Das Herz der Enterprise
A Tribute to
McCoy
von Zelda Scott
McCoy war tot und die
Atmosphäre von Trauer und Bestützung war beinahe greifbar. Selbst die Enterprise
schien zu trauern, hing antriebslos im Raum, als wolle das majestätische
Sternenschiff nicht wahr haben, dass es seines Herzens beraubt worden war. An
Bord gab es niemanden, der den bärbeißigen Arzt nicht gekannt – und gemocht
hatte.
Scotty drehte müde sein Glas in
der Hand, doch heute konnte nicht mal das bernsteinfarbene Gold seine Stimmung
aufhellen. Im Grunde, so dachte er, hatten McCoy und er die gleiche Aufgabe
gehabt; während McCoy die menschliche Komponente der Enterprise in Topform
hielt, so tat Scotty das gleiche mit den technischen. Doch nie wieder wollte
Scotty eine Maschine anrühren. Nie wieder. Der Chefingenieur schloss für einen
Moment die Augen und da waren sie wieder, die Bilder, die ihn seit nunmehr 17
Stunden und 23 Minuten verfolgten: Die Umrisse McCoys, die sich auf der
Transporter-Plattform manifestierten, wieder zerfaserten und dann erneut
stofflicher wurden. Scotty hatte sein ganzes Wissen, all sein
Fingerspitzengefühl in die Aufgabe gelegt und wie ein Virtuose mit seinem
Klavier mit den Einstellungen des Transporters gearbeitet. Und dann, als er mit
einem selbstzufriedenen Lächeln zu Spock und Kirk hinüber sah, erkannte er schon
an der Miene des Captains, das irgendwas furchtbar schief gegangen sein musste.
Ehe Scotty überhaupt wusste, was geschehen war, wurde er schon von Sanitätern
und Dr. M’Benga zurück gedrängt.
Es war irgendwie unwirklich,
McCoys Gestalt leblos auf der Transporter-Plattform liegen zu sehen. Äußerlich
unverletzt, aber ohne Leben. Selbst Spock hatte so fassungslos ausgesehen und
wenn es etwas gab, das einen wirklich aus der Bahn werfen konnte, dann der
Anblick eines fassungslosen Vulkaniers. Aber... Das Geräusch des Türsummers
unterbrach Scottys trübselige Gedanken. Er ignorierte es. Ein paar Sekunden
später ging die Tür einfach auf. Das hätte sie nicht dürfen, aber dem
Chefingenieur war es egal. Alles war egal. Kirk stand in der Öffnung, seltsam
unentschlossen zwischen drinnen und draußen. Scotty sah ihn nur an, blieb aber
stumm. Nichts war wirklich noch von Bedeutung. Kirk trat zögernd einen Schritt
in Scottys Kabine, gerade weit genug, damit sich die Tür wieder schließen
konnte.
„Es war nicht Ihre Schuld“,
sagte er schließlich.
Scotty antwortete nicht. Er
erkannte die Worte als das, was sie waren: hohl und sinnlos. Natürlich war es
seine Schuld. Es war immer seine größte Angst gewesen, einen Fehler zu begehen,
eine kleine Nuance in einer Berechnung nur, die unweigerlich ein Leben fordern
würde. So, wie es McCoys größte Angst gewesen war, dass der Transporter seine
Moleküle nicht mehr richtig zusammensetzen würde. Scotty hatte es geschafft,
daraus Realität werden zu lassen.
Als der Chefingenieur nicht
antwortete, setzte Kirk sich schließlich auf den leeren Stuhl ihm gegenüber. Der
Captain griff die fast leere Flasche des 104 Jahre alten schottischen Whiskeys
und erkannte darin fast augenblicklich McCoys letztes Geburtstagsgeschenk an den
Chefingenieur. Die Feier war erst letzte Woche gewesen. War es wirklich erst
eine Woche her, dass sie gelacht und gefeiert hatten?
Scotty starrte weiterhin
trübsinnig in sein Glas, in dem lebendigen Albtraum gefangen, der ihm immer
wieder in den Transporterraum zurückkehren ließ.
Schließlich sah Kirk es ein,
dass er nichts ausrichten konnte. Also nahm er seine eigene Trauer mit und
verließ die Kajüte des Chefingenieurs.
