelt und das Warptriebwerk schon vor einer Stunde angeworfen. Nun musste
sich zeigen, ob die Energie des Triebwerks in die Lebenserhaltung geleitet
werden konnte. Diesmal erledigte Scotty den letzten Handgriff. Als normale
Beleuchtung und Schwerkraft mit einem Mal wieder einsetzten, hielten alle den
Atem an. Niemand wagte zu jubeln, zu frisch war das zu vorzeitige Frohlocken allen
im Gedächtnis. Sekunden vergingen, dann eine Minute. Langsam entspannten sich
die Mienen. Aus den Augenwinkeln sah Kirk einen Mann, der seinen Lebenserhaltungsgürtel
ausschalten wollte und brüllte gerade noch eben ein „Halt“ durch den Raum. Der
Mann machte einen zerknirschten Eindruck, er hatte verstanden. Kirk schloss für
einige Sekunden müde die Augen. Wenn schon ein Mitarbeiter der technischen Abteilung
vergaß, dass es seine Zeit brauchte, bis das Schiff wieder von Sauerstoff
geflutet sein würde: wie viele aus den anderen Abteilungen würden es dann
ebenfalls vergessen? Der komplette Ausfall der Lebenserhaltung und der Umstieg
auf die Gürtel hatte aller Voraussicht nach drei Leuten das Leben gekostet.
Einer war im Schlaf erstickt, ein anderer war bewusstlos gewesen, als die Luft
ausging. Der dritte hatte schlicht falsch reagiert, war in Panik geraten und
letztendlich erstickt, bevor der rettende Gürtel umgelegt und aktiviert werden
konnte. Kirk schmeckte bittere Galle, als er an diese weiteren Opfer dachte.
Wenn er doch schon früher auf die Idee gekommen wäre, das Warptriebwerk zu
benutzen… Reiss’ dich zusammen...
******
Nach einer Stunde hatte sich die Stimmung auf dem ganzen
Schiff nachhaltig verbessert. Obwohl sie in einer kaum zu gebrauchenden
Schuttwüste lebten, war die Atmosphäre beinahe ausgelassen. Dem sicheren Tod so
knapp entronnen zu sein rückte einige Perspektiven wieder gerade. Aber es gab
noch so unendlich viel zu tun. Wenn sie nur über schiffsweite Kommunikation
verfügt hätten, dachte Kirk bitter, hätte es vielleicht weniger Opfer gegeben.
Hätte, hätte… zu spät.
Kirk wusste, dass er völlig alle war und dass es seinen
Senioroffizieren genauso ergehen musste. Er befahl daher Masters, Scotty,
Giotto und M’Benga, sich erst in frühestens sechs Stunden wieder blicken zu
lassen und zog sich selbst in sein Quartier zurück. M’Benga, der über Spocks
und McCoys Zustand keine Neuigkeit zu berichten hatte, war über soviel
Weitblick von Seiten des Captains angenehm überrascht. Kirk hatte sich nicht
die Mühe gemacht, sich auszuziehen, als er in seiner Kabine ankam. Er lief
schnurstracks auf das Bett zu und war praktisch in der Sekunde eingeschlafen, in
der er sich auf seine Koje fallen ließ.
„Sir, bitte wachen Sie auf!“ Ein nachhaltiges Rütteln an der
Schulter. Kirk drehte sich um, versuchte, den Störenfried los zu werden. Das
Rütteln kam wieder, heftiger diesmal.
„Es tut mir sehr Leid, Sir, aber bitte wachen Sie auf!“
Allmählich drangen die Worte und deren Bedeutung in Kirks
Bewusstsein. Schwerfällig öffnete er die Augen und nahm zuerst nur
verschwommene Schemen war.
„Waschist“, nuschelte er undeutlich, als er sich aufsetzte.
„Sir, es hat eine weitere Explosion gegeben. Wir…“
„Verletzte?“ Kirk war schlagartig hellwach.
„Keine. Es sind auch keine weiteren Systeme beeinträchtigt
worden.“
Sind wohl keine mehr übrig, was? dachte Kirk. Er stand auf
und spürte, wie sein Kreislauf absackte. Der Raum drehte sich, er stolperte und
hielt sich gerade noch am Raumteiler fest. Gleichzeitig stieg das inzwischen
bekannte Kratzen in seinem Hals wieder auf. Der Hustenanfall schien ewig zu
dauern, Augenblicke, in denen Kirk nur schwarze Punkte sah. Allein die Präsenz
des anderen menschlichen Wesens ließ ihn an der Realität festhalten, die mühsam
wieder an Konturen gewann.
„Alles in Ordnung, Sir?“ fragte der junge Mann besorgt. Er
umklammerte Kirks Arm geradezu schraubstockartig. Als der Captain nickte, nahm der
Fähnrich seine Hand schnell zurück, beinahe so, als hätte er sich verbrannt.
Das ganze war dem jungen Besucher offensichtlich peinlich.
„Erzählen Sie weiter“, forderte Kirk ihn auf. Er straffte
seine Gestalt und hatte beschlossen, die Szene von eben besser unkommentiert zu
lassen.
„Die Explosion hat Fähnrich Chekovs Quartier völlig
zerstört. Der Raum war leer. Die Sicherheit hatte ihn bereits durchsucht, aber
offensichtlich wurde dabei ein weiterer Sprengsatz übersehen. Er steckte im
Computersystem, gleiche Bauart wie zuvor.“
„Weiß Giotto schon Bescheid?“
„Nein, Sir. Wir dachten, wir verständigen erstmal Sie. Soll
ich Commander Giotto….“
Kirk warf einen Blick auf die Uhr und stellte fest, dass er
knappe drei Stunden geschlafen hatte. Soviel dazu, wenn er einmal einen
ärztlichen Rat befolgte.
„Lassen Sie Lieutenant Commander Giotto, wo er ist. Er wird
es noch früh genug erfahren. Bis dahin sehe ich mir die Sache erstmal an.“
******
Vom Quartier des Fähnrichs war nicht mehr viel übrig. Die
Bezeichnung „verkohlte Höhle“ kroch durch Kirks Bewusstsein. Kirks Kontakt zu
dem jungen Russen hatte bis dato nur aus wenigen Worten bestanden, aber
Berichten seiner Abteilungsleiter zufolge hatte der Fähnrich durchaus Potential
gezeigt, war aufmerksam und wissbegierig gewesen. Kirk hatte sogar mit dem
Gedanken gespielt, ihn auf die Brücke zu holen, da es in den letzten Monaten
niemand lange auf dem Posten des Navigators ausgehalten hatte. Die Beweislast
jedoch war inzwischen absolut erdrückend. Kein Alibi, Anwesenheit in allen Bereichen,
das Programm mit Spocks Signatur, wo Chekov zuvor auch in der
wissenschaftlichen Abteilung gearbeitet hatte und nun der Sprengsatz. Alles
deutete darauf hin, dass Giotto Recht hatte. Soviel zu meiner Intuition, dachte
Kirk säuerlich.
„Sollen wir die anderen Verdächtigen freilassen, Sir?“
Kirk sah sich versonnen nach dem Sicherheitswächter um,
dessen Anwesenheit ihm fast entfallen war. Einen Moment erwog der Captain
tatsächlich, die anderen auf freien Fuß zu lassen, entschied sich dann aber für
einen Kompromiss.
„Nein. Lockern Sie die Bewachung, die anderen sollen zu
ihren Aufgaben zurückkehren, aber stellen Sie sicher, dass sie nie alleine
sind. Mindestens eine Person soll zu jeder Zeit bei ihnen sein.“
„Aye Sir. Und Fähnrich Chekov?“
„Belassen Sie ihn vorläufig in der Zelle. Ach, und: haben
Sie sichergestellt, dass wir keine weiteren Überraschungen erleben werden?
Keine weiteren Sprengsätze?“
Der Sicherheitswächter sah Kirk gequält an.
„Nun, Sir, so einfach ist das nicht. Wir bräuchten Scanner,
um weitere Sprengsätze aufzuspüren und…
„Sagen Sie es nicht: die Scanner funktionieren noch nicht.“
„Richtig.“
Kirk seufzte leise. Es war zum Auswachsen! Laut sagte er:
„Gut, aber durchsuchen Sie wenigstens die Quartiere der
anderen Verdächtigen. Konnten Sie lokalisieren, wo der Sprengsatz in Chekovs
Quartier untergebracht war?“
„Im Lüftungsschacht. Wir konnten das ziemlich genau
eingrenzen.“
„Gut, dann sehen Sie in den Schächten der anderen Kabinen
besonders gründlich nach.“
„Aye, Sir, machen wir.“
„Wegtreten.“
Nachdem der Mann gegangen war, starrte Kirk noch einen
Moment weiter in das rußgeschwärzte Etwas, das einmal ein Raum gewesen war.
Versonnen nagte er an seiner Unterlippe. Irgendetwas stimmte nicht, aber was?
Müdigkeit vernebelte seine Gedanken, an Schlaf war aber nicht zu denken. Eine
weitere Schwindelwelle erfasste ihn und er musste einige Male tief Luft holen,
um den Nebel in seinem Geist zu vertreiben. Endlich wieder Herr seiner Sinne
verließ er die Kabine. Fast schon ohne bewussten Entschluss machte sich Kirk
auf den Weg in die Krankenstation, die nach wie vor überfüllt war. Wie
angeordnet war M’Benga nicht anwesend, dafür bedachte Chapel sein Eintreffen
mit einem bösen Blick. Ohne Worte schien sie zu sagen: „Was machen Sie hier?“
Kirk hob abwehrend die Hände, gab stumm zur Antwort: „Es ist
nicht meine Schuld.“
Laut sagte er: „Irgendwelche Änderungen?“
Chapel schüttelte den Kopf und antwortete:
„Nein, oder besser gesagt: keine Änderungen zum Schlechten.
Die Patienten sind alle versorgt. Dr. M’Benga wies mich darauf hin, dass Mr. Spock
bald aus seiner Trance erwachen wird und hat mich angewiesen, alles zu tun, was
er von mir verlangen wird, so ungewöhnlich mir das vorkommen mag. Keine Ahnung,
was er damit meint.“
„Kann ich ihn sehen?“
„Sicher.“
Der Captain folgte Chapel in einen separaten Raum, der
sonst, wie Kirk wusste, als Abstellkammer genutzt wurde. Etwas belustigt fragte
sich der Captain, was sein Freund wohl dazu sagen würde. Die Schwester schien
seine Gedanken zu erraten.
„Wir hatten einfach nicht genug Platz. Für Mr. Spock ist
eine ständige Überwachung der normalen Vitalparameter nicht notwendig, ein
mobiler Sensor reicht völlig. Und da wir ihn irgendwo in der Nähe separieren
wollten, war es nur logisch, ihn hier einzuquartieren.“
„Sie müssen sich nicht entschuldigen, Schwester. Ich denke,
Spock weiß Ihre Logik durchaus zu schätzen.“
Chapel errötete leicht. Verlegen sagte sie:
„Äh, naja, ich denke, Sie kommen allein zurecht?“
„Durchaus. Danke.“
Als Chapel gegangen war, sah Kirk auf seinen Freund herab,
der sich unruhig drehte. Spock hatte ihm von der vulkanischen Heiltrance
erzählt und so wusste Kirk auch, dass physische Gewalt erforderlich war, um
einen Vulkanier wieder zu beleben. Vermutlich hatte M’Benga darauf angespielt,
als er Chapel kryptische Andeutungen gemacht hatte. Wieso hatte er ihr nicht
gleich erzählt, was zu tun war?
In diesem Moment fing Spock an zu erwachen. Profunde
Erleichterung durchströmte Kirk. Mit Spock an seiner Seite würden sie den
Attentäter finden und endlich Licht in das Dunkel bringen. Es kostete Kirk
Überwindung, aber schließlich versetzte er Spock ein paar Ohrfeigen, die einem
Menschen den Kiefer gebrochen hätten.
Kirk holte gerade ein weiteres Mal aus, als seine Hand
schraubstockartig festgehalten wurde. „Das reicht, Sir.“
„Spock!“ Kirk lächelte erleichtert. „Wie geht es Ihnen?“
„Meine Rekonvaleszenz verlief zufrieden stellend. Wie stellt
sich der augenblickliche Status dar?“ Der Vulkanier setzte sich auf.
Für einen Moment wusste Kirk einfach nicht, wo er anfangen
sollte. Die Erleichterung, die ihn durchströmte, machte zudem klares Denken
schwierig. Schließlich riss sich Kirk zusammen und begann seinen Bericht. Er
erzählte immer noch, ohne das Spock ihn unterbrochen hatte, als Chapel
zurückkehrte. Sofort stahl sich ein Ausdruck von Erleichterung und
Missbilligung auf ihre müden Züge. Erneut ersparte sie sich einen
entsprechenden Kommentar. Spock erhob sich von seiner Liege.
„In Abwesenheit der leitenden Ärzte halte ich es für
angeraten, mich in Anbetracht der Situation selbst aus der Krankenstation zu
entlassen. Ich melde mich in fünf Minuten zum Dienst, Captain, nachdem ich
meine Kleidung gewechselt habe. Wo treffe ich Sie dann an?“
Kirk schmunzelte, kam aber nicht zum Antworten.
„Mo-Ment!“ erklärte Chapel gedehnt. „So schnell geht das
nicht. Sie, Mr. Spock, müssen noch untersucht werden, bevor Sie gehen können.
