Anmerkung zur Übersetzung:
Diese Geschichte ist während der Ereignisse angesiedelt, die in der Folge "Die unsichtbare Falle" zu sehen sind. Die Autoren Mary R. und Lynn S. haben einige Dialoge dieser Episode in ihre Geschichte eingearbeitet. Da "Raumschiff Enterprise" seinerzeit nicht eins zu eins übersetzt wurde, unterscheidet sich die deutsche Dialogführung tlw. erheblich vom englischen Original. Um dem dt. Publikum gerecht zu werden, wurden, sofern möglich, die englischen Passagen, die direkt der Folge entsprechen, nicht übersetzt sondern stattdessen der Wortlaut der dt. Synchronisation verwendet. Es ist zu beachten, dass sich dabei an einigen Stellen eine Sinnverschiebung zur Originalgeschichte ergibt, die bereits seit den unterschiedlichen Sprachfassungen der Serie existiert. Damit der Tenor der Geschichte dennoch erhalten bleibt, erfolgten kleinere Anpassungen, so wurden z.B. "Romulans" mit "Romulanern" und nicht mit "Romulaniern" übersetzt, wie es die damalige deutsche Folge tat. Nur dort, wo es absolut notwendig war, wurde von der dt. Synchronisation abgewichen. Da diese Geschichte jedoch aus weit mehr als aus einer Wiedergabe der Fernsehfolge besteht, halten sich die Abweichungen zum Original in Grenzen. Wer sich für die Details interessiert, sei jedoch sowohl in Hinblick auf die Folge als auch auf diese Geschichte an die jeweiligen Originale verwiesen.
McCoy schob sein unangetastetes Essentablett beiseite und
lehnte sich in seinem Stuhl zurück, um an seinem Kaffee zu nippen. Er hatte
gehofft, dass ein Wechsel der Szenerie weg von der Krankenstation ihm helfen
würde, seine Laune zu verbessern und sein professionelles Dilemma hinsichtlich
Captain Kirk zu lösen.
Der Doktor rieb sich über die Stirn, obwohl er dadurch
nichts von der Spannung, die er fühlte, vertreiben konnte. Seine jüngsten
Beobachtungen über das atypische Verhalten des jungen Captains sagte McCoy,
dass ein offizieller medizinischer Logbucheintrag längst überfällig war. Doch
in der Minute, in der der Bericht abgegeben worden war, würde McCoy gezwungen
sein, Schritte einzuleiten, die letztendlich dazu führen konnten, das Kirk sein
Kommando verlor. Ein medizinischer Logbucheintrag war nicht auf die leichte
Schulter zu nehmen.
Die vertraute Gestalt des Kommandanten betrat den Raum und
McCoy zwang sich zu einem neutralen Gesichtsausdruck, als Kirk an seinem Tisch
vorbei lief. Die Anstrengung hätte er sich sparen können, Kirk schien ihn nicht
zu bemerken, als er zuerst ein Sandwisch und Kaffee beim Replikator bestellte
und sich dann an einen nahe gelegenen, verwaisten Tisch setzte. Während er
einen Satz Ausdrucke, die er mitgenommen hatte, studierte, begann Kirk, sein Essen
methodisch zu verzehren.
Der Doktor seufzte und für einen Moment hätte er heulen
können. Das Mittagessen mit Jim gemeinsam einzunehmen hatte etwas von einer
Tradition für McCoy. Zu Beginn seiner Dienstzeit an Bord der Enterprise hatte
der Doktor seinen Zeitplan so umgestellt, dass er die Brücke einige Minuten vor
der Schichtpause besuchte, um sich über den Status der Brückencrew auf dem
Laufenden zu halten. Wenn Kirk es schaffte, sich loszueisen, verbrachten die
beiden Männer normalerweise die nächste halbe Stunde zusammen und tauschten ihre
Sorgen aus, durchsetzt mit aufheiterndem Lachen und Scherzen. Crewmitglieder
fühlten sich immer willkommen, sich ihnen anzuschließen. McCoy schloss die
Augen und verbannte das Bild der isolierten Gestalt vor ihm, erinnerte sich an
Gelegenheiten, wenn sie Tische zusammengestellt hatten, um ihre philosophischen
Debatten zusammen fortzusetzen. Der Raum hätte vor Lachen und aufgeregten
Stimmen gebebt, alle genossen die Konversation. Alles angeführt von Kirk.
Bereits kurz nach den Ereignissen auf Miramanees Planeten
hatte sich die Atmosphäre auf dem Schiff verändert. Der freundschaftliche
Gedankenaustausch und die gemeinsamen Mahlzeiten hatten abrupt aufgehört. Der
Captain strahlte nun eine Anspannung aus, die Crewmitglieder nicht mehr dazu
einlud, ihren kommandieren Offizier in eine Unterhaltung zu ziehen.
McCoy wechselte die Position und sah sich im Raum um, ohne
dass ihm die gedrückte Unterhaltung und die bemerkbare Vermeidung von Kirks
Tisch entgangen wäre. Geschichten von ärgerlichen Ausbrüchen and verbalen Attacken
von Seiten des Captains hatten die Runde gemacht und die Ohren des Doktors
erreicht, obwohl er geneigt war, einige der Quellen anzuzweifeln. Dennoch war
das Widerstreben der Crew, sich an Kirk zu wenden, ein Fakt, den er nicht
ignorieren konnte.
Er fuhr fort, den Captain verstohlen zu beobachten und
erneut fielen ihm die Schatten unter Kirks Augen auf und die hervorstechenden
Wangenknochen kündeten von kürzlichem Gewichtsverlust. Alles Anzeichen von steigendem
Stress aus unerfindlichem Grund. Der Doktor kämpfte kurzzeitig mit seinen
eigenen verletzten Gefühlen hinsichtlich der Freundschaft, die sie verband.
Alle seine Versuche, seine Sorgen bei Gelegenheit mit Kirk zu besprechen, waren
brüsk als unwichtig beiseite geschoben worden.
McCoy leerte seinen Kaffeebecher und schob seinen Stuhl
zurück. Es war an der Zeit, zur Arbeit zurück zu kehren. Er plante, die
Brückenlogbücher der letzten Wochen nach Anzeichen von anormalem
Kommandoverhalten durchzusehen. Das war eine Pflicht, der er ausgewichen war
wegen der Auswirkungen, die das sowohl für den Captain hatte, wenn er etwas
fand als auch für ihn selbst. Er kam sich wie ein Verräter an Kirk vor.
Ein plötzlicher, lauter und wütender Ausbruch des Captains
überraschte McCoy. „Spock, kann ich nicht mal ein paar Minuten verbringen, ohne
dass Sie mich unterbrechen?“ Der Doktor starrte Kirk schockiert an. Er hatte Spocks
Eintreffen nicht mitbekommen, aber der Vulkanier stand nun in steifer
Habacht-Stellung an der Seite des Captains. Spocks Tonfall war kühle Formalität
in Reinkultur. „Sie haben angeordnet, dass ich Ihnen diese Berichte zeige,
sobald Sie fertig gestellt sind, Sir.“
Kirk ballte seine Hände zu Fäusten, sein Gesicht glühte vor
Ärger. „Wenn Ihr Bericht beim ersten Mal effizienter gewesen wäre, müsste ich
nun nicht meine Zeit damit verschwenden. Ich hatte gedacht, Vulkanier seien
kompetent.“ Der Captain verzog dabei fast höhnisch die Mundwinkel und brachte
McCoy sofort auf die Beine.
„Jim!“ blaffte er und stellte sich ihm schnell gegenüber.
„Das ist nicht der richtige Ort dafür. Ich schlage vor, wir gehen irgendwo hin,
wo wir mehr unter uns sind.“
Das Gesicht des Captains wurde röter, seine Augen glühten,
als er McCoy ansah. „Du schlägst vor! Du mischst dich in meine
Kommandoangelegenheiten ein. Geh mir verdammt noch mal aus dem Weg.“
McCoy stand der Mund offen, als Kirk ihn wegstieß und aus
dem gut gefüllten Aufenthaltsraum stürmte, eine betäubte Stille hinter sich
lassend. Der Doktor schluckte mehrere Male und versuchte, seine Stimme unter
seine Kontrolle zubringen. Spock dagegen war nicht betroffen und nutzte die
Gelegenheit zur Flucht. Er war bereits aus dem Raum geschritten, bevor der
Doktor begonnen hatte, sich zu erholen.
„Spock! Warten Sie!“
Spock drehte sich um, sein Gesicht eine Maske, die sorgsam
jeden Ausdruck verbarg bis auf ein starres Glitzern in den Augen. „Doktor, ich
werde dringend im Computerraum gebraucht.“
McCoy hielt dem Blick der schwarzen Augen stand und nickte
schließlich. Er folgte dem sich zurückziehenden Vulkanier den Korridor entlang,
aber mit einer wesentlich geringeren Geschwindigkeit. Seine Schritte führten
ihn automatisch zurück zur Krankenstation, seine Gedanken aufgewühlt und
besorgt. Es war an der Zeit, einige der weniger angenehmen Pflichten eines
Ersten Medo-Offiziers nachzukommen und offiziell die mentale Stabilität des
Captains in Frage zu stellen.
Weniger als 24 Stunden später näherte sich McCoy dem
Quartier des Captains mit einigen Dokumenten in der Hand. Als er den Türsummer
betätigte, straffte er seine Schultern, wohl wissend, dass der kommende Kampf
nicht einfach werden würde.
Spock war anwesend, wie McCoy es geplant hatte. Er hatte
steif vor Kirks Schreibtisch Haltung angenommen. Der Captain starrte finster
vor sich hin, er riss seinen Blick von Spock los, um McCoy damit zu erdolchen.
„Ja, Doktor?“
„Captain, Sie werden sich in einer Stunde in der
Krankenstation für eine vollständige Untersuchung melden. Meine Gründe sind
offiziell und im Logbuch verzeichnet.“ McCoy hielt eine Datendisk hoch. „Gemäß
den Vorschriften kannst du nicht ablehnen.”
Die glitzernden Augen weiteten sich, Emotionen flackerten in
der haselnussbraunen Tiefe. Für einen Moment war McCoy verwirrt, weil er
meinte, anstatt Ärger Triumph in diesen stechenden Augen gesehen zu haben. Wie
auch immer, Kirks ärgerliche Frage strafte seine Einschätzung Lügen. „Und was
genau tust du mit mir, wenn ich ablehne?“
„Enthebung des Kommandos aufgrund meiner Beobachtungen deines
Verhaltens und getroffener Kommandoentscheidungen“, sagte McCoy ruhig.
Kirk schlug mit der Faust auf den Tisch und stand abrupt
auf. McCoy wich gegen seinen Willen überrascht einen Schritt zurück, sich wohl
bewusst, dass der Captain kurz davor war, ihm eine runter zu hauen. Die
Tatsache, das Spock einen Schritt vortrat und sich selbst damit zwischen beide
Männer schob, blieb für einige Sekunden unbemerkt. Der Doktor starrte den schmalen
Rücken des Vulkaniers an und fragte sich, ob der Erste Offizier Gewalt
ebenfalls für eine Möglichkeit hielt.
Tief einatmend tat der Doktor einen Schritt um Spock herum,
um Kirk anzusehen, genau als der Vulkanier versuchte, ruhig mit dem Captain zu
argumentieren.
„Captain, ich halte es für vorteilhaft, …“
Kirk verengte seine Augen zu Schlitzen, seine ganze Wut richtete
sich nun auf den Vulkanier. „Sie schaffen es nicht mal, diesen Bericht richtig abzufassen
und meinen, ich bräuchte eine medizinische Untersuchung? Hier“, sagte er und
warf die Datendisk in Spocks Richtung. „Nehmen Sie dieses verdammte Ding und
korrigieren Sie es, bis ich mit McCoy in der Krankenstation fertig bin.
Wegtreten.“
McCoy erstarrte, nicht sicher, ob er richtig gehört hatte.
Kirk stimmte der Untersuchung ohne weitere Widerworte zu.
Er biss die Zähne zusammen, als er bemerkte, dass Spock dabei
war zu gehen.
„Warten Sie eine Minute, Mr. Spock. Ich habe noch einen
weiteren Grund für meine Anwesenheit. Und ich wollte darüber sprechen, solange
Sie beide im gleichen Raum sind.“
Spock hielt an der Tür an, sein Blick drückte Achtsamkeit
aus, als er McCoy ansah. „Ja, Doktor?“
McCoy zog eine Augenbraue hoch, als er darauf wartete, dass
sich der Vulkanier ihnen wieder anschloss. Kirk setzte sich wieder hin,
gestikulierte McCoy scharf, dass er das Feld für sich hatte.
McCoy konnte nicht widerstehen, Kirk als Antwort auf die
Geste anzusehen. „Captain, ich weiß nicht, was mit dir nicht stimmt, aber du
kannst deinen letzten Credit darauf wetten, dass ich es herausfinden werde. Ich
spreche hier jetzt nicht dein Verhalten an sondern wie es deine Crew beeinflusst.
Ich bin besonders wegen deinem Ersten Offizier besorgt. Seine Untersuchung, die
ich heute Morgen durchführte, zeigt…“
„Doktor“, unterbrach Spock kalt, „Sie haben nicht mein
Einverständnis, das mit dem Captain zu erörtern.“
McCoy fing einen überraschten Blick von Kirk zu Spock auf.
Das Ganze dauerte nur für eine Sekunde, bevor sich die haselnussbraunen Augen
mit vorgeschobener Geduld in seine eigenen bohrten. Er runzelte die Stirn und
war nicht überrascht, als er Spock ansah und Ärger in dem dunklen tiefen Blick
erkannte. „Ich habe jedes Recht, wenn es ein Mitglied dieser Crew und dessen
Gesundheit betrifft. Besonders, wenn es ein direktes Ergebnis von Stress ist,
der vom Captain ausgeht.“
„Spock ist ein großer Junge, Doktor“, meinte Kirk bissig.
„Wir können es uns nicht leisten, uns zurückzulehnen, während wir an der
Neutralen Zone patrouillieren. Wenn Spock mit dem Druck nicht umgehen kann,
sollte er eine Versetzung beantragen.“
„Jim! Was zum Teufel ist nur in dich gefahren?“ fragte
McCoy, betäubt von der Wucht in Kirks Worten. Er starrte den Captain an. „Du
hast nicht mal gefragt…“
Der Doktor hielt inne, bemüht, Kirks Gesichtsausdruck zu
deuten. „Kümmert es dich denn gar nicht, was mit Spock nicht stimmt?“
Kirk drehte seinen Stuhl, starrte Spock für einige Sekunden
an. McCoy biss angesichts seiner eigenen Frustration die Zähne zusammen und
starrte die beiden Männer mit Vorsicht an. Der Ärger zwischen ihnen war real
genug, Spock überdeckte seinen mit einem leidenschaftslosen Ausdruck, den McCoy
im Laufe der letzten paar Jahre zu deuten gelernt hatte.
Der Captain wandte sich wieder McCoy zu, sein Gesicht
diesmal verschlossen und hart. „Ich warte, Doktor.“
„Warten! Falls du es vergessen haben solltest, ich habe dich
etwas gefragt, was du bis jetzt nicht beantwortet hast.“ McCoy verschränkte
seine Arme vor der Brust, ließ Kirk wissen, dass er ihn nicht aus der
Diskussion entlassen würde. Er wollte eine Erklärung für Kirks ungehörigen
Mangel an Interesse in Bezug auf Spocks Gesundheit. Spock betrat unerwarteterweise
das Schlachtfeld. „Die Belange des Captains haben keine Relevanz. Und wenn Sie
die Angelegenheit weiter verfolgen, werde ich den Raum verlassen.“
Bevor McCoy etwas antworten konnte, lehnte sich Kirk vor.
„Sie gehen nirgendwo hin Mr. Spock, bis ich es sage. Dr. McCoy, du hast deinen
Bericht über meinen Ersten Offizier noch nicht beendet. Bitte hole das nach
oder geh – meine Zeit ist wertvoll.“
„Wertvoll!“ McCoy explodierte. Das war der letzte Tropfen,
der das Fass zum überlaufen brachte. Es war an der Zeit, dass Kirk sich einigen
unangenehmen Fakten stellte, ob es Spock nun gefiel oder nicht. Er wiederholte
dieses mal etwas sanfter: „Wertvoll, du kannst dich bei deinem Ersten Offizier
bedanken, dass du überhaupt noch Zeit für irgendwas hast. Wenn er nicht gewesen
wäre, wärst du jetzt tot, zusammen mit Miramanees ganzem Stamm.“
Ein Aufflammen einer Reaktion zeichnete sich in Kirks
ohnehin schon ärgerlichem Ausdruck ab und McCoy speicherte es, während er sich
weiter für seine Tirade erwärmte. „Spock brachte sich beinahe selbst um, nur um
dich von diesem Asteroiden zu retten, er hat sich die ganzen 59 Tage
angetrieben. Er hat kaum gegessen oder geschlafen, hat mehr Gewicht verloren
als er sich in Wahrheit leisten kann. Dann hat der die Reparaturen auf dem Schiff
überwacht, während du auf der Sternenbasis auf Landurlaub warst, um dich von
der Gehirnerschütterung und den Verletzungen, die du auf dem Planeten davon
getragen hast, zu erholen.“ McCoy hielt inne, erinnerte sich an die ungehört
verhallten Argumente gegenüber Starfleet Command, ob Kirk zur Rekonvaleszenz
das Schiff verlassen sollte oder nicht. Er war überstimmt worden und der
Captain war zwei weitere Wochen dort geblieben, während die Enterprise zurück
auf Patrouille geschickt worden war. Der Doktor kniff seine Augen unvermittelt
zu Schlitzen zusammen. Es war genau seit seiner Rückkehr von der Sternenbasis,
dass Kirks Verhalten so atypisch geworden war.