So ist es also, bei seiner
eigenen Beerdigung den Partyschreck zu geben, dachte McCoy. Zumindest nahm
er an, dass er es dachte. Himmel, das hier ist etwas für Spock, aber nicht
für einen alten Landarzt. Wusste ja schon immer, dass diesem verdammten
Transporter nicht zu trauen ist. Wenn ich das nächste Mal mit Jim rede,
werde ich ihm schon sagen, was ich von diesen Dingern halte. McCoy hielt
inne, als ihm klar wurde, dass er eventuell nie wieder mit Jim würde reden
können. Er hatte seine eigene Leiche gesehen, verdammt noch mal! Und er hatte
M’Benga bei den vergeblichen Wiederbelebungsmassnahmen beobachtet. Guter
Junger, dieser M’Benga. Talentiert. Kurz bedauerte McCoy es, dem anderen
Arzt nie seine Wertschätzung ausgedrückt zu haben. Jetzt war es vermutlich zu
spät. Sein Körper lag in der Kältekammer und würde auf Vulkan den Behörden zur
Überführung zur Erde übergeben werden, wo Joanna alles weitere für seine
Beerdigung in die Wege leiten würde.
Wenn ich aber tot bin, warum
denke ich dann? Der Gedanke war so verrückt, dass McCoy ihn stückchenweise
durchging, um seinen Sinn zu erfassen. Er versuchte, sich in Spock
hineinzuversetzen, die Sache logisch zu betrachten. Und rein logisch gab es
nicht viele Optionen. Es war möglich, dass er halluzinierte. Oder er war tot und
das war einfach das Ende, von dem niemand wusste, wie es aussah. Oder aber er
lebte doch noch, auf eine merkwürdige, kaum zu erklärende Weise.
Dem Arzt schwirrte der Kopf –
zumindest das, was davon noch übrig war. Er fragte sich, was er jetzt tun
sollte. Während der ganzen Trauerfeier hatte er versucht, mit Jim und Spock zu
reden, aber vergeblich. Spock hatte so gleichgültig ausgesehen wie immer, dieser
spitzohrige Bastard und Jim hatte eine seiner besten Vulkanier-Imitationen zur
Schau gestellt. Nun war es amtlich, er, McCoy, war tot, auch wenn er sich nicht
so fühlte. Wenn er sich in einem dunklen Raum befand, schien alles so wie immer.
Er spürte direkt das Pulsieren seiner Herzens, fühlte, wie das Blut die Aorta
entlang gepumpt wurde, seinen Körper mit Nährstoffen versorgte. Ein Blick in
einen Spiegel hatte ihm aber unmissverständlich klar gemacht, dass er keinen
Körper mehr hatte. Nada. Niente. Nichts. Müssen wohl Phantomschmerzen sein.
Vage dachte McCoy an Lieutnant
Peters zurück, der kurz vor ihm gestorben war und nun die Kältekammer neben
seiner eigenen bewohnte. Brandverletzung, schlimme Sache. Er war noch so jung
gewesen. McCoy hatte die letzten fünf Stunden damit zugebracht, dass Schiff nach
ihm abzusuchen, nach etwas, das zurück geblieben war. Aber da war nichts.
Absolut gar nichts. Hätte er aber nicht etwas von Peters finden müssen, wenn sie
beide tot waren?
All diese Gedanken hatten den
Arzt nicht eine Unze weitergebracht. Er seufzte gedanklich. Jetzt war er nicht
mehr das Herz der Enterprise, wie Jim ihn während seiner Trauerrede bezeichnet
hatte, sondern ihr Geist. Leise glitt er durch die nächste Wand, durch ein paar
Decks und er fragte sich beunruhigt, was passieren würde, wenn sich das
Sternenschiff bewegen würde. Er hatte bereits festgestellt, dass er irgendwo im
Nichts schwebte – einmal hatte er aus Versehen die falsche Abzweigung genommen
und war mitten im Weltraum gelandet. Das hatte ihn zu der beunruhigenden
Überlegung gebracht, dass das Schiff vermutlich durch ihn hindurch fahren würde,
sollte es sich wegbewegen. Und das würde in rund fünf Stunden der Fall sein, so
lange, wie die Reparaturarbeiten am Impulsantrieb noch dauern würden…
Rastlos erreichte McCoy
schließlich den verdammten Transporterraum, der seine Moleküle nun wirklich
säuberlich zerlegt hatte. Ein Techniker lag unter dem Pult, ein weiterer prüfte
die Schaltungen. Die Tür öffnete sich und Jim kam herein, noch immer mit dem
absolut steinernen Gesichtsausdruck, den er immer aufsetzte, wenn er seine
Gefühle hinter seiner Kommendo-Fassade verbergen wollte. Etwas belustigt stellte
McCoy fest, dass die Techniker Haltung annahmen, was bei dem, der unter dem Pult
auf dem Boden lag, nicht eben elegant aussah. Er schnellte hoch und stieß sich
saftig den Kopf.
Kirk zuckte nicht mal mit der
Wimper und sah DeFries, den ranghöchsten, der vor dem Pult stand, nur fragend
an. Der Mann fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und brachte schließlich
heraus:
„Wir… äh…. haben noch nichts
gefunden, Sir.“
„Das reicht mir nicht,
Lieutnant. Ein Mensch ist gestorben. Absolut unnötig, wie ich hinzufügen möchte.