Sie sind schließlich gerade aus dem Koma erwacht.“
„Schwester, ich bin nicht aus einem Koma erwacht sondern aus
einer Heiltrance. Es besteht ein signifikanter Unterschied, der sich vor allem
darin äußert, das…“
Kirk unterbrach Spock mit einem Blick. An Chapel gewandt
fuhr der Captain fort: „Sie haben doch einen Mediscanner in der Hand. Sagen Sie
mir, wie es ihm geht.“ Die Schwester folgte automatisch Kirks Befehlston und
ärgerte sich über sich selbst, als sie mit dem kleinen Scanner bereits über
Spocks Körper fuhr. Als gute Schwester und Biochemikerin, und, wie sie sich
eingestehen musste, auch aus einem gewissen privaten Interesse heraus, wusste
sie recht genau, wie Spocks Werte zu interpretieren waren. Tatsächlich näherten
sich Spocks Vitalparametern Werten an, die für den vulkanisch-menschlichen
Hybriden als normal anzusehen waren. Sie seufzte und kapitulierte. „Also schön,
Mr. Spock. Sie dürfen gehen. Aber bitte melden Sie sich alle zwei Stunden in
der Krankenstation, bis Dr. McCoy oder Dr. M’Benga Sie durchchecken konnten. Und
falls Sie nicht rechtzeitig hier auftauchen, seien Sie versichert, dass ich
nicht davor zurückschrecken werde, die Sicherheit nach Ihnen suchen zu lassen.“
„Davon bin ich überzeugt. Eine Kontamination mit Dr. McCoys
Angewohnheiten scheint unausweichlich. Captain, wo kann ich Sie antreffen?“
„Am besten in Scottys Büro. Sie können sich dort einen
Überblick über die Lage verschaffen und Giotto hat dort auch den geschützten
Trikorder deponiert. Haben Sie irgendwelche Daten kodiert, Spock?“
„Sir?“ Kirk sah schon an Spocks eigentlich
stoisch-unbewegten Gesichtsausdruck, dass der Vulkanier nichts mit der
Kodierung zu tun hatte. Die Sache wurde immer rätselhafter. Gleichzeitig war
Kirk enorm erleichtert. Spock war die Person, der er am meisten vertraute.
„Ich erkläre es später“, ergänzte Kirk und fügte ein
„Wegtreten“ hinzu.
Spock, der die Arme hinter dem Rücken seiner Patientenkluft
verschränkt hatte, nickte würdevoll und verließ die Station. Kirk erhob sich
ebenfalls und sagte nach Spocks Verschwinden ohne weitere Einleitung:
„Ich brauche eine Stimulanz.“
„Das geht nicht.“ Chapels Antwort kam so schnell, als hätte
sie sie vorbereitet. Vermutlich hatte sie das sogar, fuhr es Kirk durch den
Kopf.
„Christine, wir sollten uns die Diskussion sparen.“ Er
lächelte sie an und bemühte sich um einen besonders gewinnenden
Gesichtsausdruck.
„Sparen Sie sich Ihren Charme, Captain. Dr. McCoy reißt mir den
Kopf ab, wenn ich tue, was Sie verlangen.“
„Das wird er nicht, er kennt die Notwendigkeiten.“
„*Er* weiß, dass die Notwendigkeit nach Schlaf nicht
beliebig lange unterdrückt werden kann. Insbesondere nicht bei
Rauchvergiftung.“
Kirk seufzte.
„Ich verstehe Ihre Bedenken und weiß Ihre Sorge zu schätzen.
Sie kennen die Lage. Wenn ich tue, was sie möchten, weckt mich in den nächsten
zehn Minuten der nächste. Das kann dann ja wohl auch nicht gesund sein. Also,
was schlagen Sie vor?“
Chapel kämpfte mit sich. Dann holte sie eine Spritze hervor.
Ganz offensichtlich hatte sie nur auf Kirks Bitte gewartet und sich schon
entsprechend vorbereitet. Kirks Blick heftete sich dann auch belustigt für
einen Moment an Chapels Hand fest. Stumm verabreichte sie ihm das Aufputschmittel,
wobei sie ein Gesicht zog, als hätte sie gerade in besonders saure Zitronen
gebissen.
„Danke“, meinte Kirk schlicht und stand auf. Ohne ein
weiteres Wort machte sich der Captain auf den Weg zum Maschinenraum und nicht
nur das Aufputschmittel sorgte dafür, dass er sich ungleich besser fühlte als
noch einige Minuten zuvor. Mit Spock an seiner Seite konnte er alles schaffen.
So kam es ihm jedenfalls oft vor, zusammen waren sie ein unschlagbares Team.
Gemeinsam würden sie eine Lösung finden und auch den Attentäter und dessen
Gründe zweifelsfrei entlarven. Allerdings beruhigte Spocks Erwachen nicht nur
den Offizier in Kirk sondern auch den Menschen. Als Captain war er auf eine gut
funktionierende Crew angewiesen und Scotty, Spock und Pille gehörten zweifelsfrei
dazu. Aber sie waren eben mehr als das, sie waren seine Freunde. Erst jetzt
realisierte er, wie allein er sich ohne sie gefühlt hatte. Jetzt musste nur
noch Pille wieder zu sich kommen…
******
Im Maschinenraum war Spock bereits in Scottys Büro und warf
einen Blick auf das Programm mit seiner Signatur, dass die
Transporterprotokolle gelöscht hatte. Scotty selbst war nicht zugegen. Der
Chefingenieur hatte dem ärztlichen Drängen nachgegeben und ruhte in seiner
Kabine. Kirk hatte der ärztlichen Anweisung mit einem Befehl Nachdruck
verliehen. Auch Masters hatte Kirk für einige Zeit aus dem aktiven Dienst
entlassen. So war er mit Spock allein, als er in Scottys Büro eintraf. Spock
sah kaum auf, als Kirk das kleine Kabuff betrat. Kirk kannte seinen
vulkanischen Freund gut genug, um auf eine Unterbrechung zu verzichten. Mit
erzwungener Geduld wartete er ab und wurde fünf Minuten später belohnt. Spock
sah auf und stellte fest:
„Der Programmcode ist in der Tat von mir.“
„Was?“ Kirk sah ihn entgeistert an.
„Ich sollte spezifizieren: 93,476 Prozent sind von mir.
Jemand hat einzelne Module zusammen kopieren und zu neuer Funktionalität
verbunden. Äußerst primitiv, wenn ich das sagen darf, allerdings äußert
wirkungsvoll. Die Art, wie Klassen abgeleitet wurden, lässt auf einen ungeübten
Programmierer schließen, der nur über eine Qualifikation der Stufe A3 verfügt.
Die Kennzeichnung der Variablen lässt zu wünschen übrig, ebenso wie…“
Kirk hob eine Hand und fuhr sich übers Gesicht. Spock
bemerkte die Geste und hob eine Augenbraue.
„Captain?“
„Bitte keine Details. Oder jedenfalls nur die wesentlichen.
Können Sie herausfinden, wer Ihren Quellcode missbraucht hat?“
„Das ist schwer feststellbar, weil ich dazu einen
vergleichbaren Quelltext vom Täter benötigen würde. Ich kann bisher nur sagen,
dass der Stil zu keinem meiner Mitarbeiter passt, außerdem…“
„WAS?“ fuhr Kirk abermals dazwischen.
Spock quittierte die erneute Unterbrechung abermals mit
hochgezogener Augenbraue, ein Hauch von Verärgerung lag in seinem Blick. Kirk
wusste, dass Spock es hasste, unterbrochen zu werden.
„Nichts für ungut, Spock“, erklärte Kirk. „Sind Sie sich
absolut sicher, dass niemand Ihrer Mitarbeiter der Programmierer war?“
„Absolut sicher, Captain. Oder besser gesagt: die Wahrscheinlichkeit,
dass es niemand aus der wissenschaftlichen Abteilung war, beträgt 98,765
Prozent.“
„Ich denke, das ist ausreichend.“ Kirk lächelte leicht und
fuhr fort: „Das schließt dann doch auch Pavel Chekov mit ein, oder nicht? Wenn
ich mich an den Dienstplan erinnere, hat er auch die wissenschaftliche
Abteilung durchlaufen.“
„Das ist korrekt. Fähnrich Chekov zeigte dabei, abgesehen
von seinem gelegentlichen Übermut und anderer menschlicher Schwächen, durchaus
Potential. Ich kann daher feststellen, dass ich Fähnrich Chekov als Programmierer
dieses Machwerks ausschließen würde.“
Kirk grinste zufrieden. Seine Intuition hatte ihn also doch
nicht im Stich gelassen.
„Wir sollten das erstmal unter uns behalten“, meinte Kirk
schließlich.
„Darf ich fragen, wieso?“ Spock hatte eine Augenbraue
hochgezogen.
„Sie dürfen.“ Und Kirk erläuterte ihm seinen Plan.
******
Für die Fähnriche Luis und Lincoln sowie für Lieutenant
Toriba war es eine willkommene Nachricht, als ihnen ohne jede Begründung
mitgeteilt wurde, sie sollten wieder aktiv am Dienst teilnehmen. Auf
Nachfragen, ob sie damit nun endgültig entlastet waren, erhielten sie keine
Antwort, aber als Vertrauensbeweis dienten diese Befehle allemal. Besonders die
beiden Fähnriche reagierten mit Erleichterung. Kyle, der von Kirk gebeten
worden war, ein Auge auf beide zu werfen, war etwas angesäuert. In seinen Augen
waren die beiden elende Streber, die auf der Akademie jede eins minus für eine
Katastrophe gehalten hatten. Das wahre Leben sah anders aus, aber ganz
offensichtlich hatten beide das wahre Leben noch nicht kennen gelernt. Die
Fähnriche schwatzten munter miteinander und wirkten gut gelaunt. Dass sie
mitten in einer Katastrophensituation steckten, die noch immer nicht
ausgestanden war, ignorierten sie geflissentlich. Kyle hörte beiden nur mit
einem halben Ohr zu, als er hinter ihnen herging. Zu seiner Verwunderung
sollten sie zu dritt Mr. Spocks Abteilung bei der Instandsetzung der
Computersysteme unterstützen. Dabei hielt sich Kyle selbst nicht für einen
begnadeten Programmierer und zweifelsohne hätten sie in der Krankenstation von
größerem Nutzen sein können. Aber Befehl war Befehl und irgendetwas hatten sich
Kirk und Spock bei dieser Aktion sicher gedacht. Die Frage war nur: was?
******
Spock hielt Kirks Vorgehen für unkonventionell, aber
durchaus Erfolg versprechend. Zumindest vom Prinzip her. Ein Programm hatte
zwar einen bestimmten Zweck zu erfüllen, der Weg zu einem fertigen Programm war
jedoch äußerst individuell. Selbst logisch denkenden Vulkanier entwickelten
ihren eigenen Stil, der sie unverkennbar machte. Je komplexer eine Aufgabe war,
desto eher wurde die ‚Handschrift’ des Urhebers deutlich. Die
Programmierarbeiten, mit denen Spock die Verdächtigen beschäftigt hatte, waren
zu komplex, um ohne weiteres den Stil ausreichend verändern zu können,
jedenfalls ohne entsprechende Vorbereitungen. Kirk hatte vorgeschlagen, sich
diesen Sachverhalt zu nutzen zu machen. Spock konnte von Nebenzimmer aus die
Fortschritte beobachten, aber das einzige, was die Versuche aller Verdächtigen
offenbarten, war ein teils erhebliches Defizit im Umgang mit Computern. Inzwischen
hatten sie von allen Verdächtigen mit Ausnahme von Stevensen Arbeitsproben
vorliegen und es stand fest, dass keiner davon das fragliche Programm aus
Spocks Codefragmenten zusammengesetzt hatte.
Kirk konnte es nicht fassen, er war sich so sicher gewesen.
„Und es gibt keine andere Option?“
„Ich bedaure, Sir. Die Ergebnisse sind allerdings –
faszinierend.“
Bei der Erwähnung des Wortes ‚faszinierend’ fuhr sich Kirk
mit der Hand durch das Gesicht. Spock kannte seinen Vorgesetzten inzwischen gut
genug um zu wissen, dass das auf in 99,34 Prozent aller Fälle auf Frustration
und Übermüdung zurück zu führen war. Aus einem irrationalen Impuls heraus fügte
der Vulkanier hinzu:
„Ich bedaure, Captain, dass ich Ihnen keine andere Antwort
liefern kann. Außerdem wurde Lieutenant Stevensen bisher noch keinem Test
unterzogen. “
„Ja, sicher.“ Kirk sprach ohne Überzeugungskraft, die
deutlich machte, dass er keine zu großen Hoffnungen darauf setzte.
Spock dachte über Alternativen nach, als sich Lieutenant
Dicksan aus dem Maschinenraum bei Kirk meldete.
******
Lieutenant Masters kehrte beinahe noch müder an ihre Arbeit
zurück wie vor ihrer Atempause. Sechs Stunden Schlaf hatten nicht ausgereicht,
die bleierne Schwere in ihren Gliedern zu vertreiben und bei dem Gedanken an
die sie erwartende Verantwortung wurde ihr fast schlecht vor Angst. Ein Blick
in den Spiegel zeigte ihr jedoch, dass sie besser aussah als noch wenige
Stunden zuvor. Ihr dunkler Teint hatte etwas von seiner Fahlheit verloren. Erst
geschlagene zehn Sekunden später realisierte sie, dass sie sinnlos Zeit mit
ihrer Eitelkeit verschenkte. Entschlossen drehte sie dem Spiegel den Rücken zu,
verließ ihr Quartier und trat den langen Weg durch die Treppen und Korridore
an, bis sie endlich den Maschinenraum erreichte. Ihr Blick fiel als erstes auf
Lieutenant Dicksan, der Nr. drei im Maschinenraum, der angeregt in ein Gespräch
mit Kirk vertieft war. Beide diskutierten eifrig über einem Datenpad und sahen
genau so müde aus, wie sie sich fühlte. Als sie näher kam, war sie überrascht,
dass noch eine dritte Gestalt die Gruppe ergänzte. Der Name fiel ihr nicht auf
Anhieb ein, sie wusste nur, dass er ein Neuzugang von der Lexington war. Er
gehörte zur Kommandostruktur, vermutlich so eine Art Überflieger und hatte,
kurzum, sonst nicht viel im Maschinenraum zu suchen. Andererseits galt das auch
für Kirk, der auch unter normalen Umständen oft hier vorbei sah. Masters
schloss sich der Gruppe an. Die Stimmung war eindeutig kurz vor dem Überkochen.
„…noch mal, das ist nicht von mir!“ Das Gesicht des
Lexington-Mannes hatte eine ungesunde Rottönung angenommen.
„Es ist aber ihr Datenpad, Mister“, sagte Dicksan gerade.
Die Art, wie er das Mister betonte, machte es zu einem Schimpfwort.
Kirk hob beschwichtigend die Hände. „Meine Herren, wir
kommen so nicht weiter. Halten wir uns an die Fakten.“ Kirk machte eine Pause
und zählte an der Hand ab.
