Den Planeten als öde zu bezeichnen wäre geprahlt gewesen.
McCoy wischte sich zum dritten Mal in zwei Minuten über die Stirn, auf der sich
augenblicklich wieder ein Schweißfilm zu bilden begann. Eine Schnapsidee war
das. Nicht genug damit, dass Spock und Jim seinerzeit unter Lebensgefahr die
Tarnvorrichtung der Romulaner hatten klauen müssen, nein, jetzt kam Starfleet
auch noch auf die brillante Idee, die Technologie für eigene Zwecke zu
verwenden. Und natürlich war es die Enterprise, die als Versuchskaninchen
herhalten musste, noch dazu auf so einem stickigen Dreckball von Planeten.
„Alles OK Pille?“
Kirk sah besorgt zu ihm herüber. McCoy zog ein grimmiges
Gesicht.
„Du erwartest doch nicht
ernsthaft eine Antwort darauf?“
Kirk grinste.
„Du beschwerst dich doch immer, dass wir zu wenig frische
Luft bekommen.“
„Zwischen frischer Luft und
flüssigem Sauerstoff ist ein Unterschied.“
„Der Sauerstoff auf diesem Planeten ist keinesfalls flüssig,
Doktor und…“
„Verschonen Sie mich, Spock. Für Sie ist das hier wohl das
reinste Paradies.“
„Ich verstehe nicht, was Sie mit Ihrer Anspielung auf mythologische
Lokalitäten der christlichen…“
„Spock, Pille, bitte. Wir haben zu tun. Und je schneller wir
damit fertig sind, desto eher können wir uns auf dem Schiff bei einem guten
Drink abkühlen. Naja“, fügte Kirk mit einem
schelmischen Blick auf Spock hinzu, „einige von uns.“
Scott kam zu ihnen herüber und ersparte allen die
Notwendigkeit einer Antwort.
„Fertig?“ fragte Kirk.
„Aye, so fertig, wie man nur sein
kann. Allerdings bin ich nicht ganz überzeugt, Sir, dass das funktioniert. Da
sind einige Schaltungen, die…“
„Schon gut, Scotty. Wir sollen die Technologie unter realen
Umweltbedingungen testen. Kümmern Sie sich bitte um die Messungen, für den Rest
sind die Ingenieure auf Sternenbasis 7 zuständig.“
„Aye. Ich mag es nur nicht, etwas
anzuschalten, dessen Funktionsweise ich vorher nicht studieren konnte.“
„Ich weiß. Springen Sie über Ihren
Schatten. Sind die Männer fertig?“
„Lieutnant Alexander und ich sind fertig, falls Sie das meinten,
Sir.“ Lieutnant Christina Svenson lächelte charmant
und Kirk kam nicht umhin, das Lächeln zu erwidern. McCoy verdrehte die Augen,
sagte zur Abwechslung aber nichts.
„Touché.
Ich formuliere also anders: Sind unsere Frauen fertig?“
„Sind wir, Sir“, mischte sich nun auch Lieutnant Anna
Alexander ein.
„Gut, dann legen Sie mal los.“
Beide Frauen hatten ihre roten Uniformen der
Sicherheitsabteilung gegen die neuen Tarnanzüge ausgetauscht. Bei den
Temperaturen sich in diese zweite Haut zu zwängen war ganz sicher kein
Vergnügen, aber beide verzogen keine Miene. Nur Augenblicke später aktivierte Svenson als erste die Vorrichtung und verschwand daraufhin.
„Faszinierend“, kommentierte Spock, als auch Alexander die
Tarnvorrichtung einschaltete.
„Wie fühlen Sie sich“, fragte McCoy in die scheinbare Leere
hinein und schwenkte dabei seinen medizinischen Trikorder auf und ab.
„Wunderbar, ertönte die Stimme von Lieutnant Svenson dumpf, der ironische Unterton blieb dennoch
erhalten „Nur etwas warm.“
„Dem kann ich mich uneingeschränkt anschließen“, meinte
Lieutnant Alexander.
Beide begannen, sich in dem Gelände zu bewegen, während
Sensoren Daten um Daten sammelten. Die Stunde zog sich ereignislos dahin.
Kirk bedauerte bereits, mitgekommen zu sein. Egal, was er
McCoy gegenüber auch behauptete: es war wirklich heiß. Bei einer gemessenen
Temperatur von 54°C im kaum vorhandenen Schatten fühlte sich allenfalls Spock
wohl, der Rest der Landetruppe ertrug die Hitze aber nur, da er sich mit
diversen Aufgaben ablenken konnte: McCoy überwachte die Lebenszeichen der
beiden Probanden, Scott kontrollierte die technischen Komponenten und Spock
fand in seiner Funktion als Wissenschaftsoffizier immer genug faszinierende
Eigenheiten zu entdecken. Da Kirks Aufgabe immer darin bestand, Arbeit zu delegieren,
aber keine Tätigkeiten übrig geblieben waren, die es zu verteilen gab, konnte
er nur noch Däumchen drehen und mit McCoy um die Wette schwitzen. Äußerlich
gelassen, war er erleichtert, als die Stunde vorüber war. Ein Routineeinsatz,
trotz all der neuen Technik. Obwohl – meistens waren es die Routinemissionen,
die sich zu einem Desaster auszuwachsen pflegten. Kirk hatte den Gedanken nicht
einmal zu Ende gedacht, als er McCoy laut fluchen hörte. Alarmiert ging der
Captain zu dem Bordarzt herüber, der inzwischen auch die restliche Landegruppe
um sich versammelt hatte. Das hieß, alle außer Anna Alexander. Christina Svenson steckte noch in dem Tarnanzug, hatte allerdings den
Kopfteil abgenommen und blinzelte aus einem ebenso müde wie rot aussehenden
Gesicht zersaust in die Sonne. Der Anblick eines körperlosen Kopfes, der mitten
in der Luft zu schweben schien, war selbst für Kirk reichlich bizarr.