Und ich werde erst dann wieder auch nur einen Bleistift beamen lassen, wenn Sie
mir konkret sagen, was schief gelaufen ist.“
„Ja, Sir. Ähm. Es ist nur so…“
„Was Lieutnant?“
„Naja, also, wir…“
„Spucken Sie es aus.“
„Wir haben alle Schaltungen nun
dreimal aus- und wieder eingebaut, Sir. Und da war absolut nichts, wo es nicht
hingehört hätte. Der Transporter funktioniert einwandfrei, Sir.“
Der Mann schien unter Kirks
eisigem Blick, zu dem er eigentlich hinab sehen musste, sichtbar zu schrumpfen.
Lass den armen Kerl in Ruhe, hätte McCoy gerne gesagt, aber wie immer seit dem
Unfall blieb es bei dem Wunsch. Jim stand dicht davor, seine Beherrschung zu
verlieren, soviel erkannte er mit Sicherheit. Noch ein falsches Wort und die
Fassade würde in sich zusammenbrechen wie ein Kartenhaus.
„Er funktioniert offenbar NICHT
einwandfrei, Lieutnant DeFries. Und Sie werden ihn meinetwegen noch weitere
dreimal auseinander nehmen, ich will wissen, was es ist.“
Kirk drehte sich um, ohne noch
eine Antwort abzuwarten. Die Tür öffnete sich gerade noch rechtzeitig, um eine
unsanfte Kollision zu vermeiden.
DeFries schien in sich zusammen
zu sacken.
„Puh…“ war das einzige, was er
heraus brachte.
„Hast du seinen Blick gesehen?“
Fähnrich Landon kroch unter dem Pult hervor.
„War ja nicht zu übersehen.
Aber ich kann den Captain verstehen. Er war mit Dr. McCoy gut befreundet. Muss
schlimm sein, seinen besten Freund einfach so zu verlieren.“
„Ich dachte, Mr. Spock ist sein
bester Freund.“
„Kann schon sein, auch wenn ich
mir nicht vorstellen kann, wie eine Freundschaft mit einem Vulkanier
funktionieren soll. So oder so ist der gute Doktor ein großer Verlust. Ich war
erst vor zwei Wochen bei ihm, hatte meine Sicherheitsschuhe vergessen und mir
eines dieser verdammten Indikatorrelais auf den Fuß fallen lassen. Er hat mich
zwar ordentlich heruntergeputzt, aber nichts gemeldet. Und schon eine Stunde
später habe ich mich gefühlt wie neu.“
„Ja, so war er. Mürrisch und
herzlich. – Frage mich, wer sein Nachfolger wird.“
„Darüber denke ich lieber nicht
nach.“ Frustriert knallte DeFries den Trikorder auf die Konsole.
„Verdammt, wir haben hier
WIRKLICH alles dreimal überprüft. Hier ist NICHTS.“
„Was sollen wir tun? Irgendeine
Ursache muss es ja haben.“ Es klang resigniert.
„Sicher. Nur will ich verdammt
sein, wenn ich sie finde. Wenn nur Mr. Scott hier wäre…“
„Ja, er würde es sicher finden.
Andererseits hat er den Transporter bedient, als es passierte. Hätte nie
gedacht, dass ihm das passieren würde.“
„Ich auch nicht. Aber er ist
auch nur ein Mensch. Wie der Captain. Das vergisst man meistens.“
„Was tun wir jetzt?“
„Weiterarbeiten, wie es der
Captain befohlen hat.“
„Hat das einen Sinn?“
„Vermutlich nicht. Aber ich
weiß nicht, was wir sonst tun können.“
DeFries nahm seinen Trikorder
wieder auf, Landon steckte seinen Kopf erneut in die Eingeweide des
Transporters. Gute Jungs, alle beide. Jim hätte sie nicht so hart ran nehmen
dürfen, dachte McCoy. Er bedauerte, für so viel Leid verantwortlich zu sein
und beschloss, Spock zu suchen, da er die Person war, die ihn vor überflüssigen
Gefühlsausbrüchen bewahren würde.
Er fand den Vulkanier in seinem
Quartier und zum ersten Mal empfand McCoy die Umgebungstemperatur als nicht
unerträglich warm. Der Erste Offizier saß an seinem Schreibtisch und starrte
konzentriert auf seinen Monitor, der für McCoy unerklärliche Grafiken zeigte.
Toll, jetzt bin ich hier und sehe Spock dabei zu, wie er einen Monitor anstarrt.
Ich werde mich zu Tode langweilen. Der Vulkanier bewegte keinen Muskel
und bei jedem anderen hätte McCoy gesagt, dass er mit offenen Augen träumen
würde. Er wollte schon gehen, als Spock unvermittelt das Interkom aktivierte.