„Erstens: dieses Datenpad gehört Ihnen, Lieutenant
Stevenson. Zweitens: es enthält ein paar harmlose Programme, deren Stil aber
haargenau dem entspricht, der für die Sabotageakte verwendet wurde. Drittens:
es wurde nur zufällig gefunden. Also, was haben Sie als Erklärung anzubieten?“
„Sir, ich kann nur sagen, dass ich mit den Sabotageakten
nicht das geringste zu tun habe. Ich mache mir doch nicht meine Karriere
kaputt. Ich…“
Kirk brachte ihn mit einem eisigen Blick zum schweigen.
Masters, die bisher von der Gruppe nicht weiter beachtet worden war,
schmunzelte leicht. Offenbar ging nicht nur ihr dieser Stevenson auf den Keks
und offenbar hatte nicht nur ihre Geduld ihre Grenzen.
„Die Fakten, bitte“, sagte Kirk.
Stevenson holte tief Luft. „Fakt ist, Sir, dass mir dieses Datenpad
gehört, aber ich, nun ja, das Programm darauf…“
Er druckste herum.
„Ja?“ hakte Kirk nach.
„Es gehört mir, Sir, aber. Ich … nun ja… ich habe es nicht
selber … Ich kann nicht programmieren.“ Brach er schließlich hervor und schien
zu erwarten, dass sich mitten im Maschinenraum ein schwarzes Loch auftun würde,
um ihn und seine Schande zu verschlucken. Masters biss sich auf die Unterlippe,
sonst hätte sie ganz sicher aufgelacht. Dieser aufgeblasene Schnösel konnte
nicht programmieren? Für einen Kommandooffzier war das sicher nicht die
wichtigste aller Fähigkeiten, aber Starfleet erwartete von seinen Offizieren
zumindest Grundkenntnisse, um sich im Notfall selbst helfen zu können. Das
Eingeständnis bedeutete nichts weiter, als das der ach so korrekte Stevenson
irgendwann gehörig gemogelt haben musste. Kirk hatte die Lippen ebenfalls
leicht verzogen, blieb aber ernst.
„Sie haben also das Programm nicht selbst geschrieben. Wo,
bitte, haben Sie es dann her?“
Nach seinem Geständnis schien das Sprechen dem Lieutenant
leichter zu fallen.
„Ich habe es kopiert, Sir. Keine Ahnung, wer der eigentliche
Urheber ist. Ein Freund auf der Lexington war sehr akribisch mit Software, er
hat praktisch alles archiviert, was ihm je begegnet ist. Ich habe mir alles vom
Server gezogen, was ich eventuell noch mal brauchen kann. Sir, es ist nicht so,
dass ich betrügen wollte, aber…“
Die Neugier gewann nun doch die Oberhand über Masters und
sie platzte in das Gespräch: „Wie, zum Geier, sind Sie damit durch die Akademie
gekommen?“
Stevenson seufzte und ließ den Kopf hängen. „Ich hatte ein
paar Freunde, die von meiner Schwäche wussten. Wenn man weiß, wie, lässt sich
fast alles umgehen. Sir, bin ich jetzt suspendiert?“ Der Mann sah richtig elend
aus, von seiner Aufgeblasenheit keine Spur mehr. Auf einmal tat er Masters
leid. Den Kopf tief zu Boden geneigt schien er von Kirk nichts Geringeres als
das Todesurteil zu erwarten.
„Ihr Schweigen hat uns ein paar Probleme bereitet, Mr.
Stevenson“, begann Kirk. „Ich erwarte von Mitgliedern dieser Crew absolute
Ehrlichkeit. Wenn Sie das nächste Mal in einer ähnlichen Situation sind, gehe
ich davon aus, dass Sie von sich aus alles erzählen, was Sie wissen.“
„Beim … nächsten Mal, Sir?“ Stevenson sah auf, etwas
Hoffnung glomm auf.
„Mr. Stevenson, Bob Wesley hat ganze Lobeshymnen auf Sie
gesungen, also können Sie so übel nicht sein. Jedenfalls gehe ich jetzt noch
davon aus. Beweisen Sie mir das. Außerdem erwarte ich, dass Sie Ihr, nennen wir
es mal: kleines Manko, beheben, sobald die Krise vorbei ist. In Mr. Spocks
Abteilung gibt es genügend fähige Mitarbeiter, die Ihnen gerne helfen werden,
Ihre Kenntnisse zu erweitern. Für jetzt erwarte ich, dass Sie umgehend Mr.
Spock Bericht erstatten und zwar umfassend. Teilen Sie ihm alles mit, was Sie
wissen, auch wenn das auf Sie kein vorteilhaftes Licht wirft.“
Stevenson sah Kirk nun in die Augen, eine zentnerschwere
Last war von ihm abgefallen.
„Ja, Sir, das werde ich, Sir. Bitte um Erlaubnis, Mr. Spock
aufsuchen zu dürfen, Sir.“
Kirk schmunzelte. „Erlaubnis gewährt. – Ach, eins noch:
Wieso haben Sie sich auf die Enterprise versetzten lassen? Die Wahrheit,
bitte.“
Stevensen schrumpfte etwas weiter in sich zusammen. „Sie
ahnen es schon, Sir. Ich stand kurz davor aufzufliegen. Bei der nächsten
Mission der Lexington hätte ich es nicht weiter geheim halten können.“
„Also sind Sie gegangen, bevor es auffiel.“
Stevenson nickte nur.
„Danke für Ihre Ehrlichkeit. Wegtreten.“
Stevenson war so schnell verschwunden, dass Masters ihn kaum
um die Ecke biegen sah. Dicksan sah nicht überzeugt aus. „Sir, ich möchte Sie
nicht kritisieren, aber ist es ratsam, ihm zu trauen und ihn ohne Wache ziehen
zu lassen?“
Kirk nahm die Kritik offenbar nicht übel. Eine von Kirks
angenehmeren Eigenschaften war die Tatsache, dass er quasi dazu einlud, seine
Entscheidungen zu hinterfragen, sofern das nicht gerade in einer
lebensbedrohlichen Lage geschah. Er sagte:
„Ich bin mir sicher, Lieutenant, dass Sie Mr. Stevenson ab
jetzt nicht mehr wieder erkennen werden.“ Damit ließ Kirk die Gruppe verdutzt
stehen.
******
Fünf Stunden später saßen Kirk und Spock zusammen in Kirks
Quartier und analysierten die Lage. Es war spät am Abend und eine trügerische
Stille lag über dem Schiff. Kirk war mittlerweile richtig frustriert. Gegenüber
der Crew hatte er das bisher verbergen können, aber in Gegenwart von Spock
konnte er die Maske fallen lassen. Ihre Programmierspielereien hatten zu keinem
Ergebnis geführt, sie waren wieder da, wo sie angefangen hatten. Soviel zu
seinem glorreichen Plan! Spock konnte alle Verdächtigen Urheber des mysteriösen
Sabotageprogramms ausschließen. Dabei war sich Kirk so sicher gewesen, die erste
wirkliche Spur zu verfolgen. Verdammt! Plötzlich zog ein schwarzer Schleier vor
sein Blickfeld und ein Gefühl, als würde ihm jemand den Atem zudrehen, setzte
ein. Für ein paar Augenblicke hatte Kirk einen Filmriss. Als er wieder klar
denken konnte, war er zwischen der Wand und Spocks Hand, die ihn aufrecht
hielt, quasi eingeklemmt.
„Captain… hören Sie mich… Captain… Jim?“
Nach und nach nahm Kirk seine Umgebung wieder war und dazu
gehörte auch der eindeutig besorgte Unterton in Spocks Stimme, die offenbar
seit einiger Zeit ungehört auf ihn einredete. Kirk bemühte sich, seine Beine
wieder unter seine bewusste Kontrolle zu zwingen und richtete sich auf. Er
fühlte sich nicht unbedingt sicher, wusste aber, wie sehr Spock physischen
Kontakt zu Menschen hasste. Besonders in dem geschwächten Zustand, in dem sich
sein Erster Offizier befinden musste, war das für den Berührungstelepaten
sicher nicht angenehm. Mit einer sanften Geste streifte der Captain Spocks Hand
ab und sagte gleichzeitig: „Vielen Dank, Spock. Ich bin jetzt wieder voll da.“
Spocks stoischer Gesichtsausdruck brachte trotz aller
Reglosigkeit deutliche Zweifel zum Ausdruck. „Jim, Schlaf ist eine biologische
Notwendigkeit.“
„Es geht schon. Ich war nur kurzfristig etwas benommen.“
Spock sah ihn ernst an. „Jedes andere Crewmitglied in diesem
Zustand würden Sie vom Dienst suspendieren, Sir. Bisher hatte ich es so
verstanden, dass Sie für sich keine Sonderbehandlung wünschen.“
Kirk lächelte schief. „Netter Versuch, Spock. Mir geht es
wirklich gut.“
Wie aufs Stichwort schob sich die schwarze Wolke erneut vor
sein Gesichtsfeld. Dieses Mal bekam er noch mit, was um ihn herum geschah, aber
ein Eingreifen lag völlig außerhalb seiner Möglichkeiten. So fühlte er noch wie
durch Nebel, wie Spock ihn auffing, hochhob und
auf sein Bett legte. Dann verblasste die bewusste Welt
endgültig um ihn.
******
„…muss mit dem Captain sprechen.“
„Das ist zurzeit nicht möglich.“
„Es ist aber wichtig.“
„Lieutenant Commander Giotto, ich gehe davon aus, dass Sie
als Sicherheitschef dieses Schiffes mit der Kommandostruktur hinreichend
vertraut sind. Alles, was Sie dem Captain zu sagen haben, ist auch für mich
relevant.“ Einen Moment Stille.
„Na schön, Mr. Spock, Sie haben gewonnen. Sehen Sie sich das
mal an.“
Ein Summen verriet die Aktivität eines Trikorders.
„Faszinierend. Wo haben Sie den her, Mr. Giotto?“
„Er lag in der Astrobiologie.“
„Verstehe ich Sie richtig? Sie haben diesen Trikorder mit
einer noch ungenutzten Zündungssequenz – inklusive meiner Signatur, die
natürlich eine sehr laienhafte Fälschung ist - einfach so auf dem Bürotisch
gefunden?“
„Mr. Spock, bisher dachte ich, Vulkanier seien für Ihre
schnelle Informationsaufnahme bekannt. Natürlich habe ich genau das gesagt. Und
wenn ich nicht glauben würde, dass Ihre Signatur unter dem Ding gefälscht ist,
dann hätte ich Ihnen den Trikorder sicher nicht übergeben.“
„Bitte schildern Sie mir noch einmal die Umstände, Mr.
Giotto.“
„Sir, ich habe Ihnen bereits alles erzählt, was ich weiß. Ich
würde es vorziehen, zu meiner Arbeit zurückzukehren. Oder aber dem Captain zu
berichten.“
„Mr. Giotto, es zählt auch nicht zu meinen Vorlieben, mich
wiederholen zu müssen. Der Captain ist bis auf weiteres nicht verfügbar.
Außerdem gehört es zu Ihrer Arbeit, mir zu berichten, Sie können also ungerührt
mit Ihrer Schilderung fortfahren, ohne sich ein Pflichtversäumnis vorwerfen zu
müssen.“
Kirk hatte die Unterhaltung in einem halbwachen Zustand
verfolgt. Eigentlich wollte er sich nur umdrehen und schlafen, schlafen,
schlafen. Dann aber hatten sich einige der Wortfetzen einen Weg in seinen
Verstand gebahnt und die Müdigkeit war mehr und mehr zurückgedrängt worden.
Spätestens die letzten Worte hatten ihm klar gemacht, dass er sich keine
weitere Minute Auszeit gönnen durfte. Verdammt, was musste er auch umfallen?
Nur gut, dass das in seiner Kabine passiert war und nicht mitten auf der
Brücke. Schlimm genug, dass seine Fassade vor Spock gebröckelt war, da brauchte
nicht auch die restliche Crew mitbekommen, dass er nur ein normaler Mensch war.
Etwas mühsam stemmte sich Kirk in eine sitzende Position
hoch. Seine letzte Assoziation war also tatsächlich richtig gewesen: Spock
hatte ihn in sein Bett getragen. Kirk beschloss, diese Peinlichkeit soweit wie
möglich zu verdrängen. Er stand auf und unterdrückte einen Hustenreiz. Zum
Glück stand ein Glas Wasser in Griffweite und ungeachtet der Frage, wie lange
es dort schon stehen mochte, griff er dankbar zu. Kirk strich seine vom
Schlafen angeknitterte Uniform glatt und fuhr sich durch die Haare. Das nutzte
nicht wirklich etwas. Er stank und brauchte dringend neue Kleidung. Trotzdem
ging er in den Arbeitsbereich, wo Spock und Giotto miteinander diskutieren.
„Meine Herren, ich denke, dass sich weitere Diskussionen über
meine Anwesenheit erübrigen. Ich möchte einen detaillierten Bericht über alles,
was sich in der – hmm – Zwischenzeit ergeben hat. Aber bitte geben Sie mir noch
fünf Minuten.“
Eine Dusche und eine neue Uniform später saß Kirk zusammen
mit Spock und Giotto am Schreibtisch. Kirk konnte Spocks Blicke förmlich auf
sich ruhen fühlen, ignorierte das aber geflissentlich. Zum Glück sah der
Vulkanier von Fragen nach seinem Befinden ab. Giotto dagegen war froh, das
Zuständigkeitsproblem so elegant umgehen zu können und erzählte von Anfang an.
„Also, einer meiner Jungs, Mr. Leslie, hat diesen Trikorder
hier in der Astrobiologie auf einem Schreibtisch gefunden. Das Ding lag ganz
offen herum, so dass wir es fast nicht angefasst hätten. Allerdings hatte ich
meine Leute angewiesen, einfach alles, was wie ein Computer aussieht, zu
überprüfen. Nun, in diesem Fall mussten wir nicht lange suchen. Direkt im
Rootverzeichnis ist ein Programm mit einem Zündungscode zu finden. Es
entspricht dem, was wir bereits haben, nur sind andere Zeiten angegeben.