„Was ist los, Pille?“
„Wir haben Anna Alexander verloren, das ist los.“
„Verloren?“
„Dr. McCoy zieht wie üblich eine unpräzise Ausdrucksweise
vor, Captain. Was er zu sagen versuchte, ist, dass vor 1,13 Minuten die
Lebenszeichen von Lieutnant Alexander einfach von den Geräten verschwanden. Die
Ursachen sind unklar, ebenso ist von ihr keine Spur zu finden.“
„Aber – wie ist das möglich?“ Unwillkürlich sah Kirk Scotty
an, der unwohl mit den Schultern zuckte und antwortete:
„Aye, das wüsste ich auch gern.
Muss an den Anzügen liegen. Ich will ja nicht unken, Sir, aber ich hatte
gewarnt, dass mir einige Schaltungen komisch vorkommen und…“
„Ja, Scotty. Ist ja alles richtig, aber fällt Ihnen etwas
ein, wie wir Lieutnant Alexander helfen können?“
„Schwierig, Sir. Das arme Mädchen wird durch die Kontrollen
des Anzugs vollkommen abgeschirmt. Absolut nicht zu orten, das ist ja der Sinn
dieser Dinger. Um Lieutnant Alexander zu finden, muss ich erst die Schaltpläne
studieren, vielleicht fällt mir dann etwas ein.“
„Gut, machen Sie das. Pille, wie
viel Zeit bleibt uns, sie zu finden?“
„Wie lange sie überleben kann? Eine konkrete Aussage ist
unmöglich. Der Anzug schützt vor allen möglichen Strahlungen, aber nicht vor
Hitze. Das kommt davon, wenn man solche Technologien nicht zum Schutz
konstruiert sondern um Spionage zu betreiben! Wie dem auch sei: ich schätze,
dass sie maximal 48 Stunden überleben kann. In der Nacht kann es hier verdammt
kalt werden. Wenn sie sich verletzt hat, übersteht sie es möglicherweise nicht,
auch wenn sie sonst sehr gut in Form war. Nicht umsonst haben wir sie für den
Test ausgewählt.“
Kirk nickte McCoy zu zum Zeichen, dass er verstanden hatte
und flippte seinen Kommunikator auf.
„Kirk an Enterprise.“
„Uhura hier. Ist der Test erfolgreich verlaufen, Sir?“
Kirk warf Lieutnant Svenson einen
ironischen Blick zu.
„Leider nur zur Hälfte. Lieutnant Alexander wird vermisst.
Bitte sorgen Sie dafür, dass sich Kräfte aus der Sicherheitsabteilung für einen
Sucheinsatz bereit machen. Ich will mindestens sechs Teams, die die Gegend
durchkämmen, bevor es dunkel wird. Sie sollen alle Suchgeräte mitnehmen, die
ihnen einfallen, der Anzug verhindert das einfache Auffinden. Verständigen sie
außerdem die technische und die wissenschaftliche Abteilung. Scotty und Mr.
Spock werden Ihnen noch genau sagen, was und wen sie benötigen. Kirk Ende.“
Es dauerte nicht einmal eine Viertelstunde, bis sich sechs
Suchtruppen über den Landeplatz verteilten. Kirk konnte nicht umhin, ein
bisschen stolz auf die Effektivität seiner Leute zu sein. Überschattet wurde
dieses Gefühl jedoch eindeutig von der Sorge um die Vermisste. Wenn schon eine
Spezialistin wie Lieutnant Alexander Probleme hatte, sprach das nicht eben für
die neue Erfindung. Im Inneren gab Kirk McCoy Recht. Spionageeinsätze sollten
nicht zum Repertoire von Starfleet gehören, ebenso wenig die
Erfindung von Gadgets, die nur diesen einen Zweck
unterstützten. Die Schnelligkeit, die Starfleet in Sachen Tarnanzüge an den Tag
gelegt hatte, ließ nur den einen Schluss zu: es bestand ein konkreter Bedarf.
Vielleicht hatte auch Sektion 31 Druck ausgeübt…
Kirk drängte den Gedanken zurück und konzentrierte sich auf
das, was Vorrang hatte: die Lösung ihres aktuellen Problems. Christina Svenson saß noch bei McCoy, wenn auch nur widerwillig. Der
Bordarzt hatte alle Hände voll zu tun, um die Frau davon abzuhalten, sich an
dem Einsatz zu beteiligen. Hatte Kirk nicht noch vor wenigen Minuten darüber
nachgedacht, wie wenig er zu tun hatte? Nun, er sollte wohl in Zukunft
vorsichtiger mit seinen Wünschen sein…
Als Kirk zu der brünetten Frau, deren Haare ihr wirr am Kopf
klebten, zuging, sprang sie fast augenblicklich auf.
„Sir, ich bin mit Anna
befreundet und...“
„Ja, das ist mir durchaus bekannt. Es bringt ihr aber
nichts, wenn Sie auch noch durch die Gegend stolpern. Sie können uns hier viel
nützlicher sein.“
„Sir?“ Lieutnant Svenson zog in
einer fast perfekten Spock-Imitation die rechte Augenbraue hoch. McCoy
verdrehte die Augen und warf Kirk einen bedeutsamen Blick zu. Der Captain
unterdrückte mühsam ein Grinsen, wurde aber sofort wieder Ernst.
„Ich meinte“, erläuterte er, „dass Sie uns mit Ihren Eindrücken
helfen können, die Sie in der letzten Stunde gesammelt haben. Beschreiben Sie
alles, was Sie erlebt haben, auch wenn es Ihnen noch so unwichtig vorkommen
mag.“
„Richtig. Wo habe ich nur meinen
Verstand gelassen?“
„Vermutlich zerkocht“, kommentierte McCoy trocken und
erntete dafür ein schwaches, aber, wie Kirk fand, ziemlich entzückendes
Lächeln.