„Spock an Captain Kirk“
„Hier Kirk. Was gibt es?“
Spocks Bildschirm hatte sich
geteilt, zeigte nun neben den sich windenden Kurven Jims Gesicht, auf dem sich
unter den Augen dunkle Schatten abzeichneten.
„Ich bedauere es, Sie zu
stören, Captain, aber es wäre gut, wenn Sie in mein Quartier kommen könnten.“
Jim runzelte die Stirn.
„Bin gleich da. Kirk Ende.“
Kirks Gesicht verschwand. Nur
wenige Augenblicke später kündigte der Türsummer einen Besucher an - die Kabine
des Captains lag direkt neben der des Ersten Offiziers. Jim sieht schlecht
aus, dachte McCoy, als Spock seinen Gast in sein Quartier einließ. Obwohl er
ihn erst vor kurzem im Transporterraum getroffen hatte, schienen Stunden seitdem
vergangen zu sein. Der Captain erschien mit einem Male um Jahre gealtert, die
Fassade war gebröckelt.
„Was gibt es, Spock?“
„Ich habe hier etwas, dass Sie
sich ansehen sollten.“
„McCoy?“
„Positiv, Captain.“
Neugierig geworden folgte Kirk
seinem Ersten Offizier zu dessen Schreibtisch.
„Wie Sie wissen, wurde Dr.
McCoy genau in dem Augenblick herübergebeamt, als der Teil des Schiffswracks, in
dem er sich befand, explodierte.“
„Ja. Wie sollte ich das
vergessen? Wir haben ihm immer wieder gesagt, er soll sich beeilen, aber er
wollte nicht hören.“
„Eine weit verbreitete
menschliche Angewohnheit, Sir.“
Kirk sah ihn nur beißend an.
„Wenn sein Tod wenigstens einen
Sinn gehabt hätte. Aber auf dem Wrack konnte er niemanden mehr retten. So ein
Ende…“
„Ich bin mir nicht sicher,
Captain, dass es wirklich ein Ende war.“
Kirks Kopf schnell hoch.
„Was meinen Sie damit, Spock?“
„Ich habe Grund zu der Annahme,
dass McCoy nicht vollständig tot ist.“
„Erklären Sie.“
„Der Weltraum ist nicht immer
gänzlich leer. Er enthält kleinste Teilchen, die…“
„Ich weiß Spock. Ich habe nicht
die ganze Akademie-Zeit verschlafen.“
„Das wollte ich nicht andeuten.
Nach dem bedauerlichen Unfall habe ich mir die chemische Zusammensetzung des
Raums angesehen. Das hier“, er blendete eine Grafik ein, „ist die
Zusammensetzung, wie sie sein sollte. Hier“, er legte eine zweite darüber, „ist
die vor der Explosion. Die letzte“, er drückte einen weiteren Knopf und eine
dritte Grafik wurde sichtbar, „ist der Ist-Zustand.“
„Die Unterschiede sind
beträchtlich, Spock.“
„In der Tat, Captain.
Tatsächlich gehe ich davon aus, dass während des Transports die durch die
Explosion ausgelöste Hitze mit den Teilchen im Weltraum interagierte und den
Vorgang beeinflusst hat.“
„Inwiefern?“
Spock ersetzte das Bild auf dem
Monitor durch ein anderes.
„Ich bin der Auffassung, dass
der Transporter ausgezeichnet funktioniert hat. Nur wurde Dr. McCoys
Persönlichkeit von seinem Körper getrennt.“
„Wollen Sie damit sagen, dass
Pille noch irgendwo als Geist existiert.“
„Ich würde es nicht so
ausdrücken, Captain, aber im Kern stimme ich Ihrer Aussage zu.“
McCoy hielt den Atem an.
Jedenfalls hätte er es getan, wenn er dazu in der Lage gewesen wäre. Nicht ganz
tot? Verdammte Transporter! Für den Fall, dass er jemals wieder in seinen Körper
zurückkommen würde, würden ihn keine zehn Admiräle dazu bewegen, jemals wieder
auf so eine idiotische Plattform zu steigen. Nur… Wie sollte er zurückkommen?
„Wie kriegen wir Pille wieder
in seinen Körper?“
Kirks Stimme hatte einen
belegten Unterton.
„Das, Captain, stellt ein nicht
unerhebliches Problem dar. Allerdings gehe ich davon aus, dass der Transporter
den einzigen signifikanten Lösungsansatz bietet.“
„Müssen wir dazu nicht erstmal
Pille finden? Ich meine das, was von ihm übrig bleibt?“
„Wie ich Dr. McCoy kenne,
dürfte er sich zu dem augenblicklichen Zeitpunkt in diesem Raum aufhalten.“
Kirk sah sich um und starrte in
die Leere von Spocks Quartier.
„Ich sehe nichts.“
Spock hob eine Augenbraue.