Demnach war eine zweite Anschlagwelle für heute Mittag geplant, im Schacht des
Turbolifts nähe der Brücke. Wir haben natürlich die Sicherheitsmaßnahmen in
diesem Bereich verstärkt, aber keine Sprengsätze gefunden. Außerdem ist davon
auszugehen, dass jemand den Trikorder bewusst so abgelegt hat, dass wir ihn
finden mussten. Das wird durch die Platzierung des Programms in der
Verzeichnisstruktur des Trikorders ebenfalls unterstrichen. Soviel wissen wir
also. Was wir nicht wissen, ist, wieso. Von unseren Neuzugängen ist Dr. Mulhall
täglich in der Astrobiologie anzutreffen, es ist ja schließlich nicht umsonst
ihr Spezialgebiet. Nur hat sie für die fragliche Zeit ein Alibi und mein
Eindruck von der Frau ist eigentlich der, dass sie zu intelligent für eine so
offensichtliche Spur ist. Die Frage ist also immer noch, wer hinter allem
steckt.“
„Können Sie ungefähr eingrenzen, wann der Trikorder in der
Astrobiologie aufgetaucht ist?“ wollte Kirk wissen.
„Tja, das ist sehr schwer zu sagen. Ging ja in letzter Zeit
alles drunter und drüber. Wir sind uns aber so gut wie sicher, dass der
Trikorder nicht vor dem eigentlichen Anschlag dort deponiert wurde sondern
irgendwann danach.“
„Mit anderen Worten“, schloss Kirk, „dass alle Personen, die
wir verdächtigt haben, quasi ausgeschlossen werden können, weil sie für diese
Zeit ein wasserdichtes Alibi haben.“
„Richtig“, bestätigte Giotto. „Sie wurden zur fraglichen
Zeit von meinen Leuten bewacht und befragt. Von denen kann es niemand gewesen
sein.“
„Vielleicht sollten wir die Suche nach einem Einzeltäter
aufgeben und uns auf mögliche Gruppierungen konzentrieren“, warf Spock ein.
Giotto antwortete: „Der Gedanke ist uns auch schon gekommen,
Sir. Nur macht das die Sache nicht einfacher, da wir absolut keinen Anhaltspunkt
haben. Es tut mir Leid, dass wir bislang nicht mehr zu bieten haben.“ Er sah
regelrecht deprimiert aus, was für einen so erfahrenen Mann wie Giotto selten
vorkam. Auch Kirk fühlte ein gehöriges Maß an Frustration.
„Verdammt, wir müssen sicherstellen, dass uns das Schiff
nicht um die Ohren fliegt.“
„Ich bin führ jeden Vorschlag offen“, meinte Giotto.
„Was ist eigentlich mit den Protokollen für die an Bord
gebeamten Waren? Konnten Sie die wiederherstellen?“
Giotto sah zerknirscht aus.
„Negativ, Sir.“
„Das heißt?“ hakte Kirk nach.
Spock mischte sich ein. „Der Löschvorgang war äußerst
gründlich. Eine Wiederherstellung der Daten innerhalb der nächsten 3,4 Tage ist
ausgeschlossen.“
Kirk war nicht zufrieden. Er fragte:
„Wenn aber jemand die Protokolle gelöscht hat, wieso dann
nicht auch das Programm zum Auslösen der Startsequenz? Und wäre es nicht
einfacher gewesen, den ganzen Trikorder verschwinden zu lassen oder ihn zu
zerstören?“
„Das, Captain“, erwiderte Giotto, „steht ebenfalls auf
meiner Liste mit ungelösten Fragen.“
Sie beratschlagten sich, kamen aber keinen Schritt weiter.
Das Gefühl, auf der Stelle zu treten, war frustrierend. Schließlich ließen Sie
Anne Mulhall kommen. Schon bei ihrem Eintreten verströmte die Frau etwas, was
klar machte, dass sie Haare auf den Zähnen hatte. Für Kirk war sie bislang eine
eher Unbekannte geblieben.
„Sie wollten mich sprechen?“ fragte sie ohne einen Anflug
von Furcht.
„Richtig. Erstens: wo waren sie während der ersten
Explosion? Und zweitens: können Sie uns etwas über diesen Trikorder erzählen?“
Anne Mullhall zog die Augenbrauen hoch, was ihr einen
arroganten Zug verlieh. Ihren Blick nach zu urteilen hielt sie die Fragen für
überflüssig.
„Wie ich Mr. Giotto und seinen Leuten bereits mehrfach zu
Protokoll gegeben habe und wie von mehr als zehn Zeugen bestätigt werden kann,
war ich zu der fraglichen Zeit in dem Gemeinschaftsraum, in dem Lieutenant
Uhura einige ihrer Kompositionen dargeboten hat. Und ich habe ebenfalls schon
mehrfach ausgesagt, dass ich den Raum für mind. zwei Stunden vor der Explosion
nicht verlassen habe, wofür es ebenfalls zahlreiche Zeugen gibt.“
Kirk hob beschwichtigend die Hand. „Niemand verdächtigt sie,
Lieutenant, aber es gibt neue Anzeichen, die auf die Abteilung Astrobiologie
deuten. Möglicherweise wissen Sie etwas, ohne sich dessen bewusst zu sein.
Können Sie uns etwas über diesen Trikorder erzählen?“
Sie trat auf den Tisch und nahm Kirk den bewussten
Gegenstand ab. In den nächsten Sekunden machte ihr Gesicht eine erstaunliche
Transformation durch. Ihre Züge, die bis eben noch ablehnend und widerspenstig
gewesen waren, zeigten deutliche Anzeichen von Überraschung.
„Fähnrich Chekov hat diesen Trikorder bei uns vergessen.“
Ihr Kommentar schien alle Männer, selbst Spock, zu
elektrisieren. Sie tauschten einige Blicke.
„Woher wissen Sie das?“ fragte Giotto.
„Chekov interessiert sich für Martha Landon. Sie wurde mir
aushilfsweise zugeteilt, um mir beim Dokumentieren der letzten Funde vom
Planeten der Kleinlinge zu helfen. Ich hatte mir ein paar alte Akten vorgenommen
und dabei war mir etwas Interessantes an den Erregern aufgefallen, die das
Altern bei den Kleinlingen verzögert haben. Sicher erinnern sie sich…“
Kirk und Spock erinnerten sich zu gut und es war ein Thema,
das sie nur ungern vertiefen wollten. Offenbar erkannte auch Anne Mulhall, dass
ihre wissenschaftlichen Erklärungen hier Perlen waren, die man Säuen vorwarf.
„Jedenfalls ist Martha gerade mein Yeoman und Fähnrich
Chekov versucht nun schon seit zwei Monaten, ein Gespräch mit ihr anzufangen.
Es ist schon regelrecht putzig, dass er es nicht schafft, sie direkt zu fragen,
ob sie mit ihm ausgeht.“
„Woher wissen Sie das so genau?“ warf Kirk ein.
„Ich arbeite mit Yeoman Landon jeden Tag mehrere Stunden
zusammen, da kriege ich genug mit.“
„Das meinte ich nicht“, erklärte Kirk. „Wieso wissen Sie,
dass der Trikorder von Chekov ist?“
„Ach so. Nun, der Trikorder hat hier“, sie drehte ihn um, „einige
Kratzer. Sie sind kaum zu sehen, aber ich war dabei, als Chekov sie verursacht
hat. Er hat versucht, Yeoman Landon mit einer Geschichte über russischen Stahl
zu beeindrucken, als sie mir dabei half, einige Proben zu Recht zu schneiden.
Dabei hat er sich eines meiner Skalpelle gegriffen und ist abgerutscht. Die
Kratzer waren das direkte Resultat. Das ist jetzt zwei Wochen her und praktisch
jeden Tag entschuldigt er sich wortreich dafür. Ich bin also sicher, dass es
sein Trikorder ist, wobei ich natürlich nicht sagen kann, ob er ihn dort
vergessen hat.“
Kirk wechselte einen Blick mit Spock und Giotto. Als er in
den Gesichtern seiner Gefährten keinen Widerspruch sah, sagte er zu Anne
Mulhall:
„Danke, Lieutenant, das war vorerst alles. Wegtreten.“
Die Frau warf noch einen hochmütigen Blick in die Runde und
verließ die Kabine, ohne noch weitere Worte zu verlieren.
„Also doch Chekov“, kommentierte Kirk, als sie gegangen war.
Er klang resigniert. Spock hörte die Bedeutung hinter Kirks Worten und
ergänzte:
„Das wissen wir noch nicht. Aber es ist sicher angeraten,
erneut mit Fähnrich Chekov zu sprechen.“
Giotto wartete keinen direkten Befehl ab sondern zückte
seinen Kommunikator. Sie warteten in Schweigen auf das Eintreffen des
Fähnrichs. Es war eine etwas unangenehme Stille, jeder hing seinen eigenen
Gedanken nach. Kirk fragte sich, ob seine Intuition ihn dieses Mal nicht doch getrogen
hatte. Giotto war zu erfahren, um die Situation mit „Ich hab’s doch gleich
gesagt“ zu kommentieren. Das war auch gar nicht nötig, es hing auch so
unausgesprochen im Raum. Die Stille wurde durch ein Kommunikatorsignal
unterbrochen, das an Giotto gerichtet war.
„Giotto hier“, meldete sich der Sicherheitschef.
„Rawlings, Sir. Ich weiß nicht, ob es wichtig ist, aber mir
ist da etwas aufgefallen.“
„Sprechen Sie weiter“, forderte Giotto ihn auf.
„Ich habe gerade mit Schwester Chapel gesprochen. Sie meinte,
sie hätte Fähnrich Chekov kurz vor der Explosion gesehen. In der Nähe der
Astrobiologie. Soweit ich weiß, hat der Fähnrich ausgesagt, er hätte den Waffenkontrollraum
nur zum Auszutreten verlassen.“
Giotto tauschte einen Blick mit Kirk. Alle im Raum wussten,
dass die Astrobiologie und der Waffenkontrollraum in entgegen gesetzten
Richtungen lagen. Es war praktisch unmöglich, auf dem Weg zur Toilette derartig
falsch abzubiegen. Selbst für einen Chaoten wie Chekov. Kirk fühlte eine eisige
Hand im Nacken. Damit war Chekovs Schuld so gut wie bewiesen.
Giotto sprach in seinen Kommunikator.
„Vielen Dank, Rawlings, es war sehr gut, dass Sie mir ihre
Beobachtung gemeldet haben.“
Der Mann am anderen Ende klang unsicher.
„Sir, Fähnrich Chekov… Ich glaube nicht, dass er es war.
Aber ich wollte Ihnen melden, was ich erfahren habe, Sir. Soll ich es dem
Captain mitteilen?“
„Nicht nötig, er weiß es bereits. Giotto Ende.“
Der Sicherheitschef klappte seinen Kommunikator zu und die
drückende Stille von zuvor wog noch schwerer. Zu sagen, was Spock dachte, war
nahezu unmöglich und doch schöpfte Kirk aus seiner Anwesenheit mehr Trost, als
er gedacht hätte. Überhaupt verließ er sich mehr und mehr auf den Vulkanier,
sah trotz der relativ kurzen Zeit ihrer Bekanntschaft mehr als nur einen
Untergebenen in ihm. An welcher Stelle hatte er angefangen, sich so auf Spock
zu verlassen? Gepolter unterbrach die Stille, Fähnrich Chekov wurde, flankiert
von zwei Sicherheitswächtern, in die Kabine geführt. Giotto nickte seinen
Leuten zu, draußen zu warten. Kirk erkannte Mr. Leslie, der nur kurz grüßte und
mit einem Kameraden dem stummen Befehl sofort Folge leistete.
Chekov stand vor den drei Senioroffizieren wie vor einem
Tribunal und in gewisser Weise war dieser Vergleich nicht so falsch. Kirk hatte
Chekov vom ersten Moment an gemocht und über dessen Enthusiasmus geschmunzelt.
Nach wie vor weigerte sich ein Teil seines Verstandes, Chekov als potentiellen
Attentäter zu betrachten.
„Mr. Chekov, was können Sie uns zu diesen Trikorder hier
sagen?“
Kirk reichte dem Fähnrich das Corpus Delicti.
„Äh, das ist meiner, Sir.“
„Das wissen wir“, kommentierte Kirk trocken. „Was wir nicht
wissen, ist, wie Dateien, die in direkten Zusammenhang mit den Anschlägen
stehen, auf Ihren Trikorder gelangen konnten. Können Sie etwas Licht in die
Angelegenheit bringen, Mr. Chekov?“
„Auf meinem Trikorder? Sir, das kann nicht sein!“
„Erzählen Sie uns, wann Sie ihn das letzte Mal gesehen
haben“, verlangte Spock.
„Ich, äh….“ Chekov wurde eindeutig rot. „Ich…“
„Mr. Chekov, es wäre hilfreich, wenn Sie sich etwas klarer
äußern“, half Spock nach.
Der junge Mann schien sich zu sammeln. Schließlich straffte
er seine Gestalt. Er erweckte den Eindruck, sich innerlich gegen eine
Katastrophe wappnen zu wollen. Er sagte:
„Ich habe den Trikorder verloren, Sir. Wo, weiß ich nicht.
Ich hatte ihn schon überall gesucht. Um ehrlich zu sein, Sir, als ich den
Waffenkontrollraum verließ…“
„Ja?“ meinte Giotto.
„Da war ich… Nun ja, ich war AUCH auf Toilette. Aber… Ich
bin noch in der Astrobiologie gewesen. Ich bin dort in letzter Zeit öfter.
Martha, ich meine, Yeoman Landon, also sie und ich, wir, ich…“
Kirk verzog die Mundwinkel zu der Andeutung eines Lächelns.
„Wir wissen, dass Sie an Yeoman Landon interessiert sind,
Fähnrich. Das ist kein Grund für Peinlichkeit. Erzählen Sie der Reihe nach.“
Chekov atmete tief durch.
„Nun, dann wissen Sie ja sicher auch, dass ich in letzter
Zeit öfter in der Astrobiologie vorbei gucke. Vor der Explosion fiel mir
irgendwann auf, dass mein Trikorder fehlte, aber ich konnte und kann mich immer
noch nicht erinnern, wo ich ihn habe liegenlassen. Das ganze ließ mir keine
Ruhe. Also bin ich zur Astrobiologie, um nachzusehen.“
„Und?“ hakte Kirk nach.