„Nun, Sir, eigentlich fühlte ich mich ziemlich normal. Alle
Sinneswahrnehmungen waren nicht anders als sonst – sehen, fühlen, riechen usw.
Natürlich hat z.B. das Innere des Anzugs ebenfalls nach dem Material gerochen
und die Hitze wurde verstärkt, sonst gab es aber absolut nichts, was mir
aufgefallen ist.“
„Das bringt uns nicht viel weiter“, kommentierte der
Captain das Offensichtliche und fuhr dann fort: „Schildern Sie uns einfach die
letzte Stunde aus Ihrem Blickwinkel. Alles, was passiert ist. Und Pille,
zeichne bitte alles auf, was sie sagt.“
McCoy fummelte an einem Trikorder herum, während Lieutnant Svenson sich zu Recht rückte.
„Also gut“, begann sie. „Die Anzüge sind recht leicht,
fühlen sich auf der Haut fast wie Seide an. Gleichzeitig ist es nicht unbedingt
angenehm, sie zu tragen. Und das liegt nicht an der Wärme. Eine merkwürdige
Mischung zwischen rau und sanft. Der einzige Vergleich, der mir einfällt, ist
ein schlaffer Händedruck eines Menschen. Nicht wirklich schlimm, aber auch
nicht angenehm. Davon abgesehen kann man sich sehr gut in ihnen bewegen, viel
besser, als das in den Raumanzügen der Fall ist. Da von Anfang an Sprechkontakt
zwischen Anna, Dr. McCoy und mir bestand, weiß ich, dass Annas Eindrücke
ähnlich gewesen sind. Wir haben uns dann gemäß der vorgegeben Strecke auf den
Weg gemacht, ich der Sonne entgegen, Anna in die entgegen gesetzte Richtung.
Alle fünf Minuten habe ich mich gemeldet und auch Anna hat das getan. Nach
einer halben Stunde habe ich mich auf den Rückweg gemacht, alles lief gut. Der Test war schon fast beendet, als der
Kontakt zu Anna abriss. Ich habe gerade mit ihr gesprochen, wir haben etwas
geflachst und dann plötzlich ist sie mitten im Satz verstummt.“
Kirk runzelte die Stirn.
„Mitten im Satz? Haben wir das aufgezeichnet?“
Dr. McCoy richtete sich gespielt entrüstet auf:
„Natürlich. Für wen hältst du mich denn? Es wäre kein
wissenschaftlicher Versuch, wenn wir nicht alles protokolliert hätten.“
„Schon klar, Pille. Ich habe nichts anderes erwartet. Bitte
spiele die entsprechende Stelle einmal ab.“
„Kein Problem. Hier kommt’s.“
Kurz darauf drangen die Stimmen von Lieutnant Svenson und Lieutnant Alexander aus dem Trikorder.
„…freue mich schon auf eine heiße Dusche“, sagte Anna
Alexander gerade, „Wir müssen irre gewesen zu sein, uns DAFÜR freiwillig
gemeldet zu haben.“
„Nicht wahr? Wenn wir aber nicht irre wären, hätten wir uns
gar nicht erst zum Dienst auf der Enterprise gemeldet. Wo sonst kriegt man
solche Aufträge auch nur angeboten? Und überhaupt, irgendwie habe ich das
Gefühl, dass nur unser Schiff immer in die unmöglichsten Situationen gerät.“
Lieutnant Svensons Stimme sank ein
kleines bisschen in sich zusammen und war erstmalig dankbar für die
Temperaturen, die verhinderten, dass sie im Angesicht ihrer vorgesetzten
Offiziere rot anlief. Kirk grinste in sich hinein. Der Trikorder fuhr fort, die
Ereignisse wiederzugeben. Anna Alexander sagte gerade:
„Das muss am Captain liegen. Er hat immer…“
Der Satz endete wie abgeschnitten. Es klang nicht so, als
wäre etwas passiert, vielmehr so, als hätte sie gerade vergessen, wie sie hatte
enden wollen.
„Anna? Anna, kannst du mich hören?“
Nun mischte sich auch McCoys Stimme in die Aufzeichnung.
„Lieutnant Alexander? Hier ist Dr. McCoy. Bitte melden Sie
sich.“
„Anna?“
McCoy schaltete den Trikorder ab.
„Das war alles. Seitdem haben wir nichts mehr von ihr
gehört.“
„Und kein Anzeichen über die Ursachen?“
McCoy schüttelte den Kopf.
„Nada. Nichts. Niente. Das Kuriose
ist, dass Lieutnant Alexander zu dem Zeitpunkt ganz in der Nähe gewesen sein
muss. Der Test sollte bald enden, dementsprechend hätten wir es sehen müssen,
wenn ihr etwas zugestoßen wäre. Mal ganz davon abgesehen, dass die Aufnahme
nicht danach klingt.“
„Die Frage ist also eher, wonach die Aufnahme überhaupt
klingt. Lieutnant Svenson, wo befanden Sie sich zu
diesem Zeitpunkt?“
„Wie Dr. McCoy schon gesagt hat: in unmittelbarer Nähe des
Camps. Vielleicht 25 Meter entfernt.“
„Was willst du jetzt machen, Jim?“
„Ich denke, dass in der Aufzeichnung der Schlüssel steckt.
Spock soll das mal analysieren, vielleicht finden wir etwas, das wir bis dahin
übersehen haben.“
„Sir, kann ich jetzt bei der Suche helfen?“ fragte Christina
Svenson.
Kirk dachte einen Moment darüber nach, schüttelte dann aber
den Kopf.
„Lieber nicht. Ich habe so ein Gefühl, dass wir gerade
irgendwas übersehen. Etwas, was ungemein wichtig ist. Sie können entweder hier
bleiben im Camp oder auf das Schiff zurückkehren. Wenn ich mich richtig
erinnere, wollten Sie nach dem Test doch duschen?“
Kirk grinste, während Christina Svenson
abermals etwas ertappt lächelte. Sie hatte Kirks Anspielung durchaus
verstanden.