„Ja, Doktor?“ antworte Kirk prompt in einem ätzenden
Tonfall.
Während er praktisch die Hitze des Vulkanischen Blicks
fühlte, nahm McCoy einen tiefen Atemzug. „Spock brach zusammen, während du dort
warst, er hatte seinen Körper über die Vulkanische Belastbarkeit hinaus
überanstrengt. Ich habe die nächsten paar Tage damit verbracht, seine
erschöpften Reserven wieder aufzubauen und dann…“
„Dr. McCoy“, unterbrach Spock, „Haben Ihre Ausführungen
einen Sinn?“
„Mein lieber Mr. Spock“, McCoy eisblaue Augen hielten Spocks
kühlen schwarzen Blick problemlos stand. „Wenn Sie den Captain über spezifische
Ergebnisse Ihrer Untersuchung heute Morgen informiert hätten, ganz so, wie Sie
mich glauben gemacht haben dass Sie es tun würden, wäre das hier nicht
notwendig.“
„Wenn Sie sich erinnern würden…“, begann Spock, aber der
Captain würgte ihn ab.
„Das reicht. Ich habe die Berichte gelesen und sie haben
keine Details zu dem Kollaps meines Ersten Offiziers beinhaltet. Diese
Verschwörung, kritische Informationen vor mir zu verbergen, hat die Mission
dieses Schiffs ernsthaft gefährdet. Bevor ich die Auswirkungen für euch beide erörtern
werde, wie wäre es, wenn du mir sagst, was du mir eigentlich sagen willst?“
„Jim, siehst du nicht, was du eigentlich tust? Die ganze
Crew fährt zum Teufel und du kannst sie nicht schnell genug dahin treten.“
„Es ist mein Job, sie anzutreiben“, antwortete Kirk
ungeduldig.
„Aber nicht so. Du hast niemals so wie jetzt Druck ausgeübt.
Es ist unmöglich, dir etwas recht zu machen, ganz egal, wie hoch der Aufwand
auch war, ganz egal, wie das Ergebnis aussieht. Und Senioroffiziere vor
Untergeben zu schelten, Jim, ich habe mir die Brückenlogbücher angesehen und
festgestellt, dass Spock auf deiner Prügelliste ganz oben steht. Du treibst ihn
über den Punkt der totalen Erschöpfung.“ McCoy hielt seine Hände hoch,
gestikulierte in Kirks Richtung. „Ich kann das nicht gebrauchen, Jim, er ist
nicht bereit dafür. Er hat drei Kilo von dem Gewicht verloren, das wir ihm
mühsam wieder angefüttert haben. Seine Reaktionszeit ist runter auf nahe 50
Prozent und seine Biochemie ist…“
„Doktor, Sie werden damit aufhören. Sie vergessen beide,
dass ich Vulkanier bin und daher ein höheres Stressniveau tolerieren kann. Es
gibt keinen Grund zur Sorge.“
Spock trat näher an die beiden Männer heran.
„Jim, wenn du ihm das abkaufst, dann...“, setzte McCoy an
aber der peitschenartige Klang von Kirks Stimme ließ beide Offiziere auf der
Stelle erstarren. „Ich habe nicht die Absicht, irgendeinem Offizier zuzuhören,
dessen Reaktionszeit so sehr vermindert ist und es nicht augenblicklich meldet.
Ihr steht beide wegen Pflichtversäumnis unter Beobachtung. Mr. Spock, Sie werden
sich umgehend auf der Krankenstation melden und voll mit McCoy
zusammenarbeiten. Wegtreten.“ Spock zögerte nicht, er drehte sich mit eleganter
Präzision um und verließ das Büro. McCoy blieb wo er war, zwang sich selbst
dazu, wieder zu atmen. Er erinnerte sich an Gelegenheiten, bei denen er gedacht
hatte, dass er sich niemals am falschen Ende von Kirks Zorn befinden wollte. Es
war keine Erfahrung, die er unbedingt wiederholen wollte, aber er fühlte sich verpflichtet,
sich an den Teil des Captains zu wenden, von dem er wusste, dass er sein Freund
war. „Jim?“
„Ich dachte, ich hätte dich für jetzt entlassen.“
McCoy biss die Zähne zusammen in dem Bemühen, still zu
bleiben. Er drehte sich in einer schlampigen Imitation von Spocks Manöver um
und steuerte den Ausgang an. Mit einer Hand an der offenen Tür startete er
einen weiteren Versuch. „Verdammt, Jim. Ich dachte, du vertraust mir. Wieso
sprichst du nicht mit mir? Ist es… Ist dir klar, wie dicht ich dran bin zu
empfehlen, dass dir das Kommando entzogen wird? Um Himmels Willen, rede…“
„Dr. McCoy, Sie scheinen Schwierigkeiten damit zu haben,
Befehle zu befolgen. Ich werde mich in einer Stunde in der Krankenstation
melden.“ Kirk war aufgestanden, sein Gesichtsaudruck verhärtet. „Und McCoy,
bedrohe mich nie wieder auf meinen Schiff, es sei denn, du hast den Wunsch
festzustellen, wie schnell du versetzt werden kannst.“
„Jim…“
Kirk hämmerte auf einen Knopf auf seinem Schreibtisch. „Sicherheit,
melden Sie sich in meinem Quartier.“
McCoy starrte Kirk an, unfähig, den Schock zu verhehlen, den
er angesichts von Kirks Reaktion empfand. Innerhalb von Sekunden warnten nähernde
Schritte vor der kurz bevor stehenden Ankunft der Sicherheitswächter. Stur, wie
er war, bewegte sich der Doktor nicht und zwang Kirk zum Handeln.
„Eskortieren Sie Dr. McCoy zur Krankenstation, Lieutenant.“
Hawley war ein untersetztes Crewmitglied mittleren Alters
und war über ein Jahr an Bord. Er sah erst McCoy überrascht an, dann Kirk, aber
er hatte die Geistesgegenwart, den Befehl nicht in Frage zu stellen. „Ja, Sir.“
McCoy lagen ein paar passende Kommentare auf der Zunge und
er kämpfte bitterlich darum, sie für sich zu behalten. Stattdessen begegnete er
dem Blick des Captains, an die Humanität in Kirk appellierend. Winterkalte
Augen starrten zurück, eine Augenbraue bösartig hochgezogen. Die automatische
Tür schloss sich, verbarg das Bild des Captains und ließ McCoy mit mehr Fragen
zurück, als er gekommen war. Kopf schüttelnd machte sich ein verstörter und
schwermütiger McCoy zurück auf den Weg zur Krankenstation, den Sicherheitswächter
im Schlepptau.
„Spock, egal, ob es Ihnen gefällt oder nicht, Sie werden die
nächsten vierundzwanzig Stunden hier als mein Gast verbringen. Begleiten Sie
Schwester Chapel, Sie wird Ihnen Ihre neue Unterkunft zeigen.“
Chapels scharfer Blick sagte McCoy, dass sein Versuch, eine offenherzige
Art zu bewahren, nicht ganz erfolgreich gewesen war. Er beobachtete, wie Spock
ihr folgte, dankbar, dass er den missbilligenden Blicken des Vulkaniers
entgehen konnte. Auch wenn Spock es nicht zugeben würde, die Ruhe, die
Medikamente, Nahrung und Flüssigkeit, die er in den nächsten paar Stunden
bekommen würde, würden ihn zurück zu teilweiser Gesundheit und zur
Dienstfähigkeit bringen. McCoy rekalibrierte die Untersuchungsliege für
menschliche Werte, als Kirk erschien. Der Doktor nickte kurz in Richtung Bett
und fuhr mit der Kalibrierung fort. Der Captain legte sich stumm hin, sein
Gesicht wie in Stein gemeißelt.
Verglichen mit den ursprünglichen Scans, die Kirks normale
Parameter dokumentieren, gab es nun einige Abweichungen. Das Niveau des
Stressindikators war höher, aber es gab keine Enzym-Anomalien, die auf einen
Grund für emotionale Labilität hindeuten konnten. Ein blickender Indikator, der
den Alkoholpegel anzeigte, sprang McCoy ins Auge und er starrte die Anzeige
ungläubig an. Dass der Captain zu einer Untersuchung selbst mit einem Minimum
an konsumierten Alkohol in seinem System erschien war eine Bestätigung, wie
sehr Kirks mentale Stabilität gelitten haben musste. Entweder kümmerte sich
Kirk nicht darum, dass das in seiner Akte erschien … oder er wollte es in seiner
Akte haben. McCoy runzelte die Stirn und zog für einen Moment an seiner
Unterlippe.
Über eine Stunde führte der Doktor eine gründliche Untersuchung
durch und strapazierte die ohnehin überbeanspruchte Geduld des Captains mit
unzähligen Tests, um Kirks anormales Verhalten zu erklären. Schließlich
überreichte McCoy dem Captain ein Handtuch und griff nach einem weiteren für
seine eigene verschwitzte Stirn. Sein Patient war unkommunikativ, antwortete
nur mit kurzen Ausbrüchen auf McCoys Fragen. Er lehnte außerdem den Tiefenpsychoscan
ab, den McCoy wollte. Es war sein Recht, wie Kirk schnell klar machte. Solange,
bis McCoy Beweise hatte, dass Kirk von den Kommandovorgaben abwich, konnte der
Doktor es nicht offiziell anordnen.
Noch.
McCoy ließ Kirk allein, damit er sich anziehen konnte, allerdings
nicht, ohne ihn hinterher in sein Büro zu bitten, vorgeblich, um die Ergebnisse
der Untersuchung zu diskutieren. Kirk murrte, aber nickte dennoch. McCoy
seufzte, als er sich umdrehte und sich fragte, was mit dem Freund passiert war,
den er kannte.
Der Doktor nahm einen Umweg, um zu überprüfen, wie es dem
Ersten Offizier ging, der mit offenen Augen im Bett lag.
„Das Ziel des Ganzen ist es, dass Sie sich ausruhen. Um das
zu tun, Spock, müssen Sie Ihre Augen schließen“, konnte sich McCoy nicht verkneifen.
Die schwarzen Augen wanderten von der Decke zu McCoy. „Ich ruhe mich aus,
Doktor.“
McCoy schnaubte und kontrollierte die Lösung, die er dem
Vulkanier intravenös verabreichte. „Wenn Sie es sagen. Ich würde echten Schlaf
verschreiben, denn je länger Sie sich sträuben, desto länger werden Sie hier
sein. Sie werden nicht entlassen, bis ich mit Ihren Werten nicht zufrieden
bin“, ergänzte er sanft und drehte sich dann um, um zu seinem Büro
zurückzukehren.
Kirk wartete an der Bürotür und beobachtete McCoys Ankunft
mit einem Stirnrunzeln. Der Doktor bereitete sich innerlich auf eine
sarkastische Attacke des Captains vor, weil er sich verspätet hatte.
Stattdessen war Kirks Stimme sanft und gewann damit McCoys volle
Aufmerksamkeit. „Wie geht es Mr. Spock? Ich dachte, er wäre hier.“
“Ist er. Da hinten.” McCoy deutete mit dem Daumen über seine
Schulter zu Spocks Nische. Kirks Augen folgen dem Daumen. „Wird er wieder,
Pille?“
McCoy fühlte einen Anflug von Freude, als Kirk seinen
Kosenamen benutzte. Vielleicht gab es doch noch Hoffnung. „Er braucht nur Ruhe,
Jim. Spock scheint manchmal zu vergessen, dass seine menschliche Hälfte nicht
mit dem Vulkanier in ihm mithalten kann. Die Krise im letzten Monat hat ihm
selbst über das Vulkanische Limit hinausgetrieben.“
„Wenn ich gewusst hätte, dass er krank ist, hätte ich
niemals…“ Er brach ab, runzelte die Stirn.
„Was? Was ist es, Jim?“
Der Captain ignorierte die Frage und verlangte stattdessen: „Ich
muss ihn sehen.”
McCoy schüttelte seinen Kopf. „Das Schlüsselwort hier ist
Ruhe, Jim. Niemand wird ihn in den nächsten vierundzwanzig Stunden sehen,
mindestens. Und selbst dann hängt das von seinem Zustand ab.”
Für ein paar Sekunden hatte der Doktor das Gefühl,
tatsächlich mit dem Captain zu kommunizieren, aber bei seinen Worten richteten
sich die haselnussbraunen Augen mit deutlicher Verärgerung auf ihn.
„Ich habe es satt, dass du mich dafür verantwortlich machst.
Weder du noch Spock haben mich über seinen Zustand informiert. Du hast seine
Kondition in den Logbüchern zurückgehalten. Ich habe sie nach meiner Rückkehr
durchgesehen und nichts davon war verzeichnet. Ich warne dich jetzt, dass ich
mir das nicht gefallen lassen werde.“
McCoy konnte praktisch fühlen, wie ihm die Kinnlade
runterklappte. Die Wärme von nur wenigen Sekunden zuvor war komplett gewichen
und hatte Drohungen und einem frostigen, kühlen Ausdruck Platz gemacht.
„Wer bist du, Dr. Jekyll oder Mr. Hyde? Der komplette
Bericht steht in meinem medizinischen Logbuch. Spock bat mich darum, dass ich
es deinem Logbuch nicht anhänge, solange es nicht notwendig wird. Ich hätte dir
davon erzählt, wenn du die Güte besessen hättest zu fragen. Das hast du nicht
getan. Es ist für jeden, der Spock kennt, glasklar, dass es ihm nicht gut geht.
Inzwischen ist es nötig, dass man dich über seinen Zustand informiert.“
„Zu deiner Information: Ich habe Spock gefragt, ob es ihm
gut geht, direkt bevor du in meine Kabine gekommen bist. Ich habe ihn
aufgefordert, dich aufzusuchen. Er hat niemals auch nur angedeutet, dass etwas
nicht stimmt. Er…“ Kirk unterbrach sich, warf einen Blick zurück in Spocks
Richtung.
Der leise, kontrollierte Ärger, den Kirk nun offenbarte,
stand im direkten Gegensatz zu dem unkontrollierten Gebrüll von vorhin. McCoy
studierte Kirk, wich auch nicht zurück, als der Captain den Blick erwiderte.
„Du bist sauer auf Spock, weil er dir nicht gesagt hat, dass er krank ist“,
stellte der Doktor ruhig fest.
„Das kannst du laut sagen“, bemerkte Kirk sarkastisch. „Ihr
habt es beide geschafft, unsere Mission ernsthaft zu gefährden.“
„Mission“, sagte McCoy und runzelte die Stirn. „Die einzige
Mission, von der ich weiß, ist eine simple Patrouille entlang der neutralen
Zone.“
„Ich bin froh, dass du der Meinung bist, eine Patrouille entlang
der Romulanischen Grenzen stellt kein Problem dar, Doktor. Wie dem auch sei,
wenn ich darauf beharren würde, das als eine simple Mission anzusehen, dann
hättest du weit mehr Kunden als du dir vorstellen kannst.“ Eisiger Sarkasmus
schwang in seinem Tonfall mit.
„Du hast ihn für die nächsten vierundzwanzig Stunden. Sieh
zu, dass er sich bei mir meldet, sobald er entlassen ist.“
„Verdammt Jim, hast du auch nur ein Wort von dem gehört, das
ich gesagt habe? Es ist deine verdammte Überlastung, die ihn überhaupt erst da
hingebracht hat. Ich kann dir eines garantieren – er wird auf leichten Dienst
gesetzt sein, wenn er zurückkommt.“ McCoy suchte in dem Gesicht nach Zeichen
des Jim Kirk, den er so gut kannte. Seufzend schüttelte er den Kopf. „Wir
werden das hier draußen nicht lösen.“
Er nickte in Richtung seines Büros, wartete auf Kirk, damit
dieser voran ging. Der Captain blieb stur wo er war. „Du hast bekommen, was du
wolltest. Ohne meinen Ersten Offizier bin ich in Zeitdruck.“ McCoy verengte
seine Augen. „Das ist Teil deiner Untersuchung. Und glaube mir, mangelnde
Kooperation wird Teil meines Berichts über diese Untersuchung sein. Je länger
wir darüber argumentieren, desto länger wird es dauern.“ Der Doktor lehnte sich
zurück gegen die Wand. „Außerdem, Captain, sehe ich keinen Alarm leuchten.
Außer dem in meinem Kopf gerade jetzt. Du hast Angst mit mir zu reden.“
Das provozierte genau die Reaktion, die McCoy erwartet
hatte. Kirks Kopf schnellte hoch und seine Schultern zuckten zurück. „Angst,
Doktor?“ Er drehte sich schwungvoll um und stürmte an McCoy vorbei in dessen
Büro.
Bevor McCoy sich in seinem Stuhl hinsetzten konnte,
verlangte Kirk: „Ich könnte einen Drink vertragen.“
McCoy verbarg jede Reaktion und fragte sich, warum Kirk
Alkohol verlangte und damit vorsätzlich die Tatsache ignorierte, dass sie hier
wegen der Kommandotauglichkeit des Captains waren. Entweder war Kirk so kurz
vorm Durchdrehen, dass er sich der Gefahr nicht bewusst war oder… McCoy
erlaubte sich ein Stirnrunzeln, als er den Brandy aus seinem Schrank holte.
Verlangte Kirk den Drink mit Absicht? Manchmal… er konnte fast die kalkulierten
Bewegungen des Captains sehen, die ihn zu der verlangten Antwort brachten. Aber
warum?
McCoy überreichte Kirk eine kleine Menge bernsteinfarbener
Flüssigkeit und nahm einen Schluck von seinem eigenen Glas. Vielleicht würde
ein gemeinsamer Drink helfen. Der Herr allein mochte wissen, wie oft sie das in
der Vergangenheit getan hatten.