„Nichts, Sir. Der Trikorder war weg, die ganze Astrobiologie
wie leer gefegt. Es sah aus wie im Winter in Sibirien, Sir. Nicht eine
Menschenseele zu sehen, wenn Sie wissen, was ich meine. Ich habe wirklich alles
abgesucht, danach bin ich gegangen.“
„Sind Sie wirklich absolut sicher, dass Sie überall gesucht
haben?“ fragte Spock.
„Ja, Sir. Sie wissen ja, dass ein verlorener Trikorder nicht
so optimal ist…“ Chekov schaute betreten nach unten und Kirk musste trotz der
ernsten Lage mit einem Lachen kämpfen. Spock war für solche Dinge zuständig und
der Captain konnte sich bildlich vorstellen, wie es für einen Fähnrich sein
musste, dem Vulkanier zu beichten, er hätte einen Trikorder einfach so verloren.
Kirk fragte: „Was haben Sie gemacht, nachdem Sie den
Trikorder nicht gefunden haben?“
„Äh“, Chekov wurde rot. Kirk nahm an, dass es etwas mit
Yeoman Landon zu tun haben musste, aber er irrte sich dieses Mal. Chekov
stammelte in Richtung Boden:
„Ich weiß es nicht.“
Kirk runzelte die Stirn. Giotto meldete sich zu Wort.
„Was meinen Sie mit: Ich weiß es nicht?“
„Ich hab einen Filmriss. Ich erinnere mich einfach nicht
mehr, was passierte, nachdem ich die Astrobiologie verließ. Es ist wie
weggewischt. Das nächste, an was ich mich entsinnen kann, ist, dass ich mich
auf dem Boden wieder fand, auf dem Gang vor dem Waffenkontrollraum. Das ist
wirklich alles, Sir.“
Giotto und Spock sahen Kirk an, so als erwarteten sie eine
Entscheidung von ihm. Tatsächlich formierte sich so etwas wie eine Ahnung in
Kirk, eine Vermutung, was sich wohlmöglich abgespielt hatte. Aber es war zu
früh, um gänzlich darauf zu bauen. Der Captain ignorierte die fragenden Blicke
und fokussierte einmal mehr auf Chekov.
„Fähnrich, wie lange dauerte Ihr ‚Filmriss’? Und warum haben
Sie bislang gelogen?“
Chekov schaute betreten nach unten und berichtete seinen
Fußspitzen. Sein russischer Akzent war im Laufe des Gesprächs, was für den
jungen Mann den Charakter eines Verhörs haben musste, immer deutlich zutage
getreten.
„Ich weiß es nicht, Sir.“
„Was wissen Sie nicht?“ hakte Spock nach.
„Nichts, Sir. Ich weiß nicht, wie groß meine Erinnerungslücke
ist und warum ich sie überhaupt habe. Vermutlich war ich ungefähr für eine
Stunde wie weggetreten. Das muss für Sie nach einer Lüge klingen, aber ich sage
die Wahrheit!“
„Aber warum haben Sie nicht von Anfang an die Wahrheit
gesagt?“
„Es… Es war mir peinlich. Und es ist gegen die Vorschriften,
sich vom Dienst aus persönlichen Gründen zu entfernen. Also habe ich gesagt,
ich wäre auf der Toilette gewesen, was ja auch stimmt. Aber als ich rauskam…
Nun, ich wollte Martha sehen. Und es war ohnehin nichts los. Ich…“
„Sie haben sich gelangweilt und dachten, Sie kürzen Ihre
Schicht etwas ab, indem Sie einen Abstecher machen?“ ergänzte Kirk.
„Ja, Sir.“ Chekov war so leise geworden, dass er kaum
verständlich war. Im Raum war es so still geworden, dass jedes Geräusch
unnatürlich laut widerhallte. Giotto verlagerte das Gewicht, ohne einen Ton zu
sagen. Das leise Rascheln seiner Kleidung war so deutlich vernehmbar, als hätte
jemand eine Kanone abgefeuert. Kirk ließ Chekov mit Absicht etwas schmoren,
aber in Gedanken hatte er bereits seine nächsten Schritte formuliert.
Schließlich erlöste er Chekov.
„Fähnrich, warten Sie draußen vor der Tür.“
Chekov nickte und trottete hinaus. Ohne eine Anweisung
zückte Giotto seinen Kommunikator und gab seinen Leuten Anweisungen, die wie
aus dem Nichts erschienen und den Fähnrich in Empfang nahmen.
Mit einem neugierigen Ausdruck in den Augen wandte sich der
Sicherheitschef seinen vorgesetzten Offizieren zu. Kirks nächste Worte trafen
ihn aber unvorbereitet.
„Chekov ist unschuldig.“
„Sir?“ fragte Giotto.
Kirk sah ein, dass er einige Erläuterungen anfügen musste.
„Seine Aussagen und sein früheres Verhalten passen zusammen.
Ich bin mir sehr sicher, dass er uns dieses Mal nicht angelogen hat.“
„Aber bei allem Respekt, Sir: er hat bereits gelogen und wer
sagt, dass er es jetzt nicht wieder tut? Alle Fakten sprechen gegen ihn.“
„Nein, das tun sie eben nicht. Er hat am Anfang die Wahrheit
etwas gebogen, weil er sich schützen wollte. Das hat er nun nicht mehr getan,
seine Aussagen lassen ihn in keinem guten Licht erscheinen, wobei seine
Vergehen eher in die Kategorie Dumme-Jungen-Streiche fallen. Viel interessanter
ist doch der Blackout, den er hat?“
Giotto war nicht zufrieden. „Das nehmen Sie ihm doch nicht
ab, Sir? Ein plötzlicher Gedächtnisschwund ist sehr praktisch.“
Spock mischte sich ein.
„Ich muss dem Captain Recht geben, Mr. Giotto. Ein
plötzlicher Gedächtnisschwund, wie Sie es ausdrücken, ist für den Fähnrich
nicht praktisch. Er muss damit rechnen, dass wir ihn zahlreichen Tests unterziehen
werden, die die Wahrheit ans Licht bringen werden. Es gibt keinen logischen
Grund, einen Gedächtnisschwund vorzutäuschen, wenn er nicht tatsächlich
stattgefunden hat. Gerade, weil es so unwahrscheinlich anmutet.“
„Richtig“, ergänzte Kirk. „Aber es bleibt dabei, dass wir
wissen müssen, was wirklich passiert ist. Spock, Sie wissen, ich bitte Sie
nicht gerne darum, insbesondere nicht nach dem, was Sie hinter sich haben. Aber
können Sie die vulkanische Mentalverschmelzung verwenden?“
Spocks Gesicht blieb ausdruckslos, dennoch hätte Giotto aber
schwören können, in der Stimme des Vulkaniers einen verlegenen Unterton zu
hören, als dieser sagte:
„Ich bedaure, Captain, aber meine mentalen Schilde sind noch
nicht ausreichend wieder hergestellt, um eine ausreichend hohe Erfolgswahrscheinlichkeit
zu gewährleisten.“
„Verstehe.“ Kirk schien enttäuscht.
„Ich möchte aber eine andere Option vorschlagen“, fügte
Spock hinzu. „Dr. M’Benga hat während seiner Zeit auf Vulkan nicht nur
spezifische Techniken der vulkanischen Medizin erlernt, sondern sich auch auf andere
mentale Methoden spezialisiert. Meines Wissens ist er in der Lage,
Hypnosetechniken anzuwenden.“
„Sie meinen, wir sollen Chekov hypnotisieren?“ fragte Kirk.
Giotto kommentierte: „Wieso nicht? Schaden kann es nicht und
wenn Ihr Mr. Chekov tatsächlich das Unschuldslamm sein sollte, dann hat er
nichts zu verbergen, aber möglicherweise viel zu erzählen.“ Sein Tonfall machte
allerdings deutlich, dass der Sicherheitschef diese Option für äußerst
unwahrscheinlich hielt.
„Nun“, sagte Kirk trocken, „einen Versuch ist es wohl wert.“
Er holte seinen Kommunikator hervor und setzte sich mit der Krankenstation in
Verbindung.
M’Benga war die Ruhe selbst, als er den Raum betrat, dennoch
meinte Kirk, einen Hauch von Unwillen bei dem dunkelhäutigen Arzt zu spüren.
Wahrscheinlich gefiel es ihm nicht, sich von seinen Patienten entfernen zu
müssen, noch zu mal für etwas, das kein medizinischer Notfall war. Kirk brachte
in einem gewissen Rahmen Verständnis für den Arzt auf, sah aber keine
Möglichkeit, anders zu verfahren. Endlich die Wahrheit zu finden hatte
Priorität und in gewisser Weise hing die Gesundheit aller an Bord davon ab,
dass sie den oder die Attentäter endlich entlarven konnten.
Kurz nach Dr. M’Benga führten die Sicherheitsmänner Chekov
wieder in den Raum, der sich mit einer Hypnose sofort einverstanden erklärte.
Er wirkte sogar erleichtert, etwas zu einer Lösung beitragen zu können. M’Benga
machte sich mit ruhiger Präzision ans Werk und schon wenige Augenblicke darauf blickten
die Augen des Fähnrichs in eine Leere.
******
„Fähnrich Chekov, hören Sie mich?“ Spocks Stimme verströmte
gelassene Ruhe. Kirk hatte ihn den Beginn der Vernehmung überlassen, er war
sich sicher, dass Spock wusste, in welche Richtung er dachte. Chekov antwortete
in dem Monoton der Hypnose.
„Ja, ich höre Sie.“
„Erinnern Sie sich an den Moment, kurz, bevor es zur ersten
Explosion kam. Sie sind in der Astrobiologie.“
„Ja.“ Selbst in der Hypnose breitete sich ein seliges
Lächeln auf den jungen Gesichtszügen aus.
„Sie haben Ihren Trikorder gesucht.“
„Ja.“
„Schildern Sie uns, was passiert ist.“
„Ich bin in der Astrobiologie. Mein Trikorder ist weg, ich
weiß nicht, wo ich ihn liegen gelassen habe. Aber ich bin nicht böse, dass ich
ihn nicht gefunden habe. Dadurch konnte ich noch mal bei Martha vorbei sehen.
Sie hat wunderschöne Haare, wie eine russische Zarin. Sie ist…“
„Erzählen Sie uns, was passierte, als Sie die Astrobiologie
verließen“, forderte Kirk Chekov auf.
„Ich habe die Sprengsätze gezündet.“
Giotto, M’Benga, Chapel und Kirk holten tief Luft und selbst
Spock schien nicht unberührt von dem Gehörten.
„Warum haben Sie das gemacht?“ fragte Kirk.
„Weil es mir befohlen wurde.“
„Von wem?“
„Ich… Ich kann mich… nicht… erinnern“. Plötzlich bäumte sich
Chekov auf, sein Gesicht schmerzverzerrt. M’Benga schritt ein, gab dem jungen
Fähnrich ein Beruhigungsmittel, das ihn sofort zusammen sacken ließ.
„Luca, wir müssen unbedingt wissen, wer dahinter steckt.“
Kirks Stimme klang ernst, als er sich an den dunkelhäutigen Arzt wandte.
„Tut mir Leid, Captain, aber offenbar hat man einen sehr
festen Block in Chekovs Gedanken platziert. Ihn zu entfernen ist ein
langwieriger Prozess. Ich fürchte, Sie werden sich mit dem, was wir haben,
begnügen müssen.“
„Und wenn Sie Chekov noch mal hypnotisieren?“
„Das könnte ihn umbringen, Captain.“ M’Bengas Stimme klang
herausfordernd. Kirk winkte ab und bedeutete dem Arzt, dass er verstanden
hatte. Selten hatte er sich so frustriert gefühlt.
******
Stunden später hatte sich Kirk noch mal alle Unterlagen zu
allen Verdächtigen vorgenommen. Er hatte das starke Gefühl, hier drinnen die
Wahrheit zu finden, aber sie entzog sich ihm nachhaltig. Erschwerend hinzu kam
die Tatsache, dass die Probleme nicht abrissen. Die Lebenserhaltung funktionierte
inzwischen zwar auf Minimalniveau und für den Notfall hatte jedes
Besatzungsmitglied nach wie vor einen Lebenserhaltungsgürtel dabei, aber das
Schiff hing wie ein abgestelltes Stück Schrott nutzlos im All. Sie hatten keine
Möglichkeit, sich nach außen bemerkbar zu machen, geschweige denn, aus eigener
Kraft einen Planeten oder eine Sternenbasis der Förderation zu erreichen.
Gravierender wirkte sich allerdings das Lebensmittelproblem aus. Sie schrieben
mittlerweile Tag drei nach der Explosion und damit auch Tag drei nach Ausfall
der Nahrungsreplikatoren. Scotty arbeitete trotz seiner Verletzungen unter
Hochdruck an der Reparatur, die Stabilisierung der Lebenserhaltung stand
allerdings an erster Stelle. Als Konsequenz fastete die Besatzung mehr oder
weniger unfreiwillig. Rein physiologisch stellte das kein Problem dar, weil sie
zum Glück genug Trinkwasser hatten. Es war aber eine Sache zu wissen, dass der
menschliche Organismus drei Wochen ohne feste Nahrung auskam, wenn der Zugang
zu Sauerstoff und Flüssigkeit gewährt war. Arbeitsfähigkeit unter solchen
Umständen war jedoch eine ganz andere. Durch Stress und Übermüdung klappten
wieder reihenweise Leute zusammen und verschlimmerten den ohnehin bestehenden
Personalnotstand weiter. Die einzige verfügbare Nahrung bestand aus kleinen
Geheimvorräten der Crew, hauptsächlich Schokolade, Pralinen, Alkohol,
allerdings auch einige französische Salamis, rigellianischer Käse und
ähnliches. Eine Crew davon ernähren zu wollen war natürlich völlig illusorisch.
Das Interkom riss den Captain aus seinen Gedanken und lenkte von den Papieren
vor ihm ab. Der Bildschirm vor ihm zeigte Schwester Chapel.
„Captain, ich wollte Ihnen mitteilen, dass wir Dr. McCoy in
sein Quartier entlassen haben.“
Kirk merkte, wie sich ein Lächeln auf seinem Gesicht breit
machte.
„Das sind gute Nachrichten. Wie geht es ihm?“ fragte er.