„Sie haben recht, Sir. Mit ihrer Erlaubnis beame ich hoch, ziehe mich um und komme dann wieder
herunter, um die neuesten Entwicklungen zu beobachten.“
„Erlaubnis erteilt, Lieutnant.“
Als Kirk bei Spock eintraf, stellte er fest, dass der Erste
Offizier offensichtlich bereits die gleiche Idee gehabt hatte. Immer wieder war
der Wortwechsel zwischen Svenson, Alexander und McCoy
zu hören, kurz bevor Lieutnant Alexander spurlos verschwand. Wenn jemand
irgendetwas in dieser Aufzeichnung entdecken konnte, dann war es der
vulkanische Erste Offizier. Sein besonderes Gehör prädestinierte ihn geradezu
für diese Aufgabe.
Kirk stellte sich einen Moment stumm neben seinen Freund und
lauschte dem bereits bekannten Gespräch, mal lauter, mal leiser, mal mit
bestimmten Frequenzen verstärkt. Während er angestrengt zuhörte, verstärkte
sich Kirks Verdacht, dass irgendetwas auf dem Band einen Hinweis geben konnte.
Und doch konnte er den Finger nicht darauf legen, es war mehr ein Gefühl, sein
siebenter Sinn, der ihm und seiner Crew mehr als einmal das Leben gerettet
hatte.
Und dann, plötzlich, wusste er es. Es war ein leises Summen,
welches erst durch Spocks Filter hörbar wurde. Vermutlich hatte der Vulkanier es viel eher wahrgenommen. Kirk sah seinen Ersten
Offizier an und sie mussten es nicht aussprechen, um zu wissen, dass sie beide das
gleiche dachten. Das letzte Mal waren es die beschleunigten Bewegungen der Scalosianer gewesen, die das Summen verursacht hatten…
„Jim, mir ist nicht wohl bei dem Gedanken, dass du und Spock
das Zeug schlucken wollt. Denkt daran, was die Scalosianer
seinerzeit gesagt haben: ein Kratzer ist tödlich.“
McCoy sah sich etwas unwohl in der staubigen Gegend um. Es
war noch immer Tag, allerdings war die Dämmerung nicht mehr allzu weit
entfernt. Für Jim und Spock in einer beschleunigten Realität würde sie freilich
sehr viel länger dauern. Mit einiger Verzögerung antwortete Kirk:
„Genau deswegen müssen wir es tun. Jede Sekunde, die wir
jetzt vergeuden, ist eine Ewigkeit für die Scalosianer.“
McCoy seufzte. „Irgendwie wusste ich, dass du das sagen
würdest. Seid wenigstens vorsichtig und bringt das Mädchen wieder mit.“
Kirk nickte, würgte dann das Gebräu herunter, das ihn auf
die gleiche Geschwindigkeit wie die Scalosianer und
hoffentlich auch die von Lieutnant Alexander brachte. Faszinierend beobachtete
der Captain, wie die Bewegungen des Bordarztes immer langsamer wurden, bis er
nur noch im Raum zu stehen schien. Nur Spock, der die ganze Zeit über neben ihm
verharrt hatte, bewegte sich immer noch genauso schnell, hatte also offenbar
ebenfalls den Trank geschluckt.
„Faszinierend“, kommentierte Spock ihre Metamorphose.
„Ich dachte, Sie verwenden das Wort nur für Phänomene, die
sie noch nicht kennen und Sie extrem überraschen?“
Spock zog eine Augenbraue hoch und deutete, soweit es ihm
möglich war, ein Lächeln an.
„Es gibt auch Ausnahmen, Captain. Ich schlage vor, wir
fangen sofort mit der Suche an.“
„Sehr richtig. Wir sollten uns aber nicht trennen. Gehen wir
also.“
„Das wird nicht nötig sein, Captain.“ Eine dritte Stimme
hatte sich in ihre Unterhaltung gedrängt. Kirk runzelte die Stirn, als er eine
Gruppe von gleich acht Personen auf sich zukommen sah. Er kannte keinen von
ihnen, obwohl sie sich ganz offensichtlich wie Scalosianer
bewegten.
„Sie kennen mich also? Wenn Sie so viel wissen, können Sie
mir bestimmt sagen, was mit Lieutnant Alexander passiert ist. Ich nehme doch
an, dass Sie an ihrem Verschwinden nicht ganz unschuldig sind.“
„Gut kombiniert, Captain. Beeindruckend. Meine Mutter hat
also doch nicht übertrieben.“
„Ihre Mutter?“ fragte Spock.
„Meine Mutter“, bestätigte der Anführer der Gruppe, ein
älterer Herr, der um die 60 Erdenjahre alt sein mochte. „Sie kennen sie: Deela.“
„Wie soll das möglich sein?“ dachte Kirk laut. „Und
außerdem: die Scalosianer waren steril.“
Der Fremde schüttelte den Kopf, als hätte er es mit einem
besonders begriffsstutzigen Kind zu tun.
„Einige Scalosianer waren steril –
das traf nicht auf die Frauen zu. Wie dem auch sei: Gerade SIE sollten es
besser wissen. Meine Mutter erzählte mir, dass Sie die Verhandlungen mit ihr sehr intensiv geführt haben. VATER.“
Einen Moment herrschte eisige Stille. Spock hatte nun auch
die andere Augenbraue hochgezogen und murmelte mit einiger Verzögerung:
„Faszinierend. Äußerst faszinierend.“
„Das schockt Sie doch nicht etwa, oder, Captain? Oder sollte
ich lieber DAD sagen? Natürlich bin ich nun älter als sie. Wir leben schneller,
das sollten selbst Sie inzwischen begriffen haben.“
„Aus diesem Grund hat die Föderation auch die Quarantäne um Scalos aufgehoben, soweit ich informiert bin“, warf Spock
ein.