Anstatt an seinem zu nippen, kippte der Captain den Brandy
in einem Zug hinunter. Er hielt McCoy sein Glas entgegen, der es neu befüllte
und seine Sorge unterdrückte.
„Deine Untersuchung hat keine signifikanten Probleme
ergeben. Es gibt allerdings Anzeichen von Stress, vermutlich verursacht durch Mangel
an Schlaf und gesunder Ernährung. Das kann leicht behoben werden. Deine psychischen
Reaktionen zeigen eine Veränderung, Verärgerung, Gereiztheit, Misstrauen
gegenüber Personen, die an Paranoia grenzt…“
„Das ist ganz großer Mist, McCoy. Ich bin nicht paranoid und
dein kleiner Leuchtfarbentest wird das in jedem Fall beweisen“, erwiderte Kirk
angriffslustig.
McCoy fuhr fort und hielt dabei dem Blick des Captains
stand: „Du hast den psychologischen Tiefenscan abgelehnt, der mir Aufschluss darüber
gegeben hätte, wie ich dir helfen kann. Ich warne dich, in dem Moment, wo du
von den Kommandoregularien abweichst, werde ich die Erstellung eines
psychischen Profils anordnen und dich des Kommandos entheben, bis ich zufrieden
stellende Antworten habe. Und das schließt ausdrücklich“, seine Augen wanderten
zu dem fast leeren Brandy-Glas auf dem Tisch, „Trinken im Dienst mit ein.“
Kirk schüttelte den Kopf. „Seit wann hast du ein Problem
damit? Wir haben das oft genug getan. Wenn das Grund genug ist, meinen Kopf zu
untersuchen, dann sollte das auch für deinen gelten.“ Er schluckte den Rest aus
seinem Glas hinunter und füllte es angriffslustig zum dritten Mal. McCoy sah
ihm zu, schüttelte den Brandy in seinem eigenen Glas, bevor er es auf dem
Schreibtisch vor sich abstellte. Der Genuss war ihm plötzlich abhanden
gekommen.
„Ich bin nicht zu meiner eigenen Untersuchung mit einem
ohnehin schon hohen Alkoholpegel gekommen. Was Teil deiner Akte ist.“ Er hielt
inne und runzelte die Stirn. „Und du weißt das ganz genau.“
Da war es wieder, die Lösung, die knapp außerhalb seiner
Reichweite vor seiner Nase herumtanzte. Gedankenversunken nahm er den Brandy
wieder auf und stellte ihn weg. Mit dem Rücken zu Kirk sagte er gerade laut
genug, dass der Captain es hören musste: „Gerade so, als wolltest du die
Tatsache in deiner Akte haben.“
McCoy hielt daraufhin in der Reflexion des Schrankglases
nach einer Reaktion Kirks Ausschau, aber es gab keine. Sein Gefühl, dass Kirk
vielleicht irgendeine wirre Scharade spielte, war bestimmt von der unlogischen
Hoffnung, dass in Wahrheit nichts schief lief mit seinem Captain und Freund. Er
verschloss den Schrank und kehrte mit einem tiefen Seufzer zu seinem Schrank
zurück.
„Jetzt muss ich, getreu den Vorschriften, eine Erklärung für
die hohen Stresswerte meinem medizinischen Bericht anhängen. Ist das klar,
Captain, Sir?“
Kirk nickte und seufzte nun seinerseits übertrieben.
McCoy lehnte sich in seinem Stuhl zurück, verschränkte die
Arme und wartete darauf, dass Kirk irgendetwas sagte. Nach einigen langen
Momenten der Stille zog er eine Augenbraue hoch. „Wenn du willst können wir
hier die ganze Nacht sitzen, ich habe alle Zeit des Universums. Ich denke
allerdings, dass du im Gegensatz ein beschäftigter Mann bist. Also schlage ich
vor, dass du mit reden anfängst, wenn du vor dem Abend hier raus willst.“
Kirk verengte seine Augen zu Schlitzen. „Was genau möchtest
du hören, Doktor? Möchtest du, dass ich dir sage, dass mein Erster Medo-Offizier
mir mit seinen wechselnden Anfällen von Insubordination Stress verursacht?“
McCoy schüttelte seinen Kopf, unfähig, seinen Frust zu
verbergen. Er war fast dankbar, als das Interkom ihn unterbrach. Es war Chapel,
die eine andere Verletzung in der Sicherheitsabteilung berichtete, diesmal einen
gebrochenen Arm. Als er den Maßnahmen lauschte, die seine Leute eingeleitet
hatten, beobachtete er Kirks Reaktionen. Nichts. Kirk ignorierte ihn, scherte
sich nicht um die Gesundheit seiner Crew.
McCoy unterbrach die Verbindung. „Mit der Rate, mit der sich
auf diesem Schiff augenblicklich Verletzungen ergeben, wirst du eine neue
Kommandocrew haben, wenn wir die Neutrale Zone erreichen. Das ist jetzt der
dritte Fall heute.“
„Machst du mich dafür verantwortlich? Gibt es sonst noch
was, was du mir anlasten willst? Auf Shren III ist eine Seuche ausgebrochen und
auf Allers wütet eine Hungersnot, wo wir schon dabei sind.“ Er starrte McCoy
an. „Und du willst wirklich wissen, warum meine Stresswerte erhöht sind?“
McCoy begegnete seinem Blick, schalt sich selbst, weil er
sich in diesen geistigen Wettstreit hatte ziehen lassen. Er machte eine Pause
und überlegte, wie er Kirks Abwehr durchbrechen konnte.
Er warf einen kurzen Blick auf Kirks Glas. Es war fast leer.
Kirk zeigte keinerlei Ausfallerscheinungen, aber er hatte genug getrunken, um in
einen gewissen Rauschzustand zu verfallen. McCoy hob sein eigenes Glas und
nippte daran, um Zeit zu gewinnen.
Kirk nahm seinen Drink, hielt aber mitten in der Bewegung
inne, um auf das Glass zu starren. Die Augen des Arztes weiteten sich, als der
Captain sich schüttelte und den Brandy zurück auf den Schreibtisch stellte. Für
einen kurzen Moment war sich McCoy sicher, klar Ekel in den haselnussbraunen
Augen gesehen zu haben.
„Jim, was ist los? Was läuft schief?“
Eine lange Stille folgte, so lange, dass McCoy nicht mehr
mit einer Antwort rechnete. Dann flüsterte Kirk: „Ich hasse das…“ McCoy
erstarrte. Was hasste er? Er ging geistig kurz alle Szenarien durch und fragte
sich, auf welches genau sich Kirk bezog; das Trinken, sein Verhalten, die
Mission, Captain zu sein? Keins davon passte vollständig ins Bild. Der Doktor
hielt seine Stimme ruhig, bemüht, Kirks Laune nicht zu verderben. „Das kann ich
sehen. Warum?“
Kirk zuckte fast unmerklich mit den Schultern. Die Augen,
die seinen begegneten, flehten um Vergebung, erzählten eine Geschichte von Sorgen
und Schmerzen. McCoy kam um den Schreibtisch herum, stützte sich an der Ecke
neben Kirk ab. Er berührte seine Schulter. „Jim, das war ein harter Monat.
Möchtest du darüber reden?”
“Worüber?”
Der Doktor zögerte. “Nun, zum einen über Miramanee. Über die
Zeit, die du mit ihr verbracht hast.“
Ein verwundbarer Ausdruck flackerte über Kirks Gesicht und verschwand.
McCoy fühlte, wie sich sein eigener Magen zusammen zog. Unlogischerweise fühlte
er sich irgendwo für ihren Tod und Kirks Schmerz verantwortlich. „Jim, ich
möchte helfen. Lass es mich versuchen.“ Er legte eine Hand auf die Schulter des
Captains und für einen Moment konnte er fühlen, wie sich Kirk gegen ihn lehnte.
Dann versteifte sich der Captain abrupt und riss sich von der Berührung los. Er
kann ungeschickt auf die Füße und schwankte für einen Moment. „Das hat nichts
mit meiner Untersuchung oder meiner Kommandotauglichkeit zu tun. Wenn du nichts
zu diesen zwei Punkten zu sagen hast, schlage ich vor, du lässt mich in Ruhe.“
McCoy musste schnell sein, um Kirks fluchtartigen Abgang
Richtung Tür aufzuhalten. Er riss den Captain gewaltsam herum, legte die
eiserne Autorität in seine Stimme, für die er berühmt war. „Captain, der Tod deiner
Frau und deinen Schmerz angesichts ihres Verlusts mit mir zu diskutieren hat
alles mit deiner Kommandotauglichkeit zu tun. In meinen Logs ist meine Theorie
vermerkt, dass dein ungewöhnliches Vorgehen durch deine Trauer verursacht ist
und…“
Kirk hieb seine Faust gegen die Wand, verpasste McCoy nur
knapp. „Hör auf! Ich will nicht… Ich kann nicht …“ Er unterbrach sich, sein Gesicht
erneut Schmerz verzerrt.
„Jim“, McCoy drückte den Arm, den er immer noch hielt,
sanft. „Ich kann nicht wissen, wie du dich fühlst. Ich habe deine Frau nicht
gekannt. Aber ich weiß, wie ich mich gefühlt habe, als ich gezwungen war,
zurückzutreten und nichts zu tun, sie sterben zu lassen. Ich…“
Kirks Augen saugten sich in McCoy fest, seine Stimme
angespannt. „Hättest du sie retten können?”
McCoy öffnete seinen Mund, zögerte aber. „Ich weiß es nicht.
Es gab eine kleine Chance, wenn wir sie an Bord gebeamt hätten. Wir hatten deinen
Sohn bereits verloren, es gab nichts…“
Das Gesicht des Captains wurde weiß und der Doktor ergriff
seinen Arm um ihn zu stützen, besorgt, das Kirk kurz davor war, zusammen zu
klappen.
„Sohn“, flüsterte Kirk, Feuchtigkeit glitzerte unter seinen
Augenliedern, als er sie schloss. „Das hast du mir nie gesagt.“
„Nein. Ich wusste nicht, ob du es wissen wolltest.” Seine
Stimme brach. „Ich wusste nicht, ob es das für dich schlimmer macht.“
Kirk Atem kam stoßweise und er öffnete seine Augen, die vor
Wut loderten. „Das hast du gerade getan.“ Die Worte kamen leise und
gleichmäßig, McCoy registrierte diese Tatsache, als er sich auf Kirk
konzentrierte. Selbst betrunken und wütend brüllte Kirk so gut wie nie. All die
anderen Vorfälle in den letzten paar Tagen hatten einen Beigeschmack von
Unehrlichkeit, wie eine Art Scharade. Jetzt aber wusste er, dass er zum Kern
von Kirks Unzufriedenheit vorgedrungen war. Und mit Kirks nächsten Worten war
sich McCoy nicht sicher, ob er dem Captain helfen konnte. Oder sich selbst.
„Verdammt, McCoy! Du versuchst immer, in der Psyche anderer herumzuspielen,
als wärst du Gott. Ich habe Alpträume, in denen sie mich bittet, sie zu retten,
nur immer wenn ich nach ihr greife, verwandelt sie sich in Edith. Erinnerst du
dich an sie, Pille?“ Kirk fasste McCoys Shirt, zog ihn näher. „Erinnerst du
dich an deine Reaktion, mit der du mich gezwungen hast, der Tatsache ins Auge
zu sehen, dass in Wahrheit ich Edith getötet habe, was das Ganze tausendmal
schlimmer machte?“
McCoy fühlte, wie sein Herz bei Kirks Worten stehen blieb.
Konnte Kirk über die ganze Zeit so viel Missgunst aufgestaut haben? Bevor er
auch nur versuchen konnte, den Captain zu beruhigen, wurde er herumgeschleudert
und gegen die Wand gedrückt.
„Jedes Mal habe ich meine Pflicht gegenüber diesem Schiff
erfüllt, trotzdem hast du mich für die Entscheidung bluten lassen. Wenn ich in
dein Gesicht sehe, höre ich nur deine Anschuldigungen, dass ich Edith getötet
habe. Und dann Miramanee… als ich versucht habe, der Ersten Direktive zu folgen
und die Kultur nicht mehr als bereits geschehen zu verändern, hast du mit mir
gestritten, mein Herz in Stücke gerissen. Manchmal denke ich, musst du
vergessen, dass ich eines habe.“ Sein Gesicht verzerrte sich, ein unterdrückter
Schluchzer wurde laut.
„Ein Sohn. Verdammt McCoy! Halte dich nur von mir fern.”
Kirk fuhr herum und war aus dem Büro raus bevor McCoy seine
wackeligen Beine genug beruhigen konnte, um ihn zu tragen. Er zwang sich selbst
dazu, sich zu bewegen, tapste wie ein alter Mann zu seinem Stuhl und ließ sich
hineinfallen. Nach einigen beruhigenden Atemzügen zwang der Doktor seinen
eigenen Schock und Schmerz zurück in einen hinteren Winkel seines Verstands in
dem Versuch, sich auf den Captain zu konzentrieren und die Möglichkeit, dass
vergrabener Ärger und Trauer die Ursache für das abnorme Verhalten war.
Er ging zu seinem Schreibtisch, bereitete sich auf einen
Logbucheintrag vor, seine Worte sorgfältig auswählend. Seiner Meinung nach
sollte Kirk sich jetzt einem Tiefenscan, dass er wollte, unterziehen, bevor
etwas passiert war. Aber bis er keine Beweise dafür hatte, dass Kirks
Kommandoentscheidungen beeinträchtigt waren, waren ihm die Hände gebunden. Der Captain
würde sein Wort, dass er den Test brauchte, nicht akzeptieren, ja wenn der
Captain tatsächlich so über seinen Ersten Medo-Offizier dachte, sollte McCoy
vermutlich nicht derjenige sein, der den Test durchführte.
McCoy fuhr sich mit seinen Händen durchs Haar, stellte fest,
dass seine Hände noch immer zitterten. Alles, was er tun konnte, war zuzugucken,
zu warten und sich zu sorgen.
„Medizinischer Tagesbericht der Enterprise, Sternzeit
5027,3, es spricht Dr. Leonard McCoy.“ Der Doktor linste zu Spock hinüber. Die
vierundzwanzig Stunden waren um und der
Vulkanier zeigte eine bemerkenswerte Geduld, was seine
Entlassung betraf. McCoys Bitte an Spock, seinen Eintrag zu bezeugen, hatte der
nur mit einer gehobenen Augenbraue quittiert. Jetzt, da er es abgelehnt hatte
sich zu setzen, stand Spock mit verschränkten Armen auf der anderen Seite vom
Schreibtisch des Doktors. McCoy fuhr fort und wählte seine Worte dabei
sorgfältig:
“Ich mache mir Sorgen um Captain
Kirk. Er zeigt deutliche Symptome nervlicher und seelischer Überbelastung. Als Mediziner
führe ich die Reizbarkeit Captain Kirks auf die Tatsache zurück, dass die
Enterprise zu lange ohne Ablösung im Raum patrouilliert. Captain Kirk
widersetzt sich einer psychiatrischen Behandlung.“
Spock nickte. „Sie halten das
Offensichtliche fest. Starfleet Vorschriften besagen, dass der Erste Medo-Offizier
über ungewöhnliches Kommando-Entscheidungen jederzeit informiert sein muss. Wie
dem auch sei, ich stimme mit Ihrer Einschätzung überein.“ Er verlagerte sein
Gewicht und ließ die Arme sinken. „Gibt es noch etwas?“ McCoy ignorierte ihn,
speicherte den Eintrag ab und stand in der gleichen Bewegung auf. „Nein. Ich
bringe Sie zu Captain…“
Spock versuchte zu unterbrechen.
„Das wird nicht notwenig sein. Ich…“ Der Doktor stellte sich vor die Tür. „Ich
möchte sichergehen, dass er versteht, was leichter Dienst heißt. Seien Sie
gewarnt, Spock. Ich werde Sie außerdem überwachen, ob Sie den Stundenplan, den
ich Ihnen gegeben habe, einhalten. Wenn Sie außerhalb der Krankenstation
bleiben wollen, befolgen Sie ihn besser bis zum letzten Buchstaben.“
Spock reagierte nicht auf seine
Schmalspur-Drohung. Mit gelangweiltem Gesichtsausdruck verließ er die
Krankenstation. Sein Schweigen war nur etwas weniger nervtötend als der eisige
Blick des Captains aus haselnussbraunen Augen, die ihn herausforderten, sobald
McCoy die Bedingungen von Spocks Entlassung erklärt hatte. Der Vulkanier hatte
in förmlicher Haltung vor Kirks Schreibtisch gestanden, als der Doktor die
Flucht ergriff. Er fühlte tatsächlich so etwas wie Mitleid mit dem Vulkanier
und ertappte sich bei einem Anflug von Beschützerinstinkt, ihn aus den Fängen
des Captains zu befreien.
Den ganzen Tag über behielt McCoy
das Schiffs-Logbuch im Auge und machte einige Abstecher zur Brücke, um sich
einen Eindruck zu verschaffen. Kirk gab dazu keinen Kommentar ab, aber es war
offensichtlich für den Doktor, dass seine Anwesenheit nicht willkommen war.
Nichts Außergewöhnliches geschah und eigentlich erschien Kirk viel ruhiger als
die Tage zuvor.
Die erste Schicht war fast vorüber
und Spock war für fast fünf Stunden auf der Brücke gewesen. McCoy bereitete
sich auf einen weiteren Abstecher zur Brücke vor, wenn auch nur, um Spock dazu
zu ermuntern zu essen, in dem er sich ihm für das Abendessen anschloss.