„Das können Sie auch nicht,
Captain. Alle physischen Komponenten des Doktors befinden sich in der
Kühlkammer.“
„Meinen Sie, dass Pille hier
spukt?“
„Das, was Sie seine Seele
nennen würden, dürfte sich hier aufhalten, Sir.“
„Wenn Du mich hören kannst,
Pille, versuche, dich bemerkbar zu machen.“
Gebannt lauschte Kirk in den
Raum hinein, während McCoy sich die Seele aus seinem nicht vorhandenen Leib
schrie und alle Flüche ausprobierte, deren er habhaft wurde.
Spock hob nun auch die zweite
Augenbraue und benutzte den Tonfall, den er gewöhnlich verwendete, um Chekov zu
belehren.
„Captain, ich sagte bereits,
dass der Doktor, sollte sich meine Hypothese als richtig erweisen, nicht über
die Mittel verfügt, um sich bemerkbar zu machen.“
„Aber Sie tun das, Spock.“
„Wenn Sie an eine
Mentalverschmelzung denken, so rate ich dringend davon ab, Captain. Ich bin mir
sicher, dass der Doktor es noch nicht bemerkt hat, aber es ist mit einer
Wahrscheinlichkeit von 99,3% anzunehmen, dass der Geist nicht lange ohne seinen
Körper existieren kann. Voraussichtlich bleiben ihm noch 6 Stunden und 34
Minuten, bevor die Trennung irreversibel wird. Eine Mentalverschmelzung würde
diesen Zeitraum erheblich verkürzen.“
Verdammtes Spitzohr. Sagen
Sie doch endlich, wie ich in meinen Körper zurückkomme. Wenn ich ihn zu fassen
kriege, dann…
„Was können wir tun?“
„Der erste Schritt muss darin
bestehen, den Transporter wieder in einen benutzfähigen Zustand zu versetzen.“
„Dazu brauchen wir Scotty. –
Das wird keine leichte Aufgabe sein.“
Als Kirk zum zweiten Mal
innerhalb kürzester Zeit die Türverriegelung zum Quartier seines Chefingenieurs
überbrückte, war er ungleich besserer Stimmung. Zuvor war er hier gewesen, um
Scotty ein Stück seiner Schuldgefühle zu nehmen, obwohl ein kleiner Teil von ihm
selbst dem Ingenieur die Verantwortung für Pilles Tod zuschob. Nun war Kirk es
selbst, der sich schuldig fühlte. Wenn Spocks Theorie stimmte – und das pflegten
Spocks Theorien meistens zu tun – dann war es schlicht und einfach Pech gewesen.
Mit McCoys Geist im Schlepptau nahm der Captain das traurige Bild, das sich ihm
bot, auf.
Überall in der Kabine herrschte
heilloses Chaos, Scherben lagen auf dem Boden, vermischt mit Kleidungsstücken
und Teilen der Wanddekoration. Selbst der sorgfältig aufbewahrte schottische
Dudelsack hatte seinen angestammten Platz verlassen und garnierte die Unordnung
auf seltsame Weise.
Scotty selbst saß noch immer
dort, wo Kirk ihn verlassen hatte, inzwischen umringt von einer ganzen Schar
leerer Flaschen, die unzweifelhaft einmal Hochprozentiges enthalten hatten. Der
Kopf des Ingenieurs war auf die Tischplatte gesunken, er schnarchte leiste.
Kirk brauchte eine Weile, um
die Situation zu verarbeiten. Dann hielt er sich nicht lange damit auf, den
Ingenieur wecken zu wollen. Der Anzahl der Flaschen nach zu urteilen wäre die zu
erwartende Reaktion nicht Dankbarkeit gewesen. Stattdessen rief er M’Benga über
das Interkom aus. Der dunkelhäutige Arzt reagierte verschlafen und etwas
verwundert, versprach aber, so schnell wie möglich vorbei zu kommen.
Die Sekunden dehnten sich zu
Ewigkeiten, in denen Kirk zur Untätigkeit verurteilt in dem verwüsteten Quartier
stand. Endlich summte es und der dunkelhäutige Arzt betrat den Raum. In seinem
Blick lagen sowohl Müdigkeit als auch milde Neugier. Er sah zuerst den Captain
fragend an, dann den schnarchenden Chef-Ingenieur.
„Captain?“
Kirk zögerte untypisch, bevor
er M’Benga vollständig in alles einweihte. Der Arzt sah nun nicht länger müde
aus sondern ungläubig.
„Sie meinen also, dass Dr.
McCoy sich in diesem Moment neben mir befindet und mir vermutlich einen verbalen
Fußtritt in den Hintern gibt?“
Worauf du einen lassen
kannst, mein Junge!