„Sie sind richtig informiert. Man dachte, wir wären
ausgestorben. Dem ist allerdings nicht so, wie Sie sehen. Es gab immer genug
Inspekteure, die unseren Frauen nicht widerstehen konnten und zum Glück waren
auch von den Neugeborenen nicht alle männlichen Kinder steril. Da
offensichtlich die Ressourcen, die zur Aufrechterhaltung der Quarantäne
benötigt wurden, woanders dringender gebraucht wurden, hat die Föderation ihre
Streitkräfte abgezogen. Und so sind wir hier und können uns nehmen, was uns
zusteht. Wie wäre es, Dad, wenn du mir dein Schiff
gibst?“
Kirk und Spock wehrten sich nach Kräften, aber gegen die
Übermacht konnten sie nichts ausrichten und ein Betäubungsstrahl der Scalosianer tat sein übriges. Beide Offiziere hatten zwar Phaser mitgenommen, waren sich aber der Tatsache bewusst,
dass sie aufgrund der Geschwindigkeitsveränderung
nichts mit ihnen ausrichten konnten. Ein Phaserstrahl
unter diesen Bedingungen abgefeuert würde viel zu langsam sein, um eine echte
Bedrohung darzustellen. Ihre Bewacher sahen das offenbar ebenso, denn sie
hatten ihnen die Waffen nicht abgenommen, vermutlich, um ihre Überlegenheit zu
demonstrieren.
Als Kirk langsam zu sich kam, fand er sich in einer
natürlich gewachsenen Höhle wieder, am Eingang standen zwei Wachen. Spock war
offensichtlich schon länger wieder im Besitz seiner Sinne. Mit auf den Rücken
gebundenen Händen lehnte er aufrecht an der Höhlenwand und war seinem
vorgesetzten Offizier nun einen fragenden Blick zu.
„Ich bin in Ordnung, Spock“, beantwortete Kirk die stumme
Frage. Dann fuhr er fort:
„Und um auch ihre andere Frage zu beantworten: Ich habe
nicht mit Deela geschlafen. Es wäre fast dazu
gekommen, aber wir haben uns dann doch noch – eines Besseren besonnen“
Spock zog erneut eine Augenbraue hoch. Der Captain sagte:
„Sie müssen mir nicht erklären, dass das unklug war. Ich
wollte ihr Vertrauen gewinnen und… ach, es hat keinen Sinn, es schön zu reden.
Es war ein Fehler, aber er erklärt nicht, wieso Deela
schwanger geworden sein soll.“
„Vielleicht ist ihre Erinnerung nicht ganz korrekt, Captain.
Wenn Deela tatsächlich Ihr Kind erwartete, kann es gut
sein, dass Sie mit so gut wie allen Scalosianern
verwandt sind.“
Kirk schreckte hoch, soweit es die Fesseln zuließen.
„Sie sollten die Scalosianer nicht
mit Menschen verwechseln, auch wenn sie wie welche aussehen“, erklärte Spock.
„Die Frauen bringen im Schnitt drei Kinder zur Welt und Inzest ist hier
genetisch kein Problem – ein natürlicher Schutzmechanismus verhindert
Missbildungen.“
„Woher wissen Sie das alles?“
Spock klang ein kleines bisschen indigniert, als er fort fuhr:
„Ich bin der Wissenschaftsoffizier der Enterprise, Sir. Es
ist meine Aufgabe, alle neuen Informationen auszuwerten, insbesondere
diejenigen, die für die Enterprise relevant sind. Da wir vor kurzem auf die Scalosianer stießen, versteht es sich von selbst, dass ich
alle neuen Erkenntnisse registriere.“
„Verstehe. Irgendwelche Vorschläge, Spock?“
„Hört auf zu quatschen, Ihr zwei“, mischte sich eine Wache
von draußen ein. „Ihr kriegt gleich Besuch.“
Tatsächlich wurde kurz darauf eine weitere Gestalt zu ihnen
herein geschoben. Kirk erkannte sie nur mit Mühe an dem Überresten ihres Anzugs
– Lieutnant Alexander sah abgerissen aus, ihre ehemals kurzen Haare reichten
ihr nun weit den Rücken herab und als sie den Mund öffnete, erkannte Kirk, dass
ihr mindestens zwei Zähne fehlten. „Schön, Sie zu sehen, Captain“, murmelte
sie. „Es war verdammt einsam hier.“
„Darf ich fragen, wie lange sie bereits hier sind,
Lieutnant?“ erkundigte sich Spock.
„Ungefähr vier Jahre.“
Kirk begann erst jetzt langsam zu realisieren, welche
Auswirkungen die unterschiedlichen Geschwindigkeiten hatten. Tatsächlich war es
immer noch hell draußen, also in der normalen Zeit nicht mal eine Stunde
vergangen…
„Bitte berichten Sie, was
geschehen ist, Lieutnant.“
Die Wache draußen warf ihnen zwar erneut einen bösen Blick
zu, hinderte sie diesmal aber nicht am Sprechen. Etwas skeptisch auf ihre
Wärter schielend begann Lieutnant Alexander im gedämpften Ton zu sprechen:
„Wie der Test lief, wissen Sie sicherlich. Wir waren auf dem
Rückweg, als mir von hinten jemand etwas gegen den Arm drückte. Es zischte
langsam, dann wurde alles um mich herum langsamer. Zwei Scalosianer
waren sofort zur Stelle und betäubten mich. Danach fand ich mich hier vor.“
„Das ist alles?“
„Das ist alles, Sir. Seitdem schieben sie mich von einer
Ecke zur anderen und wissen offensichtlich nichts mit mir anzufangen. Der Anzug
hat sie offenbar auch nicht gehindert, mich zu finden, Captain.“ Lieutnant
Alexander klang bitter und sie hatte allen Grund dazu. Kirk fragte sich, ob sie
nicht schneller hätten reagieren können… Vier Jahre waren eine verdammt lange
Zeit, besonders unter diesen Umständen, ständiger Hitze ausgesetzt und in
Gefangenschaft…
„Das wundert mich nicht“, warf Spock ein. „Der Anzug baut
nicht nur auf der Tarntechnologie der Romulaner auf sondern vermischt diese mit
scalosischer Technik. Sie müssen also auf dieser
Geschwindigkeitsebene für alle sichtbar gewesen sein.“
Dass auch scalosische Technik im
Spiel gewesen war, war für Kirk neu, aber seine Verwunderung hielt sich dennoch
in Grenzen. Wer konnte schon sagen, was wo wie verwendet wurde?