Ein roter Alarm hallte durchs
Schiff, als er aus seinem Büro kam. McCoy fühlte, wie sich sein Magen in einen
harten Knoten verwandelte, drehte sich automatisch um, um zu überprüfen, ob
seine Abteilung auf mögliche eintreffende Verletzte vorbereitet war. Chapel
kümmerte sich bereits darum, dass die Triage-Pflichten dem in Reaktion auf den
Alarm herbeieilenden Personal zugewiesen wurden. Sie hob besorgt den Blick, als
er näher kam, es war schwierig, hier unten im Dunkeln gelassen zu werden und
nicht genau zu wissen, was vorging.
Nachdem er sich davon überzeugt hatte,
dass seine Abteilung vorbereitet war, machte sich McCoy auf den Weg zur Brücke,
nur um Hals über Kopf zum Besprechungsraum umdirigiert zu werden. Er ließ den
Turbolift umkehren und fühlte seine Spannung ein weiteres Stück steigen. Scott
war noch vor ihm da. Er glitt in einen Stuhl direkt neben dem grimmig
blickenden Ingenieur.
"Was ist passiert?"
Der schottische Akzent war
unterlegt mit Wut. „Wir sind in der Neutralen Zone und umzingelt von
Romulanern. Sie verlangen, dass wir uns ergeben. Der Captain…“
Der Captain kam herein, Spock
dicht hinter ihm. Einmal im Raum verharrte der Vulkanier nahe der Tür. Der
Captain lief im Raum auf und ab, seine aufgestaute Energie hinderte ihn daran,
sich zu setzen.
„Mr. Spock, Sie wollten vorhin eine Vermutung äußern, warum
Ihre Instrumente diese Schiffe so spät registriert haben.“
„Ich nehme an, dass die Romulaner ein Tarnverfahren
entwickelt haben, das unsere Ortungsgeräte elektrisch außer Kraft setzt.“
„Wenn das stimmt, dann können die Romulaner in das Gebiet
der Vereinigten Planeten einfallen, bevor ein Raumschiff oder gar ein Planet
verteidigungsbereit wäre.”
„Genauso, wie sie uns erwischt haben“, sagte der Ingenieur.
Der Captain ging augenblicklich auf Scott los.
„Ihre blödsinnige Bemerkung können Sie sich sparen. Haben
Sie nichts Konstruktives anzubieten?“
Scott erschien für einen Moment perplex, dann schüttelte er
die Schultern.
„Wir haben keine Wahl mehr, Sir.“
„Ach was, reden Sie nicht. Wir können kämpfen und
untergehen. Oder wir können die Enterprise selbst vernichten und sie so dem
Zugriff der Romulaner entziehen. Oder - wir können uns ergeben.“ Kirk gab
niemanden eine Chance, darauf zu reagieren.
“Na, sagen Sie mal Ihre Meinung dazu.”
“Wenn die Enterprise den Romulanern in die Hände fällt, dann
wissen die alles über die Bauweise unserer Schiffe”, sagte Scott.
McCoy hatte Kirk sorgfältig nach Zeichen für Instabilität observiert,
aber er sah nichts, dass auf irgendeine Anomalie hinwies. Wenn schon sonst
nichts, so waren die Handlungen des Captains entschieden und professionell. Er
beobachtete Spock, wie er katzengleich den Raum durchschritt, um sich dem
Captain entgegenzustellen.
„Wir haben die Neutrale Zone verlassen, weil Sie es befohlen
haben“, sagte Spock kalt und gleichgültig. „Und jetzt erwarten Sie von uns,
Ihre Fehlentscheidungen zu korrigieren, Captain?“
Der Doktor versteifte sich, seine Augen weit aufgerissen
"Jim! Geht das auf dein Konto? Dazu hattest du kein Recht!“
Der Captain und sein Erster Offizier starrten sich noch
immer gegenseitig an.
Kirk fauchte: „Halt die Schnauze, Pille.“
Obwohl Spock Kirk herausgefordert hatte, gab es keine
Anzeichen dafür, dass der Erste Offizier McCoy dazu bringen wollte, die Kommandotauglichkeit
des Captains anzuzweifeln. Der Doktor lehnte sich nach vorne. „Jim…“
„Du sollst dich raushalten, habe ich gesagt.“
Es war unmöglich, das zu ignorieren. McCoy war schon auf
seinen Füßen und aus der Tür raus, fast bevor das Echo verklungen war. Mit
wütenden, abgehackten Schritten zog sich der Doktor in sein Büro zurück, die
fragenden Blicke seiner Mitarbeiter ignorierend.
Die Konferenz war sicherheitskodiert, daher hatte er keine
Möglichkeit, sich in die Diskussion einzuklinken. Der Doktor rief die
Brückenaufzeichnungen der letzten paar Stunden auf und sah sich Kirks
Handlungen in den letzten paar Minuten an, bevor er den Übertritt in die
Neutrale Zone befohlen hatte. Er ging auf Uhura, Sulu und Spock im Minutentakt
los, als er aber das Schiff in Aktion versetzte, schien er vollständig Herr
seiner Sinne zu sein. Was zum Teufel war hier los?
Der Doktor verwendete fast zwanzig Minuten darauf, die
Aufzeichnung zu studieren in dem Versuch, irgendeinen Hinweis darauf zu finden,
was er übersehen hatte. Frustriert sah McCoy schließlich aus seinem Fenster und
bemerkte, dass seine Mitarbeiter nervös in Richtung seines Büros sahen. Er
seufzte schwer. Sie wollten Antworten, wenn er keine hatte. Widerstrebend erhob
sich McCoy, setzte sich aber schnell wieder, als das Pfeifen des Interkoms die
Stille durchbrach.
„Dr. McCoy“, Uhura klang professionell und distanziert. „Mr.
Scott hat mich gebeten Sie zu informieren, dass der Captain und Mr. Spock
freiwillig im Austausch für zwei Romulanische Crewmitglieder auf das
Romulanische Flaggschiff gebeamt sind. Wir werden Sie auf dem Laufenden
halten.“ Bevor sie ihn abschalten konnte, fragte McCoy: „Brauchen Sie mich auf
der Brücke?“
Es gab eine Pause, danach Totenstille für einen Moment.
„Nein. Mr. Scott bittet Sie, dass Sie in Alarmbereitschaft in der
Krankenstation bleiben.”
McCoy nickte. „Okay, Lieutenant.“
Für einen Moment saß er mit verdeckten Augen einfach nur da
und erlaubte es sich selbst nicht, die Gefahr zu erwägen, in denen sich seine Freunde
begeben hatten. Die Situation wurde von Minute zu Minute düsterer. Es gab nur
noch eine schwache Hoffnung, dass einer von beiden unverletzt oder auch nur
lebend zurückkam. Was Jim Kirk betraf, so würde es besser sein, er würde nicht
zurückkommen. Hier würde er als Verräter gebrandmarkt und für die Gefährdung
seiner Crew verantwortlich gemacht werden. Vorausgesetzt, sie würden das hier
überleben. McCoy stöhnte. Wenn irgendjemand von der Crew verletzt werden würde,
hatte er das nur sich selbst zuzuschreiben. Er allein war als Erster Medo-Offizier
dafür verantwortlich, dass der Captain mental gesund blieb.
McCoy führte kurz einige Entspannungsübungen durch, um die
Spannung in seinen Schultern und die Vorboten von Kopfschmerzen, die er an
seinen Schläfen bereits spüren konnte, zu lindern. Er stand auf, hüllte sich in
eine professionelle Aura und ging hinaus, um seine Mitarbeiter mit den
unangenehmen Fakten bekannt zu machen. Sie verdienten es, die Wahrheit zu
wissen.
Zwei Meldungen von der Brücke später gab es noch immer keine
Informationen über das, was mit Kirk und Spock geschah. Zumindest verharrten
die Schiffe bewegungslos und niemand schoss aufeinander. Dann leitete Uhura die
Nachricht der Romulanischen Kommandantin weiter und McCoy und Chapel hörten ungläubig
zu.
„Achtung, Enterprise, ich spreche vom Romulanischen
Flaggschiff. Ihr Raumschiff Enterprise, das bisher unter dem Kommando des
Captains James T. Kirk stand, sollte einen Spionageauftrag ausführen. Die
Aussagen des Ersten Offiziers Spock haben unseren Verdacht bestätigt, dass das
Eindringen in den Romulanischen Raum kein Zufall war. Spock hat weiter
ausgesagt, dass die Enterprise weder von Ihrem Flottenkommando noch vom Rat der
Föderation der Vereinigten Planeten zur Spionage beauftragt war. Captain Kirk
ist allein für das Unternehmen verantwortlich. Die Mannschaft hat nur Befehle ausgeführt
und hat von uns nichts zu befürchten. Ich befehle jedoch dem Chefingenieur
Scott, der zurzeit Kommandant der Enterprise ist, unserem Flaggschiff bis zu
unserer Basis zu folgen und dort neben uns aufzusetzen. Sie alle haben dort
nichts zu befürchten. Es geht uns lediglich darum, dass Verhalten Ihres
Captains zu durchleuchten. Dann werden Sie unbehelligt dem Kontaktschiff der
Föderation der Vereinigten Planeten übergeben.“
In die tödliche Stille hinein hörte er Chapel einen
abgehackten Atemzug nehmen. „Das kann nicht stimmen. Spock würde den Captain
niemals hintergehen. Ich verstehe das nicht.“
McCoy rieb sich die Augen, seine Schläfen begannen zu pochen
trotz seiner Bemühungen, etwas dagegen zu tun. „Ich verstehe das alles nicht.
Aber im Moment hört es sich danach an, dass Spock mit Jims Leben um unsere
spielt.“
„Wie kann er das tun? Der Captain ist sein Freund“, meinte
Chapel böse.
„Spock ist ein logisch denkender Mann. Er untersucht das
Problem von allen Seiten und wählt dann die brauchbarste Alternative, ungeachtet
der emotionalen Verwicklungen.“
Chapel runzelte die Stirn, schluckte aber ihre Antwort
hinunter als ein Crewmitglied mit einem verbrannten Arm vom Maschinenraum in
die Krankenstation geleitet wurde. Fast dankbar wandten sie beide ihre
Aufmerksamkeit dem unglücklichen Techniker zu. McCoy schalt ihn, weil er Sicherheitsmaßnahmen
ignoriert hatte.
Er war fast fertig mit seiner Aufgabe, als das Interkom erneut
piff. Verärgert übergab der Doktor Chapel das Verbandsmaterial und wechselte zu
einem privaten Kanal, um den Ruf zu beantworten.
Es war abermals Uhura, ihr Gesicht vor Emotion gerötet.
„Doktor McCoy. Sie müssen sich auf das Romulanische Flaggschiff beamen. Da ist
jemand verletzt.“
McCoy fühlte den Knoten in seinem Magen zu Eisen werden. Das
Romulanische Schiff? Er war Arzt, kein…
„Ich mache keine Hausbesuche”, fauchte er.
Uhuras Erregung wurde mit einem Mal deutlich. „Es handelt
sich um Captain Kirk.“
McCoy schaltete das Interkom ab, seine Knie waren bereits
weich. In dem Moment, in dem Uhura ihn angerufen hatte, hatte er gewusst, dass
einer seiner kommandieren Offiziere verletzt worden war.
Chapel kam zu ihm rüber, einen fragenden Blick auf ihrem
Gesicht. „Doktor? Geht es Ihnen gut? Sie sehen etwas blass aus.”
Yeah, dachte McCoy, wie ein Feigling. Ich fürchte mich zu
Tode. Stattdessen lehnte er sich gegen die Wand und kämpfte darum, seine Atmung
wieder unter Kontrolle zu bekommen. „Holen Sie mir einen Trikorder und ein
Medikit. Ich werde auf dem Romulanischen Flaggschiff gebraucht.“
Die Schwester organisierte die verlangten Gegenstände und
sah schweigend dabei zu, wie er sie verstaute. Als er sich umdrehte um zu
gehen, hielt sie ihn mit einer Hand auf seinem Arm zurück. „Ich komme mit
Ihnen.“
McCoy zwang sich angesichts ihrer Unterstützung zu einem
Lächeln und fragte sich kurz, ob er zu einem solchen Angebot in der Lage
gewesen wäre, wären ihre Positionen vertauscht. „Ich denke nicht, dass Sie
eingeladen sind, aber trotzdem danke.“
Innerhalb weniger Minuten war der Doktor alleine an Bord des
romulanischen Flaggschiffes gebeamt worden. Ohne ihm eine Chance zu geben, den
beengten Transporterbereich näher zu inspizieren, bugsierten ihn zwei große,
dünne Aliens einen Korridor entlang, mit ihren Waffen gestikulierend. Sie
bewegten sich schnell und McCoy, der sich an oft wiederholte Anweisungen
Captain Kirks erinnerte, sich jedes Detail einzuprägen, wenn man sich in Feindeshand
befand, hatte Mühe, die ganzen Abzweigungen und Richtungsänderungen zu
behalten. Von außen hatte das Romulanische Schiff wesentlich kleiner
ausgesehen.
Sie kamen unerwartet in dem Gefängnisbereich an und ein
Blick auf Kirk war genug, um McCoy zur Zellentür hasten zu lassen. Er war
gezwungen, ungeduldig darauf zu warten, dass die Barriere von Kirks Raum von
außen deaktiviert wurde. Die Wache ließ ihn ein und aktivierte die Barriere
sofort wieder, McCoy innen einschließend.
Der Captain lag ausgestreckt auf dem Boden, sporadisches
Zittern ließ seinen Körper erbeben. Nachdem er die Abwesenheit gebrochener
Knochen festgestellt hatte, half der Doktor Kirk dabei sich aufzusetzen und auf
der Bank Platz zu nehmen. Definitiv‚ Anzeichen von neurologischen Schäden waren
vorhanden, so wie die Schwäche, die der Captain in seiner rechten Seite
offenbarte. Das würde leicht genug zu beheben sein, McCoy war viel mehr besorgt
über Kirks Mangel an Widerstand, als der Doktor ihn auf der Bank runterdrückte.
Tatschlich offenbarte er keinerlei Anzeichen für eigenständige Bewegung oder
Sprache. Kirk hatte auf seine Anwesenheit überhaupt nicht reagiert. Er
erinnerte sich der Wache und presste hervor: „Ich krieg ihn schon wieder hin.
Die Gefahr ist vorbei. Informieren Sie Ihren Chef.“
Die Wache brummte unwillig, aber McCoy war erleichtert, als
er sich umdrehte und in ein Interkom an der Wand hineinsprach.
Kirks Schulter ergreifend fragte er: „Jim! Was ist passiert?
Wo ist Spock?“
Als Antwort irrten die Augen im Raum umher. Nur kleine
Luftwolken kamen heraus, als er erfolglos versuchte zu sprechen. Dankbar, dass
man ihm sein Medikit gelassen hatte, zog McCoy eine Hypospritze hervor, entschlossen
zu versuchen, dem neurologischen Schaden entgegenzuwirken. Es war riskant ohne
die Überwachungsgeräte in der Krankenstation der Enterprise.
Kirk mochte geschwächt sein, aber der Doktor bemerkte
schnell, dass der Captain genug Kraft übrig hatte, um ihn zu überrumpeln. Bevor
er die Medizin injizieren konnte, hielt Kirks eiserner Griff seinen Arm mitten
in er Luft fest. Überrascht sah er, wie sich haselnussbraune Augen in seine
eigenen bohrten.
„Nein, ich lasse mich nicht vergiften!“
„Jim“, McCoy versuchte es mit ruhigen Argumenten, sein
rasendes Herz ignorierend. „Ich versuche, dir zu helfen.“
Kirk schüttelte seinen Kopf, sein Griff verstärkte sich
schmerzhaft um McCoys Arm. „Erst stellt sich Spock gegen mich, jetzt du. Ich…“
Er brach ab, gab den Arm des Doktors frei, als sich nähernde Schritte laut
wurden.
Die Romulanische Kommandantin trat ein. McCoy beobachtete
sie vorsichtig. Seine Augen weiteten sich, als Spock ihr in die Zelle folge.
Die Kommandantin fragte: „Sie sind der Arzt?“
Der Doktor nickte, unfähig, seinen Blick von Spock zu lösen.
„McCoy, Schiffsarzt der Enterprise.“
„Wie ist Captain Kirks Zustand?“ Die Romulanerin sah flüchtig
zu Kirk hinüber, dann zurück zu McCoy. McCoy haderte mit sich, fragte sich,
welche Richtung er einschlagen sollte. Spock gab ihm keinerlei Hinweis und Jim
war ganz sicher nicht in der Lage, ihm zu helfen. Kirk benötigte medizinische
Hilfe an Bord der Enterprise und der einzige Weg, der McCoy einfiel, ihn
dorthin zu bringen, war es, die Situation düster erscheinen zu lassen.
„Schlechter, als ich befürchtet habe“, begann McCoy und sendete zur Absicherung
einen weiteren kurzen Blick in Spocks Richtung. Der Vulkanier zeigte keinerlei
Reaktion auf seine Worte oder angesichts von Kirks Zustand. Der Doktor fuhr mit
seiner Erklärung fort und gestikulierte in Kirks Richtung. „Starke Depressionen in Folge totaler körperlicher und
geistiger Erschöpfung. Symptome von Verfolgungswahn und Schizophrenie.“
Die glänzenden, braunen Augen der Kommandantin bohrten sich
in seine.
„Nach diesem klaren Befund kann man also sagen, er ist nicht
mehr im Besitz seiner geistigen Fähigkeiten?“
McCoy bog sich innerlich bei seinen nächsten Worten und
schaffte es nicht ganz, Spocks Blick auf ihn zu erwidern. „Nein, zurzeit
nicht.“
„Mr. Spock hat vorhin ausgesagt, dass Captain Kirk weder die
Berechtigung besaß noch den Auftrag hatte, in unser Gebiet vorzustoßen. Wäre es
denkbar, dass er zur Zeit seines Befehls schon anormal war?“
Sie schien die Antwort bereits zu wissen, bevor McCoy sie
gab.