„Besser, aber er wird noch Ruhe brauchen. Um ehrlich zu
sein, war es nicht ganz einfach, ihn dazu zu bringen, sich in sein Bett zu
legen. Vielleicht könnten Sie…“
„Sie meinen, ich soll Pille ins Bett bringen? Das mache ich
glatt. Wie ist seine Prognose?“
„Er leidet noch an den Auswirkungen der Gehirnerschütterung
und wird noch eine Weile mehr oder weniger starke Kopfschmerzen haben. Alles in
allem aber hat er es gut überstanden. Wenn er sich ausruht, heißt das.“
„Schon verstanden. Ich sehe gleich nach ihm.“
Kirk wollte die Com-Verbindung schon abschalten, als Chapel
ihm bedeutete, dass sie noch etwas zu sagen hatte.
„Sir, ebenso, wie Dr. McCoy Ruhe benötigt, gilt das auch für
Sie. Außerdem haben wir hier etwas Essen beiseite gelegt und Dr. M’Benga hat
mir aufgetragen, dafür zu sorgen, dass Sie es bekommen. Wenn Sie das Schiff
zusammen halten wollen, müssen Sie bei sich anfangen.“
Kirk seufzte. „Christine, ich weiß Ihre und Lucas Besorgnis
zu schätzen, wirklich. Und ich werde mich ausruhen, sobald das hier vorbei ist.
Aber es ist momentan völlig illusorisch. Wir alle haben zusammen schon Schlimmeres
ausgestanden und es ist noch genug Zeit zum entspannen, wenn die Replikatoren
wieder funktionieren und die Sabotageakte restlos aufgeklärt wurden.“
Chapels Gesichtsausdruck machte deutlich, dass sie keine
andere Erklärung erwartet hatte. Allerdings gab sie sich so schnell nicht
zufrieden.
„Dann, Captain, müssen Sie damit rechnen, dass Sie entweder
von Dr. McCoy oder Dr. M’Benga für dienstunfähig erklärt werden. Ich bin mir
sicher, dass Mr. Spock einen entsprechenden Vorstoß unterstützen wird.“
Als sie sah, dass sich Kirks Gesicht verhärtete, fügte sie
etwas versöhnlicher hinzu:
„Nehmen Sie wenigstens das Essen, das wir für Sie gebunkert
haben. Sie sind auch nur ein Mensch, falls Sie es nicht bemerkt haben.“
Kirk erkannte das Versöhnungsangebot und lächelte schief.
„Na schön, Schwester, ich komme nachher bei Ihnen auf einen kleinen Imbiss
vorbei. Kirk Ende.“
Kirk beendete die Verbindung. Er hatte nicht vor, in
absehbarer Zeit der Krankenstation einen Besuch abzustatten. Seine Aktien waren
am Sinken und er wusste es. In der Krankenstation würde er nicht die Hilfe
erhalten, die er wirklich brauchte. Wenn er freiwillig dort auftauchte, konnte
er sich auch gleich selbst einliefern. Aber wenigstens war Pille wieder unter
den Lebenden. Kirk warf noch einen Blick auf seinen Unterlagen, wo sich in
einem Datenpad elektronische Unterlagen im übertragenen Sinne stapelten. Die
Lösung mochte dort drinnen sein, aber er hatte bessere Chancen sie zu finden,
wenn er sich eine Auszeit erlaubte. Ein Besuch bei McCoy würde ihn sicher
aufmuntern und war genau das, was der Doktor verschreiben würde.
Das Quartier des Arztes lag in unmittelbarer Nähe der
Kapitänskajüte. Der Zufall wollte es, dass er fast zeitgleich mit Pille ankam.
Sie sahen sich gleichzeitig und umarmten sich kurz, aber herzlich. Es brauchte
keine Worte. Beide Männer betraten McCoys Quartier. Der Arzt ging als erstes zu
dem kleinen Kabinett, wo er seine Spirituosen aufzubewahren pflegte. Kirk
bezweifelte zwar, dass ein Saurianischer Brandy auf leeren Magen wirklich eine
empfehlenswerte Sache war, aber sein Kopf konnte eine kleine alkoholische
Aufmunterung wirklich gebrauchen. McCoy schenke ihnen beiden ein – für Kirk
Saurianischen Brandy, für sich selbst Kentucky Burbon – und erst, als beide
sich gegenüber saßen, brachen Sie das schweigen.
„Ahh, das tut gut“, meinte McCoy genüsslich und ließ sich in
den Sessel zurücksinken. Kirk verkostete den Brandy, ließ ihn langsam die Kehle
herabgleiten und genoss die Wärme, die sich erst in der Speiseröhre und dann im
Magen ausbreitete. Er meinte zu fühlen, wie sich Muskelverhärtungen im Rücken
lösten und auch er lehnte sich zurück.
„Wie fühlst du dich?“ fragte Kirk schließlich. Die Strapazen
waren nicht spurlos an McCoy vorbei gegangen. Das Gesicht des Chefarztes wirkte
eingefallen und dort, wo er sich am Kopf verletzt hatte, fehlten ein paar
Haare. Ein blauer Schatten zog sich über die rechte Schläfe bis zu den
Augenbrauen.
McCoy verzog die Mundwinkel.
„Lausig. Aber mit einem Drink geht alles besser, wie? Habe
gehört, du hattest auch ein paar harte Tage.“
„Kann man wohl sagen“, bestätigte Kirk trocken. „Aber lenke
nicht ab. Du hast mir einen ziemlichen Schrecken eingejagt. Schwester Chapel
meinte, du musst dich ausruhen?“
„So, hat sie das? Wer ist hier der Arzt? Nun, ich habe mir
den Kopf etwas angehauen und etwas Ruhe kann da nicht schaden. Aber ich bin noch
nicht reif für den Schrottplatz, falls du das wissen willst.“
Jeder Funken Humor war aus Kirks Gesicht gewichten. Er sah
McCoy direkt in die Augen und sagte: „Nein, das wollte ich nicht wissen. Ich
möchte wissen, ob es meinem Freund gut geht und ich möchte wissen, ob du dich
genug um dich selbst kümmerst.“
„Jawohl, Dr. Kirk.“ McCoy prostete ihm zu.
„Pille, bitte lass das. Die letzten Tage waren wirklich
ziemlich hart. Mit Spock, Scotty und dir waren nicht viele Leute übrig,
verstehst du?“
McCoy wurde auch Ernst. „Hattest wohl Angst, wie?“
„Ich hatte keine Angst – ich war in Panik. Es war noch nie
so knapp.“
McCoy schwieg, eine der wenigen Situationen, in denen ihm
keine passende Antwort einfiel. Sein Kopf hämmerte nach wie vor und wenn er
sich zu ruckartig bewegte, drehte sich alles. Aber das es nicht, was ihm die
Worte raubte. Vor der Crew schaffte es Kirk, den Eindruck von Unzerstörbarkeit
und Selbstsicherheit auch in den unmöglichsten Situationen aufrechtzuerhalten.
McCoy gehörte zu den wenigen die wussten, dass das häufig nur Fassade war.
Dennoch war es selten, dass Kirk das so unumwunden zugab. Ein Zeichen, das
bewies, wie sehr die letzten Tage dem Captain zugesetzt haben mussten. Jim
hatte in der Tat schon besser ausgesehen. Die Explosion hatte ihn zwar
weitestgehend unverletzt gelassen, aber McCoy hatte es sich nicht nehmen
lassen, sich M’Bengas Notizen geben zu lassen. So war er im Bilde, was während
seiner Auszeit alles passiert war. Selbst ohne Notizen hätte McCoy jedoch die
Anzeichen von Rauchvergiftung, Schlafmangel und Erschöpfung in Kirk deutlich
erkannt. Andererseits gab es momentan kaum jemanden an Bord, der nicht völlig
erschöpft und übermüdet aussah. McCoy brach das Schweigen, in dem er fragte:
„Wie stehen die Ermittlungen?“
Kirk seufzte und fuhr sich mit der rechten Hand über die
Augen. McCoys Alarmsirenen schrillen. Offenbar war es nicht die richtige Frage
gewesen.
„Ehrlich gesagt: wir treten auf der Stelle, sind nicht ein
Stück weiter.“ Dann begann Kirk mit einem Bericht, wie Chekov zum Hauptverdächtigen
wurde, was dann geschah bis hin zu M’Bengas Hypnose.
„Komisch“, meinte McCoy, als Kirk seinen Bericht beendet
hatte. „Ich hatte Chekov nicht so eingeschätzt. Ein bisschen überenthusiastisch
zwar, aber im Grund ein guter Junge.“
„Ja, so sehe ich ihn auch. Aus ihm wird ein guter Offizier.
Zumindest dachte ich das bis vor vier Tagen.“
McCoy grinste, als er sich an seine erste Begegnung mit
Chekov erinnerte.
„Ich weiß noch, wie er vor zwei Monaten in meine
Krankenstation kam. Zum Durchchecken. Hatte sein Hemd ausgezogen, bevor ich ihn
darum gebeten hatte. Als ich ihn fragte, ob er nicht frieren würde, hat er
geantwortet, dass niemand, der einmal sibirische Kälte gespürt hätte, das
Schiff als kalt empfinden würde.“
„Ja, ja, Mütterchen Russland. Meinst du, er macht das mit
Absicht? Um uns zu ärgern?“
McCoy grinste. „Vermutlich schon. Ich denke, irgendwann
einmal hat man ihn damit gehänselt und es ist seine Art von Gegenwehr. Sein
Psychoprofil hatte ein paar Ungereimtheiten.“
Kirk, der gerade einen weitern Schluck Brandy genommen
hatte, spuckte einen Teil wieder aus und sah McCoy entgeistert an. Etwas, was
er gelesen und nicht für voll genommen hatte, war gerade an seinen Platz
gefallen.
„Was hast du da gerade gesagt?“
McCoy erkannte, dass Kirk gerade eine Erkenntnis gehabt
hatte, wusste aber nicht, welche. Etwas verwirrt und mit einem Hauch von
Verärgerung erklärte er:
„Einige Aspekte seines Psychoprofils haben nicht zusammen
gepasst, aber die Werte waren noch innerhalb der Norm. Vermutlich ist es nichts,
es wäre mir auch gar nicht aufgefallen, wenn er sich nicht so gegen den Test
gewehrt hätte. Zu dem physischen Test dagegen ist er beinahe gerannt. Nun, an
und für sich ist es nicht ungewöhnlich, es gibt viele Leute, die sich nicht
gerne in den Kopf gucken lassen. Du bist einer davon“, schloss McCoy und sah
Kirk leicht anklagend an.
Kirk wirkte angespannt und aufgeregt. „Da war doch noch
etwas, nicht? Hatte Chekov nicht einen Onkel, der psychisch behandelt wurde?“
McCoy runzelte die Stirn. „Ja, jetzt, wo du es sagst… Sein
Onkel Juri war in einer Reha-Kolonie‚ sogar kurz, bevor Chekov zu uns an Bord
kam. Aber ich weiß nicht, woraus du hinaus willst.“
Kirk ging nicht darauf ein sondern drängte: „Was weißt du
noch darüber?“
McCoy hasste es, im Dunkeln gelassen zu werden, aber er
kannte das schon und versuchte, in seinem Gedächtnis nach Einzelheiten zu
kramen.
„Chekov hat seinen Onkel wohl ein oder zweimal besucht und
er hatte keine guten Erinnerungen daran. Einrichtungen für Psychisch-Kranke
haben diesen Effekt. Der Name fällt mir gerade nicht ein, aber ich könnte
nachsehen, wo er war.“
„Bitte, tue das.“
Da das Computersystem nach wie vor nicht richtig
funktionierte, setzte sich McCoy mit der Krankenstation in Verbindung und ließ
sich einen Trikorder mit den benötigten Informationen bringen. Er war
angesäuert und sein Kopf pochte wieder stärker, aber er kannte Jim und wusste,
dass es sinnlos war, in dieser Stimmung mit ihm zu diskutieren. Sie warteten
schweigend auf den Trikorder. Ein Fähnrich erschien, sichtbar dankbar, sofort
wieder gehen zu können. Kirk wollte McCoy den Trikorder schon aus der Hand
nehmen, aber der Arzt schüttelte den Kopf.
„Nicht so schnell, Jim. Das sind medizinische Daten, die
dich im Grunde nichts angehen.“
„Dann sieh bitte nach, von wem der Onkel behandelt wurde.“
McCoy schaltete den Trikorder ein und suchte nach der
gewünschten Information. Als er sie hatte, sah er auf, sein Gesicht spiegelte
deutlich seine Überraschung wieder.
„Juri Chekov wurde von einer gewissen Lethe in einer Reha-Kolonie
behandelt. Unterstützt
von Dr. Tristan Adams.“
******
„Er wurde WAS?“
Kirk war fassungslos. Wären die Umstände nicht so ernst
gewesen, hätte McCoy den Augenblick sicher genossen. Aber so teilte er Kirks
Reaktion.
„Ja, tatsächlich von Lethe.“
„Wir reden von der gleichen Frau, die auf der
Tantalus-Kolonie wie ein Zombie durch die Gegend gelaufen ist?“
„Ich fürchte schon. Warte mal…“ McCoy drückte einige Zeit
auf dem Trikorder herum und fuhr dann fort: „Ah, hier. Ja. Dr. Adams hatte ja
einen hervorragenden Ruf in der Therapiearbeit, du erinnerst dich?“
Als Kirk das Gesicht schmerzhaft verzog, ergänzte McCoy:
„Ich meine, vor unserem Besuch. Nun, Lethe war einer seiner
Erfolgsfälle. Ursprünglich war sie Insassin der Tantalus-Kolonie, galt dann aber
als geheilt. Sie wurde selbst zur Therapeutin ausgebildet, so unglaublich das
klingt. Ich verstehe nicht ganz, wie so etwas passieren kann. Wäre ja so, als
wenn man einen trockenen Alkoholiker eine Bar aufmachen lässt…“
„Pille…“, meinte Kirk. Er war deutlich ungeduldig.