„So ungefähr. Ich weiß, wie
verrückt sich das alles anhört, aber es ist eine Chance. Selbst, wenn sich
Spocks Annahmen als falsch herausstellen sollten, schulden wir Pille einfach
diese Möglichkeit.“
Das will ich auch hoffen…
„Nehmen wir mal an, dass das
alles stimmt. Wie wollen Sie vorgehen?“
„Zuerst einmal brauchen wir
Scotty. Egal, was er im Augenblick über sich selbst denken mag, er ist der
Schlüssel. Niemand kennt den Transporter so wie er.“
„Sie wollen also, dass ich ihn
aufwecke?“
Kirk nickte nur. Der Arzt
zückte einen medizinischen Trikorder und trat auf die zusammen gesunkene und
schnarchende Gestalt am Schreibtisch zu. M’Benga runzelte die Stirn, als er die
Werte ablas.
„3,3 Promille. Wenn McCoy
wieder da ist, sollte ich mich mit ihm mal über das Alkohol-Problem des
Chefingenieurs unterhalten.“
„Pille selbst hat ihm erst
letzte Woche eine Flasche Whiskey geschenkt, ich glaube nicht, dass sie damit
viel Erfolg hätten.“ Kirk grinste schelmisch.
„Da haben Sie wohl recht, Sir.
Dennoch sollte er wenigstens vor einem solchen Exzess in die Krankenstation
kommen und sich ein paar Tabellen Dusexin abholen, das verhindert diese extremen
Auswirkungen.“
„Ich bezweifle stark, dass
Scotty in diesem Fall die Auswirkungen verhindern wollte, Doktor.“
M’Benga kramte wortlos in
seinem Medikit herum und förderte eine Hypo-Spritze zutage, die er dem
Chefingenieur sofort verabreichte. Die Wirkung trat beinahe augenblicklich ein;
mit noch leicht glasigem Blick richtete Mr. Scott sich auf.
„Was…?“
„Wir müssen mit Ihnen reden,
Scotty. Wir brauchen Ihre Hilfe.“
„Ich fasse keine Maschine mehr
an und wenn Sie mich Kiel holen lassen, Sir.“
„Sie werden mit Sicherheit,
wenn Sie erstmal erfahren, um was es geht.“
McCoy geisterte im
Konferenzraum herum und konnte sich nur noch mit Mühe beherrschen. Einzig und
allein das Wissen, dass es ihm rein gar nichts brachte, herum zu poltern, hielt
ihn davon ab. Hört endlich auf zu reden und tut etwas! hätte er gerne
gesagt, aber Spock, Jim, M’Benga und Scotty dachten gar nicht daran. McCoy
dagegen wurde immer unruhiger – vor einer Stunde hatte er sich leicht
schwindelig gefühlt. Das war natürlich Blödsinn, das Gefühl war aber dennoch
nicht verschwunden und hatte sich im Gegenteil noch verstärkt. Nach Spocks
Schätzung blieben ihm noch etwas über drei Stunden, bevor er sich endgültig in
seine Bestandteile zerlegte. Verdammt noch mal, setzt Euch in Bewegung, ich
sterbe hier!
„Wir sollten endlich etwas
tun“, meinte Kirk wie zur Antwort auf McCoys stumme Anklage.
„Aye, Sir“, seufzte Scotty, der
zwar noch nicht überzeugt, aber schon besser aussah.
„Wie lange werden Sie
brauchen?“ erkundigte sich M’Benga.
„Die Änderungen sind recht
einfacher Natur. Allerdings sollten wir vorher sicherstellen, dass der
Transporter voll funktionsfähig ist“, erwiderte Spock. Kirk stand auf.
„Gehen wir.“
DeFries sah erschrocken auf,
als nahezu alle Senior-Offiziere der Enterprise auf einmal den Transporterraum
betraten. Landon und er hatten gerade alle Teile – zum fünften Mal – ausgebaut
und machten sich daran, sie wieder einzusetzen. Dabei war ihre Stimmung in den
letzten Stunden auf den Nullpunkt gesunken. Als DeFries Mr. Scott sah, schöpfte
er wieder etwas Hoffnung. Wenn es jemanden gab, der eine Lösung finden konnte,
dann er.
Landon war eiligst neben ihn
getreten und versuchte, einerseits Haltung anzunehmen, andererseits keinen
seiner vorgesetzten Offiziere direkt in die Augen sehen zu müssen.
„Offenbar ist der Transporter
zumindest im Augenblick nicht funktionsfähig“, bemerkte Spock trocken mit einem
Seitenblick auf die im ganzen Raum verteilten Teile.
„Das dauert ja Stunden, um
alles wieder zusammen zu setzten“, stöhnte M’Benga. McCoy war einer Panik nahe.