„Ja, das wäre möglich.“ McCoy verfluchte sich selbst im
Stillen. Spock war ihm keine Hilfe, blieb ruhig an der Seite der Kommandantin. Der
Doktor wusste nicht, ob die Wahrheit die Sache schlimmer machte. Alles, was er wusste,
war, dass er Kirk helfen musste. Der Doktor sah zu dem Captain herüber, der
immer noch zusammen gesunken und mit glasigem Blick an einem Ende des Bettes
saß. Er schien die Unterhaltung, die um ihn herum stattfand, nicht wahr zu
nehmen.
Ein Anflug von Triumph überflog das Gesicht der Kommandantin.
„Mr. Spock“, sagte sie und ihr langes schwarzes Haar strich über ihre
Schultern, als sie sich umdrehte, um den Vulkanier anzusehen. „Der Arzt hat
damit Ihre vorhin geäußerte Vermutung bestätigt. Er war schon seit langer Zeit
sehr labil. Trotzdem blieb die Enterprise unter seinem Kommando. Das geht nun
nicht mehr, Mr. Spock. Sie müssen das Kommando übernehmen.“
McCoy versteifte sich, als Spock ohne mit der Wimper zu
zucken antwortete: „Ich bin bereit.“
All die Sorgen und Ängste kochten plötzlich über und
entluden sich in unkontrolliertem Ärger. Der Doktor bemühte sich nicht, sich zu
beherrschen. Warum sollte er? Ihre Situation hatte sich gerade von schlimm zu
katastrophal verschlechtert. „Spock, das glaube ich nicht. Sie können doch
unseren Captain nicht zum Verräter stempeln!”
„Darum geht es in diesem Augenblick nicht, Doktor.” Spocks Tonfall
war hölzern.
McCoy fühlte, wie seine Wut um einen weiteren Grad anstieg.
„Was heißt in diesem Augenblick, Spock?“
„Danke, das genügt, Doktor“, unterbrach die Romulanische Kommandantin
hart. Ihr Tonfall ließ McCoy mitten in seiner Tirade verstummen. „Sie sind Arzt
und haben die Pflicht, sich um Ihre Leute zu kümmern. Mr. Spocks Pflicht ist
es, die Enterprise in einen sicheren Hafen zu bringen und die Besatzung.“
Spock stimmte ihr zu.
„Es gibt keine Alternative, Doktor. Es geht um das Schicksal
des Schiffs und der Besatzung. Wir müssen zunächst in den sauren Apfel beißen
und uns fügen.“
Für einige entscheidende Momente hatte McCoy seinen
Patienten vergessen, der, entgegen seiner vorherigen Annahme, offenbar jedes
Wort gehört hatte. Kirk stürzte sich auf seinen Ersten Offizier. „Sie Verräter!
Ich bring’ Sie um!” Er griff nach Spocks Hals, sein Gesicht vor Wut verzerrt.
„Sie Verräter!“
Spock reagierte schnell und platzierte seine Finger
sorgfältig auf Kirks Gesicht. Der Captain erstarrte augenblicklich, sein
Gesicht schmerzverzerrt. Er stöhnte einmal, die unnatürliche Steifigkeit seines
Körpers ließ einen Schauer der Angst über McCoys Rücken laufen. McCoy bewegte
sich, um Kirks Gestalt zu fangen, als Spock ihn auf den Boden herabsinken ließ.
Er hatte Angst, dass, was immer da auch passiert war, er nun zu spät kam. Der
Vulkanier zog sich zurück und stellte sich neben die Kommandantin, während Kirk
zu seinen Füßen lag. McCoy sank auf seine Knie. „Sind Sie wahnsinnig?” Er
begann augenblicklich damit, Werte zu scannen. Seine Stimme zitterte, als der
Doktor von Spock zu wissen verlangte: „Warum haben Sie das getan?“
Spock verschränkte seine Arme hinter seinem Drücken, seine
Miene regungslos. Er erklärte: „Ich war auf seinen Angriff nicht vorbereitet.
Und wenn es ums Ganze geht, wende ich unseren Todesgriff an.“
„Dann seien Sie stolz auf Ihren Todesgriff, Spock. Der
Captain ist tot.“ Mit dieser Erklärung fühlte McCoy seine eigene Hoffnung sterben.
Sie waren alle so gut wie tot. Wenn Spock zu den Romulanern überlief, hatte er
sie alle praktisch in einem Einkaufskorb überreicht.
Er packte seinen Scanner weg, seine Hände zitterten
unkontrolliert. Plötzlich schob ein Romulanischer Zenturio ihn aus dem Weg und
zog Kirks leblosen Körper aus der Zelle. McCoy kam auf die Beine um zu folgen
und wurde von einer weiteren Wache aufgehalten, die ihn grob gegen das Bett
stieß. McCoy versteifte sich und wischte sich etwas Blut von seiner Lippe.
„Wo bringen Sie ihn hin?“ verlangte er zu wissen und brachte
es fertig, sowohl die Kommandantin als auch Spock, der nicht von ihrer Seite
gewichen war, gleichzeitig anzusehen. So schwer es auch zu glauben war, der
Doktor erkannte, dass er von Spock keinerlei Hilfe zu erwarten hatte. Innerhalb
von Minuten war aus einem vertrauensvollen Offizier, den McCoy kannte und
respektierte, ein Feind geworden, der seinen Freund und vorgesetzten Offizier
ohne mit der Wimper zu zucken getötet hatte. Die Kommandantin drehte sich um
und verschwand, gab dem Zenturio, der McCoy geschlagen hatte, einen Befehl.
„Bringen Sie den Doktor zum Captain. Sobald sein Tod bestätigt
ist, schicken Sie beide zurück zur Enterprise.“ Spock folgte der Romulanischen
Kommandantin auf dem Fuß aus der Tür raus ohne mit McCoy zu sprechen. Sobald
sie draußen waren, schob der kräftige Wächter McCoy aus der Tür und brummte
etwas Unverständliches. Gehorsam ging der Arzt in die Richtung, in die der
Wächter ihn schupste, nahezu blind für seine Umgebung. Die Ereignisse, die zu
der augenblicklichen Situation geführt hatten, hätten verhindert werden können.
Wenn nur… Wenn er Kirk nur aufgehalten hätte, bevor sie die Neutrale Zone
verletzt hatten… Er hätte ein Sedativ riskieren sollen… Irgendetwas und Jim
könnte noch immer am leben sein.
Und Spock. Ein Verräter? Konnte er die ganzen Jahre damit durchgekommen
sein, ein Romulanischer Spion zu sein? McCoy schüttelte seinen Kopf, es war
einfach undenkbar, dass Spock ihn für die ganze Zeit etwas vorgemacht haben
sollte, seine einmalige genetische Zusammensetzung konnte nicht vorgetäuscht
werden. Und doch, selbst wenn er wirklich Vulkanier war, schloss ihn das
automatisch davon aus, für die Romulaner zu arbeiten? McCoy stöhnte, er konnte
einfach nicht glauben, dass Spock all die Monate eine Scharade vorgespielt hatte.
Er hatte selber gesehen, wie Spock sein Leben für den Captain und die Crew in
mehr als nur einem Fall einsetzte. Und doch blieb die Tatsache bestehen, dass
er gerade Zeuge geworden war, wie Jim Kirk von Spock mit bloßen Händen getötet
worden war.
Seine Romulanische Eskorte bedeutete ihm stehen zu bleiben und
gestikulierte zu einer Tür. Sie betraten einen kleinen Raum, der einen Stuhl in
der Mitte enthielt sowie drei große Romulaner. McCoy sah sich verwirrt um. Kirk
war nicht hier, noch sah das hier wie eine Krankenstation aus. Der Knoten in
seiner Magengegend wurde zu kalter Angst. Seine Eskorte deutete auf den Stuhl
und brummte erneut etwas in seiner eigenen Sprache.
McCoy versuchte, sich in Richtung Tür zurück zu ziehen. „Wo
ist Captain Kirk?“
Der Romulaner neben dem Stuhl bleckte seine Zähne und sagte
in gebrochenem Standard:
„Du… hier sitzen.“
McCoy holte tief Luft und bewegte sich in Richtung Stuhl in
dem Bewusstsein, dass er die Wahl hatte, sich entweder freiwillig zu setzen
oder dazu gezwungen zu werden. Sobald er Platz genommen hatte, schnappten
Fesseln um seine Handgelenke, Knöchel und Kopf zu. Die engen Bänder schnitten
in sein Fleisch ein. Eine Welle kalten Schweißes überströmte McCoy und
bewirkte, dass die Bänder stachen und brannten. Seine wiederholte Aufforderung,
ihn freizulassen, wurde ignoriert. Nach einigen Minuten des Wartens wurde die
Tür geöffnet und McCoy sah in der Hoffnung auf, dass es Spock wäre. Es war die
Romulanische Kommandantin. Sie nickte gelassen in seine Richtung aber sprach zu
einem der Wächter hinter ihm.
„Sie können anfangen, Rath.“ Die Kommandantin ließ ihren
Blick wandern, um ihn zu inspizieren. „Ihr Captain und Ihr Erster Offizier
haben einige verborgene Wahrheiten zugegeben, bevor Captain Kirk getötet wurde.
Wir müssen diese Wahrheiten kennen. Rath ist Heiler. Er wird Ihren Geist
sondieren und herausfinden, was diese verborgenen Wahrheiten sind.”
Bevor McCoy protestieren konnte, teilte eine brennende
Flamme seinen Geist und ließ ihn weit offen zurück. Feuer breitete sich von
einem Bereich in den nächsten aus. Er konnte die Berührung des Heilers fühlen,
Stück für Stück jeden rationellen Gedanken suchend und zerstörend. Er schrie, wollte
sich losreisen, war aber unfähig, dem unbarmharzigen Zugriff zu entkommen.
Die brutale Suche fuhr fort, bis er jedes Zeitgefühl verlor.
Er war sich nicht bewusst, dass er schrie, bis er nicht länger die Stimme dazu
hatte. Der mentale Zugriff veränderte sich und das Feuer begann nachzulassen,
eine innere lähmende Kälte ersetzte seine innersten Gedanken. Dann wurde alles
schwarz, ein Schwarz, dass von Feuern des Wahnsinns am Horizont erhellt wurde.
Es würde ihn schließlich vollständig beanspruchen.
Der Prozess des Aufwachens bis zum vollständigen Wachzustand
erfolgte in mehreren kleinen Schritten. Bewegung und Licht. Seine Arme waren
über seinem Kopf gestreckt, taten ihm weh. Er drehte seinen Kopf, die Bewegung
ließ Übelkeit seine Kehle hinauf kriechen. Zwei uniformierte Männer mit Helmen,
die den Großteil ihrer Gesichter verbargen, schleiften ihn einen langen
Korridor entlang. Es dauerte mehrere Sekunden, bevor sich der Doktor daran erinnerte,
dass er sich auf dem Romulanischen Flaggschiff befand. Seine Gedanken fühlten
sich träge an, sein Verstand war mit Verwirrung vernebelt. Irgendetwas war
passiert … McCoys Magen war aufgefühlt, zwang ihn dazu, hart zu schlucken, um
eine weitere Welle der Übelkeit niederzukämpfen. „Jim… Spock?“ rief er heiser
aus, seine Kehle war rau.
Gerade als er versuchte, seine Füße auf den Boden zu setzen,
hielten die Wächter an und ließen ihn auf den Boden gleiten. McCoy arbeitete
sich auf seine Knie hoch, er erkannte verschwommen den Transporterraum. Der
Doktor rieb sich seine Schläfen und schloss seine Augen gegen einen weiteren
Anflug von Übelkeit. Der Aufschub währte nur kurz, die Stille wurde
unterbrochen, als sich die Tür erneut öffnete. McCoy versteifte sich, als die
Romulanische Kommandantin den Raum betrat. Sie hatte… Angst drückte seine
Eingeweide zusammen, aber warum? Sein Kopf pochte zu hart, um klar denken zu
können und der Doktor kämpfte gegen ein Stöhnen an. Er war nicht bereit, diese
Bastarde sehen zu lassen, dass er sich ergab.
Spock folgte ihr und zögerte, als er einen Blick auf den
Doktor erhaschte, der darum kämpfte zu stehen. Der Vulkanier schloss schnell zu
ihm auf und half ihm auf die Beine. Dankbar lehnte sich der Doktor gegen die
Stärke des Vulkaniers.
„Was ist passiert?“ Spock klang ärgerlich.
Er runzelte die Stirn. „Kann mich nicht erinnern. Spock… Wo
ist Jim?”
Die starken Arme unterstützen ihn noch immer, schoben ihn in
Richtung Transporterplattform.
„Commander“, Spock sprach die Romulanerin mit harscher
Stimme an. „McCoy ist Arzt. Er sollte nicht verletzt werden.“
Die Antwort der Kommandantin klang herablassend. „Menschen
sind so schwach. Spock, ich bin überraschen, dass Sie es so lange unter ihnen
ausgehalten haben. Dr. McCoy verlor das Bewusstsein, als er sich den Kopf
anschlug. Wir haben ihm nichts getan.“
McCoy erschauerte beim Klang ihrer Stimme. Er schwankte für
einen Moment, bevor er sein Gleichgewicht wieder fand.
Schlanke Finger berührten sein Gesicht und McCoy zog sich
alarmiert zurück. Durch die Nebel in seinen Gedanken konnte er warme trockene
Finger in seine Gedanken eindringen fühlen, eine Flammenspur zurücklassend.
Eine plötzliche Leere klaffte vor ihm auf. „Nicht“, brach es aus ihm heraus.
Sie wurden beide unterbrochen durch das Eintreffen zweier
Zenturios, die den Körper des Captains trugen. McCoy starrte Kirk entsetzt an, zunächst
unfähig, sich zu bewegen, als die schlaffe Gestalt neben ihm auf die
Transporterplattform gelegt wurde. Er riss sich aus Spocks unterstützendem
Griff los und kniete sich neben Kirk, als die Erinnerung an Spocks ruhigen Mord
an Kirk zurück flutete.
Spock trat von der Plattform zurück. „Doktor, Sie müssen
gemäß den Starfleetregularien alle erforderlichen Tests an dem Körper durchführen.
Vergessen Sie nicht den Neuro-Physiostimulatortest. Sie müssen unverzüglich
anfangen.“
McCoy sah den Vulkanier an fast ohne die Worte zu hören.
„Ich kenne meine Pflichten, Spock. Ich hoffe nur, dass Sie sich Ihrer ebenfalls
erinnern, solange noch Zeit ist.“
An Bord der Enterprise eskortierte McCoy die Trage mit Kirks
Leiche zur Krankenstation, als er Spocks Befehl das erste Mal wirklich registrierte.
Eine tote Person benötigte keinen Physiostimulatortest. Spock wusste das, also
warum ordnete er einen an? Er stoppte und riss seine Augen weit auf, unfähig,
den plötzlichen Anflug von Hoffnung zurück zu halten. Die Prozedur wurde dazu
verwendet, einen Patienten aus dem Koma zu holen oder eine Reaktion der
neuralen Synapsen hervorzurufen. Es war möglich, dass Spock versucht hatte, ihm
zu sagen, dass Jim am Leben war. Mit angehaltenem Atem nötigte McCoy den
überraschten Techniker, seine Schritte zu beschleunigen. Spock hatte gesagt
unverzüglich und wenn er Recht hatte, blieb dem Captain nicht mehr viel Zeit.
Er ordnete an, dass Kirk in die Isolationskammer gebracht
wurde und bat jeden zu gehen. Niemand stellte sein Bedürfnis nach Privatsphäre
in Frage. McCoy drehte sich zu seinen Monitoren um, seine Hoffnung sank, als
keine Lebenszeichen angezeigt wurden. McCoy holte den Neurostimulator hervor
und wendete ihn auf die wichtigsten Systeme an. Keine Reaktion. Er wechselte
zum Physiostimulator und fühlte ein Schluchzen der Verzweiflung, als keine
Lebenszeichen angezeigt wurden.
Was hatte Spock versucht ihm zu sagen? Er hatte gezielt eine
unnötige Prozedur verlangt. Plötzlich erinnerte er sich an die genaue Position
von Spocks Fingern auf Kirks Gesicht, als der Captain gestorben war. Spock
hatte das den Vulkanischen Todesgriff genannt, aber davon hatte der Doktor noch
nie gehört. Hatte er vielleicht irgendetwas mit Kirks Geist angestellt… wie
eine Trance, eine sehr tiefe Trance?
McCoy starrte Kirk an. Wenn es eine Trance war, hätte der
Physiostimulator wirken müssen. Es sei denn, der Captain war länger an Bord des
Romulanischen Schiffes geblieben als sicher für ihn war. Er konnte zu weit im
Koma sein, um auf irgendetwas zu reagieren.
Wenn das stimmt, dann liefen sie Gefahr, ihn in den nächsten
paar Minuten zu verlieren. McCoy justierte die Steuerung an den Bett, die Kirks
Körpertemperatur schnell auf Normalwerte zurück bringen würde. Als er wartete,
durchsuchte der Doktor hastig den Computer nach Informationen über Methoden,
wie man einen Vulkanier aus einer tiefen Trance zurück brachte. Frustriert
angesichts seiner Unfähigkeit, sich zu konzentrieren und gegen einen wachsenden
Kopfschmerz ankämpfend. Fast verzweifelt wünschte sich McCoy, Chapel um Hilfe
bitten zu können. Aber wenn er falsch lag und Kirk wirklich tot war, brachte es
McCoy nicht über das Herz, sie oder einen seiner Mitarbeiter dem ganzen Kummer
erneut auszusetzen.