„Oh, tut mir leid. Wir wissen ja, dass sie als Therapeutin
zur Tantalus-Kolonie zurückkehrte. Allerdings hat sie für vier Monate auf
Dariba gearbeitet.“
„Und dort hat sie Chekovs Onkel behandelt.“
„Genau. Und wie es aussieht, hat Dr. Adams sie mindestens
einmal besucht, um sie zu unterstützen.“
„Wir sollten mit Chekov reden.“
„Ja, Jim, das sollten wir tatsächlich.“
******
Kirk zitierte nicht nur Chekov herbei, er verständigte auch
Spock. Während Captain und Erster Medo-Offizier warteten, warf Kirk einen
weiteren Blick in Chekovs Personalakte. Jetzt, wo er wusste, wonach er suchen
musste, sprang ihm die Information geradezu ins Auge. Natürlich wurden die
medizinischen Informationen von der militärischen Laufbahn getrennt
dokumentiert. Allerdings hatte Fähnrich Chekov seinen Dienst auf der Enterprise
erst mit einer Woche Verspätung angetreten, weil er auf Dariba behandelt worden
war. Dariba war eine nicht-militärische Raumstation, wo hauptsächlich über die
Auswirkungen des Weltalls auf die Psyche von Individuen geforscht wurde. An die
Forschungsabteilungen war auch eine Klinik angeschlossen, eben jede Klinik, in
der Chekovs Onkel behandelt worden war. Kirk erinnerte sich wieder, dass er
Chekov einmal im Aufenthaltsraum darüber hatte reden hören. Damals hatte Kirks
Aufmerksamkeit jedoch dem Schachspiel mit Spock gegolten und er hätte auch
nicht ahnen können, wie wichtig diese Information einmal sein würde.
Juri Chekov war unerwartet an einem Hirnschlag gestorben,
noch während Fähnrich Chekov ihn besucht hatte. Der Fähnrich war daraufhin ernsthaft
krank geworden, was seinen Dienstantritt hinaus gezögert hatte. Chekov hatte
insgesamt vier Monate auf Dariba verbracht. Seine Personalakte vermerkte nur
lapidar einen verspäteten Dienstantritt wegen Krankheit, belegt durch eine
Bescheinigung ausgestellt von einem Dr. Smith auf Dariba. Wieso war ihm dieser
Zusammenhang nicht schon vorher aufgefallen? Es war doch so offensichtlich! Der
Türsummer kündete einen Besucher an. Spock trat durch die Tür. Nachdem der
Vulkanier aus der Heiltrance erwacht war, sah er aus wie immer. Nichts deutete
mehr darauf hin, dass er an der Schwelle zum Tod gestanden hatte. Vielmehr
wirkte er erfrischt und stellte damit einen absonderlichen Kontrast zum Rest
der Crew dar.
„Sie wollten mich sprechen, Sir“ begann Spock. Er wirkte
beinahe noch steifer als sonst.
„Setzten Sie sich, Spock“, meinte Kirk und deutete auf einen
freien Platz neben McCoy. Der Arzt grummelte etwas vor sich hin, wurde aber von
den anderen beiden Männern ignoriert. In kurzen Worten legte Kirk seine These
dar. Als er geendet hatte, hatte der Vulkanier beide Augenbrauen hochgezogen.
Kirk hätte fast geschmunzelt, weil nichts deutlicher die Überraschung des Vulkaniers
zeigen konnte.
„Faszinierend“, kommentierte Spock. „Ihre Theorie hat
einiges für sich, Captain.“
„Ja, das Problem ist nur, dass wir sie nicht beweisen
können.“
Bevor Spock noch etwas erwidern konnte, zeigte der Türsummer
einen weiteren Gast an. Es war Giotto, der zusammen mit zwei Sicherheitswächtern
Chekov eskortierte.
Kirk winkte alle herein, was McCoy etwas säuerlich mit „wie
auf dem Bahnhof hier“ kommentierte, allerdings so leise, dass nur Kirk und
Spock ihn hören konnten.
Giotto wollte bleiben, Kirk befahl ihm jedoch ebenso wie seinen
Männern zu gehen.
„Sind Sie sicher, Sir?“
„Ja, ganz sicher. Es tut mir Leid, aber ich weihe Sie
hinterher in alles ein. Ich möchte vorher nur etwas überprüfen.“
„Wie Sie meinen. Ich warte mit meinen Männern draußen.“
„Das ist nicht nötig, ich rufe Sie, wenn wir Sie benötigen.
Ich bin überzeugt davon, dass von Fähnrich Chekov keine Gefahr ausgeht.“
„Mit Verlaub, Sir, würde ich es dennoch vorziehen, draußen
zu warten.“
„Wenn Sie sich dann wohler fühlen…“
Kirk deutete auf die Tür und die Sicherheitsmänner verließen
geschlossen McCoys Quartier.
Fähnrich Chekov sah inzwischen aus wie ein Häuflein Elend,
was man ihm in Anbetracht der Umstände wohl kaum verdenken konnte.
Bevor ihm eine Frage gestellt wurde, platze Chekov heraus:
„Sir, ich weiß wirklich nichts mehr und ich bin unschuldig. Das
heißt, ich glaube, dass ich unschuldig bin. Ich würde niemals etwas tun, was
dem Schiff schaden würde. Ich…“
Kirk hob beschwichtigend die Hand.
„Beruhigen Sie sich Fähnrich. Und nehmen Sie Platz.“
Der Captain deutete auf einen freien Stuhl, den Spock zu
Recht geschoben hatte.
„Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie,
Chekov.“
Der junge Mann sah ihn fragend an.
Kirk verzog leicht die Mundwinkel.
„Die schlechte ist: Sie sind tatsächlich der Attentäter.“
Als Chekov zum Protest ansetzen wollte, brachte Kirk ihn mit
einer ruhigen Handbewegung zum Schweigen.
„Die gute ist, Mr. Chekov, dass Sie trotzdem unschuldig
sind.“
Wie in einer Imitation Spocks zog Chekov die Augenbrauen
hoch, was McCoy zum Lachen reizte. Auf einen bösen Blick Kirks hin tarnte er es
als Husten.
Der Captain wandte sich wieder Chekov zu.
„Sie waren vor Ihrem Dienstantritt auf Dariba?“
„Ja, Sir. Es hatte persönliche Gründe. Aber ich verstehe
nicht…“
„Sie verstehen nicht, was das mit der Anschlagsserie auf die
Enterprise zu tun hat? Nun, eine ganze Menge.“
Mit kurzen Worten, aber ohne etwas auszulassen, schilderte
Kirk seine Theorie und die Ereignisse um Dr. Adams auf der Tantalus-Kolonie,
die sich vor Chekovs Ankunft auf der Enterprise zugetragen hatten*).
McCoy entging dabei nicht, dass Kirk einiges ausließ, sowohl die Beteiligung
von Dr. Noёl, die das Schiff kurz darauf auf eigenen Wunsch verlassen
hatte, als auch die Folter, die Dr. Adams Kirk hatte angedeihen lassen. Der
Captain erwähnte lediglich, dass Dr. Adams an einer Methode gearbeitet hatte,
um geistige Kontrolle über andere auszuüben und dass er versucht hatte, auf
diese Weise die Enterprise in seine Hand zu bekommen.
„Und so glauben wir, dass Dr. Adams und Lethe, die Ihren
Onkel behandelt haben, schon vorher mit geistiger Kontrolle experimentiert
haben.“
„Ich soll quasi ferngesteuert gewesen sein?“ Chekov klang
nicht überzeugt.
„Mir ist bewusst, Fähnrich, wie fantastisch sich das anhört.
Es erklärt jedoch die Umstände. Was jetzt noch fehlt, ist der Trigger. Fällt
Ihnen etwas ein?“
Chekov schüttelte den Kopf. „Tut mir Leid, Sir. Ich kann
Ihnen wirklich nicht weiterhelfen.“
„Die eingehenden Com-Signale wurden überprüft?“ wandte sich
Kirk an Spock.
„Positiv. Fähnrich Chekov hat in den letzten zwei Wochen
keine Nachrichten erhalten.“
„Mmh…“ Kirk dachte nach. „Was ist… Was wäre, wenn nicht er
das Signal bekommen hätte, sondern jemand anders?“
„Sir?“ Spock sah ihn fragend an.
„Spock, bitte überprüfen Sie auch die Absender der
eingehenden Nachrichten von den Personen, die engeren Kontakt mit Fähnrich
Chekov hatten.“
Spock zückte seinen Trikorder. Kirk war erleichtert, dass
Spock alle Daten zur Hand hatte. Ohne Verbindung zum Hauptcomputer kam es seit
dem Anschlag öfter vor, dass Informationen zunächst manuell per Datenträger
durch das Schiff getragen werden mussten, bevor ein Zugang zu ihnen hergestellt
werden konnte.
Spocks Finger glitten elegant über die Bedienelemente des
Trikorders. Nach ungefähr einer halben Minute hielt er inne. „Faszinierend“,
kommentierte Spock. „Yeoman Landon hat eine Nachricht von Dariba erhalten.“
Kirk ging zur Tür, vor der Giotto und seine Leute
tatsächlich ausharrten.
„Lieutenant Commander Giotto – bitte sorgen Sie dafür, dass Yeoman
Landon hergebracht wird.“
Giotto sah nicht eben erfreut aus, im Dunkeln gelassen zu
werden, aber er nickte nur. Einer seiner Männer verschwand umgehend. Kaum fünf
Minuten später traf die junge Frau in McCoys Quartier ein, in dem es nun
wirklich eng wurde. McCoys Kopfsschmerzen hatten sich inzwischen so
verschlimmert, dass er sich nur mit Mühe bei der Sache war. Die neuesten
Erkenntnisse interessierten ihn nur noch vage, am liebsten hätte er alle hinaus
geworfen und sich hingelegt. Aber der Arzt kannte Kirk zu gut um zu wissen,
dass das keine Option war. Kirk sah aber auch nicht so aus, als würde er das
Gespräch gerne in die Länge ziehen. Er sprach die junge Frau ohne Einleitung
an.
„Miss Landon, Sie haben in den letzten zwei Wochen eine
Nachricht von Dariba erhalten – ist das richtig?“
Sie sah verwirrt aus. „Sir?“
Kirk richtete sich auf. Nur seine Freunde wussten, dass das auf
Ungeduld schließen ließ.
„Sie haben richtig gehört. Im Computer ist verzeichnet, dass
Sie eine Nachricht von Dariba erhalten haben. Ich möchte wissen, ob das stimmt
und wenn ja, wer der Absender ist. Mir ist klar, dass es so etwas wie das
Briefgeheimnis gibt. Aber diese Nachricht steht möglicherweise in Verbindung
mit den Anschlägen. Sie würden uns daher sehr helfen, wenn Sie uns alles
erzählen, was Sie darüber wissen.“
„Aber ich kenne doch niemanden auf Dariba! Ich weiß auch
nichts von einer Nachricht.“
Kirk unterdrückte ein Seufzen und warf Spock einen Blick zu.
Der Vulkanier verstand augenblicklich und hielt der jungen Frau den Trikorder
hin. Außerdem sagte er:
„Hier. Die Nachricht wurde vor 8,3 Tagen empfangen. Sie
wurde von einem öffentlichen Anschluss auf Dariba gesendet.“
Martha Landon sah verwirrt aus und schüttelte den Kopf.
„Ich erinnere mich nicht an diese Nachricht. Wirklich
nicht.“
„Sind Sie damit einverstanden, dass wir sie uns ansehen?“
fragte Kirk.
„Natürlich. Ich möchte auch wissen, was es damit auf sich
hat.“
Kirk gab Spock mit einer Geste zu verstehen, dass er die
Nachricht auf den Dreiecksbildschirm auf McCoys Schreibtisch legen sollte.
Spocks Finger strichen über die Kontrollen des Trikorders und auf den Monitoren
auf McCoys Schreibtisch erschien ein Bild, verbunden mit einem unangenehmen
Geräusch. Dann erschien das Bild von Dr. Adams.
******
Der hohe Ton war genau das, was McCoys Magen nicht brauchte.
Schon vorher hatten McCoys Kopfschmerzen Ausmaße angenommen, die seinen ganzen
Körper rebellieren ließen. Der grelle Ton war der Tropfen, der das Fass zum
Überlaufen brachte. Ihm wurde so übel wie selten zuvor und McCoy sprang auf. Er
schaffte es gerade noch rechtzeitig in die Hygienezelle.
******
Während die Aufzeichnung lief, geschahen mehrere Dinge
gleichzeitig. Dr. McCoy sprang auf und verschwand kommentarlos Richtung
Toilette. Martha Landon und Chekov versteiften sich, ihre Blicke wurden leer.
Auch Kirks Haltung änderte sich, der Captain fing an zu schwitzen, seine
Muskeln verkrampften sich. Dr. Adams auf dem Monitor begann zu sprechen, immer
noch von dem Ton begleitet.
„Martha Landon, seien Sie am Donnerstag um 14 Uhr in der
Starlightbar auf Sternenbasis 12. Ein Mann wird Sie ansprechen. Er überreicht
Ihnen ein Paket. Nehmen Sie es mit an Bord, öffnen Sie es, wenn Sie alleine
sind und folgen Sie den enthaltenen Anweisungen.“ Der Bildschirm wurde dunkel.
Spock hatte beide Augenbrauen hochgezogen und stellte die Aufzeichnung ab. Als
der Ton endlich nicht mehr zu hören war, verschwand der leere Blick aus den
Augen von Landon und Chekov. Sie sahen etwas verwirrt aus und Chekov meinte:
„Wollten Sie nicht die Nachricht abspielen, Mr. Spock?“
Spocks Augenmerk galt allerdings nicht den beiden Fähnrichen
sondern Kirk. Mit dem Ende der Aufzeichnung war die Anspannung aus Kirk
gewichen. Stattdessen stützte sich Kirk an McCoys Schreibtisch ab, seine
Fingerknöchel traten weiß hervor. Spock schätzte, dass sich der Captain, hätte
er gestanden, mit einer Wahrscheinlichkeit von 97,4 Prozent nicht auf den
Beinen hätte halten können.
„Sir, alles in Ordnung mit Ihnen?“
Kirk antwortete nicht, konzentrierte sich aufs Ein- und
Ausatmen.
„Sir?“ Spock fühlte sich etwas hilflos. In Gegenwart der
beiden Fähnriche wollte er die Contenance wahren, aber es war offensichtlich,
dass mit Kirk nicht alles in Ordnung war. Spock wartete 6,9 Sekunden ab und
wollte zu Kirk hinübergehen, als sich der Captain fing. Er straffte die Gestalt
und nur Spock konnte sehen, was es Kirk für eine Willensanstrengung kostete.
„Es ist alles in Ordnung, Spock. Ich erkläre es später.“
Kirk wandte sich dann an die beiden Fähnriche.