Wenn ich hier jemals wieder rauskomme, werde ich diesen Raum NIE WIEDER
betreten. Nie wieder. Ich werde…
„55,35 Minuten sollten genügen,
wenn ich Mr. Scott assistiere.“
Kirk drehte den Kopf in
Richtung des Ersten Offiziers.
„Ich hoffe, Sie versuchen,
nicht witzig zu sein. Spock.“
„Keineswegs, Captain. Ich
stelle nur Tatsachen fest.“
„Captain…“, begann DeFries
unsicher. Er fühlte sich in seiner Haut alles andere als wohl.
„Gehen Sie, Mr. DeFries und
machen Sie Feierabend. Sie auch, Mr. Landon.“
Kurzfristig sah der Lieutnant
so aus, als wolle er noch etwas erwidern, besann sich dann aber etwas besseren
und beschränkte sich auf ein kurzes „Aye, Sir.“
Kirk war einen Blick aufs
Chronometer. Langsam wurde er etwas unruhig. Nach Spocks Kalkulation blieb McCoy
nur noch eine Stunde. Er merkte, wie ein großer Teil der Trauer zurückkehrte,
die er seit Spocks Anruf erfolgreich verdrängt hatte. Was, wenn sie diesmal
keinen Erfolg hatten? Einmal mehr versuchte sich der Captain eine Enterprise
ohne den bärbeißigen Arzt vorzustellen, aber es wollte ihm einfach nicht
gelingen. Irgendwie hielt McCoy alles zusammen, stellte die Einheit her. Niemand
konnte ihn einfach so ersetzen. Das ausgerechnet ihm ein Transporterunfall
passierte… Einen Moment stellte er sich vor, was Pille wohl sagen würde, wenn er
jetzt vor ihm stünde. Kirk grinste schwach. All das sollte vorbei sein? Seine
Miene verfinsterte sich wieder. McCoy war sein Gewissen, sorgte dafür, dass er
die richtigen Entscheidungen traf, den menschlichen Faktor nie außer Acht ließ.
McCoy durfte einfach nicht sterben.
Kirk wanderte zum Schreibtisch
zurück, betätigte das Interkom.
„Kirk an Spock.“
„Spock hier, Captain.“
„Wie weit sind Sie? Die von
Ihnen geschätzten 55,35 Minuten sind seit über einer Stunde vorbei, Spock.“
„Vollkommen richtig, Captain.
Dieser Zeitraum bezog sich auf die Wiederherstellung der normalen Funktionalität
des Transporters. Mr. Scott und ich waren allerdings gezwungen, zur Rettung des
Doktors einige Modifikationen an den ursprünglichen Einstellungen vorzunehmen.“
„Was für Modifikationen?“
„Es…“
„Schon gut, Spock, ich will es
gar nicht wissen. Wie lange, bevor wir es versuchen können?“
„6,2 Minuten, Sir.“
„Bin sofort bei Ihnen. Kirk
Ende.“
McCoy hatte Mühe, sich
überhaupt noch genug zu konzentrieren, um wütend zu sein. Seine Wahrnehmung wies
nun erhebliche Lücken auf, dennoch schaffte er es noch, die Ironie in der ganzen
Angelegenheit zu erkennen. Du wolltest doch immer, dass sich Freund Spitzohr
mal verrechnet. Nun hat sich dein Wunsch erfüllt, dummerweise wirst du das mit
dem Leben bezahlen. Ich hätte zu Hause bleiben sollen. Ein alter Landarzt wie
ich gehört nicht auf ein Raumschiff. Ich…
„So, entweder, das funktioniert
jetzt, oder wir können ab sofort die Moleküle einzeln von Hand einsammeln, Sir.“
„Mr. Scott, Sie wissen so gut
wie ich, dass sich Moleküle nicht einfach mit der Hand…“
„Schon gut, Spock. Dafür haben
wir keine Zeit. Wir wollen Sie vorgehen?“
„Da Dr. McCoys Körper zurzeit
nicht in der besten Verfassung ist, werde ich sein Katra aufnehmen.“
„Sie wollen sich beamen lassen?
Ist das sicher genug?“
„Das Risiko ist akzeptabel.
Zudem ist es möglich, dass meine ursprüngliche Schätzung etwas zu optimistisch
gewesen ist.“
„Was meinen Sie damit?“
„Bevor Dr. McCoys Geist aufhört
zu existieren, wird es mit einer Wahrscheinlichkeit von 96,4% eine Phase der
Desorientierung geben. In diesem Zeitraum wird eine Rückführung in seinen - oder
in einen anderen – Körper nicht mehr möglich sein.“
„Wie lange?“
„2,6 Minuten, Captain.“
„Beeilen Sie sich lieber.“
„Aye, Sir.“
Scott spürte, wie sein Mund
trocken wurde. Hatte er sich verrechnet? Gab es etwas, dass sie übersehen
hatten? Kirk lächelte ihm aufmunternd zu. Sein Blick drückte Zuversicht und
gespannte Erwartung aus. Es war leicht, zuversichtlich zu sein, wenn man nicht
wusste, was alles im Hintergrund ablief… Aber Scott hatte keine andere Wahl.