Nichts. Der Doktor fluchte. Die Menge der im Computer
verfügbarer Informationen über Vulkanier und ihre Gesundheit hätte in ein
Brandy-Glas gepasst. Er lief zurück zu Kirk. Die Körpertemperatur war nun fast
normal. McCoy hob den Physiostimulator, stellte ihn auf die höchste Einstellung
und wendete sowohl den Neuro- als auch den Physiostimulator in der Nähe von
Kirks Genick an.
Eine Minute. Zwei. Nach drei Minuten entfernte McCoy die
Geräte, seine Brust zog sich in Verzweiflung zusammen. Er hatte so gehofft zu
beweisen, dass Spock kein Verräter war. Zu beweisen, dass Kirk am Leben war.
Punkte tanzten vor seinen Augen, seine Sicht verschwamm. McCoy hatte Angst,
dass er das Bewusstsein verlieren würde und kämpfte darum, seine wackligen
Beine unter seine Kontrolle zu bekommen. Er griff nach dem Bett, um sich
aufrecht zu halten. Der Doktor kämpfte gerade gegen den seltsamen Anfall an als
eine vage Erinnerung von irgendwas, was auf dem Romulanischen Schiff geschehen
war, in seine Gedanken einsickerte. Seine Versuche, sich zu erinnern, wurden
von einem Gefühl der Angst zu Nichte gemacht, während sein Kopf in dem Rhythmus
pochte wie die Schauer, die durch seinen Körper liefen.
Ein Herzschlag. McCoy hob sein ungläubiges Gesicht, um den Monitor
anzustarren. Der Bildschirm zeigte einen soliden Herzschlag an, danach war er
völlig leer. Mit einem zittrigen Lächeln berührte der Doktor Kirks immer noch
reglose Wange. „Dem Herrn sei gedankt, Jim. Du lebst.“
Er injizierte Kirk eine milde Stimulanz. McCoy wusste, dass
er jetzt Geduld haben musste. Er sah runter auf seine noch immer zitternden Hände,
tödliche Schwäche bemächtigte sich seines Körpers, als die Krämpfe vergingen
und sich seine eigene Erregung legte. Er ging hinüber zum Waschbecken, um sein
Gesicht zu waschen und taumelte leicht. Seine Knie liefen Gefahr, ihn nicht
mehr tragen zu wollen. Über dem Ausguss hängend runzelte der Arzt die Stirn,
weil seine Hände so zitterten. Nichts war ihm dort drüben passiert, warum also
fühlte er sich, als wäre er gerade durch ein Feuer gelaufen?
McCoy sah zurück zu Kirk in dem Wissen, dass Zeit ein kritischer
Faktor war. Das Leben des Captains hing von ihm ab, jetzt, nicht in fünf
Minuten. Er hatte einfach keine Zeit, sich mit Schockzuständen oder Gedanken zu
befassen, die langsamer als normal funktionierten.
McCoy schlüpfte schnell in sein Büro und holte sein Medikit,
injizierte sich selbst eine Stimulanz in seinen Arm. Er war auf dem Weg zurück
zu der Isolationskammer während vitalisierende Nadeln bereits durch seinen Körper
stachen, als er Chapel schreien hörte.
Chapel hatte über die Monate hinweg bewiesen, wie effizient
und professionell sie war. Das war das erste Mal, dass McCoy sie in Panik
ausbrechen sah. Sie kam aus Kirks Raum gerannt, ihre Hände zitterten.
„Doktor. Dr. McCoy. Dr. McCoy!”
„Es ist doch verboten, diesen Raum zu betreten.
Chapel wandte sich ihm zu aber ihre Augen kehrten zu Kirk zurück.
„Captain Kirk lebt noch, Doktor.“ Sie brach ab. „Ich hab’s
gesehen!”
„Na gut. Da Sie es wissen, können Sie mir auch helfen. Geben
Sie mir den Physiostimulator.“
„Aber er war doch tot, das haben Sie selbst bestätigt.“
McCoy nickte. „Spock hat sein Nervensystem lahm gelegt, um den
Tod vorzutäuschen.“
Es brauchte weitere fünf Minuten, bevor Kirk Anzeichen dafür
zeigte, sein Bewusstsein zurück zu erlangen. In dieser Zeit wechselte die
Stimmung des Doktors von Erleichterung, dass Kirk am leben war, zu feuriger Wut
auf sowohl den Captain als auch auf Spock, nicht nur, weil sie ihn und die Crew
durch solch eine Qual getrieben hatten, sondern auch für das Risiko, in das sie
ihre Leben gebracht hatten. Seine Rage zu unterdrücken erforderte
unerschütterliche Kontrolle, als McCoy dabei zusah, wie Kirk seine Augen
öffnete und stöhnte.
Als er Chapel und McCoy erkannte, die sich über ihn beugten,
entspannte sich Kirk augenblicklich. Mit einem katzengleichen Grinsen fachte
Kirk unwissenderweise McCoys Ärger weiter an, die der Arzt nicht mehr länger
zurück halten konnte.
„Mein Genick ist wie ausgerenkt"
Kirk setzte sich auf und rieb sich sein Genick.
"Das ist der vulkanische
Todesgriff."
Offensichtlich schaffte er es, seiner Stimme genau den
richtigen leichten Tonfall zu verleihen, da weder Chapel noch Kirk reagierten.
McCoy nahm einen tiefen Atemzug. Die Stimulans wirkte jetzt, er fühlte sich
fast schwindelig. Die schnell wechselnden Eindrücke kamen ihm vor, als würde er
sich in einem virtuellen Hochgeschwindigkeitsspiel befinden.
Chapel meldete sich zu Wort. „Es war also gar kein
Todesgriff.“
Kirks Blick verweilte auf McCoy und bewirkte, dass die Hände
des Doktors zu schwitzen begannen. „Nein, aber die Romulaner wissen das nicht.
Sämtliche Ärzte sind darauf reingefallen.“
„Sei froh, dass sie dir nicht zur Kontrolle den Bauch
aufgeschnitten haben.“ McCoy erlaubte, dass ein Teil seines Ärgers mitschwang.
Kirk senkte die Augen, dann verdrehte er den Hals, um Chapel
anzusehen. „Damit Sie Bescheid wissen: Für die Besatzung gelte ich weiterhin
als tot.“
„Warum, Sir?“ fragte McCoy, bevor Chapel antworten konnte.
Kirk drehte sich um und zuckte bei der Bewegung schmerzhaft
zusammen. „Die ganze Komödie hatte nur den Sinn, die Förderation aus der Sache
raus zu halten.“
„Ich verstehe.” McCoy schüttelte seinen Kopf, als er
schließlich verstand, dass alle Ereignisse, die zu dieser Mission geführt
hatten, eine Scharade gewesen waren. „Es musste so aussehen, als hättest du auf
eigene Faust gehandelt.“
Kirk nickte. „Es ist also von größter Wichtigkeit, dass
niemand weiß, dass ich noch am Leben bin. Spock ist immer noch da drüben, wir
müssen ihn dort rauskriegen und die Mission beenden. Verstehen Sie, Christine?“
„Ja, Sir.“
McCoy hörte zu, als Kirk die nächste Züge und den Anteil des
Doktors darin beschrieb. Er schickte Chapel hinaus, um die nötigen Vorräte zu beschaffen,
die es erlauben würden, den Captain zurück auf das außerirdische Schiff getarnt
als Romulaner zu schicken. Er schob seine Verärgerung, dass Kirk ihm immer noch
nicht die Gründe für seine Rückkehr erklärt hatte, zurück.
Sobald sie allein waren, ergriff Kirk McCoys Arm. „Es tut
mir Leid, Pille. Ich wollte dir niemals wehtun. Aber du warst der Schlüssel um
zu beweisen, dass ich nicht mehr zurechnungsfähig war. Ohne dich und dein
medizinisches Logbuch hätte das ganze nicht funktioniert.“
„Ich denke, ich verstehe. Warum aber hast du mir nicht
vertraut? Ich hätte kooperiert.“
„Ich… war nicht sicher, wie weit das ganze gehen würde. Wenn
du verhört worden wärst, hättest du nicht das nötige Training besessen um die
Wahrheit zu verschweigen. Es war nötig, dass du wirklich daran glaubst, dass
ich nicht ganz mental gesund war.“
„Es hat nicht funktioniert. Ich war…“ McCoy hielt inne. Eine
Zunge aus Feuer leckte durch seine Gedanken und für einen isolierten Moment in
der Zeit erinnerte sich McCoy an den Stuhl, an das Verhör des Romulanischen
Heilers… an Schmerzen… an das Reißen…“
„Pille!“ Jims Stimme war in seinem Ohr und die verwirrenden
Gedanken verschwanden in die schwarze Leere im Inneren seines Verstandes.
McCoy öffnete eng zusammen gekniffene Augen um
festzustellen, dass Kirk ihn an den Schultern festhielt, ihn stütze. Er
richtete sich auf, runzelte die Stirn.
„Was ist los? Haben sie dir wehgetan?” Die Fragen waren
scharf formuliert, verdeutlichten Kirks Angst.
„Nichts.“ McCoy schüttelte den Kopf.
Kirk ließ seine Hand auf dem Arm des Arztes. „Du zitterst,
ich kann es fühlen.“ McCoy zog sich zurück als der Captain eine Hand hob, um
seinen Mundwinkel zu berühren. „Deine Lippe ist geschwollen.“
McCoy versteifte sich, runzelte über den Gedanken die Stirn.
„Eine Wache hat mich geschlafen, als sie deinen Körper weg geschafft haben. Das
ist alles, woran ich mich erinnere. Dann wurde ich…“ Da war nichts, wonach er
greifen konnte, außer einer tiefen Grube von Leere in seinem Gehirn, umgeben
von panischer, unbegründeter Angst. McCoy begrub seine Ängste und zwang sich zu
einem Lächeln, um Kirk zu beruhigen. „Alles, woran ich mich erinnern kann, ist,
dass ich die ganze Zeit über, die ich auf diesem Schiff gewesen bin, vor Angst
ganz außer mir war.“
„Wenn wir aus dieser Sache leben rauskommen, mache ich es
wieder gut, ich schwöre es. Dass ich jetzt am Leben bin verdanke ich dir.“ Kirk
drückte McCoys Arm und ließ dann los, als Chapel herein kam.
Die Operation war einfach und kurz und viel zu früh
begleitete er seinen verwandelten Captain die verlassenen Korridore der
Enterprise entlang zum Transporterraum. McCoy schloss die Augen, als der
Transportereffekt einsetzte und Kirk darauf bestanden hatte, ohne richtige
Koordinaten auf das Romulanische Schiff zu beamen. Er fragte sich, ob er Kirk jemals
wieder sehen würde.
Die Minuten zogen sich hin, als McCoy sicherstellte, dass
die Krankenstation in Alarmbereitschaft blieb. Sehr schnell merkte er aber,
dass das ständige Kontrollieren seine Mitarbeiter nur noch nervöser machte. Er
zog sich in sein Büro zurück und starrte auf das Ende des Monatsberichts. Die Stimulans
war in seinem Körper noch immer aktiv und machte ihn zu nervös für seine
täglichen Routinearbeiten.
McCoy sank in seinen Stuhl. Mit aufgestützten Händen
versuchte er behutsam, die schwarze Dunkelheit zu greifen, die im Inneren
seines Kopfes lauerte und fühlte dabei, wie ein Nest von Vipern seine
Eingeweide verdrehte. Es schien seltsam, dass er in seinen Gedanken eine
ungleichmäßige Form sehen konnte, die sich wie ein schwarzes Loch im Weltraum
bewegte und seine geistige Gesundheit bedrohte.
Die Zone der Dunkelheit begann zu oszillieren und ließ
Bilder hindurch, furchtsame Bilder, weil er wusste, dass sie irgendwie real
waren. Während er Schweißperlen von seiner Stirn wischte, kämpfte McCoy darum,
seine aufsteigende Panik niederzukämpfen.
Als er versuchte, tiefer in die Dunkelheit vorzustoßen,
begannen Ausläufer von Flammen an seinen Gedanken zu lecken. Der Doktor
zögerte, er sah die Gefahr, aber sein Bedürfnis zu verstehen zwang ihn dazu, seine
Angst zu überwinden. Schatten wurden zu wabernden Bildern.
. . . Jim, wie er tot zu seinen Füßen lag . . .
. . . die Romulanische Kommandantin, die von ihm die
Wahrheit forderte . . .
. . . lange Finger, die nach seinem Gesicht griffen . . .
. . . dann eine Hand, die seine Schläfen berührte . . .
. . . Feuer. . . das sich durch seine Gedanken brannte . . .
McCoy war sich nicht bewusst, dass er laut aufschrie, als er
zurückwich, um der geistigen Berührung des Romulaners zu entkommen, hinab gezogen
in eine lähmende Dunkelheit.
Er kam wieder zu sich, nach vorne zusammen gesunken, sein
Kopf ruhte unbequem auf seinem Schreibtisch. Der Chronometer deutete an, dass
über dreißig Minuten vergangen waren. McCoy richtete sich auf, rieb sich über
das Gesicht. Er fühlte sich heiß, unerträglich heiß und seine Uniform war
schweißnass. Aufstehen war eine Anstrengung. Eine Welle von Erschöpfung ließ
ihn stolpern, als er sich ein Glas Wasser holte und es gierig austrank.
Er fühlte sich, als würde er von Fieber zerfressen. Der
Doktor erschauerte, als er sich den Grund dafür vor Augen führte. Ohne, dass er
versuchte, in seine Gedanken vorzustoßen, wusste er, dass die Zone der Dunkelheit
größer geworden war und bedrohlicher. Das Feuer kam aus ihr und McCoy wusste
mit Sicherheit, dass wenn die Zone seinen Geist umschloss, er für immer in den
Flammen der Agonie gefangen sein würde.
Das Wissen seiner eigenen ihn sicher erwartenden Zukunft
baute sich drohend flüsternd vor ihm auf. „Ich kann mich nicht erinnern…“
Chapel sah seine Angst und legte ihm fest eine Hand auf
seine Schulter. „Sie brauchen Ruhe, trotz Ihrer gegenteiligen Bekundigungen. Es
ist offensichtlich, dass Sie sich nicht wohl fühlen. Warum nehmen Sie kein
Sedativ? Wir kümmern uns um die Bedürfnisse der Kommandantin.“
Er kannte diesen schmeichelnden Tonfall. Christine war als
Schwester unter anderem deshalb so gut, weil sie ihre Patienten auch gegen
deren Willen dazu brachte zu tun, was sie wollte. Sie versuchte nun das gleiche
bei ihm. Nur dass sie nicht wusste, nicht verstand und selbst wenn McCoy es
selbst nicht klar verstand, wusste er doch, dass er für immer verloren war,
wenn er nachgab. Einen Anschein von Normalität zu wahren war seine einzige
Überlebenschance.
„Verdammt, Schwester, ich habe Ihnen gesagt, dass es mir gut
geht. Es ist meine Pflicht, mich um die Kommandantin zu kümmern und das werde
ich auch tun.“
Er stand da und erlaubte seinem Ärger, die zittrige Schwäche
zu überdecken, die er darunter fühlte. „Sie können mir helfen, in dem Sie mir
alles Notwendige herschaffen.“
„Ja, Doktor“, kam ihre brüske Antwort. Sie holte ein Medikit
sowie einen Trikorder und übergab ihm beides schweigend, Missbilligung in ihren
Augen.
Alleine machte sich McCoy auf den Weg zu dem Quartier, wo
die Kommandantin untergebracht war. Zwei Wachen standen vor dem Raum. Der
Doktor nickte ihnen flüchtig zu, dankbar, als einer ihm mit hinein folgte.
Mit einem Blick auf die Romulanerin fing McCoys Herz in
seiner Brust schmerzhaft an zu hämmern. Er schluckte hart, unfähig zu sprechen.
Sie stand weiterhin neben ihrem Schreibtisch, ihre dunklen Augen brannten Löcher
durch ihn durch, als er schnell begann, sie zu scannen. Der Doktor war fast
fertig, als ihre Hand vorschnellte, um sein Handgelenk zu fassen und lange
Fingernägel in seine Haut zu graben.
„Als Heiler verstehen Sie es, die Wahrheit zu verbergen“.
Ihre Stimme war leise, sang vor Ärger. Eine Erinnerung brach sich ihre Bahn durch
die Schwärze, sagte: „Ich muss diese Wahrheiten wissen.“
Flammen…. nichts als Qual und Pein.
Er schrie auf, versuchte, sich loszureisen, ihr Griff schien
sein Handgelenk brechen zu wollen. Er wurde am Rande der Wache gewahr, die ihr
befahl, zurückzuweichen, aber das Feuer, das seinen Geist einnahm, zu bekämpfen,
erforderte all seine Aufmerksamkeit.
Hitze von einem Phaserstrahl streifte McCoys Arm. Die Kommandantin
brach zusammen, zog den Doktor mit sich hinunter auf das Deck. McCoy ignorierte
die Bemühungen des Sicherheitswächters, ihm beim Aufstehen zu helfen. Er
brauchte einige Minuten, damit die pochenden Schmerzen in seinem Kopf
nachlassen konnten. Als seine Atmung sich beruhigt hatte, ließ der Doktor seine
Hände von seinem Kopf sinken und stemmte sich mit zitternden Armen in die Höhe.