„Was ist das letzte, an was Sie sich erinnern, Chekov?“
Der junge Russe verzog das Gesicht. Sein Gesicht spiegelte
deutlich wieder, was er dachte. Kirk grinste schief. „Ich bin nicht verrückt
geworden, bitte beantworten Sie die Frage.“
Chekov wurde rot und antwortete stotternd. „Äh, nicht dass
ich… ich meine… äh, also… Sie wollten die Nachricht abspielen, Sir.“
Spock kommentierte ruhig: „Mr. Chekov, ich habe die Nachricht
bereits abgespielt.“
„Das kann nicht sein!“ platzte es aus Chekov heraus.
Spocks Blick wanderte zu Martha Landon hinüber.
„Ich habe auch nichts gesehen, Sir“, bestätigte diese.
Kirk sagte: „Wir haben gerade eine Botschaft von Dr. Adams
gesehen. Ich gehe davon aus, dass sie beide entsprechend konditioniert wurden.
Bei Ihnen, Chekov, muss die Konditionierung auf Dariba erfolgt sein, während
sie krank gewesen sind.“
„Wollen Sie sagen, Sir, dass man mir eine Gehirnwäsche
verpasst hat?“ Chekov sah fassungslos aus.
Kirk antwortete: „Ja, genau das denke ich. Miss Landon,
waren Sie auf Dariba?“
Die junge Frau war verunsichert. „Nicht, dass ich mich
erinnern würde…“
In diesem Moment kam Pille zurück. Er sah leicht grünlich
aus. Kirk schien erst jetzt zu merken, dass McCoy gefehlt hatte. „Alles in
Ordnung mit dir?“ fragte er seinen Freund.
„Habe mich schon besser gefühlt“, grummelte er.
Kirk wandte sich an Spock. „Bitte rufen Sie Dr. M’Benga.“
McCoy wollte protestieren, aber Kirk machte deutlich, dass
er Widerspruch nicht zuließ. McCoy fühlte sich zu miserabel, um großartig
Widerstand zu leisten.
An Chekov und Landon gewandt, erklärte Kirk:
„Bitte reden Sie noch einmal mit Lieutenant Commander
Giotto. Wir müssen herausfinden, was man Ihnen genau angetan hat und ob ggf.
noch weitere Personen involviert sind. Anschließend melden Sie sich in der
Krankenstation.“
Kirk rief Giotto und seine Leute herein. Die beiden
Sicherheitswächter eskortierten Chekov und Landon hinaus, während Kirk Giotto
ins Bild setzte. Als der Sicherheitschef gegangen war, schwappte einmal mehr
eine schwarze Wolke heran und drohte, sich über Kirk zu legen. Er kannte das
Gefühl, hatte es sofort zuordnen können, als die Botschaft von Dr. Adams
erklungen war. Spock warf ihm einen besorgten Blick zu, war aufgestanden, um
ihn falls notwendig zu stützen. Kirk winkte ab.
„Nicht nötig, Spock, aber danke. Das sind die Nachwirkungen
von Dr. Adams.“
„Sir?“
„Ich habe auch auf diesem verdammten Stuhl gesessen,
erinnern Sie sich?“
Spock nickte ruhig. Wie konnte er das vergessen?
„Die Nachricht muss versteckte Signale enthalten. Ich… Für
einen Augenblick habe ich mich gefühlt wie in Dr. Adams Behandlungszimmer.“
Kirk schluckte sichtbar und Spock wusste augenblicklich, was
Kirk meinte. Kirk war in diesem Zimmer gefoltert worden und es war klar, dass
die Botschaft ihn in diesen Augenblick zurück versetzt hatte. Kirk fing sich
wieder und fuhr fort:
„Ich gehe davon aus, dass Lethe Chekov auf Dariba ähnlich
‚behandelt’ hat. Vermutlich hat er den Befehl bekommen, die Enterprise zu
vernichten. Adams kann die Nachrichten aufgezeichnet haben und Lethe hat dann
den Rest übernommen. Wir müssen noch feststellen, ob noch weitere
Crewmitglieder betroffen sind. Die Nanobots sind mit Sicherheit durch Fähnrich
Landon an Bord gelangt, als wir auf Sternenbasis 12 waren.“
„Sie gehen also davon aus, dass Sie ebenfalls geistig
kontrolliert wird?“
Kirk nickte. „Ich wette, dass Sie irgendwann in den letzten
drei Monaten nach einem Landgang krank gewesen ist.“
Nachdem die Anspannung sich etwas legte, fühlte Kirk, wie
ein eine weitere Welle von Schwindel erfasste. Er hielt sich am Schreibtisch
fest. Spock setzte zu einem Kommentar an, aber Kirk winkte ab.
„Ich weiß. Bitte kümmern Sie sich um alles weitere. Ich bin
in meinem Quartier. Falls ich nicht von allein wieder auftauche: wecken Sie
mich in fünf Stunden.“
******
Spock verfolgte in den nächsten Stunden alle Spuren und
entdeckte noch einen Transportertechniker, der ebenfalls einer Gehirnwäsche
unterzogen worden war. Mit seiner Hilfe hatte es Martha Landon geschafft, die
Sprengladungen an Bord zu bringen. In dem Paket, was sie aus Sternenbasis 12
mit auf die Enterprise gebracht hatte, befanden sich weitere Videobänder, die Schritt
für Schritt Anweisungen enthielten, angefangen vom Löschen und Sperren der
Daten im Hauptcomputer bis hin zum Verwischen der Spuren und Verstecken der
Bänder selbst. Es war auch Martha Landon gewesen, die die jüngst auftauchenden
Datenpads und Trikorder deponiert hatte. Spock entdeckte weitere digitale Daten
in Martha Landons Quartier. Die fraglichen Programme waren größtenteils
außerhalb der Enterprise erstellt worden, einen kleinen Teil hatte sie selbst
angepasst. Außerdem wurden noch drei weitere Sprengsätze gefunden und
unschädlich gemacht.
Sie würden gründlich suchen müssen, um alle Opfer von Dr.
Adams und Lethe zu finden. Vor ihrer Rückkehr zur Tantalus-Kolonie hatte Lethe
neben Chekovs Onkel noch weitere Patienten behandeln und niemand konnte zurzeit
sagen, welcher Schaden dabei angerichtet worden war.
Im Nachhinein stellte sich heraus, dass Dr. Adams schon
länger Pläne verfolgt hatte, ein Starfleet-Schiff unter seine Kontrolle zu
bekommen. Seine Experimente auf der Tantalus-Kolonie waren nur ein Aspekt
gewesen, Adams’ Ambitionen gingen weit darüber hinaus. Als sein Schützling
Lethe ihm von Pawel Chekov erzählte, bot sich die ideale Gelegenheit, einen
jungen Offizier zu kontrollieren. Bevor jedoch Adams seine Pläne in die Tat
umsetzen konnte, deckte die Enterprise nach ihrem Besuch auf der
Tantalus-Kolonie seine dunklen Machenschaften dort auf. Gutachter bescheinigten
Adams geistige Unzurechnungsfähigkeit. Leider wurde er zur Rehabilitation
ausgerechnet selbst auf Dariba verlegt, wodurch es ein leichtes für ihn war, alte
Verbindungen zu nutzen. Sein ursprüngliches Ziel hatte sich geändert, jetzt
ging es ihm darum, Rache zu üben. Er wollte Kirk und die Enterprise vernichten.
Dass Chekov ausgerechnet auf die Enterprise versetzt worden war, war dabei ein
ungeheurer Glücksfall für ihn.
Kirk machte später seinen Einfluss geltend und so wurden Dr.
Adams und Lethe beide in andere Anstalten verlegt. Dr. Simon van Gelder, der
selbst lange darum gekämpft hatte, seine geistige Gesundheit zu beweisen, wurde
auf Kirks Ersuchen in die Betreuung von Adams und Lethe mit einbezogen.
******
Auf der Enterprise kehrte die Routine langsam wieder ein. An
Tag sechs nach dem Anschlag funktionierten die Replikatoren wieder und kurz
darauf wurde dank Uhura die Kommunikation mit der Außenwelt wieder hergestellt.
An Tag acht nahm die Enterprise Kurs auf Sternenbasis zwölf auf. Zunächst
schleppte sich das majestätische Sternenschiff mit ein Viertel Impulskraft von
der Stelle, aber Scotty schaffte es nach einem weiteren Arbeitstag, auch den
Warpantrieb wieder funktionsfähig zu bekommen. Sie erreichten die Sternenbasis
nach zwei Wochen. Kirk war in seinem Quartier und schrieb an den
Kondolenzbriefen für die Hinterbliebenen der Opfer, eine Aufgabe, die er
niemals übertrug, die ihm aber jedes Mal schier die Luft zum Atmen nehmen
wollte. Es waren dieses Mal besonders viele Briefe gewesen. Außerdem bestätige
sich M’Bengas Befürchtung: Janice Rand war zu schwer verletzt, um auf dem
Schiff zu bleiben. Sie würde intensive Pflege benötigen, wobei ihre
langfristige Prognose dennoch viel versprechend war. Kirk konzentrierte sich
auf das letzte Schreiben vor ihm. Er prägte sich jedes einzelne Todesopfer ein
und bemühte sich, jeden Brief so individuell wie möglich zu halten. Die
Totenfeier lag einen Tag zurück, nun galt es, nach vorne zu blicken.
Zum Glück warteten noch angenehmere Pflichten auf den
Captain. Dazu gehörten zahlreiche Belobigungen, unter anderem für Charlene
Masterson, Christine Chapel und Luca M’Benga. Außerdem…
Der Türsummer unterbrach Kirks Gedanken. Er blickte kurz auf
die Uhr und stellte fest, dass der Fähnrich auf die Sekunde pünktlich war. Kirk
lächelte leicht und bat Chekov herein. Der Fähnrich war, ebenso wie die anderen
Opfer von Dr. Adams, von McCoy behandelt worden. Dazu gehörten auch vier
Offiziere, die auf anderen Schiffen bzw. auf Sternbasis 12 dienten.
Kirk hatte ebenfalls eine Injektion abbekommen, denn es war
offensichtlich, dass der Captain nach wie vor für Adams Suggestionen
empfänglich war. McCoy hatte sich die Unterlagen besorgt, die in der
Zwischenzeit über Dr. Adams „Behandlungsstuhl“ angefertigt worden waren.
Ausgehend von den Erkenntnissen seiner Kollegen hatte er einen Cocktail
zusammen gemixt, der zukünftig die Transmitter im Gehirn blockierte, die die
Botschaften zu unüberwindlichen Befehlen machten. Damit musste nicht befürchtet
werden, jemand anderes könne ohne weitere „Behandlung“ Kirk und andere mit
suggestiven Botschaften unter seine Kontrolle bringen. Kirk war erleichtert, da
es so Fragen über seine Kommandotauglichkeit schon im Keim erstickte. Gleichzeitig
ermöglichte es ihm, Chekov etwas für die Unterstellungen zu entschädigen. Der
junge Russe litt, ebenso wie Martha Landon, unter starken Schuldgefühlen.
Sowohl McCoy als auch Kirk setzten alles daran, die beiden davon zu überzeugen,
dass Adams der wahre Täter war und sie Opfer seiner Machenschaften. Immerhin
hatte die Krise die beiden jungen Leute zusammen geschweißt. Aus zuverlässigen
Quellen wusste der Captain bereits, dass sie ein Paar waren. Sie konnten sich
gegenseitig halt geben.
„Sie wollten mich sprechen, Sir?“ Chekov stand in der Tür,
unschlüssig, ob er das Quartier des Captains betreten sollte oder nicht. Kirk
winkte ihn herein.
„Setzen Sie sich, Fähnrich.“
Chekov kam der Aufforderung nach und sah Kirk erwartungsvoll
an.
„Wie sehen Ihre Pläne aus?“ fragte Kirk unvermittelt.
„Ich verstehe nicht ganz?“
„Angenommen, Sie könnten sich eine Tätigkeit an Bord
aussuchen? Welche wäre das?“
Die Frage kam für Chekov völlig überraschend.
„Nun… äh…es gibt viele Bereiche, die mich interessieren“,
antworte Chekov ausweichend. Auf Kirks Blick hin ergänzte er: „Um ehrlich zu
sein, ich weiß noch nicht genau, wo ich hin will. Die Sicherheit interessiert
mich, aber, naja, momentan würde ich gerne… ich meine, ich würde gerne auf der
Brücke…“
Chekov brach ab, hochrot angelaufen.
„Nun, da habe ich ja Glück“, meinte Kirk leicht lächelnd.
„Sir?“
„Ich habe Glück, dass sich meine Überlegungen mit Ihren
decken. Ich brauche einen neuen Navigator auf der Brücke, Mr. Chekov. Und ich
dachte dabei an Sie.“
„An mich, Sir? Nach allem, was passiert ist? Ich meine…“
Chekov bekam große Augen. Es war gänzlich unüblich, vorsichtig ausgedrückt,
dass ein so junger Mann wie er, nochzumal ein so völlig durchschnittlicher
Akademieabsolvent, so schnell auf die Brücke versetzt wurde. Insbesondere nach
den jüngsten Ereignissen. JEDER wollte auf die Brücke, aber bei über 400 Leuten
an Bord standen die Chancen entsprechend schlecht.
„Ich dachte an Sie, Mr. Chekov. Und Sie waren nicht für Ihre
Taten verantwortlich. Sie waren das Opfer von dunklen Machenschaften. Vergessen
Sie das nie. Wenn Sie einverstanden sind, sitzen Sie neben Mr. Sulu, wenn wir
nach den Reparaturen wieder auslaufen. Was sagen Sie dazu?“
Ein Strahlen breitete sich auf Chekovs Gesicht aus.
„Was ich dazu sagen: Danke, Sir. Vielen Dank. Ich meine,
liebend gerne, Sir.“
Kirk schmunzelte und überreichte Chekov ein Datenpad.
„Mr. Rogers hat Ihren Dienstplan schon entsprechend
angepasst. Willkommen auf der Brücke, Mr. Chekov. Wegtreten.“
*) für weitere Informationen: siehe TOS-Folge 9,
„Dagger of the Mind“ (dt.: „Der Zentralnervensystemmanipulator“)
ENDE
Story by Zelda Scott, 2010
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