Die Frau nickte. „So sehe ich das auch, Sir.“
„Wissen Sie, was sie als nächstes planen?“
„Sie wollen die Enterprise. Ihr
Anführer – Dalam – ist voller Hass. Den anderen hat
er versprochen, dass sie mit dem Schiff einen Planeten suchen, auf dem sie in
Ruhe leben können.“
„Aber Sie glauben das nicht?“
„Nein, Sir. Ich glaube, dass er Rache will. Wofür auch
immer. Und viele seiner Gefolgsleute sehen das ähnlich. Er hat längst die
Unterstützung aller.“
„Wie sind die Scalosianer
überhaupt hierher gekommen?“
„Mit einem kleinen Frachtschiff, das sie erbeutet haben.
Aber es ist nun nicht mehr zu gebrauchen, schon gar nicht für längere Reisen“
Lieutnant Alexander berichtete noch weiter von ihren
Eindrücken, die sie in den für sie vergangenen Jahren gesammelt hatte, ohne
jedoch weitere Erkenntnisse zutage zu führen. Die drei Gefangenen versuchten
vergeblich, ihre Fesseln zu lösen, bewirkten aber nur, dass sich diese noch
weiter zusammen zogen. Als Spock sah, dass Kirks Handgelenke an einigen Stellen
bereits heftig gerötet waren, riet er von weiteren Versuchen ab. Kirk hatte
keinen Laut des Scherzens von sich gegeben, aber aus Erfahrung wusste der Vulkanier, dass der Captain das meist erst dann tat, wenn
es bereits zu spät und unvermeidlich war. So weit wollte er es nicht kommen
lassen, zudem war ein Zellschaden noch immer ein Garant für den sicheren Tod. Kirk
beugte sich ausnahmsweise seiner Logik.
Überhaupt war Kirk, seitdem sie in dieser Höhle saßen,
erstaunlich schweigsam. Der Vulkanier führte das auf Dalams Eröffnungen zurück. In Wirklichkeit war Kirk weit
davon entfernt, die Möglichkeit, Dalam sei sein Sohn,
auch nur in Betracht zu ziehen. Im ersten Moment hatte er gezweifelt. Sicher,
er hatte in der Vergangenheit Fehler begangen. Auch schwere Fehler. Aber immer
hatte er darauf geachtet, Privates und Berufliches auseinander zu halten. Deela war seinerzeit nicht erfreut gewesen und Kirk hatte
die Situation damals nur mit seinem Charme und ein paar Tricks retten können.
Er erinnerte sich noch daran, wie er seine Stiefel angezogen und ihr beim
Kämmen ihrer Haare zugesehen hatte. Was Kirk so schweigsam machte, waren Spocks
Zweifel, die ihn härter trafen, als er wahr haben wollte. Kirk vertraute dem Vulkanier blind. Dass dieser so offensichtlich seiner
Version keinen Glauben schenkte, verletzte ihn, obwohl er wusste, dass Spock
nur der Logik folgte. Und davon ausgehend musste der Vulkanier
Dalams Worte für die Wahrheit halten.
Kirk dachte an Compton und dass
vermutlich er der Begründer dieser neuen Dynastie war. Deela
hatte sich an ihm nicht interessiert gezeigt, aber was bedeutete das schon? Was
wohl aus Deela geworden war? Ob sie noch lebte?
Wie auf ein Stichwort hin traten die Wachen beiseite und
ließen eine alte, weißhaarige und gebückt gehende Frau
eintreten. Kirk sah ihr in die Augen und wusste sofort, dass sie es war. Trotzdem
war ihr Anblick ein Schock. Kaum zu glauben, dass für die Enterprise nur wenige
Monate vergangen waren. Monate, die ausgereicht hatten, aus Deela
eine uralte Frau zu machen.
Sie lächelte.
„Du lebst also noch. Und ihr habt es geschafft, in eure
Zeitebene zurückzukehren.“
Kirk stemmte sich trotz Fesseln in die Höhe, was die Wachen
draußen alarmierte. Aber Deela gebot ihnen mit einer
Handbewegung Einhalt. Sie musste noch immer viel Autorität besitzen, denn sie
gehorchten aufs Wort. Fast war es, als würde sie seine Gedanken erraten.
„Dalam, mein Sohn, ist schon lange
der König über unser Volk. Aber noch besitze ich gewissen Einfluss. Genug
Einfluss z.B., um euch die Fesseln abzunehmen. Sie betätigte einen Schalter an
ihrem Handgelenk und die Energiebänder fielen augenblicklich zu Boden. Kirk
rieb sich die Gelenke und versuchte, wieder Blut und Gefühl in seine Glieder zu
bekommen. Noch während er damit beschäftigt war, drückte ihm Deela, von den Wachen unbemerkt, ein Gerät in die Hand. Es
war eine Waffe, die zwar ebenso funktionierte wie ein Phaser,
aber auch unter den gegebenen Umständen ihren Dienst tun würde. Kirk sah sie
fragend an. Laut sagte sie:
„Dalam ist unserem Volk ein großer
Führer. Aber zu Größe gehört auch Weisheit.“
Kirk verstand, was sie meinte und ließ die Waffe geschickt
verschwinden. Lieutnant Alexander hatte also recht gehabt. Nicht alle waren mit
Dalam einverstanden, allen voran seine eigenen
Mutter… Die alte Frau schlürfte hinaus und Kirk setzte sich wieder.