„Doc, Sie sind so bleich wie ein Gespenst.“ Besorgt hatte der Wächter eine Hand
auf seinen Arm gelegt. „Ich hole jemanden, der Sie zur Krankenstation bringt.“
Er brauchte Zeit, um sein Gleichgewicht wiederzuerlangen, nicht jemanden, der
ihn umsorgte. McCoy schüttelte seinen Kopf. „Ich bin OK. Ich denke, ich habe
alles, was ich wollte. Sie können sie nach ihren Nahrungspräferenzen fragen,
wenn sie wach ist. Ich bezweifle, dass ich noch weitere Hausbesuche machen
werde.“
McCoy zog sich in sein eigenes Quartier zurück, wusch sich
sein Gesicht und brachte es fertig, seine Atmung wieder unter Kontrolle zu
bringen. Er griff sein Medikit und schaffte es gerade so zurück zur
Krankenstation, bevor Kirk mit dem größten Teil der Brückencrew im Schlepptau hereinkam.
McCoy gab Chapel die gescannten Informationen, der er von der Kommandantin
erhalten hatte. Er schob die beunruhigen Eindrücke beiseite und schloss sich
der ausgelassenen Gruppe an. In dem Versuch, einen Anflug von Normalität zurück
zu gewinnen, zwang er ein Lächeln hervor als sie lachten, aber er fühlte sich
merkwürdig distanziert von seinen Freunden.
Uhura packte ihn, warf ihre Arme um seine Schultern, nahm
seine Zurückhaltung nicht wahr. „Der Captain und Spock sagen, dass wir ohne Sie
mittlerweile alle Gefangene wären und die beiden tot.“ Uhuras Augen leuchteten,
als sie ihn einmal mehr umarmte.
Chekov warf ein: „Sie sind der Held, Doktor!“
McCoy schüttelte seinen Kopf. „Ich wusste nicht einmal, was
los war. Meine Knie zitterten so sehr, dass ich mich wundere, dass Ihre
Sensoren das nicht erfasst haben. Warum zur Hölle ging es dabei überhaupt?“
Chekov erklärte ihm stolz: „Wir sind nun die Besitzer einer
funktionierenden Tarnvorrichtung.“
McCoy sah ihn ungläubig an. „All das für militärische
Technologie?“ Er schüttelte seinen Kopf. „Ich hätte es wissen müssen.“
Jeder lachte, nicht der Ehrlichkeit von McCoys Bemerkung
gewahr oder des Ärgers, den er dabei fühlte, ein Bauer auf dem Schachbrett des
Militärs zu sein. Die Gruppe bewegte sich bereits auf die Tür zu, aufgeregte
Unterhaltungen führend. McCoy erfasste einen Seitenblick auf Spock, der ihn von
der gegenüberliegenden Raumseite aus ansah und drehte sich unruhig weg. Ein
Bild von Spock, der sich über Kirks Körper beugte, brach kurz in seine Gedanken
ein und überlagerte die augenblickliche Realität. ‚Wenn es ums Ganze geht, wende
ich unseren Todesgriff an’ echote es es wirr in seinem Geist.
Er zuckte, als eine Hand sich auf seine Schulter legte.
„Pille?“ Ein lebendiger Kirk stand an seiner Seite, löste
das geistige Bild auf. „Die Sicherheit hat mich über die Aktionen der Kommandantin
informiert. Ist mir dir alles in Ordnung?“
McCoy sah den besorgten Gesichtsausdruck und zwang sich zu
einem weiteren Lächeln.
„Ich werde in Ordnung sein, wenn du mir versprichst, dass
ich sie nicht noch mal besuchen muss und dass wir uns bald auf den Weg zu einem
netten langen Landurlaub machen.“
„Du hast mein Wort in beiden Fällen.“
Der Captain setzte dazu an, sich zu entfernen. Als er sah,
dass sich Spock näherte, hielt McCoy Kirk am Arm zurück. Der Vulkanier stellte
eine Gefahr für ihn da, obgleich der Doktor nicht genau bestimmen konnte, warum
er so fühlte. In dem Versuch, ihn zu vermeiden, führte McCoy den Captain zum
kleinen Operationssaal hinüber. „Jim, ich denke, es ist an der Zeit, dass du
diese Ohren loswirst.“ Mit einem schuldbewussten Grinsen fuhr Kirk die Form
seiner Ohren nach. „Ich vergesse immer, dass sie da sind.“
„Natürlich nur, wenn du nicht
planst, dein Leben lang wie dein Erster Offizier auszusehen“, fügte
McCoy hinzu. Einige Schritte hinter ihm kommentierte Spock trocken:
"Irgendwie sehen sie bei Menschen nicht sehr ästhetisch
aus."
Die drei Männer hielten an der Schwelle zum Behandlungsraum
kurz an, Kirk fing Spocks Blick auf. „Das sollte nicht lange dauern“, meinte er
und warf McCoy eine fragend hochgezogene Augenbraue hoch.
Der Doktor ergänzte: „Zwanzig Minuten, Captain, es sei denn,
du möchtest auch einen Haarschnitt.“
Kirk verzog das Gesicht, fuhr aber ohne weiteren Kommentar
fort: „Ich treffe Sie im Maschinenraum, sobald wir hier fertig sind. Mr. Scott
sagte, der Schaden sei nicht allzu schlimm, aber…“
„Du möchtest es dir selbst ansehen“, beendete McCoy den Satz
für ihn und schüttelte den Kopf.
Kirk warf dem Doktor einen verärgerten Blick zu, bevor er
sich zu Spock umdrehte. „Setzten Sie für nach der Inspektion eine Besprechung
der Senioroffiziere an.“ Der Captain schwieg, ihm fiel plötzlich der intensive
Blick auf, mit dem Spock McCoy musterte. Der Doktor verlagerte nervös das Gewicht,
seine Lippen plötzlich trocken, als auch Kirks kritischer Blick auf ihm ruhte.
„Doktor, wir werden einen ausführlichen Bericht über deine Erlebnisse
benötigen. Spock sagt, dass du auf dem Flaggschiff für über vier Stunden von
ihm getrennt warst.“
„Vier Komma drei Stunden“, stellte der Vulkanier richtig.
„Wir müssen wissen, was in dieser Zeit passiert ist“, sagte
Kirk ruhig.
Ein weiter Schauer der Angst lief McCoys Rückrat entlang und
er senkte die Augen, um ihren besorgten Blicken zu entgehen. Er steuerte auf
die Untersuchungsliege zu und grummelte über seine Schulter eine Antwort:
„Ich erzähle euch, an was ich mich erinnere.“
„Pille“, Kirk klang besorgt, aber der Doktor drehte sich
nicht um. „Du hast mir gesagt, dass man dir nicht wehgetan hat. Was ist in
dieser Zeit geschehen?“
Seine Brust begann, sich vor Angst schmerzhaft zusammen zu
ziehen, durch ein Zittern ließ er beinahe den Scanner fallen. „Verdammt noch
mal Jim. Ich habe dir gesagt, dass ich mich an nichts erinnere. Möchtest du nun
diese Operation oder nicht?“
Der Captain näherte sich dem Bett mit langsamen, wohl
bemessenen Schritten.
„Was ich möchte ist die Wahrheit, Doktor.“
McCoy erstarrte, kämpfte darum, Luft in seine plötzlich viel
zu engen Lungen zu saugen. „Die Kommandantin, sie… wollte deine verborgenen
Wahrheiten wissen.“
„Was?“ fragte Kirk. „Auf ihrem Schiff? Hat sie dich verhört?”
Er machte eine Pause, dann fuhr er schärfer fort, beschützender Ärger in seiner
Stimme: „Hast sie dir weh getan?”
Die schwarze Leere wartete auf den richtigen Moment, um sich
auf ihn zu stürzen, öffnete sich für einen kurzen Moment und hüllte seine Gedanken
in feurigen Schmerz. Er rieb sich mit seinen Händen über seine Schläfen, wehrte
so den Schmerz ab. Er sah hoch, zuckte vor den dunklen wissenden Augen Spocks
zurück. Er zwang sich dazu, seine Hände fallen zu lassen und blaffte: „Jim, ich
kann mich nicht erinnern.“
Mit einer schnellen, ärgerlichen Bewegung drehte sich McCoy
zu seinen Instrumenten um und ignorierte Kirks freundschaftlichen Griff um
seine Schulter. „Bitte gib mir eine Pause. Hast du mich heute nicht schon genug
durchmachen lassen? Du hast mich dazu gebracht, dich für verrückt zu halten,
als ich an Bord des Romulanischen Schiffes kam und ich musste dabei zusehen,
wie sich Spock in einen Verräter verwandelt hat, der meinen besten Freund
tötete.“ Er konnte die Verbitterung nicht aus seiner Stimme fern halten. „Und
es war alles für ein Stück Hardware. Vergib mir, aber ich kann nicht anders,
als mich von euch beiden ein bisschen hintergangen zu fühlen.“
Die Hand auf seiner Schulter fiel herunter. Kirk sagte
sanft: „OK, Pille. Wir sprechen später darüber.“
„Eine normale, menschliche Reaktion“, Spocks herablassender
Ton provozierte nicht die normale beißende Antwort von McCoy. „Captain, mit
Ihrer Erlaubnis werde ich Dr. M’Benga ersuchen, dass er noch vor der
Besprechung eine vollständige Untersuchung an McCoy durchführt.“
McCoy wirbelte herum, fühlte sich in die Ecke gedrängt.
„Warum? Ich habe nichts getan! Ich habe doch gesagt, dass nichts passiert ist.”
Kirk setzte sich auf die Untersuchungsliege. Er sah McCoy
überrascht an. Spock antwortete ruhig, seine Art fachte die Wut des Doktors nur
noch weiter an. „Es ist das Standardvorgehen, Doktor. Eine Untersuchung wird
von jedem Offizier verlangt, der einem bekannten Feind der Föderation
ausgesetzt war. Der Captain und ich werden uns ebenfalls einer vollständigen
Untersuchung unterziehen, wenn es die Zeit erlaubt.“
Kirk deutete mit seinem Kopf in Spocks Richtung. „Pille
kennt die Vorschriften, Commander. Kümmern Sie sich darum.“
„Ja, Sir.“
McCoy beobachte, wie Spock ging und fühlte, wie ein Teil
seiner Anspannung verschwand. Kirk wartete schweigend, als er seinen
Miniaturlaser hervorholte, der notwendig war, um die künstlichen Hautteile zu
entfernen, aus denen er Kirks Ohrspitzen geformt hatte.
„Pille, wir müssen das nicht jetzt machen, wenn dir nicht danach
ist.“
„Ich fühle mich gut, Captain.“ Er bedeutete Kirk sich
hinzulegen. In dem er seinen Kopf auf einer Seite ausrichtete, begann der
Doktor, mit dem Laser zu arbeiten. Er war erleichtert, dass seine Hände ruhig
waren. Als er mit dem rechten Ohr fertig war, positionierte er Kirk um und
widmete sich der anderen Seite.
In die Stille hinein flüsterte Kirk: „Pille, wegen der
ganzen Scharade… vor allem wegen der Romulaner… Es tut mir leid. Du weißt, dass
ich nichts von dem, was gesagt wurde, gemeint habe.“ McCoy hielt inne. „Ich
denke, das hast du doch. Und ich denke, wir müssen uns noch darüber
unterhalten. Aber nicht jetzt.“ Er beugte sich zurück zu seiner Arbeit. „Zu
reden während ich das hier tue könnte gefährlich für deine Gesundheit sein.
Also Ruhe.“
Er konnte den ruhigen Schock fühlen, der Kirk durchlief. Der
Captain schaffte es, still zu sein, während er für einige Minuten
weiterarbeitete. Trotzdem begannen die Zeichen von Spannung zu wachsen, bis es
aus Kirk in einem scharfen Flüstern entfuhr: „Ich dachte, du verstehst, dass
das alles nur eine Show war.“ McCoy erinnerte sich gut an die ärgerlichen
Worte, die Kirk ihm in seinem Büro an den Kopf geworfen hatte. Er hielt den
Laser an, um mit einem Daumen die runden Kanten von Kirks Ohr entlangzufahren.
„Dein Ärger über Miramanee und Edith, das war keine Show, Jim.“ Mit einem
Seitenblick änderte er die Einstellung des Lasers, um ein besonders
hartnäckiges Stück künstlicher Haut zu entfernen.
„Ich sage dir die Wahrheit, Pille. Ich hatte geplant…“
Der Rest von Kirks Erklärung ging unter, als die
schmerzerfüllte Leere in seinem Kopf Tentakel aus Feuer durch seine Gedanken
sendete. Wahrheiten. Verborgene Wahrheiten. Die Wahrheit der Kommandantin. Jims
Wahrheiten. Eine weitere Lanze aus Schmerz durchfuhr ihn, Erinnerungen und
Romulaner wurden eins. Sie taten ihm weh, drangen in sein Bewusstsein ein,
nahmen ihn Stück für Stück auseinander.
Die Romulaner hatten ihn gefesselt, aber nun war er
seltsamerweise frei. McCoy sah nach unten, sah den Feind in seiner Reichweite
liegen und fühlte frischen Terror. Er hob die Waffe in seiner Hand, zielte mit
der vollen Kraft des Lasers auf den empfindlichen grünblütigen Nacken in seiner
Reichweite. Selbst wenn er nicht die genaue romulanische Anatomie kannte,
mussten sich dort ein paar lebenswichtige Arterien des Blutkreislaufs befinden.
Der unsichtbare Strahl zerteilte grüne Haut. Anstelle der erwarteten grünen
Farbe quoll rotes Blut über seine Hände und McCoy starrte sie verwirrt an.
Er hörte einen erstickten Ausruf. „Pille, das tut w…“
McCoy fiel der Laser aus tauben Händen, er starrte Kirk
panikerfüllt an. Das konnte nicht Jim sein. Vor einer Sekunde hatte da ein
Romulaner gelegen.
Das Gesicht verschwamm, Romulaner umgaben ihn. Finger
tasteten nach seinem Geist, ließen Feuer und Verwüstung zurück.
McCoy unterdrückte einen Schrei und sank zu Bonden.
„Pille“, ein Flüstern weckte seine Aufmerksamkeit und er sah
auf, nur um Kirk zu erkennen, der eine Hand nach ihm ausstreckte. „Hilf mir.“
Der Kopf des Captains rollte kraftlos auf eine Seite des Bettes, sein Blick war
glasig. Blut quoll aus seinem Mund. Rotes Blut.
Kirks Blut.
McCoy sah runter auf seine Hände, verwirrt angesichts der Ströme
von rotem Blut, die daran klebten. Fragmente von Vergangenheit und Gegenwart
tauchten vor seinem geistigen Auge auf, sein Geist zersprang unter dem Angriff.
Er versuchte aufzustehen, rutschte aus. „Jim!”
Der Captain keuchte einmal und dann war er still, sein
Gesicht bleich und leblos.
Feuer brach in seinem Geist aus und McCoy fiel in eine
bodenlose Tiefe, die mit einer nicht enden wollenden Zahl von schmerzhaften
Stichen gefüllt war.
Da waren flüchtige Bilder. Irgendjemand, der immer wieder
schrie. Geflüsterte Berichte drangen an sein Ohr. Der Captain war tot. Tests.
Versuchsreihen. Stimmen. Schmerzen. Er versuchte, seine Augen zu öffnen und
fand Jims Gesicht über ihm schwebend wie einen Geist vor. Das Gesicht zerfloss
und er war umgeben von Romulanern. Alle lachten und Kirk lachte mit ihnen. Die
Pein in seinem Geist explodierte und sprengte sie alle zu Fragmenten.
Und ihn.
Schluchzen. Er hörte jemanden in der Nähe weinen. McCoy
öffnete vorsichtig seine Augen, entdeckte Uhura, die neben ihm saß. Sie hielt
seine Hand, Tränen liefen über ihre Wangen. Da war ein Händedruck und ein
geflüstertes Gebet, dass er leben möge. Er versuchte zu sprechen, versuchte ihr
zu sagen, dass es nichts mehr gab. Er war tot, verloren in der Hölle.
Splitter waren alles, was von seinem Geist übrig geblieben
war. Zeitweise war er bei klarem Verstand und gleichzeitig war die Realität
seltsam zu quälenden Visionen verzerrt. Chapel tauchte häufig auf, ihre Art
beruhigend und versichernd. Aber McCoy fürchtete sich schnell davor, ihre
Anwesenheit auch nur anzuerkennen. Jedes Mal würden die Feuerzungen übernehmen,
das Gesicht der Schwester zerfasern, entsetzte Schreie würden ihrem Abstieg in
den Wahnsinn folgen.
Er wimmerte, zog sich von den Geräuschen zurück und der
Hand, die auf seiner Stirn ruhte. Heiße Finger wollten seinen Geist berühren
und sandten Tentakel von erneutem Feuer tief in seine Gedanken.
„Nein!“ Er flüsterte, aber kein Geräusch kam heraus.
Ruhige dunkle Augen befahlen ihm aufzusehen und für einen
Moment hatte er eine Ruhepause in dem Sturm, der ständig McCoy Gesicht umgab.
Sein dankbares Lächeln machte purem Entsetzen Platz, als
plötzlich Turbulenzen um ihn herum wirbelten und seinen Vulkanischen Freund in
die Scherben seines Gesichtes hinab zogen.
Dann war das Feuer verschwunden. Er hob seinen Kopf
vorsichtig an, aber keine Schmerzexplosion begleitete die Bewegung. Ein
Flüstern bedeutete ihm, sich nicht zu bewegen. Ein Anflug von Panik machte sich
breit, als das Flüstern fortfuhr, ihm Anweisungen zu geben. Eine Präsenz in
seinem Gesicht.
Panik. Angst. ‚Nicht mein Gesicht. Bitte, nicht noch mehr
Schmerz’ bat er.
‚Ruhe dich aus, mein Freund. Ich tue dir nichts. Du brauchst
Ruhe.’
McCoy entspannte sich, als die sanften Wellen ihn
umrundeten. Wellen des Friedens in diesen verwirrenden Gedanken. ‚Es ist nichts
mehr da. Lass mich sterben’, bat er müde.