Entweder, sie würden sowohl Spock als auch den Doktor retten, oder beide
verlieren.
Der Chefingenieur atmete noch
einmal tief durch, dann schob er die Regler ohne zu zögern nach unten. Spock
verschwand, Scott änderte einige Einstellungen und setzte den alles
entscheidenden Transport in Gang.
Wie bei McCoy vor so vielen
Stunden wurde die Gestalt des Vulkaniers zuerst sichtbar, zerfaserte dann, wurde
erneut sichtbar…. Scott schwitzte und spielte sein letztes Ass aus. Das Licht im
Transporterraum flackerte, als er alle nicht benötigte Energie aus anderen
Bereichen abzog, um mit den frei gewordenen Ressourcen den Vorgang zu
unterstützen. Er zog die Regler endgültig durch. Es gab nun nichts mehr, was er
noch hätte tun können. Spock stand auf der Plattform, etwas unsicher, aber
unverkennbar. M’Benga lief sofort auf ihn zu, scannte ihn.
„Rein körperlich ist alles in
Ordnung“, verkündete er.
„Spock?“ fragte Kirk und dann,
etwas später und heiserer: „Pille?“
„Hier Jim.“
„Spock und ich sind hier.“
Zehn Stunden später starrte
McCoy in einen Spiegel und freute sich über jede Falte und jedes graue Haar.
Fast gierig sog er die Luft in seine Lungen. Welch herrliches Gefühl!
Er war todmüde, aber viel zu
froh, wieder am Leben zu sein, um auch nur an Schlaf zu denken. Als er auf den
Gang trat, warfen ihm viele Leute verwunderte Blicke zu. Jim hatte zwar eine
Durchsage gemacht, aber die Trauerfeier war den meisten noch lebhaft im
Gedächtnis. Kein Wunder, insgesamt waren nur Stunden vergangen. Der Arzt lenkte
seine Schritte zur Kabine des Chefingenieurs, der mehr als nur erleichtert
schien, ihn zu sehen.
„Schön, sie wiederzuhaben,
Doktor.“
„Ja, Scotty, das ist es.
Danke.“
„Sie danken mir? Ich wollte sie
um Verzeihung bitten.“
„Um Verzeihung?“
„Ich bin für die Maschinen an
Bord verantwortlich.“
„Die Sache mit dem Transporter
war nicht Ihre Schuld. Wie drückte sich Spock aus? Die Wahrscheinlichkeit des
Zusammentreffens aller Ereignisse, die zur diesem bedauerlichen Vorfall geführt
haben, beträgt 0,0025%.“
Scott grinste schelmisch, als
er McCoys gelungene Vulkanier-Parodie hörte.
„Trotzdem…“
„Kein Trotzdem, Scotty. Sie
sind viel zu wertvoll für die Enterprise, um einfach so die Segel zu streichen.
Ich bin froh, dass ich wieder da bin – und ich bin froh, dass sie mich gerettet
haben.“
McCoys Begrüßungsparty war noch
stärker frequentiert als die vorhergehende Trauerfeier. Viele waren einfach nur
neugierig, die Hintergründe zu erfahren, aber mehr, dass es irgendetwas mit dem
Transporter zu tun gehabt hatte, war nicht rauszukriegen.
McCoy suchte sich eine kleine
Ecke und nippte an seinem saurianischen Brandy. Der ganze Rummel um seine Person
war ihm einfach zu viel.
„Verdammtes Spitzohr“,
grummelte er vor sich hin. Obwohl er leise gesprochen hatte, hatte Kirk ihn
offensichtlich gehört.
„Ich dachte, du wärst Spock
dankbar.“
„Bin ich auch. Weißt du aber,
was dieser grünblütige Computer zu mir gesagt hat?“
Kirk zog in einer Imitation von
Spock die Augenbrauen hoch. McCoy grinste schwach.
„Er meinte: Dr. McCoy,
verwenden Sie Ihre Dankbarkeit lieber produktiv, indem Sie realisieren, dass der
Transporterraum nicht nur zu dem bedauerlichen Vorfall sondern auch zu Ihrer
Rettung beigetragen hat. Sie würden uns allen viele Umstände ersparen, wenn Sie
Ihre Weigerung, sich noch einmal beamen zu lassen, überdenken würden.“
Kirk grinste. „Nun, da hat er
wohl recht.“
„Also wirklich. Er hätte
wenigstens so tun können, als hätte er mich vermisst.“
Der Captain wurde ernst. „Das
hat er, Pille. Wir alle.“
ENDE
Story by Zelda Scott, 2005
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