Im Flüsterton, kaum hörbar, fragte er:
„Lieutnant, wie viele Leute befinden sich im Camp?“
„Zehn, fünfzehn vielleicht. Die anderen sind auf
Patrouille.“
„Wissen Sie, wo die Scalosianer
ihre Vorräte aufbewahren?“
„Ja, Sir, aber warum…?“
„Hier, nehmen sie.“ Kirk drückte ihr eine kleine Ampulle in
die Hand. Das ist ein Präparat von McCoy, dass die Beschleunigung
neutralisiert.“
„Captain, ich rate davon ab. Die Wirkung auf die Scalosianer ist keinesfalls bestätigt.“
„Ich habe mit McCoy gesprochen. Er war in den letzten
Monaten ebenfalls nicht untätig und meinte, dass das auch bei den Scalosianern wirkt. Lieutnant, wenn ich ihnen ein Zeichen
gebe, rennen Sie so schnell, als wäre der Teufel hinter ihnen her. Kippen Sie
das ins Wasser und flößen sie es jedem Scalosianer
ein, den sie bewusstlos vorfinden.“
„Aye, Sir.“
Spock, Deela hat mir eine Waffe
gegeben. Wenn ich die Wachen betäubt habe, werde ich mir Dalam
vorknöpfen. Sie gehen zurück zu unserer Landegruppe. Wählen Sie zwölf Mann aus,
beschleunigen Sie sie und kommen dann her.“
„Aber, Sir.“
„Kein aber. Jetzt.“
Die Wachen waren viel zu verblüfft, um zu verstehen, was mit
ihnen geschah. Sie brachen nahezu lautlos zusammen. Kirk nahm den Bewusstlosen
schnell ihre Waffen ab und gab sie weiter. Lieutnant Alexander sprintete los
und auch Spock sah keine logische Alternative zur Befolgung seiner Befehle.
Das Camp war recht klein und Kirk gelang es fast auf Anhieb,
sich zu orientieren. Dalam saß im Freien mit zwei
Männern zusammen, die Kirk sofort betäubte.
„Captain. Wie unangenehm, Sie zu sehen. Sie konnten also
fliehen.“
„So ist es. Lassen Sie uns reden.“
„Ich wüsste nicht, was es hier noch zu reden gäbe. DAD.“
„Ich weiß nicht, was Deela ihnen
erzählt hat. Aber ich kann nicht ihr Vater sein.“
„Sie sollten wenigstens Manns genug sein und dazu stehen.“
„Das sagen ausgerechnet Sie! Sie sind dabei, ihr Volk ins
Verderben zu führen.“
„Pah! Was wissen denn Sie?“
„Sie wollen mein Schiff. Das haben schon viele. Meist aus
niedrigen Beweggründen. Und ich nehme an, dass auch Sie da keine Ausnahme
machen. Nicht war, Dalam? Sie sind zerfressen von
Hass. Dabei können wir Ihnen helfen.“
„Wie Ihre Hilfe aussieht, das haben wir bereits erfahren!
Eingepfercht haben sie uns!“
„Das war ein Fehler. Aber Sie können leben – so, wie Sie es
wollen! Kommen Sie zurück in die Normalzeit. Siedeln Sie sich auf einem
Planeten an, gründen Sie eine neue Zivilisation. Sie könnten auch Scalos wieder aufbauen, nachdem die beschleunigenden
Substanzen neutralisiert wurden.“
„Schöne Worte, aber ohne Inhalt, Kirk. Warum sollten wir so
leben wie Sie? Sie sind ein Lügner und Betrüger. Und so etwas ist mein Vater.“
Aus seiner Stimme sprach Enttäuschung, Ablehnung und Hass. Deela kam langsam näher.
„Sag es ihm, Deela“, forderte
Kirk.
„Ja, Mutter. Sag ihm, dass er mein Vater ist.“
„Das kann sie nicht, denn es ist nicht wahr. Es war Compton, oder?“
Sie hatte die beiden ungleichen Männer erreicht, starrte von
einem zum anderen, offenbar unschlüssig, was sie tun sollte.
„Wir haben ein Recht, es zu erfahren, Deela.
Sag die Wahrheit.“
„Ja, Mutter, die bittere Wahrheit.“
„Ich…“, fing sie an und brach dann ab. Es dauerte eine
Weile, bis sie fort fuhr:
„Ich wünschte, es wäre Kirk gewesen. Aber… wir waren in
einer Notlage. Konnten nicht wählerisch sein. Daher… Compton
war willig und greifbar.“
„Aber… Das ist doch nicht möglich. Mutter… Warum…“
„Compton war ein Niemand. Er hatte
sich angepasst, kaum dass wir ihn beschleunigt hatten. Als ich erkannte, was
die Lüge für dich bedeutete, war es bereits zu spät. Es… tut mir leid, Dalam.“
Der Anführer der Scalosianer sank
in sich zusammen.
Alles Folgende war nur noch Routine. Die Scalosianer
waren viel zu überrumpelt, um sich groß zur Wehr zu setzen. Spock war recht
schnell mit Verstärkung erschienen und dank Lieutnant Alexander kehrten sowohl
die Besatzungsmitglieder der Enterprise als auch die Scalosianer in die Normalzeit zurück. Es waren insgesamt 19
Scalosianer, denen bewachte Quartiere an Bord
zugewiesen wurden. Kirk kümmerte sich diesmal selbst darum, dass die Zukunft
von Deelas Leuten in die richtigen Bahnen gelenkt
wurde. Offenbar hatte man bei Starfleet den Zeitfaktor gehörig unterschätzt und
auch sonst einige Fehlentscheidungen getroffen. Die Sinnlosigkeit der Sparmaßnahmen
waren es denn auch, die die Zeitungsmeldungen der letzten Wochen beherrschten
und der Auslöser für die vorzeitige Beendigung der Quarantäne-Maßnahmen waren.