‘Ruhe aus, ich bewache deinen Schlaf. Du bist müde.’ Die
sanfte Stimme drängte ihn zuzuhören. Er war so müde. Da war ständig Schmerz und
eine jeden Gedanken lähmende Angst, die ihn vom Schlaf abhielt. ‚Danke’
McCoy öffnete die Augen, sah sich vorsichtig im Raum um. Die
Krankenstation. Er fühlte einen Druck auf seiner Hand und fand Kirk an seiner
Seite wieder. Er beobachtete ihn, wartete darauf, dass der Schmerz ihn
überwältigte, dass der Captain in Hundert kleine unterschiedliche Bilder
zerspringen würde. Nichts. Das lächelnde Gesicht, bleich und besorgt, wartete geduldig.
„Du wirst wieder, Pille. Wir sind hier bei dir.“ Kirk
drückte seine Hand fester, das Flüstern wurde sanfter, intensiver. „Bitte gebe
nicht auf.“
„Jim.“ Er hatte keine Stimme, kein Geräusch begleitete das Wort.
Er hatte keine Kraft, um den Druck von Kirks Griff zu erwidern.
Es war genug. Kirks Lächeln wurde breiter und er senkte den
Kopf plötzlich, sich flüchtig die Augen reibend. McCoy runzelte die Stirn beim
Anblick einer kürzlich verheilten Narbe auf seinem Nacken. Ein
Erinnerungsfragment bedrohte den neu gewonnen Frieden seines Geistes. Seine
Augen zuckten zurück zu Kirks Gesicht, nahmen die transluzente Blässe wahr, das
Zittern der Hände und plötzlich erinnerte er sich an Blut überall. Jims Blut.
Die Erinnerung war real.
McCoy fand sich selbst vor einer geschlossenen Tür wieder,
dahinter Stimmen, die ihn aufforderten, die Wahrheit zu sagen. Die Romulanische
Kommandantin. „Jim“, bettelte er. “Sag es ihr bitte. Deine verborgenen
Wahrheiten. Sie soll… mir … nicht wehtun.”
Er fühlte sich wie in einer anderen Dimension, als McCoy
alle Farbe von Kirks Gesicht weichen sah, seine Augen bei den Worten des Doktors
vor Schreck geweitet. McCoy sank mit einem gehauchten Schrei zurück in die Dunkelheit
ohne zu verstehen, aber in dem Bewusstsein, dass er Jim erneut verletzt hatte.
Zeit hatte keine Bedeutung. Dennoch wurden die wachen
Abschnitte, in denen McCoy klar denken konnte, länger. Hilfe war da, dachte er,
aber sie war sanft und unaufdringlich. Die Hilfe ermöglichte es ihm, die
Wahrheit von dem Chaos zu trennen, begrub die Flammen unter Schichten von liebender
Sorge.
Stimmen flüsterten an seiner Seite. Er ließ sie passieren
ohne zuzuhören, bis die Besorgnis in ihrem Tonfall seine Aufmerksamkeit
erregte.
„Der Junge braucht dringend Ruhe.“
„Ich weiß. Chapel ist besorgt über seine langsame Genesung.
Er ist emotional am Ende. Ihn in sein Quartier zu schicken macht es nicht
besser. Er kommt einfach wieder und sagt, dass er nicht schlafen kann. Der
einzige Grund, warum er jetzt weggetreten ist, ist der, dass sie ihn gezwungen
hat, ein Sedativ zu nehmen. Selbst dann hat er es abgelehnt zu gehen.“
„Es gibt nicht viel, was wir für ihn tun können. Solange,
bis Dr. McCoy wieder in der Lage ist, mit ihm zu reden. Nichts, was wir sagen,
hilft. Er fühlt sich für das, was geschehen ist, verantwortlich.“
„Und was, wenn Leonard es nicht schafft?“ Die heisere Stimme
brach.
„Er wird es schaffen, wenn auch nur aus dem einzigen Grund,
dass sein Freund ihn braucht.“
Die Stimmen verblassten, vertraut und doch konnte er keine
Namen zuordnen. McCoy lag für eine lange Zeit einfach nur da, einfach nur die
Tatsache genießend, dass er sich an die Unterhaltung erinnern konnte. Das
Verstehen brauchte länger. Er öffnete seine Augen. Kirk lag auf einem
benachbarten Bett, auf einer Seite zusammen gerollt. Dunkle Schatten unter
seinen Augen zeugten von vielen schlaflosen Nächten. Ein permanentes
Stirnrunzeln hatte sich in dem Gesicht des jungen Commanders eingegraben und
ließ ihn viel älter aussehen, als er in Wirklichkeit war.
McCoy ließ ihn schlafen, driftete zurück in einen
Dämmerschlaf, der fast angenehm war. Er hatte keine Alpträume, keine verdrehten
Gedanken. Er spielte sogar mit dem Problem um Kirk und die Unterhaltung, die er
mitgehört hatte. Medizinisches Personal kam und ging schweigend, passte seine
Behandlung an und hinterließ Trost. Er genoss die vollständige Abwesenheit von Schmerz.
Keine Flammen lauerten im hinteren Winkel seines Verstandes.
Er konnte wieder anfangen zu leben.
Jemand kämmte sein Haar zurück aus seiner Stirn. Chapel,
dachte er, sie benutzte für gewöhnlich Berührungen, um zu trösten und zu
beruhigen. Als er seine Augen öffnete, war er überrascht, Kirk neben seinem
Bett stehen zu sehen.
„Pille?“ Besorgnis stand ihm in Gesicht und Stimme geschrieben,
aber die Augen des Captains waren voller Angst. Ein Gefühl, von dem McCoy sicher
war, dass es nicht da gewesen war, als Kirk den Romulanern entgegengetreten
war.
„Jim“, er lächelte.
Erleichterung überflutete die Züge des Captains. „Fühlst du
dich besser?“ „Ich denke“. Seine Stimme war halb Flüstern, halb Krächzen.
„Zumindest scheine ich klar denken zu können.“
„Gott sei dank“. Kirks Stimme brach und er drehte sich weg.
Es kostete alle seine Energie, sich zu bewegen und selbst
dann war es nur seine Hand. Dennoch war seine Berührung auf Kirks Arm genug, um
ihn zum umdrehen zu bewegen. „Jim. Es ist alles OK.“
Kirk nickte, versuchte ohne Erfolg zu lächeln. Eine Träne
wurde schnell weg gewischt. „Sorry. Ich komme gleich wieder.“ Er drehte sich
um, als würde er gehen wollen.
McCoy griff nach dem goldenen Ärmel. „Jim, bleib hier.“
Kirk sah ihn überrascht an, wandte sich dann wieder ab, um
die Tränen zu verbergen, die er zu unterdrücken suchte.
Auf den Stuhl neben seinem Bett deutend drängte McCoy Kirk
dazu, sich zu setzen. „Ich kann mich nicht erinnern, dich jemals so verängstigt
gesehen zu haben, Captain. Willst du mir sagen warum?“
Kirks Schultern sanken in sich zusammen unter dem Gewicht
von McCoys Frage. „Ich denke nicht, dass ich das wirklich erklären kann. Ich…“
Er brach ab, presste seine Lippen zusammen. „Verdammt“, flüsterte er, fuhr sich
mit einer Hand über die Augen. Er warf dem Doktor einen flüchtigen Blick zu.
„Wenn ich dich verloren hätte, wäre das nur meine Schuld gewesen. Es wäre mein
Fehler gewesen.“
„Wie das? Es waren die Romulaner, nicht du.“ Er bemühte
sich, mehr Kraft in seinen Tonfall zu legen, Kirks Blick festzuhalten. „Es war
nicht dein Fehler.“ „Klar“, Kirk hob den Blick um an die Decke zu starren,
seine Stimme bitter. „Ich spiele mit deinem Leben und du sagst mir, dass das
nicht mein Fehler ist?“
Als der Captain die Position veränderte, um ihn wieder
anzusehen, erhaschte McCoy einen Blick auf eine kaum verheilte Narbe an der
Seite von Kirks Hals. Er ob eine Hand, um sie zu berühren, die zitternde
Schwäche ignorierend. „Ich dachte, das wäre eine meiner Halluzinationen
gewesen. Ich habe das getan?“ Als er sich an all das Blut erinnerte, das ihn
umgeben hatte, erschauderte er.
Kirk nahm seine Hand, führte sie von der Wunde weg. „Das war
nicht dein Fehler. Du bist nicht dafür verantwortlich.“
Die Erinnerungsfragmente wurden klarer. „Ich kann mich daran
erinnern, dass jemand sagte, du wärst tot.“ In Kirks Augen leuchtete kurz
Erheiterung auf. „Uhura behauptet, ich müsse neun Leben wie eine Katze haben.
Sie behauptet auch, dass ich bis jetzt fünf davon verbraucht habe, zwei allein
in dieser Woche.“
McCoy starrte ihn bestürzt an. „Das ist nichts, über das man
Witze reißt, Jim. Du wärst wegen mir fast gestorben.“
Der Captain beugte sich vor, in seinen haselnussbraunen
Augen glomm Ärger. „Die Romulaner sind die einzigen, die die Schuld tragen.“ Er
berührte die Seite seines Genicks, seine Stimme wurde weicher. „Spock kann sich
nicht erklären, wie du es geschafft hast, deine geistige Gesundheit so lange zu
bewahren wie du es getan hast. Wenn du früher nachgegeben hättest, hätte es
niemanden gegeben, der mich rechtzeitig aus der Trance hätte bringen können.
Ich nehme an, dass ihm das einen neuen Respekt vor deinen geistigen Fähigkeiten
verschafft hat.“
„Wurde ja auch Zeit“, knurrte McCoy. „Jim, ich habe das
getan. Mit meinen eigenen Händen.“ Er langte nach oben, um die verblassende
Narbe erneut zu berühren. „Und doch sagst du, dass es die Schuld der Romulaner
war, nicht meine. Und gleichzeitig behauptest du, dass meine Verletzungen dein
Fehler sind. Ich mag nicht Spock sein, aber selbst ich kann die Unlogik in deiner
Argumentation sehen.“
Kirk reagierte nicht auf das sanfte Necken. Eine rasche
Abfolge unterschiedlicher Gefühle wanderte über sein ausdrucksstarkes Gesicht,
von Protest zu Selbstverachtung. McCoy runzelte die Stirn: „Jim, rede mit mir.“
Kirk blinzelte, seine Züge verwandelten sich
unerwarteterweise zu einem Ausdruck von Schmerz. Mit einem leisten Stöhnen
verbarg er sein Gesicht mit den Händen. McCoy musste sich anstrengen, um die
gebrochenen Worte zu hören. „Als wir anfingen zu verstehen, welche Folter du
erlitten hast… nachdem Spock seinen Geist mit deinem verschmolzen hat… er
sagte… wie dem auch sei, ich habe es verloren… wenn Scotty nicht gewesen wäre,
dann…“ Er verstummte.
McCoy erwog, sich aufzusetzen aber er wusste, dass das eine
ganze Reihe von Alarmen lostreten würde, selbst wenn er die Kraft dazu hätte.
Er drehte sich auf eine Seite, nahe dem Bettrand, und zog eine von Kirks Händen
weg. Seine Augen waren zusammengepresst, die langen Wimpern dunkel mit nicht
vergossenen Tränen. „Was, Jim?“
„Ich hätte sie getötet. Die Romulanische Kommandantin, die
dir das angetan hat. Ich hatte einen Phaser in meiner Hand und … Oh mein Gott.“
„Du hast es nicht getan, Jim.“
Kirk riss seine Augen auf, in den Tiefen blitzte Selbsthass
auf. „Du hast keine Ahnung, wie dicht dran ich war. Ich hätte sie getötet,
selbst wenn das, was geschehen ist, nicht ihr Fehler gewesen ist. Es war ganz
allein meiner.“
„Meine Güte, Jim, du bist schwer von Begriff. Wie sollst du
derjenige sein, der für ihre Taten verantwortlich ist?“
„Das ganze ist meine Schuld. Wir sind auf meinen Befehl hin
in Romulanisches Gebiet eingedrungen. Du bist zu einem Bauern auf dem Schachbrett
von Hightech Kriegsführung geworden, oder, wie du es ausgedrückt hast, für ein
Stück Hardware. Militärische Geheimnisse.“ Seine Worte waren hart,
unversöhnlich.
„Jim, vergisst du nicht, dass dir diese Mission befohlen
wurde. Du hast Befehle befolgt, genau wie ich deine befolgt habe.“
„Es war ein freiwilliger Einsatz.“ Kirk wich McCoy Blick
nicht aus, als er sich erklärte. Sein Unterkiefer mahlte, bevor er fort fuhr:
„Ich dachte, dass das nach einer Herausforderung klang. Ich habe Spock gesagt,
dass es ein Risiko wäre, das sich einzugehen lohnt. Wir hätten es nicht tun
müssen.“
Der Psychologe in McCoy erkannte die Quelle von Kirks
Verwirrung, sein Konflikt zwischen dem Wunsch, Freundschaften zuzulassen und
gleichzeitig das Kommando zu behalten. Er hoffte, dass er seine stetig
wachsende Müdigkeit davon abhalten konnte, ihm dazwischenzufunken, wenn es
darum ging, den Captain zum reden zu bringen. Es war unbedingt nötig, die Zeit
jetzt zu nutzen, wo Kirk eine seltene Verletzlichkeit zeigte, die schon bald
wieder hinter hohen Barrieren verschwunden sein würde, um sein Kommandobild
aufrecht zu halten.
„Wie lange kennen wir uns jetzt schon, Jim?“
Die Frage überraschte Kirk offensichtlich, riss ihn aus
seinen dunklen Gedankengängen. „Keine Ahnung. Ich vermute, ungefähr acht
Jahre.“
„Wir haben schon so einiges zusammen durchgemacht, würdest
du das nicht auch sagen?”
Kirk nickte, sah ihn vorsichtig an.
„Ich habe so einiges erlebt, bevor ich an Bord kam, unter
dein Kommando. Einiges davon genauso riskant.“ McCoy wartete. Der Captain
öffnete seinen Mund, um die Bemerkung zu kommentieren, schloss ihn dann aber
abrupt wieder. Der Doktor fuhr fort:
„Du hast mich für die Enterprise angefordert und ich habe
mich freiwillig bereit erklärt.“
Kirk setzte zu einer Antwort an und McCoy stoppte ihn
diesmal mit einem scharfen Blick. „Denkst du auch nur für eine Minute, dass ich
an Bord gekommen bin ohne mir der Tatsache voll bewusst zu sein, was für eine
Art Kommandant du bist? Die ganze Crew weiß, dass ein Posten auf diesem Schiff
ein Risiko ist und…“, der Doktor lächelte, unfähig, seinen eigenen aufsteigenden
Stolz zurück zu halten, „eine Ehre. Ich bin stolz, auf der Enterprise zu dienen
mit dir als meinem Commander und ich schätze mich glücklich, dich meinen Freund
nennen zu dürfen.”
Er wusste, dass er zu Kirk durchgedrungen war, sein Gesicht
hatte etwas von dem ausgezehrten Ausdruck verloren, seine Augen waren etwas
heller. Aber auf seine letzten Worte hin zuckte der Captain zusammen. „Ein
Freund, der dich mit Worten tief getroffen hat, die niemals hätten
ausgesprochen werden dürfen.“ Er stand auf, legte eine Hand auf McCoys
Schulter. „Pille, all die Tage der Unsicherheit, als Chapel und Spock mir nicht
sagen konnten, ob du leben oder sterben würdest, hatte ich angst, dass du
stirbst in dem Glauben, dass ich dich für meinen Verlust von Edith und
Miramanee verantwortlich mache. Das tue ich nicht. Bitte glaube mir, ich sage
die Wahrheit.“
Wahrheit. Sie kreisten immer wieder um die gleiche Frage.
Müdigkeit legte sich auf seine Gedanken. Er nickte, kämpfte darum, seine immer
schwerer werdenden Augenlieder offen zu halten. Es war wichtig, dass Kirk die
eine Wahrheit verstand, die einzige, die es geben konnte. „Wir sind Freunde. Es
war deine Liebe als Freund, die mich erreicht hat und mich in den sicheren
Hafen geleitet hat. Das ist die Wahrheit, die sich nie ändern wird, egal, wie
viele Prüfungen auf uns noch warten.“
Kirks Gestalt straffte sich, seine Augen leuchteten. „Ich
habe vor langer Zeit ein Zitat gelesen, dass ich bis vor kurzem nicht
verstanden habe. Es lautet: ‚Vom ruhigen Heim und ersten Anfängen, bis zu
unentdeckten Enden, gibt es nichts Besseres zu gewinnen als Lachen und Liebe
von Freunden.’ ” Er hielt an, berührte die Wangen des Doktors und griff dann
nach seiner Hand. „Es ist wahr. Diesen Kampf mit den Romulanern zu gewinnen
bedeutete gar nichts als ich dachte, ich würde dich verlieren.“ Er umschloss
McCoys Hand in einem engen Griff. „Freunde“, flüsterte er. Das Wort folgte
McCoy, als er in einen friedlichen Schlaf hinab glitt, der Griff von der Hand
seines Freundes beschützte ihn.
Der Kreis schloss sich sauber in seinem Geist. Liebe.
Wahrheit. Freundschaft.
ENDE
Story (englisch: "Unspoken Truth") von Mary R. und Lynn S., 1996, Übersetzung von Zelda Scott, 2008
Star Trek ist ein eingetragenes Warenzeichen der Paramount Picture Corporation, eine
Verletzung dieses Copyrights ist nicht beabsichtigt.
Story-Archiv: http://www.sttos.net (englisch) und http://www.sttos.de (deutsch) | Zelda.Scott@web.de