Auf den öffentlichen Druck hin, nicht zuletzt dank des berühmten Reporters
Riggs, wurde ein Planet für die Scalosianer gefunden,
der unberührt von schädlichen Auswirkungen ein erneutes Ansiedeln der nun
wieder wachsenden Bevölkerung ermöglichte. Sie tauften ihre neue Heimat Compton, nach dem Begründer, der letztendlich dafür gesorgt
hatte, dass ihre Zivilisation doch noch eine Chance erhalten hatte. Ein
DNS-Test hatte schließlich für letzte Gewissheit gesorgt und obwohl er mit
keinem anderen Ergebnis gerechnet hatte, war Kirk erleichtert, von allen
Anschuldigungen auch offiziell befreit zu sein.
Kurz, bevor sie von Bord gingen, traf Kirk noch einmal auf Deela.
Sie sah ihn lange an. Wehmut lag in ihrem Blick.
„Ich wünschte wirklich, du wärst es gewesen“, sagte sie.
„Manchmal wünschte ich es mir auch. Aber Compton
hatte es nicht verdient, so früh zu sterben. So bleibt wenigstens auch etwas
von ihm zurück.“ Er lächelte.
„Eine ganze Zivilisation. Leb wohl, Jim.“
Er schloss sie in seine Arme und küsste sie. Ein letztes
Mal.
Lieutnant Alexander gewöhnte sich auffallend rausch wieder
an das Leben an Bord, auch wenn McCoy sie psychologisch betreuen ließ. Vier
Jahre Gefangenschaft, die sie letztendlich durchgemacht hatte, konnte niemand
so einfach wegstecken. Kirk suchte sie in ihrem Quartier auf, um sich selbst
davon zu überzeugen, dass sie wieder in die Realität zurück gefunden hatte. Sie
war offensichtlich überrascht, ihn zu sehen.
„Captain, kommen Sie doch herein! Es ist allerdings nicht
aufgeräumt“, fügte sie mit einem Lächeln hinzu.
„Das macht nichts. Ich hoffe, Sie sind endlich zum Duschen
gekommen?“
„Zwar mit vier Jahren Verspätung, Sir, aber immerhin. Hätte
ich vorher gewusst, dass dieser Test so lange dauert…“
„Es tut mir leid, Lieutnant.“
Sie sah ihn verlegen an.
„Sir, es war ja nicht Ihre Schuld und… „
„Doch. Wir haben viel Zeit verschwendet, die sich für Sie
wie Ewigkeiten angefühlt haben müssen. Dennoch bin ich froh, dass Sie heil
zurück sind. Haben Sie sich schon entschieden, was Sie weiter tun möchten?“
„Nun, ich sehe keine Notwendigkeit, meine bisherigen Pläne
zu ändern. Ich möchte an Bord bleiben.“
„Sie wissen, dass man Ihnen gute Positionen im Hauptquartier
angeboten hat. Niemand hat einen Anzug so lange getragen wie Sie.“
„Wohl war. Aber das reicht mir für ein ganzes Leben. Ich
habe noch weitere Schwachstellen festgestellt und einen ausführlichen Bericht
übermittelt. Mehr kann ich ohnehin nicht tun. Mein Entschluss steht fest.“
Kirk neigte leicht den Kopf zum Zeichen, dass er ihre
Entscheidung akzeptierte.
„Dann erwarte ich sie morgen zum Dienst, Lieutnant Commander.“
Ihr Kopf ruckte hoch.
„Sir?“
„Sie haben diese Beförderung verdient, Miss Alexander. Mehr
als jeder andere.“
Mit diesen Worten verließ Kirk das Quartier und machte sich
auf den Weg in sein eigenes. Obwohl rein objektiv nicht mal zwei Tage vergangen
waren, fühlte er sich ausgebrannt. Er hatte seit Beginn der Mission nicht
geschlafen, was sich langsam bemerkbar zu machen begann. Erst die
unterschiedliche Zeitwahrnehmung, dann die Berichte an Starfleet, zusätzlich
die Hitze auf dem Planeten… Gut, zumindest an die Letzte hatte er sich zum
Schluss fast gewöhnt und er hätte ohnehin nicht schlafen können, solange das
Schicksal der Scalosianer nicht geklärt war. Erst
jetzt wusste er, dass er alles in die Wege geleitet hatte. In die richtigen
diesmal.
Als er in sein Quartier trat, fühlte er eine bleierne
Schwere auf sich lasten. Und doch gab es noch etwas, das er noch klären musste,
irgendwann…
Sein Türsummer riss ihn aus seinen Gedanken, gerade als er
dabei war, sich die Stiefel auszuziehen. Überrascht bat Kirk den späten
Besucher herein. Es war Spock. Kirk sah ihn fragend an.
„Entschuldigen Sie den späteren Besuch, Captain.“
„Ist irgendwas mit dem Schiff nicht in Ordnung?“
„Nein. Ich … bin privat hier.“
Gespannt starrte Kirk seinen Freund an.
„Sie hatten offensichtlich den Eindruck, ich hätte Dalams Worten Glauben geschenkt.“
Bevor er darüber nachdenken konnte, rutschte dem Captain ein
„Haben Sie?“ heraus. Verdammt, er war wirklich müde. So ein Ausrutscher passierte
ihm selten. Spock deutete ein zartes Lächeln an.
„Ich habe die Möglichkeit in Erwägung gezogen.“
Kirk wartete gespannt, dass der Vulkanier
fortfuhr:
„Aber nur 2,53 Sekunden, Sir. Die Fakten sprachen gegen Sie,
Jim. Aber Ihr Wort hat mir immer gereicht. Und das wird es auch in der Zukunft.
Ich wollte, dass Sie das wissen.“
Mit diesen Worten verließ der Vulkanier
Kirks Kabine.
Der Captain blieb verblüfft zurück, zu gerührt, um etwas
sagen zu können. Aber ihm war, als wäre es plötzlich wärmer in der Kabine
geworden…
ENDE
Story by Zelda Scott, Dez. 2005
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